Schuld, Staub und Verfall – William Faulkner: Sartoris (Buchrezension)

valentino

Eine kurze Warnung vorweg: William Faulkners Buch Sartoris verstört und wirkt nach. Manche der Protagonisten sind lebensüberdrüssig oder sie folgen einer Todessehnsucht. Es gibt Schilderungen brutaler Gewalt, die Sprache ist derb, teils rassistisch. Wer es allerdings trotzdem liest, gewinnt einen tiefen Eindruck über das „Southern Gothic“-Genre.

Der Roman „Sartoris“ ist nach „Licht im August“ mein zweites Buch des US-Autors und Literatur-Nobelpreisträgers William Faulkner. Er handelt von vier Generationen einer Familie von Südstaaten-Aristokraten. Die Aristokratie befindet sich aufgrund der gesellschaftlichen Umbrüche in der Folge des Amerikanischen Bürgerkriegs im Niedergang. Das Buch erschien 1929 und stellt eine verkürzte Fassung des Werkes „Flags in the Dust“ dar, das posthum erstmals 1973 veröffentlicht wurde. Die Handlung spielt vor circa hundert Jahren, von 1919 bis 1920, also kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs.

William Faulkner: Sartoris

Das Haus der Sartoris liegt vier Meilen entfernt von Jefferson, der fiktiven Kreisstadt des Yoknapatawpha County, einem fiktiven Landkreis im Nordwesten von Mississippi, 75 Meilen entfernt von Memphis, Tennessee. Dort liegt es in einem Tal, das ein Hügelland im Osten, das sogenannte Oberland, begrenzt. Es gibt eine Veranda mit einer Kolonnade. Das Haus ist still und hell und sieht einladend aus:

„Die weiße Einfachheit des Gebäudes träumte ungestört zwischen uralten Bäumen …“

(S. 12)

Heimkehr und Flucht

Das Buch besteht aus fünf Teilen mit jeweils zwei bis neun Kapiteln. Gegen Ende des ersten Teils kehrt der junge Bayard aus dem Krieg heim. Er und sein Zwillingsbruder John waren Kampfpiloten. Die Staffel eines Schülers von Manfred Richthofen hatte John im Jahr zuvor bei Lille mit seinem Flugzeug abgeschossen, was Johnny das Leben kostete. Drei Monate später starben auch Caroline, Bayards Frau, und ihr neugeborener Sohn. Auch seine Eltern sind bereits tot: seine Mutter Lucy und sein Vater John.

Nach seiner Heimkehr kauft er sich in Memphis ein Automobil und rast damit fortan durch den Landkreis. Auf diese Weise versucht er, die Trauer über die Verluste und seine Schuldgefühle – er erlebt Flashbacks von Johns Flugzeugabsturz – im Geschwindigkeitsrausch zu vergessen, oder er versucht sie durch andere waghalsige Handlungen zu verdrängen, etwa indem er betrunken einen ungezähmten Hengst reitet, mit dem er stürzt. Während sich das Pferd aufrappelt, bleibt Bayard mit einer Kopfverletzung liegen.

Nachdem Doc Loosh Peabody ihn mit einem Kopfverband und einem Schluck Whiskey versorgt hat, soll ihn Suratt, ein Agent, mit seinem Firmenwagen nach Hause bringen. Stattdessen fahren sie jedoch in Begleitung eines weiteren Jünglings (Hub) zu einer Quelle, wo sie zu dritt aus einem Krug Whiskey trinken:

„ (…) und die drei saßen in ihrer kleinen friedlichen Mulde, fern von Welt und Zeit und umhaucht von dem kühlen und reinen Atem der Quelle und vom Sintern des Sonnenlichts zwischen den Holunderbüschen und Weiden, das wie verdünnter Wein war. Auf der Fläche der Quelle spiegelte sich der Himmel, betupft mit reglosen Buchenblättern.“

(S. 140 f.)

Familie, Tradition, Gewalt

Dann ist da sein Großvater, der alte Bayard, ein schwerhöriger Bankier, der Dumas liest. Er macht nachmittags Reitausflüge auf dem Pferd in die Umgebung, wobei ihn sein alter Hund begleitet. Sein Vater, Oberst John Sartoris, war ein Bürgerkriegsheld und hatte einst die Eisenbahn gebaut. Er erschoss bei einem Streit über das Wahlrecht für Schwarze mit seinem dreiläufigen Derringer kurzerhand zwei Yankees in ihrem Quartier, als die beiden gerade an einem Tisch saßen, auf dem ihre Pistolen lagen. Ein gewisser Redlaw tötete ihn, als er unbewaffnet und seiner Vergehen überdrüssig war. Der Geist des Obersten liegt wie ein Schatten über dem Haus, seinen Bewohnern und der Umgebung.

Oberst John Sartoris hatte zwei jüngere Geschwister: Bayard und Virginia (Tante Jenny). Bayard starb 1862 im Alter von 23 Jahren im Amerikanischen Bürgerkrieg vor der zweiten Schlacht von Manassas (Schlachten von „Bull Run“) als Adjutant von Jeb Stuart in Virginia. Tante Jenny kam sieben Jahre nach dessen Tod aus Carolina. Sie erzählt die Geschichte von Bayards Tod bis ins hohe Alter, wobei sie sie immer mehr ausschmückt.

