Beauty and the Boss – Wenn der Chef seine Meisterin findet (Filmrezension)

Beauty and the Boss

Einmal mehr eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt.

Komödie // Warren William war zwar für seine Rollen als übergriffiger (mal böser, mal dennoch liebenswerter) Chef in Pre-Code-Filmen bekannt, konnte aber auch mal etwas ganz anderes spielen. Zum Beispiel den guten, zurückhaltenden und nicht mal charmant-verschlagenen Anwalt in „Three on a Match“. Oder eine äußerst interessante Variation seiner Typenbesetzung in „Beauty and the Boss“. In „Employees’ Entrance“ (1933) war der Weg zu Harvey Weinstein nicht weit. „Beauty and the Boss“ ist nicht minder interessant, denn da ist er als Wiener Bankdirektor Baron Josef von Ullrich weiblichen Reizen zwar nicht abgeneigt, wird aber seine Meisterin finden. Diese heißt Susie Sachs (Marian March mit entfernten Anklängen an die ganz junge Bette Davis). Manchmal „Säääx“, oft aber, nun ja, „Sex“ ausgesprochen. Zufall? Wohl kaum! Wobei es nicht nur um Sex geht, sondern vor allem um Liebe, oder: um die Frage, ob das Liebesspiel, welches der Baron äußerst gern betreibt, wirklich nur ein Spiel ist. Susie meint es ernst! Und hat die Hosen an. Wie übrigens alle Frauen in dieser frivolen und doch lebensklugen Komödie.

Pre Code und Warner: ungeschminkt und effizient

Falls es dem geneigten Leser unbekannt sein sollte: „Pre-Code“ nennt man die Phase in der Geschichte Hollywoods, in der aus Angst vor drohenden staatlichen Repressalien die Selbstzensurbestimmungen (der sogenannte Production Code, auch als Hays Code bekannt) der Traumfabrik zwar schon beschlossen waren, aber noch nicht durchgesetzt wurden. Von 1930 bis zur Verbindlichkeit der Vorgaben Mitte 1934 tobte sich die Traumfabrik noch mal aus, als gäbe es kein Morgen. Natürlich sind nicht alle Filme dieser Zeit zwanghaft „versaut“, aber die besten erreichen einen knochenehrlichen Blick auf die ältesten Gefühle der Welt.

So auch dieser, der zudem ein typisches Beispiel dafür ist, wie Warner Brothers seinerzeit funktionierte. Eine A-Film-Abteilung gab es faktisch nicht, die Brüder ließen kurze Programmfüller (Filme als Teil eines Doppelprogramms) äußerst kostengünstig herstellen. Und das machten sie oft so gut, dass auch Filme ohne dezidiert künstlerischen Anspruch zum einen sehr effizient und unterhaltsam sind, zum anderen manches Erhellende über ihre Zeit und Produktionsmethoden erkennen lassen. Beispielsweise, wie man mit einfachen Mitteln „production values“ suggeriert, die der Film nicht hat. Da kann es anhand von Schrifttafeln, Footage-Postkartenansichten und rückprojizierten wie gemalten Hintergründen durch die ganze Welt gehen, natürlich im Studio. Wien? Gemalt. Wobei man rätseln kann, ob die Hintergründe besonders expressionistisch-avantgardistisch sind oder schlicht dem Budget geschuldet. Auch aus der Not kann Kreativität entstehen. Ein Flug nach Paris? Der Propeller dreht sich vor einem Allerweltshintergrund (ein Hangar, eine Miniatur?), und Aufnahmen vom Eiffelturm und vom Triumphbogen finden sich als Montagenmaterial in den Archiven. Herrlich! 65 Minuten allerbeste Unterhaltung.

Ein Geschäftsmann und das älteste Geschäft der Welt

Und durchaus hintersinnige wie selbst für 1932 gewagte Unterhaltung. Baron von Ullrich hat immerhin so viel Ehre im Sinn und Beherrschung in der Hose, dass er mit seinen Sekretärinnen nichts anfängt. Nein, er entlässt sie erst … Wobei er es sich leisten kann, ihnen noch monatelang Gehalt zu zahlen. Weniger verklausuliert gab es einen Hurenlohn selten. Wobei es die Damen sind, die den Mann verführen, das merkt er nur nicht. „Beauty and the Boss“ beginnt mit einem typischen „Frollein, zum Diktat“, und Stenotypistin Ollie Frey (Mary Doran) ist willig, wenn auch unwillig, die Arbeit zu leisten. Sie schlägt die Beine übereinander, sodass der Rock die Knie-Ansicht freigibt. Er: „Yes, I see it. But I’ve seen better.“ Sie kokett geheuchelt: „I didn’t think you could see my, äh …“. Ollie wird sich bei denjenigen Damen einreihen, die von von Ullrich nur das eine wollen. Und zwar nicht, weil sie ihm verfallen sind. Sondern weil sie Spaß dran haben, den Mann scharf zu machen und sich dann mit ihm zu vergnügen.

