Unterwegs zu Cecilia | Neunter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Nachdem ich San Mateo verlassen hatte, fuhr ich auf direktem Weg durch die Hochebene zurück nach Huehue. Aus dem Busfenster blickte ich auf Häuser aus Adobe, Lehmziegeln, die entweder vereinzelt oder als Haufen in der nebligen Ebene auftauchten. Das trübe Tageslicht war bereits erloschen, als der Bus in der rauen Steppe bei einer Raststätte am Straßenrand hielt.

Die gezackte Silhouette der Berge zeichnete sich im milchigen Mondlicht am Horizont ab. Darüber war der Nachthimmel sternenklar. Der Gedanke an meine Rückfahrt machte mich wehmütig. Es war mir nicht klar, ob ich Narcisa jemals wiedersehen würde. Ich betrat die Raststätte. Ein Geruch nach Gebratenem füllte den Speiseraum. Zum Abendbrot gab es schwarze Bohnen, Eier und Tortillas. Nach dem Essen machten wir uns wieder auf den Weg.

Unterwegs bekam ich Fieber, das durch einen Infekt ausgelöst worden war, den ich mir in San Mateo eingefangen hatte. Als wir noch vor Sonnenaufgang in Huehue eintrafen, bereitete mir jede Bewegung Schmerzen. Nachdem ich körperlich wieder gesund war, litt mein Geist noch eine ganze Weile unter den Folgen der Erkrankung. Am späten Vormittag besorgte ich mit letzter Kraft Medikamente aus der Apotheke.

(c) valentino 2021

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Eine schlicht erzählte Sommerliebe – Tschingis Aitmatow: Dshamilja (Rezension)

valentino

Tschingis Aitmatow Dshamilja

Tschingis Aitmatow Dshamilja

Die kurze Novelle ist ein schönes Buch für den Sommer. Die stimmungsvolle Beschreibung des kirgisischen Sommers ist das Eindrücklichste, was bei mir nach der Lektüre haften geblieben ist. Ansonsten fand ich die Story zu einfach, weil es keine Wendungen gibt. Dennoch, stilistisch ist das Buch überzeugend und in seiner schlichten Beschreibung herausragend. Und schön zu lesen ist die Erzählung allemal.

Zur Handlung: Dshamilja ist die Schwägerin des Erzählers. Der 15-jährige Said hat eine Neigung für das Malen, was kein Wunder ist angesichts der malerischen Landschaft, in der er aufwächst: Sein Aul, das Dorf liegt in der kirgisischen Steppe am Ufer des Kukureu und der Sommer ist ein Sommer wie er im Buche steht. Said bewundert Dshamilja wegen ihrer Ausgelassenheit. Zwar ist Dshamilja verheiratet, ihr Mann Sadyk musste jedoch vier Monate nach der Hochzeit in den Krieg. Weil Männer im Dorf fehlen – es ist das Kriegsjahr 1943 –, übernimmt sie die Aufgaben der Männer, hilft bei der Heuernte und fährt gegen den Willen der Schwiegermutter mit einem Fuhrwerk das Korn zur Bahnstation. Es soll später zu Brot verarbeitet werden, mit dem Brot werden die Soldaten versorgt.

Begleitet wird Dshamilja, neben dem Erzähler Said, von Danijar, der eines Tages im Aul auftaucht und seine Pferde auf der Weide hütet. Er ist verschlossen, hat eine Knieverletzung, weshalb er das Bein nachzieht. Ursprünglich stammt er aus demselben Dorf. Als Waise verschlug es ihn jedoch in die kasachische Steppe.

Besonders gefallen hat mir die Beschreibung der Fahrt durch die Augustnacht, die alle Sinne des Lesers berührt. Danijar singt und sein Lied erweckt Saids Neigung zum Malen wieder, die in Vergessenheit geraten war, während er in der Kolchose gearbeitet hat. Liebe und Vernunft kämpfen in Dshamilja. Sturm und Regen ziehen auf. Dshamilja und Danijar verlassen das Dorf für ihre Liebe.

Übrigens: Wer mag, kann sich die Verfilmung aus dem Jahr 1969 ansehen.

(c) valentino 2014

Tschingis Aitmatow: Dshamilja, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1988, 122 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek