Unterwegs zu Cecilia | Sechster Teil

valentino

Illustration: Valentino

Weil wir unterwegs aufgrund der zahlreichen Militärrevisionen und des Reifenwechsels in der Sonora-Wüste Zeit verloren hatten, erreichten wir Tijuana nicht wie geplant spät abends, sondern erst am frühen Morgen des Folgetags. In der Wartehalle des zentralen Busbahnhofs standen die Leute an den Ticketschaltern, kauften in Kiosken ein oder gingen zu den Bussteigen. Ich verließ die Halle und ging zum nahegelegenen lokalen Busbahnhof.

Von dort nahm ich den nächsten Bus ins schachbrettartig angelegte Stadtzentrum und stieg dort am Straßenrand an einem hohen Bordstein aus. Ich lief die Straße mit Läden, Bars und Restaurants hinunter. Der Rucksack lastete auf meinen Schultern. Kurz vor Mittag überquerte ich eine Kreuzung und erreichte das Hotel Montebello. Ich trat durch die Tür und schritt über eine knarrende Diele in die Eingangshalle.

Der Hotelier, ein Mann mit Halbglatze, begrüßte mich an der Rezeption und gab mir den Zimmerschlüssel. Daraufhin führte er mich über eine Treppe in den ersten Stock. Ich öffnete die Tür und wir betraten das Zimmer. Ein Dealer saß auf dem Bett. Als er mich sah, stand er auf und bot mir Stoff an. Mit einer reflexartigen Geste scheuchte ihn der Hotelier hinaus.

(c) valentino 2020

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Pakal beobachtete den aufgehenden Morgenstern von seinem Palast aus. Er fragte sich, wie oft er ihn noch sehen würde, wie viele Opfer er dem Federschlange-Gott noch darbringen müsse. Er war der legitime Herrscher über sein Volk. In einem einzigartigen Ritual hatte er sich eine Dornenschnur durch die Zunge gezogen: Das Blut tränkte Papierstreifen in einem Korb. Der Priester hatte anschließend das Papier zusammen mit Kopalharz verbrannt. Nachdem die Götter den aufsteigenden Rauch eingeatmet hatten, wurde Pakals Urahn aus der Unterwelt aus dem Rachen der Federschlange heraufbeschworen.

Wie sollte Pakal über die erlittene Schmach hinwegkommen, als man seinen Sohn, den Thronfolger, entführt und geopfert hatte? Er blickte von der Plattform des Palasts hinüber zu den beiden Pinien am anderen Ende des Platzes. Dort stand der Holzpfahl, an den er die Frau hatte fesseln lassen. Er hatte sie auf seinem letzten Raubzug zusammen mit sechs Adligen gefangen genommen. Kurz darauf hatte der Jaguarpriester ihm das Bohnenorakel gelegt, das ihm den nahen Tod durch Krankheit verhieß. Der Herrscher stieg die Treppe hinab. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen am Horizont über die Baumwipfel.

Narcisa rückte mit ihrem Stuhl näher an den Holztisch. Sie hatte beim Erzählen das Essen vergessen. Es lag noch auf dem Teller. Die Nacht war hereingebrochen. Die Kälte kroch von draußen durch die Türritzen ins Adobe-Haus. Emiliana saß in einer Ecke des Hauses und briet Tortillas auf der Steinplatte über dem Holzofen. Paulina hatte gerade Eladio zu Bett gebracht, als die älteren Kinder unbedingt noch weiter zuhören wollten. Narcisa wickelte einen noch warmen Tamal aus den Maisblättern und zerteilte ihn.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Cecilias Haus lag am Rande einer Siedlung. Im Garten wuchsen Früchte und Nüsse. Nachdem sie Blätter und Zweige der Indigopflanze in einem Tongefäß mit Wasser und gelöschtem Kalk eingeweicht hatte, entfernte sie grobe Pflanzenteile, indem sie die Flüssigkeit durch einen Filter in ein anderes Gefäß goss. Die restlichen festen Teilchen schwemmte sie hierin auf. Danach rührte und belüftete sie den Sud, bis dieser eine blaue Farbe angenommen hatte.