Tante Jenny sorgt dafür, dass Sheriff Buck den jungen Bayard über Nacht ins Gefängnis steckt, weil dieser, statt mit seiner Kopfwunde nach Hause zu kommen, bis spät in die Nacht mit Hub, Mitch, einem Frachtagenten, und drei schwarzen Musikern eine Spritztour zum Nachbarort gemacht hat.

Bevor der alte Bayard im Automobil seines Enkels mitfährt, holt ihn Simon Strother, der oberste Hausdiener, jeden Feierabend mit der Kutsche aus Jefferson von der Bank ab und bringt ihn nach Hause. Während der Fahrt führen beide lange Gespräche. Simons Sohn Caspey, auch ein Kriegsheimkehrer, war bei einem Arbeitsbataillon in Frankreich. Nach seiner Rückkehr ist er demoralisiert und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von den Weißen nichts mehr sagen zu lassen. Eines Nachmittags kommt der alte Bayard nach Hause. Als er bemerkt, dass Tante Jenny mit seinem Enkel ausgefahren und sein Pferd noch nicht gesattelt ist, prügelt er kurzerhand den aufsässigen Caspey mit einem Stück Feuerholz auf den Kopf die Treppe hinunter. Simon sagt daraufhin zu seinem Sohn:

„Und du solltest lieber Gott danken, daß (sic) Er dir so’n harten Kopf gemacht hat. Jetzt gehste und holst (sic) das Pferd und überläßt (sic) denen in der Stadt das Geschwätz von Niggerfreiheit: die könnens vielleicht verkraften. Wozu solln wir Nigger uns überhaupt ne Freiheit wünschen, möcht ich wissen? Haben wir jetzt nich so viele Weiße, wie wir aushalten können?“

(S. 86)

Die Handgreiflichkeit gegen Caspey war eine Übersprunghandlung, denn eigentlich war es Isom, Caspeys 16-jährigem Neffen, vorbehalten, das Pferd zu satteln. Die Bemerkung des alten Bayard kurz darauf, er könne sein Pferd auch selbst satteln, wirkt da recht bigott.

Die Sklaverei der Kolonialzeit ist ein dunkler Fleck in der Geschichte der Südstaaten. Nach ihrer Abschaffung 1865 erodierte diese zwar als Institution, die Gleichstellung der Schwarzen blieb jedoch in der Zeit der sogenannten Rekonstruktion – und bis heute – unerreicht. Außerdem war Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Ausbeutung der schwarzen Arbeitskraft auf der Plantage die „White Supremacy“-Ideologie entstanden: Weiße fühlten sich Schwarzen gegenüber „rassisch“ überlegen und erwarteten von ihnen absoluten Gehorsam. In der Folge wirkten sich die Machtverhältnisse auch auf die Beziehungen der Schwarzen untereinander aus: So fühlten sich zum Beispiel die von einer aristokratischen Südstaaten-Familie als Dienerschaft in dessen „erweiterten Kreis“ integrierten Schwarzen wiederum denjenigen überlegen, die auf den Feldern Baumwolle pflückten. Darüber hinaus gibt es in „Sartoris“ auch Gewalt innerhalb der Kernfamilie der Diener – so prügelt Simon, der eine Zeit lang Dekan der Baptisten-Kirche war, seinen Enkel Isom.

Der Fleck und das Herz

William Faulkner beschreibt den moralischen Verfall der Sartoris schonungslos. Obwohl alle Familienmitglieder roh sind, empfindet man gleichwohl Empathie mit ihnen, weil sie innerlich zerrissen sind. Die Handlung ist oft ironisch gebrochen oder tragikomisch, wofür exemplarisch die Geschichte von dem Fleck steht, den der alte Will Falls von der Armenfarm des Countys eines Tages an der Wange des alten Bayard entdeckt. Wer das Buch noch nicht kennt, sollte die folgende Textstelle überspringen, weil ab hier gespoilert wird.

Tante Jenny geht mit ihrem Neffen gegen dessen Willen zum jungen Doktor Alford. Dieser schlägt vor, die Geschwulst zu entfernen, doch Bayard weigert sich. Zu seinem Glück betritt in diesem Moment Loosh Peabody, der „dickste Mann im ganzen County“, die Praxis seines Kollegen. Nachdem er seine Brille aufgesetzt und die Stelle untersucht hat, nimmt er Bayard mit in seine Praxis, die sich gegenüber, hinter einer abgewetzten Tür, befindet. Dort will er dessen Herz abhören, weil er sich mehr um Bayards allgemeinen Gesundheitszustand sorgt als um die Geschwulst – zumal er davon erfahren hat, dass er im Automobil seines Enkels mitfährt:

„ (…) und er zog eine Schublade hervor und entnahm ihr eine Kiste Zigarren und eine Handvoll künstlicher Fliegen zum Forellenfischen und einen schmutzigen Kragen, und zuletzt brachte er ein Stethoskop zum Vorschein; dann warf er die übrigen Sachen wieder in die Schublade zurück und drückte sie mit seinem Knie zu.“

(S. 105)

