Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 14. Teil

valentino

Berge

Illustration: Valentino

Cecilia betrat die Eishöhle. Sie setzte einen Fuß vor den anderen. Als sie den Dämon sah, ging sie einen halben Schritt zurück. Er fuhr auf sie zu. Sie drehte sich, rutschte aus und fiel hin, begrub dabei ihre rechte Hand unter ihrer Hüfte und fühlte einen stumpfen Schmerz im kleinen Finger. Der Vampir wendete. Cecilia stand auf und lief in den Gang. Ihre Füße patschten durch Wasser, das in Rinnsalen über den Boden floss. Rasch schlüpfte sie durch den Felsspalt und kroch in den Tunnel. Hinter sich hörte sie Flügel schlagen. Eisblöcke fielen von der Decke herab und zersplitterten.

Narcisa nahm mit einer Zuckerzange aus einem Porzellanschälchen zwei Zuckerstückchen und gab sie in ein auf dem Tisch stehendes Teeglas. Sie griff nach der Kanne und füllte das Glas mit dampfendem Tee, in dem sich die Stückchen Zucker langsam auflösten. Der Teelöffel klirrte zweimal gegen das Glas, sie hob es hoch, spitzte die Lippen und pustete. Dann nippte sie, stellte das Teeglas wieder auf der mit gelben und blauen Blumen bestickten Tischdecke ab und erzählte weiter.

Cecilia kletterte zwischen den Kristallen entlang bis zum Faden. Sie hob ihn auf. Ihr Finger war geschwollen und schmerzte noch immer. Sie tastete ihren Weg am Faden entlang durch die Gänge. Im Verlies stieg sie die Stufen der Steintreppe hinauf, die in einen Flügel des Schlosses führte, ging in das Vestibül und betrat von dort aus den Garten. Das Tageslicht blendete sie. Durch die Irrwege zwischen den Hecken erreichte sie den Pavillon auf der Anhöhe, rannte über die Lichtung in den Wald und gelangte tags darauf in die Berge.

(c) valentino 2013

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Elfter Teil

valentino

Verlies

Illustration: Valentino

Wasser tropfte in eine Lache, die sich in einer Ecke des Verlieses gebildet hatte. Durch einen Schacht fiel ein Lichtkegel, der auf die Wasseroberfläche sich ständig verändernde Muster zeichnete. Cecilia hockte auf dem klammen Steinboden. Über ihr wölbte sich eine kohlenähnliche, verkrustete Decke, durch die es hin und wieder dumpf schnarrte. Es roch modrig. Ihr Fußgelenk rieb sich wund an einer eisernen Fessel, die sie an eine Wand aus hartem Lehm band. Die Knie vor dem Körper lauschte sie dem gleichmäßigen Tropfen.

Sie erinnerte sich an den Tag im Sommer, an dem sie im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal auf die Idee gekommen war zu schwimmen. Entlang des Ufers bildeten Laubbäume einen dichten Saum. Die Kinder des Dorfes johlten, wateten durch das Schilf oder sprangen von der Uferböschung aus ins Wasser. Über der glatten Oberfläche des Sees stand die Luft still. Cecilia tauchte ins Wasser, presste es mit den Armen beiseite und schluckte einen Schwall bei dem Versuch, Luft zu holen. Sie hustete, heftete ihren Blick auf die Wolken am Himmel, bevor sie abermals untertauchte und für einen Augenblick das Bewusstsein verlor.

Steil stiegen die grob in die felsige Wand des Gewölbes gehauenen Stufen der Steintreppe empor. Der obere Absatz mündete in einen Durchbruch. Cecilia spürte einen Luftzug auf der Haut. Metallisch, bleiern haftete das Eisen auf dem abgeschürften Knöchel. Sie kauerte auf der schroffen Erde, eingehüllt in Leinen, das an einigen Stellen abgerieben und zerrissen war, neigte ihren Körper vornüber und las in den Figuren, die das Licht auf das Wasser warf.

(c) valentino 2013

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