Nach dem Trocknen zerrieb sie das Indigopigment und ein filziges weißes Tonmineral mit der Handwalze auf dem Mahlstein und erhitzte alles zusammen mit dem Harz des Kopalbaums in einem Topf über dem Feuer. Die Nachmittagssonne schien von einem teils wolkenbedeckten Himmel. Cecilia hatte vergessen, wann und weshalb sie an den Ort gekommen war, an dem sie sich jetzt befand. Paläste und Tempel aus Kalkstein standen auf mehreren Hügeln in der Umgebung. Am anderen Ende der Siedlung fußten weitere Tempelgebäude auf einer Anhöhe. Hinter den Bauwerken fiel das Flussufer steil ab.

Cecilia trat aus dem Schatten eines Baumes und überquerte einen Platz. Sie stieg mit der mit Farbe gefüllten Dreifußschale aus Ton in der Hand die Steinstufen der Treppe hinauf, streifte den Vorhang beiseite und betrat einen kühlen Raum. Vor ihr breitete sich ein noch unfertiges Fresko aus, das über die gesamte Wandbreite konzipiert war: Vor einem türkisfarbenen Hintergrund blies ein Musiker eine Trompete. Um den sitzenden Maisgott tanzte der Windgott – eine menschliche Figur mit tierhafter Schnauze, krebsartigen Greifarmen und einem Tentakel als Bein. Cecilia übergab die Farbschale dem Künstler. Dieser stellte sie wortlos auf dem Steinboden ab und setzte, nachdem Cecilia den Raum wieder verlassen hatte, sein Werk fort.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Dritter Teil

valentino

Iximché

Illustration: Valentino

Im Tageslicht wirkte die Stadt trotz des regen Verkehrs weniger hektisch als am Vorabend. Mit dem Fahrrad erreichte ich über einige Steigungen Antigua, die einstige Landeshauptstadt, die ein Erdbeben 1773 fast vollständig zerstört hatte. Der beschauliche Ort mit Kirchenruinen und dem farbenfrohen Markt lag am Fuß des „Volcán de Agua“. Aufgrund des milden Klimas beschloss ich zu bleiben und bezog ein Zimmer in der Herberge „La Quinta“.

Auf Antiguas Busbahnhof rangierten tags darauf bunt bemalte, klapprige Busse, über deren Frontscheiben in farbigen Lettern Zielorte wie „Panajachel“ oder „Río Dulce“ standen. Ich blickte zurück über die Alameda de Santa Lucía und konnte den Vulkan am anderen Ende der Straße sehen. Mein Weg führte durch Dörfer mit Hütten am Straßenrand, die einen Kontrast zu Antiguas Kolonialbauten bildeten. Nach einem Anstieg passierte ich eine umzäunte Halde, auf der Müll brannte und zwischen aufsteigendem Rauch Hunde streunten und Geier herumlungerten. Hinter Chimaltenango ging es durch bewaldetes Vorgebirge.

Nachmittags kehrte ich in Tecpán in einem Hotel ein. Vorbei an Kohl- und Maisfeldern fuhr ich zu der Maya-Kultstätte Iximché. Eine runde Steinplattform auf einem Platz diente einst als Opferaltar: Priesterfürsten schnitten dort mit Obsidianklingen ihren Gefangenen die Herzen heraus. Zurück im Hotel duschte ich und ging mit etwas Fieber früh zu Bett. Mitten in der Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Am Vorabend hatte ich mein Fahrrad am Tresen der Rezeption stehen gelassen. Ich lief die Treppe hinunter, um nachzusehen. Als ich im Untergeschoss ankam, leuchtete mir der Hotelier mit seiner Taschenlampe entgegen. Mein Rad stand noch an derselben Stelle. Nach kurzem Wortwechsel ging ich wieder auf mein Zimmer.

(c) valentino 2016

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