Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 18. Teil

valentino

In Moldawien

Illustration: Valentino

Beidseitig der Fahrbahn reihten sich perlenschnurartig entlang eines endlosen Bretterzauns bunte Häuser auf, vor denen ab und an Bänke standen. Zwischen Zaun und Straße breitete sich ein grasbewachsener Streifen aus, auf dem Einheimische Tomaten, Paprika und Melonen feilboten. Während einer Rast probierten wir kleine, mehlig schmeckende Trauben mit dicker Schale, welche in den Gärten und an den Häuserwänden rankten und die man zur Herstellung des moldawischen Weines verwendete.

An einer Tankstelle in Bacău standen Autos Schlange. Wir bogen auf eine Landstraße ab, die uns in das moldawische Hügelland hineinführte. Aufgrund der häufigen Steigungen schoben wir die Räder und erreichten vor Sonnenuntergang einen auf der Karte eingezeichneten See, an dessen Ufer Angler im Dämmerlicht Fische fingen. Alsbald ging die tiefstehende Sonne hinter den Hügeln am Seeufer unter. Bei Einbruch der Nacht schlugen wir das Zelt auf und die Rufe der Fischer begleiteten uns in den Schlaf.

In der sengenden Hitze des folgenden Tages erklommen wir Hügel um Hügel über staubige Straßen. Am späten Nachmittag holten wir mit Hilfe einer Kurbel kühles Wasser in einem Eimer aus einem zehn Meter tiefen Dorfbrunnen herauf, schütteten es über Haupt, Nacken und Schultern und ließen es an Armen und Beinen herabfließen. Wir zogen die nassen T-Shirts aus, wickelten sie uns gegenseitig um die Köpfe und füllten unsere Trinkflaschen. Nach der Weiterfahrt erreichten wir gegen Abend eine Stadt namens Tecuci.

(c) valentino 2013

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Rauschen IV

valentino

Illustration: Valentino

Der rechte Vorderreifen verfing sich in einer tiefen Furche, eine Spur, die womöglich ein anderes Gefährt zuvor hinterlassen hatte. Fast riss es den Wagen vom Damm in eine der beiden Schluchten, die sich rechts und links der schmalen Piste auftäten.

Ein Ruck ging durch die Insassen hindurch, würde sie hart gegen einander schütteln, die neben Denise sitzende Frau mit Wucht gegen die hintere Innentür. Sie hielt sich ihren linken Ellenbogen. „Ein Vogel“, würde trocken der Fahrer sagen, „hat sich genau in die Spur gesetzt.“

Die Sonne versänke im Meer. Sie wäre untergegangen, eben noch sich von orangerot zu rot verfärbend, ohne ein Platschen, in die spiegelglatte See gefallen.

Zu schnell, dachte Ralph.

Er lag auf seinem Bett, als er aus dem Traum erwachte. Durch das offene Fenster strömte schwüle, feuchte Luft ins Innere. Lediglich der gleichförmig brummende Ventilator verteilte eine kühle Brise.

Am Kopfende des Bettes lag, neben einem leeren Wasserglas, ein aufgerissenes, innen silbrig glänzend, außen mit Alka-Seltzer beschriftetes, kleines Aluminiumpapier.

Ralph legte seinen Unterarm auf die schweißbedeckte Stirn. Er versuchte sich an gestern zu erinnern. Minutenlang, doch nichts war da. Er stand auf, das Brummen, war es der Ventilator oder der Kopf, bückte sich nach dem Silberpapier, hob es mitsamt dem leeren Wasserglas auf, stellte das Glas auf dem kleinen Holztischchen ab und warf das Papier in den Korb.

(c) valentino 2012

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Link zum fünften Teil „Rauschen“

Rauschen III

valentino

Illustration: Valentino

Draußen vor Ralphs Fenster fegte ein Regenschauer unter träge lastenden, grauen Wolkentürmen hinweg über das Meer, auf dessen Oberfläche warme Tropfen prasselten.

Ralph träumte.

Ein Jeep hätte an einer Station gehalten, der einzigen weit und breit. Ein Pärchen käme aus einem kleinen Laden. Die Frau trüge ein Bündel.

Eine auf der Rückbank des Wagens sitzende Frau würde zum Fahrer sagen, Denisa hätte geträumt, die Straße wäre im Wasser geendet. Es wäre Sommer gewesen. Wir wären durch den Wald gefahren, der sich gelichtet und den Blick über das Ufer auf das Wasser freigegeben hätte. Dann wäre das Meer überall um uns herum gewesen und eine milde Brise hätte geweht. Wir wären das Ufer des Dammes hinabgestiegen und durch das Wasser gewatet, das uns bis zu den Knöcheln gestanden hätte.

Der Fahrer, ein Mitte-Dreißiger, würde die schlanke Frau beobachten, als sie neben dem Mann gerade auf Höhe der Zapfsäule ging. Das Bündel, sie trüge es wie ihr Baby. Nackte Arme umsäumten die ärmellose Bluse.

Das Pärchen stiege in den Jeep. Der Mann nähme auf dem Beifahrersitz Platz, Denisa mit dem Bündel hinten neben der anderen Frau. Kurz darauf würde sich das Fahrzeug in Bewegung setzen. Die Sonne stünde tief, würde auf und ab hüpfen, rot glühend im inneren Rückspiegel des Jeeps, als dieser über die buckelige, schlammige Piste raste.

(c) valentino 2012

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Link zum vierten Teil „Rauschen“