Später behandelt der alte Falls die Stelle in Bayards Gesicht mit einer Salbe, die seine Großmutter vor 130 Jahren von einer Choctaw-Indianerin bekommen hatte und von der niemand weiß, welche Bestandteile sie hat. Angeblich soll die Geschwulst am neunten Tag im Juli abfallen. Nachdem sich Tante Jenny und der alte Bayard mehrere Tage lang jeden Abend gestritten haben, fahren sie zusammen mit Doktor Alford zu einem Spezialisten nach Memphis. Als der Spezialist gerade mit seinen Fingern die Stelle betasten will, fällt der, inzwischen von der Salbe geschwärzte, Auswuchs ab und es erscheint auf seiner „Wange eine runde Stelle rosig-heller Haut, wie bei einem Baby.“ (S. 240) Drei Wochen später erhalten die Sartoris die Rechnung des Spezialisten über fünfzig Dollar für dessen Behandlung.

Die Benbows, die MacCallums und die Snopes

Neben den Sartoris treten zahlreiche weitere Figuren auf, die ebenfalls alle sowohl verloren als auch leicht exzentrisch sind: Die Benbows sind allerdings ganz anders als die Sartoris und bilden deshalb einen willkommenen Kontrast.

Die 26-jährige Narcissa Benbow lebt mit ihrer etwas altmodischen Tante Sally Wyatt, die nicht blutsverwandt mit ihr ist, in einem im Tudorstil errichteten Haus in einer beschaulichen Gegend in Jefferson. Etwa nach der Hälfte der Erzählung kehrt ihr sieben Jahre älterer Bruder Horace, ein Anwalt mit einer Leidenschaft für die Glasbläserei, aus dem Krieg aus Europa heim, ohne sich dort an Kampfhandlungen beteiligt zu haben. Er hat eine Affäre mit der verheirateten Belle Mitchell, was zwischenzeitlich zu einer Entfremdung zwischen ihm und seiner Schwester führt. Julia, die Mutter der beiden, starb kurz vor ihrem Mann Will:

„Julia Benbow starb eines sanften Todes, als Narcissa sieben war, sie war aus dem Leben der Geschwister entfernt worden, wie man wohl ein Lavendelbeutelchen aus einem Wäscheschrank entfernt, und sie hinterließ eine zart verweilende Unfaßlichkeit, und als Narcissa heranwuchs, sieben und acht und neun Jahre alt wurde, schmeichelte sie den anderen beiden und beherrschte sie.“

(S. 180)

Narcissa und der junge Bayard können einander nicht ausstehen – ob sich da etwa eine Liebesbeziehung abzeichnet?

Dann sind da die MacCallums, sechs Brüder, die mit ihrem Vater in einem 18 Meilen entfernten Blockhaus in den Bergen leben, sechs Meilen von Mount Vernon, dem nächsten Dörfchen. Dort leben sie recht abgeschieden von der Jagd. Im besten Wortsinn könnte man sie etwas spöttisch als Hinterwäldler bezeichnen. Einige der Brüder tauchen manchmal in Jefferson auf. Die Zwillinge Bayard und John hatten vor einigen Jahren in ihren Ferien mit ihnen Füchse und Waschbären gejagt. Eines Tages im Winter gelangt der junge Bayard – auf der Flucht vor den Konsequenzen seiner Handlungen – durch die Fährte einer Füchsin mit seinem Pferd zufällig wieder zu ihnen.

Und dann gibt es da noch die Snopes. Eine seltsame Familie, dessen Mitglieder einer nach dem anderen aus Frenchman’s Bend, einer kleinen Siedlung im Oberland, nach Jefferson kamen und dort nun alle erdenklichen Gewerbe ausüben. Byron Snopes, der Buchhalter des alten Bayard, schickt Narcissa anonyme Briefe und stellt ihr heimlich nach – heute würde man ihn einen Stalker nennen. Dieser Handlungsstrang ist allerdings recht lose in die Erzählung eingeflochten.

Hoffnung

Der Roman verwebt virtuos Gegenwart und Vergangenheit. Die Handlung spielt manchmal leicht zeitversetzt oder es gibt Passagen, die entweder Versatzstücke aus der Erinnerung darstellen oder aus einer bestimmten Perspektive teils weit in der Vergangenheit liegende Ereignisse erzählen. So entsteht – sofern man sich auf Faulkners verschachtelt-filmischen Stil einlässt – ein dichtes Panorama des Landstrichs und seiner Figuren.

Für all jene, die sich näher mit Faulkners Werk beschäftigen wollen, sei in diesem Zusammenhang das Projekt DIGITAL Yoknapatawpha wärmstens empfohlen – dort findet man bei „Flags in the Dust“ auch eine Landkarte des Countys mit einer Visualisierung aller relevanten Schauplätze, Figuren und Ereignisse des Romans.

„Sartoris“ ist übrigens William Faulkners erster Roman, dessen Handlung in dem County spielt und bildet somit den Auftakt zu seinem Südstaaten-Romanzyklus. Das Wort „Yoknapatawpha“ entstammt der Sprache der Chickasaw-Indianer und bedeutet soviel wie „Fluss, der das Land teilt“.