Auf einer Geschäftsreise in Paris dreht der Film die Schraube noch einmal gewaltig an. Die Liste der Damen, die von Ullrich dort aus nichtgeschäftlichen Anlässen, ähem, sehen wollen, ist so absurd lang wie Leporellos Leporello, in dem er die Betthäschen Don Giovannis vermerkt hat. Und am Telefon müssen diverse heiße Feger mehrmals, manchmal sogar zugleich, abgewimmelt werden, die sogar nackt in der Badewanne nach ihrem, pardon, Stecher rufen. Auch 1932 gab es keine „full frontal nudity“, aber eine sehr effektive Suggestion in den Badewannenshots. Mädels im Unterrock und mit Strümpfen waren sowieso Standard.

Liebe nicht als Geschäft: das hässliche Entlein …

Warum nun werden sie abgewimmelt? Auftritt Susie Sex, äh, Sachs, oder auch Miss Church Mouse. Als typisches „poor girl of the Great Depression“ (die es ja auch in Wien gab) wird die Figur äußerst interessant eingeführt. Sie drückt sich die Nase an einem Studiowiener Kaffeehaus platt, in dem ein reicher Mann üppig speist. Man hat sich nicht nur Mühe gegeben, den schönen Schwan als hässliches Entlein zu verpacken, man hat noch mehr getan. Dadurch, dass wir nur das ungeschminkte Gesicht oberhalb eines Vorhangs sehen, von einem Hut bedeckt, ist nicht einmal erkennbar, dass Susie bereits im fraulichen Alter ist. Das poor little girl wirkt tatsächlich noch wie ein girl im Sinne von Kind! Erst als wir die Person im Ganzen sehen: aha, eine Frau. Diese stürmt dann mit Chuzpe in das Büro von Ullrichs und ergattert die freie Sekretärinnenstelle. Dass sie den Portier als Tippgeber dafür hat, wann eine Stelle frei wird, lehrt uns, sie nicht zu unterschätzen. Zudem ist sie im Job spitze und garantiert nicht willig, den Geschäftsmann vom Geschäft abzubringen. Sie wird schnell von Ullrichs beste rechte Hand ever und wirbelt nicht nur sein Geschäftsleben durcheinander. Dabei liebt sie diesen Mann, sieht, dass er sich seinen Reichtum wirklich verdient hat und sogar noch viel mehr Potenzial hätte, wenn er sich nicht gelegentlich mit Frauengeschichten ablenken würde. Also wird sie es sein, die die erwähnte Damenriege abwimmelt und stattdessen lieber daran arbeitet, dass eine wichtige, in Paris abgeschlossene Fusion auf bestem Wege wächst, blüht und gedeiht. Einen vollen Terminkalender mit Geschäftsleuten und einflussreichen Politikern statt oh là là, Can Can und Séparées wird sie ihm bescheren – um lieber selbst einen draufzumachen.

… und der schöne Schwan

Es folgt natürlich die erwartete Schwan-Szene, aber sie kommt erfreulich spät und Susie wird auch dann nicht ihre Kirchenmaus-Tugenden verleugnen! Des Barons Firmenkumpel, mit denen sie ausgeht, sind harmlose und wirklich freundliche Gefährten. David Manners spielt einen von ihnen (wobei seine Figur zugleich von Ullrichs jüngerer Bruder ist), eigentlich der klassisch junge leading man, aber er wird nicht viel zu melden haben. Susie hat die Hauptrolle! Während im sehr bösen „The Match King“ (1932) die William-Figur andauernd nervige Frauen reinlegt, ist es hier Susie, die dies mit von Ullrichs Damenriege tut. Wobei der Film, was ich positiv werte, daraus nicht das große Drama macht. Ollie, die das wichtigste Opfer ist, nimmt’s als sportlichen Zickenkrieg und verklickert Susie einmal sogar in kameradschaftlicher Weise, wie man es mit kleinen Tricks anstelle, einen Mann in die Arme zu bekommen – und ins Bett, was natürlich nicht offen gesagt wird. Als Susie diese Tricks bei von Ullrich ausprobiert und er sofort darauf anspringt, ist sie mächtig enttäuscht und zeigt Größe: Ja, sie will ihn. Aber sie sagt auch: Wenn du mich haben willst, musst du mehr sein als ein allerweltstestoreongesteuerter Heini. „When I love a man, … he must be hungry and thirsty forever, since I came along. I, Susie Sachs. No other woman on earth must do. That’s the sort of love I want.”

