Wasserrohrbruch

belmonte

Wasserrohrbruch

In meinem Haus gab es einen Wasserrohrbruch
Zuerst ging mir das Wasser nur bis an die Knöchel
Dann stieg es bis über die Knie

Ich sah alle meine handschriftlichen Texte der vergangenen zwanzig Jahre durch das Zimmer schwimmen

Auf einmal wurde die Zimmertür geöffnet und alle Zettel wurden durch die Tür gesogen und davon gespült

Das Wasser stieg noch weiter
Zuletzt wurde auch ich davon gespült
Und wachte nie mehr davon auf

(c) belmonte 2021

Tag und Nacht

Trommwald

Foto: Klaus Kirchner

Marta Rose

Tag und Nacht

Tag, warum fürchtest du die Nacht
Nacht, warum fürchtest du den Tag
gebt euch in der Dämmerung
die Hand
für einen Moment
bangt nicht
da wo Märchenwesen sind
im Nebel
da wo sie tanzen
müsst ihr
euch nicht fürchten
der Tag nicht vor der Nacht
und die Nacht nicht vor dem Tag
im Zwischenraum
seid ihr sicher
auf der Brücke
zwischen
Wirklichkeit und Traum.

(c) Marta Rose 2014

Siehe auch http://wortundwasser.wordpress.com

ORTE KRIEGEN NASSE FÜSSE | TEIL 8 VON 24

valentino

Zeichnung: Aurelio, 20 Jahre

Zeichnung: Aurelio, 20 Jahre

IM DURCHSCHNITT STIRBT EIN MIGRANT PRO UND OHNE ARBEIT ZU FINDEN MUSST DU STIEG VOR DER OPERATION GATEKEEPER GAB ICH HABE ES VERSUCHT UND SIE PACKTEN KOJOTEN ERHÖHTEN DIE PREISE FÜR DIE DER KONTROLLPOSTEN WEITER VOR DER AUCH VERURSACHTE DIE OPERATION SCHICKTEN SIE MICH WIEDER ZURÜCK NACH GRENZE DASS DIE MIGRATIONSSTRÖME DIE IM HAUS FÜR DIE MIGRANTEN UND JETZT RICHTUNG VERÄNDERT HABEN EINE WIRTSCHAFT ICH WEISS NICHTS ABER MEIN TRAUM IST EINE WESENTLICHE VERÄNDERUNG SIE ZU VERDIENEN HIER IN MEXIKO VERDIENT RESTAURANTS HOTELS DAS HEISST DIE GESAMTE SEITE ZU GEHEN ZU ARBEITEN UM ZU ABHÄNGIG IST BEVOR SIE IN DIE USA ZU SEIN MEIN HAUS BAUEN UND ABNAHME DER ZAHL VON MIGRANTEN AUF NUN ICH KENNE ES NICHT ALSO WIE DAS AUSMASS DER KORRUPTION DER MEXIKANISCHEN BEHÖRDEN HUNDERT PROZENT DIALEKT SPRECHEN UND DEN BEHÖRDEN GELD GEBEN DAMIT SIE IHRE ICH AUFWUCHS SPANISCH WAR ETWAS DAS ZWISCHEN NEUN UND ZWANZIG EINUNDZWANZIG LEUTE DIE SPANISCH SPRACHEN WAREN JUGENDLICHER ZUM BEISPIEL DEMJENIGEN KAMEN ODER DIE EIN ZIEMLICH HOHES EINEM ZIMMER DAS ICH GEMIETET HATTE SEHR SELTEN WIR SPRECHEN ETWA VON FÜNF VEREINIGTEN STAATEN AUFZUBRECHEN SIE PROZENT SPRACH MIXTEKISCH DAMALS WERDEN IN DIE VEREINIGTEN STAATEN WEISS NICHT OB DU DIE KINDER GESEHEN ZWISCHEN DEN VEREINIGTEN STAATEN UND ICH WEISS NICHT OB DU SIE GESEHEN HAST EINIGEN BÄUMEN ICH BEZAHLTE DEN JUNGEN ALSO STELL DIR VOR SO WAR ICH PRAKTISCH EINZELNEN MANCHMAL ACHT KOMMT DARAUF AUCH DIE KLEIDUNG NORMALERWEISE WAR DAS WAS UM SIE MIT DEM LASTWAGEN ICH SANDALEN ZU TRAGEN MIT ACHT ODER DEN FAHRER DER AM STEUER SASS AUCH DER REGEL GEFIEL ES MEINEM VATER NICHT SECHSHUNDERT DOLLAR FÜR DIE FAHRT VON SAN WIR WAREN ES NICHT GEWOHNT SIE ZU

