Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 16. Teil

valentino

Vorgebirge der Karpaten

Illustration: Valentino

Das schwache Licht der Petroleumlampe flackerte und spiegelte sich in den leeren Teegläsern, die auf dem Tisch standen. Narcisa blätterte in dem kleinen Buch, in dem sie hin und wieder Wörter nachschlug. Es begann ein reges Gespräch. Und wir hätten uns noch lange weiter unterhalten, hätten wir nicht, wie Iosefina die Flöhe husten hörte, vor Müdigkeit kaum die Augen offen halten können. Deshalb richtete sie uns im Wohnzimmer die große, alte Ausziehcouch her.

Als wir am nächsten Morgen unter den handbestickten, schweren Wolldecken aus einem tiefen Schlaf erwachten, herrschte bereits reges Treiben im Haus. Alle Familienmitglieder waren mit irgendetwas beschäftigt. Wir brauchten uns wieder um nichts zu kümmern und bekamen ein deftiges Frühstück mit Bohnensalat, Spiegeleiern und Kartoffeln. Dazu gab es Brot und Bier. Iosefina brachte aus dem Nebenzimmer zwei Trachten des Cioban, die wir anziehen sollten, was wir zum Vergnügen der Familie auch taten.

Über die weißen Hemden, die an Krägen und Ärmeln mit Blüten bestickt waren, zogen wir eine dunkle Weste und über die engen Hosen die Stiefel. Mit den Hüten, den reich bestickten, breiten Gürteln und dem Stock sahen wir fast wie echte rumänische Schäfer aus. Bevor wir aufbrachen, steckte uns die Familie zum Abschied an die Lenker jeweils einen kleinen Strauß rote und weiße Lilien. Als wir Mureșenii Bârgăului verließen, lag vor uns in sattem Grün eine nadelbaumbestandene Berglandschaft.

(c) valentino 2013

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Vierter Teil

valentino

Cioban

Illustration: Valentino

Unsere Route führte durch eine Gegend, deren Orte aus einfachen Bauernhäusern bestanden, die sich beidseitig entlang der befestigten Hauptstraße aneinander reihten. Rechtwinklig stachen schlammige Wege aus den Dorfkernen heraus. In einem Ort liefen am Straßenrand Kinder, welche zu einer Gruppe von Wanderarbeitern gehörten. Diese lebten vom Kesselflicken, Löffelschnitzen und anderen Tagelohnarbeiten, und bewegten sich mit einem Pferdeplanwagen durch das Land.

Die Alimentara, die Lebensmittelgeschäfte, boten außer Brot, Brause, Schokolade und Erdnüssen kaum etwas an. Die Menschen versorgten sich, aufgrund ihrer bäuerlichen Lebensweise, fast vollständig selbst. Etwa die Hälfte der 20 Millionen Einwohner Rumäniens lebte auf dem Land und war auf Tierhaltung und das Bewirtschaften von Agrarflächen angewiesen. Auf den Hinterhöfen der Leute herrschte reges Treiben der Hunde, Katzen, Truthähne, Gänse und Hühner. Ochsenkarren und Pferdewagen befuhren die Straßen. Wir fühlten uns fünfzig Jahre in die Vergangenheit versetzt.

In der Dunkelheit tauchte der Vollmond die Felder in milchiges Licht. Ein Cioban, ein Schäfer, jagte eine Schafherde über die Hügel. Wir grüßten und fragten mit unseren wenigen Brocken Rumänisch, ob es möglich wäre, auf dem Weideland der Schafe unser Zelt aufzustellen. Der Schäfer machte eine Geste mit den Händen, die den nächtlichen, starken Wind auf dem Feld andeuten sollte. Er zeigte uns einen Platz, der geschützt hinter einer kleinen Anhöhe lag. Dann trat er aus dem Mondschein und verschwand im Dunkel der Nacht.

(c) valentino 2012

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