Lust ist auch lustig

Das ist natürlich ein romantisches, vielleicht utopisches Ideal. Aber für den Film wie Susie spricht, dass sie kompromisslos ist und sich nicht mit weniger zufriedengibt. Äußerst vergnügliche Elemente wie ein von Begehren und Koketterie geprägtes „Fangenspielen“ als wilde Hatz im „top shot“ sowie herrlich schräge Nebenfiguren runden den Eindruck ab. Einer dieser großen kleinen Warner-Filme, zudem mit dem Jäger als Beute. Veröffentlicht ist der Film bis heute nicht in Deutschland, aber in den USA in der Warner Archive Collection. Dort wird übrigens nicht der Bankdirektor höchst charmant über den Tisch gezogen, sondern der Kunde: Das Cover ziert nicht die Hauptfigur, die Kirchenmaus, sondern die Dame, die nackt aus der Badewanne heraus nach von Ullrich telefoniert.

Veröffentlichung (USA): 22. April 2010 als DVD

Länge: ca. 65 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Beauty and the Boss
USA 1932
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Joseph Jackson, nach einem Theaterstück von Ladislas Fodor
Besetzung: Marian Marsh, Warren William, Mary Doran, David Manners
Zusatzmaterial: keines
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein

Filmplakat: Fair Use

Employees’ Entrance – #metoo im Pre-Code (Filmrezension)

Employees’ Entrance

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Drama // Willkommen in der beinharten Geschäftswelt in Zeiten der Krise und in einem brettharten Pre-Code-Knaller, der sich selbst für damalige Verhältnisse weit aus dem Fenster lehnt und doch nicht voyeuristisch ausfällt, sondern knochenehrlich und erfrischend ungeschminkt. Dirty rotten scoundrel „King of Pre-Code“ Warren William („Beauty and the Boss“, 1932) gibt den rücksichtslosen Unternehmer Kurt Anderson, dem der Erfolg recht gibt. Weil dies vermutlich tatsächlich so ist, kann man den Film auch als Kapitalismuskritik lesen. Vielleicht gerade weil er sich der moralischen Bestrafung des Skrupellosen widersetzt. Und bei seinem Kampf schmeißt dieser nicht nur Leute raus (und einmal definitiv in den Ruin sowie einmal in den Freitod), sondern nimmt auch noch alles Weibliche mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die von Loretta Young gespielte Arbeitslose Madeline Walters bekommt er vor den Kussmund und andeutungsweise schon zu Beginn in die Kiste, indem er ihre Not ausnutzt und ihr einen Job gibt. Später ist dann ziemlich deutlich, dass Anderson sie nach der Abblende, in der sie hinreißend schön und ziemlich besoffen in seinem Bett wie hingegossen liegt, „nimmt“.

Von Kurt Anderson zu Harvey Weinstein

Aber unserem Harvey Weinstein der Kaufhausbranche in der Depressionszeit wird es nicht an den Kragen gehen! Der aus heutiger Sicht vielleicht grenzwertige Plot ist gleichwohl zu genießen, verehrt er den Hauptcharakter doch nicht als tollen Hecht, sondern zeigt, dass gegen eine brutale Wirtschaftskrise nur ein noch brutalerer Manager hilft. Damit ist der Film genauso hässlich-zynisch wie vermutlich leider wahr, und er braucht den Vergleich mit so manchem Billy Wilder, wie zum Beispiel „Extrablatt“ (1974), sowie den vorherigen „Front Page“-Verfilmungen nicht zu scheuen. Eine hier nicht zu verratende Chance für die Liebe gibt es gleichwohl, aber auch so rotzfrech-erfrischende Figuren wie Polly Dale (Alice White). Sie wird von Anderson wie eine Prostituierte für das Stellen von Honigfallen bezahlt, wobei sie dessen Widersacher vielleicht mehr als nur umgarnt. White spielt diese Polly schon nach dem Zenit ihrer kurzen, aber heftigen Flapper-Karriere, und auch wenn sie diesmal vielleicht etwas überzieht, ist ihre Figur ein stimmiger Charakter, weiß diese doch genau, was sie tut, und dies macht sie gleichsam effektiv wie irritierend gern.