(c) valentino 2014

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | dritte kanzone | 1

belmonte

dritte kanzone

1

in dunklin hatte ich einen traum
der legte sich auf mich wie weiches haar
ich fühlte meine schwere kaum
als ich ein engelin niederfahren sah
und innehalten über mir
ich wüsste nur wie sie mich fand
und führte mich im traumland
wo ich mich nahe setzte ganz zu îr
hin unter einem lebensbaum
das war der weg den sie mir aufgespart
und alles was aus îrem arm geschah
war himmel der sich auftat

(c) belmonte 2012

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Rauschen IV

valentino

Illustration: Valentino

Der rechte Vorderreifen verfing sich in einer tiefen Furche, eine Spur, die womöglich ein anderes Gefährt zuvor hinterlassen hatte. Fast riss es den Wagen vom Damm in eine der beiden Schluchten, die sich rechts und links der schmalen Piste auftäten.

Ein Ruck ging durch die Insassen hindurch, würde sie hart gegen einander schütteln, die neben Denise sitzende Frau mit Wucht gegen die hintere Innentür. Sie hielt sich ihren linken Ellenbogen. „Ein Vogel“, würde trocken der Fahrer sagen, „hat sich genau in die Spur gesetzt.“

Die Sonne versänke im Meer. Sie wäre untergegangen, eben noch sich von orangerot zu rot verfärbend, ohne ein Platschen, in die spiegelglatte See gefallen.

Zu schnell, dachte Ralph.

Er lag auf seinem Bett, als er aus dem Traum erwachte. Durch das offene Fenster strömte schwüle, feuchte Luft ins Innere. Lediglich der gleichförmig brummende Ventilator verteilte eine kühle Brise.

Am Kopfende des Bettes lag, neben einem leeren Wasserglas, ein aufgerissenes, innen silbrig glänzend, außen mit Alka-Seltzer beschriftetes, kleines Aluminiumpapier.

Ralph legte seinen Unterarm auf die schweißbedeckte Stirn. Er versuchte sich an gestern zu erinnern. Minutenlang, doch nichts war da. Er stand auf, das Brummen, war es der Ventilator oder der Kopf, bückte sich nach dem Silberpapier, hob es mitsamt dem leeren Wasserglas auf, stellte das Glas auf dem kleinen Holztischchen ab und warf das Papier in den Korb.

(c) valentino 2012

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Link zum fünften Teil „Rauschen“

Rauschen III

valentino

Illustration: Valentino

Draußen vor Ralphs Fenster fegte ein Regenschauer unter träge lastenden, grauen Wolkentürmen hinweg über das Meer, auf dessen Oberfläche warme Tropfen prasselten.

Ralph träumte.

Ein Jeep hätte an einer Station gehalten, der einzigen weit und breit. Ein Pärchen käme aus einem kleinen Laden. Die Frau trüge ein Bündel.

Eine auf der Rückbank des Wagens sitzende Frau würde zum Fahrer sagen, Denisa hätte geträumt, die Straße wäre im Wasser geendet. Es wäre Sommer gewesen. Wir wären durch den Wald gefahren, der sich gelichtet und den Blick über das Ufer auf das Wasser freigegeben hätte. Dann wäre das Meer überall um uns herum gewesen und eine milde Brise hätte geweht. Wir wären das Ufer des Dammes hinabgestiegen und durch das Wasser gewatet, das uns bis zu den Knöcheln gestanden hätte.

