Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 16. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Obwohl mir bewusst gewesen war, dass es bereits vielfältige Kontakte gegeben hatte, erschien mir die Lebensweise der Mam relativ ursprünglich. Gleichzeitig glaubte ich schon den tiefen Umbruch erkannt zu haben, der sich in ihrer Gesellschaft abzeichnete: Es schien bloß noch eine Frage der Zeit, dass es im Haus Elektrizität gebe und die Straße nach Huehue komplett asphaltiert sein würde. Ihre Lebensweise würde sich womöglich schneller an die unsrige westlich-industrielle angenähert haben, als man es sich gewünscht hätte – von den Auswirkungen des bevorstehenden Massentourismus ganz zu schweigen.

Emiliana sagte, als Nachspeise gebe es Elote, süße Klöße aus Mehl von jungem Mais. Sie ging zur Feuerstelle, um sie zu holen. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Zum Abschied gaben mir die Mendozas die Hand. Am nächsten Morgen würde ich die Familienmitglieder vermutlich nicht mehr sehen, weil mein Bus nach Xela schon um vier Uhr morgens abfahren sollte. Ich war der letzte, der ihnen nicht eine Waschmaschine gegönnt hätte, damit Paulina nicht weiterhin stundenlang in der morgendlichen Kälte am Spülstein stehen musste.

Ob sie eine bekommen haben, sollte ich allerdings nicht mehr erfahren. Ich legte mich unter die Wolldecken auf meine Pritsche und fiel prompt in einen tiefen Schlaf. In der Zeit, die seit meiner Abreise von Todos Santos vergangen war, hat sich meine Sichtweise verändert. Vielleicht aus Angst vor einer Enttäuschung würde ich nicht wieder dorthin zurückkehren. Ich habe mich oft an den Abend bei den Mendozas zu erinnern versucht. Immer wieder hat mich mein Gedächtnis getäuscht und die Ereignisse zur Gegenwart hin zurechtgebogen. Und so bleibt Narcisas Erzählung die einzige nicht verblassende Erinnerung.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Siebter Teil

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Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Der Bus rollte über eine vom Regen lehmige schmale Bergstraße. Ein Lastwagen kam aus der Gegenrichtung. Die beiden Fahrzeuge manövrierten dicht nebeneinander und stießen zusammen. Der Außenspiegel des Busses brach ab. Kurz darauf fuhr uns ein anderer Bus entgegen. Für das Ausweichmanöver benötigten die Fahrer eine halbe Stunde. Etwa auf halber Strecke überholten wir auf einer Passstraße den Bus, der in der Früh kurz vor uns in Huehue abgefahren war und eigentlich auch vor uns in Todos Santos ankommen sollte, jedoch aufgrund eines Achsenbruchs am Gebirgspass liegen geblieben war.

In Todos Santos erwartete mich bereits Sandy vom Sprachprojekt. Sandy machte mich mit Narcisa bekannt, einer Freundin der Mendozas. Bei den Mendozas sollte ich wohnen. Narcisa führte mich in einen höher gelegenen Teil des Dorfes. Auf dem Hof der Familie saß Schwiegertochter Paulina am Webrahmen. Ihr dreijähriger Sohn Eladio lief zu ihr. Narcisa stellte mich vor. Paulina begrüßte mich auf Spanisch und führte mich in ein kleines, separates Zimmer, in dem auf einer Pritsche mehrere Wolldecken lagen. Dann zeigte sie mir das aus Adobe, Lehmziegeln, gefertigte Haus der Mendozas. Es gab eine Feuerstelle mit Steinplatte, Eimer und Feuerholz. An den Wänden hingen Töpfe, Tassen und einfache Haushaltsgegenstände.

Das Dorf lag relativ abgeschieden in einer unzugänglichen Bergregion. Ende der 50er Jahre wurde es ans Straßennetz angebunden: Durch den Bau einer Abzweigung von der Hochlandstraße durch den Höhenzug Los Cuchumatánes. Bei meiner Ankunft war ein Teilstück der Passstraße asphaltiert. Die Dorfbewohner bewirtschafteten ihre Felder, die zwischen zahlreichen schmalen Bergtälern lagen. Neben Mais wurden auch Kartoffeln, Brokkoli und Kaffee angebaut. Der alljährliche Zyklus der Landwirtschaft bestimmte den Lebensrhythmus der Dorfbewohner, bis ein Bürgerkrieg Anfang der 80er Jahre Gewalt ins Dorf brachte.

(c) valentino 2016

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