Am Ende bringt Narcissa ihr Kind zur Welt. Sie gibt ihrem Sohn den Namen Benbow: Der erste Sartoris, der weder Bayard noch John heißt – wenn der Name nicht Programm und das mal kein Zeichen ist für den endgültigen Bruch mit der Tradition.

(c) valentino 2021

William Faulkner: Sartoris, Verlag Volk und Welt, Berlin 1988, 380 S.

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Seenot, Plotlosigkeit und Gesichtserkennung (Werkstatt)

belmonte

Immer mehr NGOs ziehen sich mit ihren Seenotrettungsschiffen aus dem Mittelmeer zurück, da die italienische Regierung ihnen Kollaboration mit Schleppern vorwirft und sie zur Unterzeichnung eines Verhaltenskataloges zwingt, der dem Sinn und Zweck von Seenotrettung widerspricht. Aus meiner Sicht ist das eine Jämmerlichkeit der italienischen Politik, mehr noch aber ein jämmerlicher Mangel an europäischer Zusammenarbeit. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das alles viel besser lösen würde.

Larry Brown: Fay

Larry Brown: Fay

Schnelle Lektüre von Larry Browns Südstaaten-Roman Fay. Die noch nicht ganz volljährige Fay verlässt ihre verwahrloste Familie und schlägt und schläft sich mit einigen Stationen an die Golfküste durch. Das Buch kommt nicht ganz an Joe R. Lansdale heran, längst nicht an Cormac McCarthy, ist aber eingängig zu lesen. Ich verstehe nicht ganz, was erzählt wird, was mir nicht andere schon erzählt haben. Einige Charakterisierungen finde ich nicht sehr glaubwürdig, innere Monologe bleiben gelegentlich im Ansatz stecken, Dreck wird an einigen Stellen sichtbar, aussichtsloses Treibenlassen und ein paar schlimme Morde und andere Tötungen. Mich hätte aber interessiert, wie das Buch von einer Schriftstellerin ausgefallen wäre. Ich werde schauen, welche Southern-Gothic-Autorinnen ich noch entdecken kann. Verbindendes Merkmal all dieser US-Südromane (McCarthy, Lansdale, Brown etc.) ist das scheinbar planlose (plotlose) Dahintreiben der Handlung, viele unwichtige Dinge passieren, ich frage mich, warum hat der Autor das eingebaut, aber es ist echtem Leben nachempfunden, zig Sachen, die heute passiert sind und für meinen eigenen Tagesplot (wie bitte?) völlig unbedeutend sind, aber eben geschehen sind („Ich stelle noch eben die Butter zurück in den Kühlschrank.“), hier werden sie bedeutungslos miterzählt.

Bei Larry Browns Fay hat mir die Geschichtslosigkeit nicht gefallen. Man kann das einem Roman eigentlich nicht vorwerfen, aber zur Zeit gefallen mir Bücher besser, die in einen historischen Rahmen eingefasst sind. Grossmanns Leben und Schicksal war von der Sorte. Tomasi di Lampedusas Gattopardo ebenso. Auch in der Fantasy fordere ich historischen Hintergrund ein. Tolkiens Herr der Ringe ist übervoll davon. Auch Mitchells Vom Winde verweht steht auf meiner Liste, obwohl es seit einiger Zeit in den USA als sehr gestrig gebrandmarkt wird.

17. August 2017

Abends lese ich die Nachrichten aus Barcelona, den schrecklichen Anschlag auf den Ramblas, diesmal kein Angriff auf ein Land oder eine Stadt sondern auf viele Nationalitäten. So schlimm es ist, es schweißt zusammen, zumindest über die sozialen Medien, obwohl noch viel mehr Gesichtserkennung aufgebaut werden dürfte, scheinbare Sicherheit, fast schon ein strukturelles Agreement zwischen Terroristen und westlichen Postdemokraten. Trump übertrumpft sich mal wieder selbst, man kann seine Tweets schon gar nicht mehr ernsthaft kommentieren.

(c) belmonte 2017

Larry Brown: Fay. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 652 S.

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Er liest etwas, das ich nicht kenne

Premiere, 2. Teil

Ab heute wird in unregelmässigen Abständen belmonte bei mir „sprechen“. Manche von euch kennen vielleicht seinen Blog vnicornis →  wenn nicht, schaut doch einmal rein.

Die Idee dahinter ist mehr Austausch und Vernetzung. Es war seine Idee, die ich gerne aufgegriffen habe. Ich freue mich sehr auf dieses Neu und sage auch hier:

Herzlichen Dank, belmonte, für deine Inspiration und deine Rezension.

Wie er mir, so ich ihm … ab und an werde ich, sozusagen im Austausch, auf „vnicornis“ Bücher besprechen, die ich schätze (wie bereits geschehen, siehe Premiere 1. Teil →).

Ausserdem denken wir über den Austausch von Texten nach. Ich bin gespannt, wie sich diese Idee entwickelt und wie ihr sie aufnehmt und ob vielleicht noch jemand Lust hat, sich uns anzuschliessen?! Gerne erinnere ich in diesem Zusammenhang auch an den Blog The story of your Alltag den ich am 17.12. vorstellte →

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„Die Welt ist immer noch scheiße.“ – Joe R. Lansdale: Gluthitze (Rezension)

belmonte

Ich kann nicht immer nachvollziehen, wieso manche Originaltitel es nicht in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Titel des amerikanischen Thrillers Leather Maiden von Joe R. Lansdale wäre mit Lederbraut adäquat übersetzt gewesen. Warum Suhrkamp den Roman stattdessen mit Gluthitze betitelt, erschließt sich mir nicht. Der Titel der deutschen Erstausgabe Gauklersommer trifft es schon ein wenig besser, denn ein Gaukler spielt hier tatsächlich sein Spiel – ein grausames Spiel.

