Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Dritter Teil

valentino

Iximché

Illustration: Valentino

Im Tageslicht wirkte die Stadt trotz des regen Verkehrs weniger hektisch als am Vorabend. Mit dem Fahrrad erreichte ich über einige Steigungen Antigua, die einstige Landeshauptstadt, die ein Erdbeben 1773 fast vollständig zerstört hatte. Der beschauliche Ort mit Kirchenruinen und dem farbenfrohen Markt lag am Fuß des „Volcán de Agua“. Aufgrund des milden Klimas beschloss ich zu bleiben und bezog ein Zimmer in der Herberge „La Quinta“.

Auf Antiguas Busbahnhof rangierten tags darauf bunt bemalte, klapprige Busse, über deren Frontscheiben in farbigen Lettern Zielorte wie „Panajachel“ oder „Río Dulce“ standen. Ich blickte zurück über die Alameda de Santa Lucía und konnte den Vulkan am anderen Ende der Straße sehen. Mein Weg führte durch Dörfer mit Hütten am Straßenrand, die einen Kontrast zu Antiguas Kolonialbauten bildeten. Nach einem Anstieg passierte ich eine umzäunte Halde, auf der Müll brannte und zwischen aufsteigendem Rauch Hunde streunten und Geier herumlungerten. Hinter Chimaltenango ging es durch bewaldetes Vorgebirge.

Nachmittags kehrte ich in Tecpán in einem Hotel ein. Vorbei an Kohl- und Maisfeldern fuhr ich zu der Maya-Kultstätte Iximché. Eine runde Steinplattform auf einem Platz diente einst als Opferaltar: Priesterfürsten schnitten dort mit Obsidianklingen ihren Gefangenen die Herzen heraus. Zurück im Hotel duschte ich und ging mit etwas Fieber früh zu Bett. Mitten in der Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Am Vorabend hatte ich mein Fahrrad am Tresen der Rezeption stehen gelassen. Ich lief die Treppe hinunter, um nachzusehen. Als ich im Untergeschoss ankam, leuchtete mir der Hotelier mit seiner Taschenlampe entgegen. Mein Rad stand noch an derselben Stelle. Nach kurzem Wortwechsel ging ich wieder auf mein Zimmer.

(c) valentino 2016

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Tijuana | Colonias, Playas, Otay

(c) valentino 2016

Tijuana | Zona Centro

(c) valentino 2016

Tijuana | La Línea, Zona Río

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Ten Times Tijuana

Rauschen II

valentino

Illustration: Valentino

Ralph ging spazieren.

Die große Avenida durchzog die Stadt, hinter Bratrosten bereiteten rundliche Mütter Tacos. Gerüche von gebratenen Maisfladen lagen in der Luft. Und auch von Verbranntem. Die Metro durchschnitt überirdisch, von Betonsockeln getragen, die Metropole.

Gedränge. Lärm schluckte die Worte der Händler: Pásenle, pásenle. Ralph folgte den Gerüchen. Von allen Seiten Stimmengewirr.

Ein Mädchen lief vorüber. Dunkle Augen auf hohen Wangen. Ihr Haar streng zu einem schwarzen Zopf gebunden. Der Moloch fraß sie in der nächsten Sekunde.

Ralph stand an einer Ampel. Autos fuhren hupend kreuz und quer über die Avenida.

Am nächsten Morgen malte er sich aus, irgendwo in der Stadt kämen junge Leute, Studenten, aus einem großen rechteckigen Bau, dessen Fassade trüge ein Mural, ein Wandgemälde von David Alfaro Siqueiros.

(c) valentino 2012

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Link zum dritten Teil „Rauschen“

Brief aus der Hauptstadt

valentino

An einem Novembervormittag schaue ich aus dem Busfenster. Über Äckern hängt Dunst. Bäume reihen sich aneinander, recken ihre kahlen Zweige in das Himmelsgrau. Ab und an stehen vereinzelt zwischen Feldern und Wäldchen riesige Windräder. Gleichförmig rauscht der Bus über die Autobahn. Die Bewegung im Raum wirkt befreiend auf meine Gedanken. Den Trott zurücklassen. Neue Wege beschreiten. Das letzte Mal war ich in Berlin vor vier Jahren. Meine Gedanken öffnen sich, wollen sich gleich den Ästen der Bäume verzweigen. Ich stelle mir vor, wie jeder Schritt auf einem neuen Weg organische Strukturen in meinem Hirn bildet und Schritte auf schon begangenen Wegen alte Gefüge erneuern durch die Überlagerung der Sinneseindrücke.

