Unterwegs zu Cecilia | Vierter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Die Fahrt von der Hauptstadt an die Nordgrenze dauerte zwei Tage und Nächte. In der ersten Nacht hielt der Bus an einem Militärposten. Ein Soldat weckte mich und forderte mich zum Aussteigen auf, indem er mir den Kolben seines Gewehrs in die Seite stieß. Er wies mir mit dem Licht seiner Taschenlampe den Weg durch die Dunkelheit bis in eine Halle, in der in einer beleuchteten Ecke mehre Soldaten um einem Tisch herum standen.

Auf dem Tisch lagen mein geöffneter Rucksack und verstreut dessen Inhalt. Die Soldaten hatten verdächtige Gegenstände in einem Beutel gefunden. Ich erklärte ihnen, es handele sich um mein Schweizer Taschenmesser und Hygieneartikel, woraufhin sie alles wieder einpackten. Auf dem Rückweg verlangte der Soldat für das Tragen meines Rucksacks eine Mordida, das in Mexiko übliche Schmiergeld.

Am nächsten Tag fuhr der Bus durch die Sonora-Wüste. Saguaros, die für diese Landschaft typischen baumartigen Kakteen, standen bis zum Horizont im Sand. Nachdem der Bus noch einmal angehalten hatte, stieg ein Soldat ein und überprüfte die Papiere der Fahrgäste. Als sich der Bus daraufhin wieder in Bewegung setzte, suchten wir aufgrund eines bei der Inspektion entdeckten Reifendefekts eine Werkstatt mitten in der Wüste auf.

(c) valentino 2020

Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 24. Teil

valentino

Meer

Illustration: Valentino

In Mamaia stellten wir unsere Drahtesel ab, zogen unsere Schuhe aus und liefen barfuß über den Sand, den die Brandung glättete und auf dem sie weißen Schaum zurückließ. Muschelschalen knirschten unter unseren Füßen. In Blickrichtung entlang der Küste lag in blaugrauem Dunst am Horizont die spielzeuggroße Silhouette einer Raffinerie. Möwen ließen sich vom Wind über das dunkle Wasser tragen, das dem Meer augenscheinlich seinen Namen gegeben hatte.

Wir erinnerten uns an die letzten Tage im Donaudelta, im moldawischen Hügelland und in Transsilvanien, an den Abend bei den Javeleas. Es war, als tauchten die Erinnerungen aus einer lang vergessenen Vergangenheit auf. Morgen würden wir in Constanța am Schalter die Karten für die Bahnfahrt nach Hause kaufen. Während unsere Blicke hin und wieder über das Wasser schweiften, auf dessen Oberfläche das Licht der späten Nachmittagssonne schimmerte, spazierten wir neben den anrollenden Wellen.

Mein Begleiter watete ins Wasser. Ich ging weiter. Möwen kreischten. Jemand rief meinen Namen. Im ersten Augenblick glaubte ich jedoch an eine Sinnestäuschung und setzte deshalb meinen Weg fort. Dann hörte ich abermals das Rufen und als ich mich umdrehte lief mein Begleiter auf mich zu, er rief meinen Namen und hielt in den Händen ein Stück Treibgut, eine mit Algen und Seetang überzogene Holzplanke, die das Meer an den Strand gespült hatte. – E N D E –

(c) valentino 2013

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | erster gesang | 1 bis 4

belmonte

erster gesang

1 diese ist die geheimschrift des iohanan
vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht
verborgene worte wer sie je gehört
gesang der nicht gefunden wurde im sand

2 dies ist das buch aus dem verlorenes spricht
wiedergefundenes durch die himmel fährt
aus blauen flammen die in die höhe schlugen
blauernes feuer wanns aus der erde bricht

3 aus zeiten engel über den göttern währten
götter sich aus den steinen der götzen trugen
und füchse und biber mit den menschen sprachen
feuervögel îrer flügel himmel kehrten

4 meer aus flüssen stieg über meere wogen
gebirge sich erhoben aus heißer rachen
und schlangen aus denen sieben köpfe fuhren
tage und nächte um nacht und tag betrogen

(c) belmonte 2011

© valentino 2011

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