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Es geht um Sexvideos, Erpressung, ein wenig Rassismus als Hintergrund, ein osttexanisches Kaff, einen miesen Pfarrer, eine Lokalzeitung, eine Vermisste und viel Schmutz unter der Oberfläche.

Erzählt wird all das von Cason Statler, einem Veteran des Irakkrieges und Zeitungsreporter, der den Schmutz nach und nach aufdeckt und dabei einem Pärchen auf die Schliche kommt, das auf ganz widerliche Weise mordend den mittleren Westen der USA heimsucht. Mehr wird hier nicht verraten.

Der Roman ist schnell, kurzweilig, hat einige hervorragende Wendungen, die Sprache ist derb, keine schöngeistige Literatur.

Neben der überzeugenden Hauptperson Statler treten einige bemerkenswerte Gestalten auf. Erwähnt sei vor allem Statlers Kamerad aus dem Irakkrieg – Booger, der sich selbst als Soziopath bezeichnet (er weiß es wohl am besten) und einer Lady schon mal auf die Schulter klopft und sagt: „Vögelst du immer noch für Geld?“ Booger ist ein vulgärer, frauenfeindlicher und schießwütiger Biersäufer und bekommt dennoch alle Sympatiepunkte. Ohne ihn wäre Statler womöglich doch ein wenig blass. Und Boogers Freund Mr Lucky, eine .45er, schießt auch mal den Kopf eines Handlangers so kaputt, dass es nur so …

Der Roman hat ein paar inhaltliche Schwächen, die ich nicht aufzählen muss. Das Buch funktioniert trotzdem wunderbar. Nur von dem mörderischen Gaukler hätte ich mir mehr Präsenz erwartet. Aber so sind sie halt, die Gaukler.

Kurz vor Ende bemerkt Statler, was die Atmosphäre des Romans ziemlich gut auf den Punkt bringt: „Die Welt ist immer noch scheiße.“

Joe R. Lansdale: Gluthitze, Suhrkamp, Berlin 2013. Deutsche Erstausgabe erschienen unter dem Titel: Gauklersommer, Golkonda, Berlin 2010.

(c) belmonte 2015

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Gollum im Herzen Amerikas – Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes (Rezension)

belmonte

Cormac McCarthys erst kürzlich erstmals auf Deutsch erschienener Roman Ein Kind Gottes von 1974 beschreibt wie viele seiner folgenden Romane eine düstere, endzeitliche Welt. Dieses Mal ist es das kleinstädtische Leben im Tennessee der Sechziger Jahre mit seinen Käffern im Hinterland.

Der Roman zeigt die Verwilderung von Lester Ballard, einem örtlichen Herumtreiber, der nach der Zwangsversteigerung seines Elternhauses mehr und mehr verwahrlost, zum Höhlenbewohner wird, Liebespaare beim Stelldichein umbringt und sich an den toten Frauen vergeht.

Cormac McCarthy Ein Kind Gottes

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes

Wie alle Bücher McCarthys, die ich bisher gelesen habe, hat auch dieses Buch seine schockierenden Momente. Die Morde sind allesamt entsetzlich und herzzerreißend. Und dennoch bezeichnet McCarthy Lester als „ein Kind Gottes ganz wie man selbst“ (8). Tatsächlich kann sich der Leser bei aller Widerwärtigkeit seiner Taten mit Lester identifizieren, mit ihm mitfiebern, buchstäblich mitfrieren in der durchnässten Kälte der Höhlen, in denen sich Lester wie Tolkiens Gollum bewegt – „ein verrückter Wintergnom“ (106) – und seine Leichen lagert. Ein großer Teil des Romans spielt in ebendiesen Höhlen, sie haben „etwas Organisches, wie die Innereien eines großen Tieres“ (130f.). Es ist eine sehr alte mythische Unterwelt mit Fledermäusen, die „aus dem Dunkel des Tunnels kommen und in Asche und Rauch wild flatternd durch das Loch in der Decke aufsteigen, wie aus dem Hades auferstehende Seelen“ (137).

Lester Ballard ist nicht der erste verwilderte Höhlenbewohner in der Gegend. Es wird von einem früheren „zerlumpten Gnom mit Haaren bis zu den Knien“ und „Kleidern aus Laub“ (163) erzählt. Woher aber kommen diese Gestalten, was sind ihre Motive? Viel erfahren wir darüber nicht. Lester wird nicht übermäßig psychologisiert. In einem der immer wieder eingesprenkelten mündlichen Zeugnisse schildert ein Countybewohner, seine Mutter sei abgehauen und sein Vater habe sich erhängt. Der zehnjährige Lester habe dabei zusehen müssen, wie der Strick durchgeschnitten wurde, an dem sein Vater hing, wie „wenn man ein Stück Schlachtvieh abschneidet“ (24).

