„… was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch.“ – Ein Gespräch mit Clemens Bellut über seinen Buchladen „artes liberales“ in der Heidelberger Altstadt | Teil 2 von 2

2. November 2013 § 5 Kommentare

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Kürzlich ist die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen, und überall ist zu lesen, dass die großen Buchhandelsketten, zum Beispiel Thalia, langsam ihren Markt verlieren und dass das die Chance für kleine Buchhandlungen ist, für kleine Buchläden. Was machst du, um deine Kunden an dich zu binden? Und eine ganz banale und oft gestellte Fragen, ich möchte sie trotzdem stellen: Warum soll man überhaupt noch in einen Buchladen gehen?

Clemens Bellut:
Also von hinten her gesagt, ganz wichtig, man soll überhaupt nicht. Ich habe überhaupt an niemanden die Forderung, in einen Buchladen zu gehen. Ich bin seit den Anfangszeiten der digitalen Welt selbst auch ein sehr früher Nutzer von allen möglichen digitalen Geräten und Zugänglichkeiten gewesen und bin es bis heute, und es gibt für mich durchaus sehr sinnvolle Verwendungen. Ich war sehr froh, als die Editionen der digitalen Bibliothek herausgekommen sind, womit man wunderbar recherchieren kann. Aber meine Vermutung war wie bei vielen Dingen in meinem Leben – ich bin heute 57 Jahre alt, da ist es nicht ganz selbstverständlich, diesen Blick so zu nehmen – dass ich mit den Bedürfnissen und Anliegen, die ich habe und mit denen ich mich noch so sehr als Zeitgenosse fühle, kaum ganz alleine stehen kann. So geht es für mich nicht darum, jemanden dazu zu bringen, in einen Buchladen zu gehen, sondern denjenigen, die wie ich diese Bedürfnisse haben, eine Möglichkeit dazu zu bieten und sich in dieser Möglichkeit auch miteinander zu verbinden. Und darum sehe ich auch diesen Buchladen weder in Konkurrenz zu einem Internethandel mit Büchern noch in Konkurrenz zu digitalen Neuprodukten wie eBooks und dergleichen. Und vielleicht sind diejenigen, auf die ich am ehesten mit einer gewissen Häme schaue, diese Buchhandelsketten wie Thalia oder Weltbild oder Jokers, die sicher auch alle irgendeine Art von Berechtigung gefunden haben, aber die das um den Preis getan haben, dass sie kleine Buchläden kaputt gemacht haben. Und heute liest man ja gelegentlich davon, dass in verschiedenen Städten in Deutschland wieder kleine Buchläden entstehen, mit allen Schwierigkeiten und Unebenheiten, und zur gleichen Zeit diese Filialgeschäfte Flächen stilllegen müssen. Das, muss ich gestehen, schaue ich mir mit einem gewissen Vergnügen an, diese sozusagen gegenphasige Entwicklung. Mich erinnert das immer ein bisschen an die Entwicklung mit den Tonträgern, dass man zu Zeiten, als die CDs aufgekommen sind, gesagt hat, das sei das Ende der Schallplatte. Und es hat nicht sehr lange gedauert und war durchaus auch vorhersehbar, dass Schallplatten irgendwann zu einem Liebhaberobjekt geworden sind und dass es auch wieder Plattenläden gegeben hat und kleine Firmen, die Schallplatten produzieren. Und so etwas ähnliches, denke ich mir, wird es auch mit dem Buch geben. Nicht von ungefähr gibt es speziell hier in Heidelberg diesen Arbeitsschwerpunkt „Editionswissenschaften“ bei Roland Reuß bei den Germanisten, die beschäftigen sich sehr genau und akribisch-philologisch und setzerisch und buchgestalterisch damit, wie mit den Möglichkeiten der heutigen Technik und heutigen Verfahren Bücher als das gemacht werden können, was sie im besten Fall sein können, nämlich nicht einfach nur bedruckte Seiten Papier sondern etwas, was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch. Und das ist unter anderem auch ein Auswahlkriterium hier. Natürlich gibt es durchaus auch einige Bücher hier, die im Book-on-Demand-Verfahren hergestellt wurden oder schlecht gemachte Taschenbücher sind, einfach weil sie im Zweifelsfall die einzigen Ausgaben sind, die ich dazu bekommen konnte. Die Wichtigkeit von Titeln, die ich hier haben wollte, zeigt sich auch darin, dass, wenn ich sie nicht bekomme kann, ich sie dann auch antiquarisch besorge, weil ich sie hier für den Laden haben möchte. Und das finde ich noch immer eine sehr wichtige Entscheidung, es sollte kein Antiquariat sein, darum stehen die antiquarischen Bücher auch nicht separat, sondern haben einen kleinen orangefarbenen Punkt, der das signalisiert, und man muss sie tatsächlich suchen, so wenige sind es, und so finde ich das eigentlich eine ziemlich gut gelungene Angelegenheit. Ein weiteres Kriterium war zum Beispiel, um noch mal an der vorigen Frage anzuschließen, dass ich in allererster Linie Werkschriften ausstellen wollte und nicht so sehr die Sekundär- und Tertiärliteratur zu bestimmten Themen, nicht weil ich sie für unsinnig halte, sondern weil ich es erst einmal wichtiger finde, wieder die Schriftquellen präsent zu halten und deutlich zu machen und auch das Augenmerk auf Schriftquellen zu richten, die uns heute nicht ganz selbstverständlich im Blick sind wie zum Beispiel die Schriften der arabischen Philosophen in der europäischen Frühzeit. Und da gibt es eben Verlage, die das wunderbar machen, sogar in zweisprachigen Ausgaben, dafür bin ich ein begeisterter Beschaffer. Und es gibt ja auch viele Interessenten dafür, die dieses Interesse teilen. Dann hast Du eben gefragt, wie ich denn die Kunden hier zu dem Laden hinbringe oder sie an denselben binde.