„Employees’ Entrance“ hat dann noch die Chuzpe, ein paar Anspielungen auf Homosexualität einzubauen. Ein findiger Verkäufer schlägt einmal vor, Damen- neben Herrenartikeln zu platzieren, da Damen für ihre Männer nicht nur Krawatten kauften, sondern auch andere (zum Teil recht intime) Dinge – und dass die Männer dann auch die Damen bei der Unterwäschewahl sehen, wird als willkommener (Verkaufs-)Appetizer angesehen. Ein brüskierter Kollege wird von Anderson nur gefragt: „Don’t you like women?“ Und auch Anderson selbst scheint gelegentlich an dem findigen Verkäufer Martin West (Wallace Ford), den er unter seine Fittiche nimmt, mehr als nur berufliches Interesse zu haben, wird insoweit sogar Konkurrent für Young, die Ford heimlich geheiratet hat – fortan hat er keine Zeit mehr für sie. So werden am Schluss auch nicht Kurt und Polly als seelenverwandte dirty rotten scoundrels zusammenkommen. Pre-Code, wie er sein muss, immer in die Vollen, doch nie selbstzweckhaft.

Der effektive Regie-Handwerker Roy Del Ruth

Dass die Machart nur im besten Sinne konventionell ist, muss man schlucken. Aber was heißt schon „nur“? Roy Del Ruth („Der kleine Gangsterkönig“, 1933) war seinerzeit ein vielbeschäftigter Warner-Auftragsregisseur. Es mag seine Gründe haben, dass er nicht so bekannt wurde wie die damaligen Kollegen Michael Curtiz und Mervyn LeRoy. Aber er liefert effektives Handwerk ab, mit schnörkellosem, hohem Tempo (etwa durch die damals üblichen und heute noch bei „Star Wars“ gebräuchlichen Überblendungen von allen und in alle möglichen Richtungen). Auch die bei hohem Kostendruck sehr effiziente Technik der Montagen funktioniert, in denen zum Beispiel zu Beginn sehr schnell, aber ohne neumodisches Schnittgewitter die Unternehmensgeschichte der vergangenen Jahrzehnte vorgestellt wird. Der übliche Blick auf Zeitungsschlagzeilen unterstreicht den Realismus. Und das Einstreuen von Footage gibt die effektive Illusion von Production Values (der wiederkehrende flucht-/vogelperspektivische Blick auf eine Fabrikationshalle kommt mir aus dem Autofabrik-Streifen „Unser Boss ist eine Lady“ (1933) merkwürdig bekannt vor, aber ich mag mich irren). Zudem gibt es zwar – wie seinerzeit oft – noch keinen durchkomponierten Soundtrack, aber musikalische Leitmotive, beispielsweise „I Found My Million Dollar Baby in a Five and Ten Cent Store“. Eine hübsche Umkehrung der Tatsache, dass hier alle in einem Million Dollar Store zu „billigen“ Personen zu werden drohen.

Fazit: Hard, fast and beautiful. In 75 Minuten Wahrheit, Unterhaltung, Gemeinheit, aber nie Nihilismus. Wem seinerzeitiger MGM-Edelkitsch auf den Zeiger geht, der greife zu diesem Film. Pre-Code vom Derbsten und zugleich Feinsten. Nun braucht’s nur noch eine deutsche Heimkino-Veröffentlichung. Im Zuge der #metoo-Debatte mag ein findiges Label hoffentlich mal auf „Employees’ Entrance“ stoßen.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als DVD (Bestandteil der Box „Forbidden Hollywood – Volume 7“)

Länge: 65 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Employees’ Entrance
USA 1933
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Robert Presnell Sr., nach einem Theaterstück von David Boehm
Besetzung: Warren William, Loretta Young, Wallace Ford, Alice White, Hale Hamilton, Albert Gran, Marjorie Gateson, Ruth Donnelly, Frank Reicher, Charles Sellon
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use