Von der nackten Steinbank vor dem Bode-Museum aus beobachte ich mit kaltem Hosenboden Menschen in einer Schlange. An erster Stelle steht ein großer Mann von Kopf bis Fuß in schwarzem Leder: Mütze, Mantel, Handschuhe und zu kurze Hosen. Während er die Seiten eines großen Einbands blättert, wippt er hin und wieder auf den Füßen. Auf einem Schild neben dem Ticketschalter steht, die Eintrittskarten für die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ seien vorübergehend ausverkauft. Ich stehe auf und stelle mich in die Reihe. Kurz darauf tritt eine Museumsangestellte vor die Wartenden und sagt, es gebe keinen Ticketverkauf vor drei Uhr, also etwa in einer Stunde. Das junge Pärchen vor mir in der Reihe verkürzt sich derweil die Wartezeit mit Schinken, Weißwein und Liebesbekenntnissen.

Am frühen Morgen des folgenden Tages aus dem Schlaf erwacht lasse ich die Eindrücke des gestrigen Ausstellungsbesuchs Revue passieren. Eine seltsame Spannung lag auf den Renaissance-Gesichtern. Trotz ihrer individuellen, markanten, ja teilweise überspitzten Züge schienen sie irgendwie unnahbar. Ihre Gesichter bildeten in einer Weise eine Projektionsfläche für alle möglichen Interpretationen. Die meisten Bildnisse stellten die Köpfe im Profil vor, ihre Blicke dem Betrachter abgewandt. Manchmal schauten mich ihre Augen im Dreiviertel-Profil sanft und selbstbewusst an. Feine Pinselstriche fingen jedes Detail bis hin zur Warze ein. Und doch gingen die Werke über eine naturgetreue Darstellung hinaus. Denn es ging den Künstlern darum, den Moment einzufangen, in dem der Mensch sich selbst, seine Seele, entdeckte, und diese im Gemälde abzubilden. So folgte ihre Malweise einem stark idealisierten Bild. Leonardo z. B. malte im Sfumato, einem Stilmittel des absichtlich weichgezeichneten Pinselstriches, die Mund- und Augenpartien seiner Porträtierten, um ihr einen besonders rätselhaften Ausdruck zu verleihen. So bleibt es dem Betrachter überlassen, die Beweggründe der jungen „Dame mit dem Hermelin“ zu deuten.

Leonardos Dame mit dem Hermelin [Public domain], via Wikimedia Commons

In der Sekunde des Erwachens verflüchtigen sich die Bilder des Traumes, und an ihre Stelle tritt die Selbsterkenntnis. Auf dem Weg durch die Stadt lese ich in den Gesichtern meiner Mitmenschen. Sie sagen mir mehr als Worte. Ich versuche sie einzufangen, doch schon sind sie wieder fort. Wer kann sich noch an die von gestern erinnern? Und doch scheint es, sind es immer wieder dieselben Gesichter, in die ich blicke, sind es immer wieder dieselben Träume, die ich träume. Vielleicht entdecke ich Facetten in ihnen, die ich zuvor nicht gesehen habe. Oder bin ich es am Ende selbst, der sich in ihnen spiegelt?

Es ist zwölf Uhr mittags. Mitten in der Stadt bin ich aus ihr heraus gegangen. Das ehemalige Fluggelände des Tempelhofer Flugfeldes bietet als Steppe nicht nur Rollschuhläufern oder Joggern einen idealen Ersatzlebensraum, sondern auch seltenen mitteleuropäischen Vogelarten wie der Feldlerche.

Auf dem Busbahnhof warte ich abends auf meine Rückfahrt. Im Gewirr der Sprachen erkenne ich: In dieser Stadt gibt es noch mehr Variationen der Individualität, noch mehr Facetten des Menschen an einem Ort.

Himmel über Tempelhof

Himmel über Tempelhof / Foto: Valentino

(c) valentino 2011