Schaufenster artes liberales / Foto: Clemens Bellut

Schaufenster artes liberales / Foto: Clemens Bellut

Das bringt mich genau zu der nächsten Frage. Wir haben ja schon vorhin über den Kornmarkt gesprochen und wie sich hier ein bisschen die Atmosphäre geändert hat, auch durch die angrenzenden Häuser. Was ich nämlich ganz schön finde, dass man auch ein Buch aus dem Regal herausnehmen und dich fragen kann, ob man damit in das angrenzende Café gehen könnte, um es mal probezulesen. Ist das deine Art, wie man sich hier auch ganz praktisch mit der Umgebung vernetzen kann?

Unbedingt. Das war natürlich erstmal ein Geschenk der Situation, die ich so nicht konstruiert habe. Aber da hier nebenan so ein charmantes Café entstanden ist, war dann schnell die Idee da, mir vorzustellen, wenn es schon zwei getrennte Geschäfte sind – es hätte für mich durchaus ein gemeinsames Geschäft sein können –, dann so, dass jemand, der in den Laden kommt, ein Buch ins Café nebenan mitnehmen oder umgekehrt hier im Laden in angenehmer Ruhe sitzen und sich vom Café nebenan die Dinge ordern kann, die er gerne jetzt beim Durchschauen der Bücher haben möchte. Und da das so völlig problemlos geht mit dem Café, selbst mit dem Friseursalon, wo dann gelegentlich Leute kommen und fragen, ob sie sich ein bestimmtes Buch während der Trockenhaube oder so anschauen dürften, ist das durchaus ganz in meinem Sinne. Und in einer gewissen Scherzhaftigkeit, wenn ich in Facebook von diesen drei Geschäften spreche, dann nenne ich uns immer die drei Kopfarbeiter vom Kornmarkt. Und eine wichtige Sache zum Stichwort „Kunden“, dabei richten sich mir immer ein paar kleine Nackenhärchen auf, darum spreche ich viel lieber von Besuchern des Buchladens. Das hat selbst auch eine Unebenheit, weil es natürlich in dieser Diktion verdeckt, dass ich sehr wohl wirtschaftliche Interessen mit dem Buchladen habe, und insofern sind die Besucher des Buchladens auch meine Kunden. Aber derjenige, der hier hereinkommt, ist für mich nicht in allererster Linie derjenige, der die Bewirtschaftung dieses Ladens und meiner finanziellen Existenz ermöglicht, sondern eher jemand, der gewisse Anliegen womöglich mit mir teilt oder auch mit mir darin strittig ist, aber es auf dieser Ebene zu einer Beziehung kommt, die mir viel wichtiger ist, als mir zu überlegen, wie ich welche Bücher hier in welchen Umlaufzeiten so platzieren kann, dass sie möglichst großen Ertrag abwerfen. Der Berater des Barsortimentes, der mich sehr freundlich hier begleitet, hat solche Dinge natürlich als allererstes im Sinn und rät mir dazu, diesen Titel rauszunehmen und jenen reinzunehmen, um dann diese Umlauffristen zu verkürzen, aber das sind Dinge, die mich nicht interessieren. Ich habe gleich gesagt, alles was hier bei mir in den Regalen steht, gerade weil es so wenig ist, ist in allererster Linie etwas, was ich wirklich so als Bestand hier haben möchte und was auch, wenn es verkauft ist, gleich wieder nachbestellt wird. Und wenn Bücher auch zwei oder fünf Jahre lang nicht verkauft werden, werde ich sie nicht deswegen aus dem