Auch mit Tolkiens Gollum spürt man Mitleid. Und es ist nicht so, dass in McCarthys Roman alle anderen die besseren Menschen sind, etwa Buster, der Lester so zusammentritt, dass er „den Kopf nie mehr richtig gerade halten“ (12) konnte. Oder der Müllhaldenbesitzer mit seinen neun Töchtern, der eine seiner Töchter im Wald mit einem Liebhaber erwischt und ihr selbst, nachdem er die beiden auseinandergetrieben hat, „seinen Glibber auf den Oberschenkel spritzte“ (31). White Trash im Heartland Amerikas, eine uralte Welt, die sich nicht geändert hat. Überall Wälder mit „gotischen Baumstämmen“ (123) – hier klingt er wörtlich an, der Zusammenhang mit dem Gattungsbegriff Southern Gothic, in dem McCarthy sich bewegt – oder „feldkarrengroße Steinbrocken … auf denen mit Kameen urzeitlicher Muscheln und in Kalk geätzten Fischen nur eine Geschichte von verschwundenen Meeren geschrieben stand“ (ebd.). Schön ist in dieser archaischen Welt einzig die urgewaltige Natur. Aber wer ist da, der sie sehen könnte, außer dem Autor und dem Leser.

Auf die Frage des Deputy „Glauben Sie, die Menschen waren damals schlechter als heute?“ (163) antwortet der Sheriff: „Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, die Menschen sind immer die Gleichen gewesen, seit Gott den ersten geschaffen hat.“ (ebd.) Es ist kein Zufall, dass die Gegend kurzerhand von einem Jahrhunderthochwasser heimgesucht wird. Auch der Sheriff erkennt, dass es sich um eine Sintflut handelt: „Du hast nicht zufällig irgendwo einen alten Mann mit langem Bart ein riesengroßes Boot bauen sehen, oder?“ (156) Dieser alttestamentarische Rückbezug ist für McCarthy auch in seinen späteren Romanen immer wieder erkennbar. Aber auch auf Dantes Höllentrichter wird verwiesen, hier eine Höhle, aus welcher Lester emporklettert: „Vor Erschöpfung fast schluchzend, stieg er aus dem Trichter, um den Tag zu sehen. Nichts regte sich in dieser toten, verwunschenen Einöde, der Wald trug Girlanden aus Eisblumen, Kräuter ragten aus weißen Kristallphantasien auf, die den steinernen Spitzenmuster auf einem Höhlenboden glichen.“ (152) – Auch draußen ist also immer noch Höhle.

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014.

Child of God wurde 2013 unter der Regie von James Franco und Scott Haze in der Titelrolle verfilmt und ist in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen. Der Autor der Rezension hat den Film zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht gesehen.

(c) belmonte 2015

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Höhepunkt auf der Windschutzscheibe: The Counselor

Aus Anlass der Blu-ray-Veröffentlichung des Filmes „The Counselor“ ist vnicornis auf dem Filmrezensionsblog „Die Nacht der lebenden Texte“ fremdgegangen. Im letzten November ist hierzu auf vnicornis bereits eine Drehbuchrezension erschienen.

Die Nacht der lebenden Texte

The_Counselor-Cover

Gastrezension von Giovanni Belmonte

Thriller // „There is not some other world”, sagt der Drogenbaron (Rubén Blades) gegen Ende des Films zum Counselor, „there is only accepting.” Es ist, was ist, und sonst ist nichts. Akzeptiere es. Das könnte als Lehrsatz über vielen Büchern Cormac McCarthys stehen, dem Drehbuchautor von „The Counselor“. Im Film käme vielleicht noch hinzu: Schwelge in Luxus, solange du es kannst. Helfen wird es dir allerdings nichts.

In dem brutalen Hochglanzthriller „The Counselor“ kommt der Bruch etwa gegen Mitte des Films: Der Counselor (ein sich zum Ende hin steigernder Michael Fassbender, „12 Years a Slave“) bereitet sein Frühstück vor, als ihn sein Mittelsmann Westray (geschmeidig gespielt von Brad Pitt) anruft: „We’ve got a problem.“ Wie schlimm das Problem denn sei? „Let’s say pretty bad. Then multiply by ten.“ – „Fuckety fuck!“

The_Counselor_111904 „Wir werden den Deal schon schaukeln“

Was ist bis dahin passiert? Die Story…

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Die Gier und die Angst – Cormac McCarthy: The Counselor: A Screenplay (Rezension)

belmonte

Cormac McCarthy: The Counselor

Cormac McCarthy: The Counselor

Für Dezember ist ein neues Buch von Cormac McCarthy angekündigt: ein Drehbuch mit dem Titel „Der Anwalt“. Kurz entschlossen habe ich mir das englische eBook „The Counselor“ gekauft und in einem Zuge durchgelesen.

Wohlgemerkt, es handelt sich um ein Drehbuch. Der Film ist Ende Oktober in den US-Kinos gestartet. Regisseur Ridley Scott hatte mit Michael Fassbender, Brad Pitt, Penélope Cruz, Javier Bardem und Cameron Diaz eine ganze Reihe an Hochkarätern auf dem Set versammelt. Dem Trailer nach zu urteilen, handelt es sich um brutales Hochglanzkino – womöglich sehenswert, in den USA allerdings schon jetzt als Flop gehandelt.