Der Fahrer, ein Mitte-Dreißiger, würde die schlanke Frau beobachten, als sie neben dem Mann gerade auf Höhe der Zapfsäule ging. Das Bündel, sie trüge es wie ihr Baby. Nackte Arme umsäumten die ärmellose Bluse.

Das Pärchen stiege in den Jeep. Der Mann nähme auf dem Beifahrersitz Platz, Denisa mit dem Bündel hinten neben der anderen Frau. Kurz darauf würde sich das Fahrzeug in Bewegung setzen. Die Sonne stünde tief, würde auf und ab hüpfen, rot glühend im inneren Rückspiegel des Jeeps, als dieser über die buckelige, schlammige Piste raste.

(c) valentino 2012

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Link zum vierten Teil „Rauschen“

Rauschen I

valentino

Illustration: Valentino

Ralph träumte.

Er stiege in einen Bus, griff nach einer von der Fahrzeugdecke baumelnden Schlaufe, führe mit dem Bus entlang einer staubigen Straße. Häuser beidseitig. Ralph träumte, durch Fensterritzen eindringender Staub würde seine Kehle von innen kitzeln.

Das Kitzeln löste bei Ralph einen Hustenreiz aus, der ihn weckte, was eigentlich dem Radio vorbehalten war (mit Musik). Nun rang Ralph damit, das Geschehen einzufangen, das ihm der Traum erzählt hatte, es hinüberzuretten in den Wachzustand. Er drehte sich auf die Seite. Eine kakophone Stimme aus dem Radio kündigte Nachrichten an.

Die erste Meldung: Er hatte sie schon vergessen. Ralph lag bäuchlings. Er streckte ruckartig den Arm aus, stieß dabei mit dem Ellenbogen gegen die hölzerne Platte des kleinen Nachttisches. Er legte einen Schalter am Radio auf die Position off um, die Stimme brach ab.

Ralph erinnerte sich an die Bilder, die der Traum in seinen Kopf gezeichnet hatte. Einige Sekunden bloß die Bilder einfangen, dachte er.

Doch schon waren sie fort.

(c) valentino 2012

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Link zum zweiten Teil „Rauschen“

Durch Sonnenstrahlen hervorgerufene Imaginationen (Gedanken zu Proust)

valentino

„Marcel“, Valentino, 2010, Holzschnitt

„Marcel“, Valentino, 2010, Holzschnitt

Ich sitze in meinem Lesesessel. Die Sonne scheint durchs Fenster. Wie selten das vorkommt in dieser Jahreszeit, denke ich. Ihre Strahlen inspirieren meine Imaginationen. Im Grenzgebiet zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt für einen Augenblick meine Seele an einen anderen, fernen Ort. Vielleicht ist es ein Ort, an dem ich mal gewesen bin, oder an dem ich irgendwann mal sein werde. Jetzt ist der Moment, denke ich, in dem ich die Zukunft formen kann, und zugleich das, was bald schon starre Vergangenheit sein wird. Es klingt möglicherweise abgedroschen, und es ist wohl in den einschlägigen Literaturblogs bereits oft genug geschrieben worden (was ich erst noch herausfinden muss, da ich gerade erst begonnen habe mit dem Bloggen), nachdem ich Proust gelesen habe, hat sich meine Persönlichkeit verändert. Das liegt vor allem an den vielschichtigen Gedankengebilden, die dem Leser einen ständigen Wechsel der Sichtweisen ermöglichen. Es gibt keine Antworten, kein richtig oder falsch, nur die Möglichkeit, seine Wahrnehmung beständig zu erweitern. Was ist Wirklichkeit, was Einbildung? Meine Vorstellungen schwanken zwischen Fernweh und Jugendträumen. Wie viel Zeit seitdem verloren gegangen ist. Ich müsste es schaffen sie wieder zu finden, wie Marcel Proust es schaffte, sie einzuschließen in einen Roman. Doch, denke ich, gibt es keinen zweiten, der, wie Proust es vermocht hat, dieses Unterfangen in die Tat umzusetzen.

(c) valentino 2012