Das Drehbuch ist dennoch gut, wenn auch längst nicht so tief wie „Die Straße“ und weit weniger abgründig als „Die Abendröte im Westen“. Ich bin auch nicht sicher, ob die Story an „No Country for Old Men“ herankommt. Dennoch hat mich die Lektüre von „The Counselor“ gefesselt. Drehbuchlesen hat ohnehin eine gewisse Kurzweiligkeit.

Der Plot ist simpel: Ein bisher unbescholtener Anwalt, im Buch immer nur „Counselor“ genannt, findet sich an der US-Grenze zu Mexiko in der Gesellschaft gehobener Drogenkriminalität und verspricht sich durch einen wie auch immer mitorganisierten Drogentransport großes Geld. Die Sache geht gründlich schief, und den Kartellen entkommt man nicht so einfach. Schnell wird einem da mal ein „bolito“ um den Hals geworfen, eine Drahtschlinge, die sich durch einen kleinen Elektromotor erbarmungslos zuzieht.

Es gibt auch eine Liebesgeschichte, die aber nicht sonderlich in die Tiefe geht. Ich bin trotzdem unentschieden, ob McCarthy Frauen wirklich nicht kann, wie mancherorts behauptet wird. Malkina, die Femme fatale des Drehbuchs, ist jedenfalls gekonnt gezeichnet.

Es geht um Habgier, um unumkehrbare Entscheidungen und am Ende nur noch um blanke Angst. Das Buchcover untertitelt denn auch mit dem Satz „Greed is greatly overrated … But fear isn’t.“ („Die Gier wird gewaltig überschätzt. Aber die Angst nicht.“), im Drehbuch einem der Edelkomplizen in den Mund gelegt. In seiner Angst ruft der Counselor einen der Drogenbosse an, der ihm empfiehlt, seine aussichtslose Lage einfach zu akzeptieren:

„I would urge you to see the truth of your situation, Counselor. That is my advice. It is not for me to say what you should have done. Or not done. I only know that the world in which you seek to undo your mistakes is not the world in which they were made. You are at a cross in the road and here you think to choose. But here there is no choosing. There is only accepting. The choosing was done long ago.“ (Position 1754)

Ein Wort zum englischen Lesen im Kindle-Reader: Ich muss lediglich den Finger auf ein mir unbekanntes Wort legen, schon öffnet sich der entsprechende Eintrag im Oxford Dictionary of English. Leichter lässt sich ein englisches Buch nicht lesen.

Cormac McCarthy: The Councelor: A Screenplay, Pan Macmillan, London 2013.

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(c) belmonte 2013

Amerikas Ursprungslosigkeit – Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen (Rezension)

belmonte

Vorsicht, diese Rezension zitiert Textpassagen mit Darstellungen extremer Gewalt.

Vor ein paar Jahren habe ich Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ gelesen, in welchem ein Vater mit seinem Sohn durch ein postapokalyptisches Amerika geht, Richtung Meer, in der Hoffnung, dort Überlebende zu finden. Die Lektüre war für mich so erschütternd, dass ich danach dachte, es gebe weiter nichts zu lesen, da ja mit diesem Buch alles gesagt sei.

Weitergelesen habe ich dann natürlich doch. Und nachdem ich jetzt McCarthys früheren Roman „Die Abendröte im Westen“ (Blood Meridian Or The Evening Redness in the West) beendet habe, erkenne ich, dass hier zwei Bücher wie zwei Puzzleteile zueinander passen.

Wieder geht es um einen Jungen, und auch dieser ist auf dem Weg in Richtung Meer (Kalifornien). Und obwohl das Buch um 1850 spielt, ist das gezeigte Amerika der US-mexikanischen Grenzregion – dem amerikanischen Blutmeridian – genauso postapokalyptisch dargestellt wie in dem späteren Roman „Die Straße“.

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen

Das Buch hat keinen echten Plot. Der vierzehnjährige Junge verlässt seine Familie und schließt sich nach einiger Herumtreiberei einer Gang von Skalpjägern unter dem Kommando von Captain Glanton an, einer historisch verbürgten Person. Alles ist ursprungslos. Der Junge hat keinen Namen, kennt auch den Namen seiner Mutter nicht, die bei seiner Geburt gestorben ist, „ein Hang zu sinnloser Gewalt brütet bereits in ihm.“ (11) Ein Eremit fragt ihn: „Bist wohl vom rechten Weg abgekommen“ (28). Es schleicht sich aber das Gefühl ein, dass es gar keinen rechten Weg gibt.

Der Roman enthält grandiose Landschafts- und Wetterbeschreibungen:

„Die ganze Nacht lang zuckten Flächenblitze im Westen ursprungslos hinter mitternächtlichen Sturmwolken, machten aus der weiten Ödnis einen bläulichen Tag, die Berge am jäh aufscheinenden Horizont starr, bleiern und schwarz, als gebe es da draußen ein fremdartiges Land, dessen wahre geologische Beschaffenheit nicht Stein, sondern Angst war. Donner grollte aus dem Südwesten heran, Blitze erleuchteten ringsum die Wüste, blau und kahl, große, knisternde Arme, ausgesandt aus der umfassenden Nacht, wie ein plötzlich heraufbeschworenes Dämonen- oder Zwischenreich, das so wenig Spuren, Rauch und Zerfall zurückließ wie ein schwerer Traum.“ (61)

Dämonenreich, „Fegefeuerwüste“ (79) und Hölle wechseln einander ab:

„Das ursprungslose Wetterleuchten riß die dunklen Bergketten am Weltenrand aus der Nacht, die verstörten Pferde trotteten unter den bläulichen Blitzen über die Ebene, wie aus der Hölle heraufbeschworene, flackernde Tiere.“ (188)

Tagsüber sind es die düsteren Bilder der gleißenden Wüste, die vorherrschen, Trockenheit und totes Land: „Nach Westen hin dehnte sich der Horizont, flach und rein wie eine Geisterebene.“ (55) Überall liegen Knochen, verwesende Leichen und Tierkadaver, verrottende Wagengestelle, eine Atmosphäre wie aus dem alten Testament.

„… wenig später sahen sie weiter vorn einen mit toten Säuglingen behängten Strauch. … Den winzigen Opfern, sieben oder acht an der Zahl, waren Löcher in die Unterkiefer geschlagen worden, an den Kehlen baumelten sie von den brüchigen Zweigen eines Mezquitos, starrten blicklos zum nackten Himmel. Kahlköpfig, bleich und aufgedunsen, im Larvenstadium eines undefinierbaren Seins. … Nachmittags erreichten sie ein Dorf in der Ebene; Rauch stieg noch aus den zerstörten Gebäuden, alles war tot.“ (73)

Es ist ein Zombieroman ohne Zombies, der zahllose Passagen extremer Brutalität enthält. Diese Eroberung Amerikas fordert einen gewaltigen Blutzoll. Glanton und seine Skalpjäger schlachten einfach alle ab, derer sie habhaft werden können. Bezahlt werden sie vom Gouverneur des mexikanischen Staates Chihuahua, Ángel Trías, der sich bei ihnen sogar mit einem Festbankett für all die Skalpe bedankt. Ihre Massaker verteilen sich über den gesamten Roman:

„Innerhalb von einer Minute setzte ein allgemeines Gemetzel ein. Frauen kreischten und nackte Kinder; ein Alter wankte heran und wedelte mit einer weißen Unterhose. Die Reiter fuhren dazwischen, erschlugen oder erdolchten sie. … Menschen liefen aus ihren Behausungen, den Pferden direkt vor die Hufe, die Mustangs kamen ins Straucheln, ein paar Männer stürmten zu Fuß weiter, stürmten mit Fackeln die Wickiups, zerrten die blutüberströmten Opfer nach draußen, hieben auf die Sterbenden ein und trennten jedem, der um Gnade flehte, den Kopf ab. Es gab mehrere mexikanische Sklaven im Lager; unter lauten spanischen Rufen rannten sie aus den Hütten, die Freischärler schlugen ihnen die Schädel ein oder schossen sie nieder, einer der Delawaren, in jeder Hand einen baumelnden Säugling, tauchte aus dem Qualm, ging vor einem Steinhaufen in die Hocke, hielt die Kinder an den Füßen fest, holte aus und knallte ihre Köpfe nacheinander gegen die Steine, die Gehirne platzten in einem Blutschwall unter der Fontanelle hervor, brennende Menschen stoben unter rasendem Gebrüll aus den Hütten, die Reiter hackten sie mit ihren riesigen Messern nieder …“ (180f.)

Immer mit dabei, und neben dem Jungen der zweite Protagonist des Romans, ist der sogenannte Richter Holden, ein haarloser Hüne, gebildeter Feingeist von äußerster Brutalität, der nur an den Krieg glaubt: „Krieg ist Gott.“ (283), dagegen sei Moral nur „eine Erfindung des Menschen und dient dazu, die Starken zugunsten der Schwachen herabzuwürdigen.“ (283) Er vergleicht Krieg mit einem Duell, in dem sich die beiden Kontrahenten gegenüberstehen und nicht mehr über Moral und Gerechtigkeit reden: „Entscheidungen über Leben und Tod, über das, was sein wird und was nicht, machen Fragen der Gerechtigkeit ganz und gar überflüssig.“ (284) Richter Holden ist ein Mephisto, der seinen Faust sucht, während er in seinem Notizbuch Zeichnungen der Natur anfertigt. Am Ende tanzt er nackt in einem Bordell, ein Satan als Oberhaupt der gefallenen Engel aus Miltons verlorenem Paradies.

Das Buch erinnert an einen Tierfilm mit einzigartigen Landschaftsaufnahmen und Darstellungen einer grausamen Tierwelt. Auch dort gibt es keine Moral, nur naturwüchsiges Leben – und Vegetieren. Genau so veranschaulicht Cormac McCarthy die amerikanische Wirklichkeit.

Ich bin ein schlechter Wahrsager, würde mich aber nicht wundern, wenn wir es hier mit einem zukünftigen Literaturnobelpreisträger zu tun hätten, sollte der Preis überhaupt mal wieder an einen US-Amerikaner gehen.

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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