Programm nehmen. Gestern zum Beispiel war jemand hier, ein junger Mann, sagen wir mal von Anfang dreißig, der dann gerade so einen Kepler, die Harmonia Mundi, zur Hand genommen und eine halbe Stunde darin gelesen hat, und dann, quasi noch abstruser, das Corpus Hermeticum, was hier im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften herausgegeben worden ist, aus dem Regal genommen hat. Und es war mir klar, dass dieser junge Mann diese Bücher gar nicht kaufen würde oder gar nicht kaufen könnte, aber es war eine Riesenfreude zu sehen, dass sich überhaupt jemand für diese Bücher interessiert. Das ist mir erstmal wichtiger. Und die Frage für mich ist natürlich die – das ist ja kein Hobby hier sondern durchaus meine geistige und wirtschaftliche Existenz –, dass ich dabei eigentlich nur das Ziel verfolge selbst zu sehen, ob man mit dieser Art, einen Buchladen zu machen, tatsächlich auch seine eigenen wirtschaftlichen Grundlagen erwirtschaften kann oder nicht. Und wenn nicht, dann werde ich sicher auch zu der einen oder anderen moderaten Veränderung bereit sein oder Überlegungen dazu anstellen, aber auf keinen Fall das Konzept umwerfen. Denn es geht für mich nicht darum, überhaupt einen Buchladen zu machen oder überhaupt als Kaufmann tätig zu sein, sondern eigentlich geht es mir um dieses Verhältnis zu den Büchern und zu dieser Art von Wissenschaft und Disziplin und vielleicht einer gewissen philosophischen Orientierung, für die ich mir erstmal sozusagen die Probe aufs Exempel einräume, nämlich zu sehen, ob sich das auch wirtschaftlich tragen kann.

artes liberales Kolloquium / Foto: Clemens Bellut

artes liberales Kolloquium / Foto: Clemens Bellut

Vor kurzem hast du hier auch eine regelmäßige Werkstattrunde ins Leben gerufen, die alle zwei Wochen abendlich stattfindet. Du lädst die Leute über einen E-Mail-Verteiler direkt ein. Es geht um philosophische und philologische Themen, was sich dann auch ein bisschen erweitern lässt. Kannst du ein wenig zum Hintergrund dieser Werkstattserie, zu diesen Kolloquien sagen, an denen ich zwar selber teilgenommen habe, aber es noch mal von dir hören möchte.

Im Prinzip ist das ja das primäre Hauptanliegen gewesen, solche Versuche zu machen, wie man bei meinem eigenen Bedauern über die Entwicklung von Universität heute womöglich eine Praxisform entwickeln könnte, die jetzt nicht dazu in Konkurrenz tritt, sondern einfach in einem sehr kleinen Rahmen zeigt, dass etwas, was viele für unmöglich halten, sehr wohl möglich und vielleicht sogar heute im wörtlichen Sinne notwendig ist und wofür doch bei uns heute nach meiner Wahrnehmung – die ist sicher auch sehr beschränkt – relativ wenig Raum geschaffen wird, ich meine institutioneller Raum. Es gibt natürlich viele private und informelle Räume dafür, und auch dieses Kolloquium, das ich hier veranstalte, ist ja halb informell, halb privat, soll aber trotzdem im Prinzip erstmal für alle zugänglich sein, was bei zwanzig Quadratmetern viel gesagt ist. Aber ich habe nur zwei Grundvoraussetzungen gestellt, ich erwarte keine Vorlegung von Zeugnissen, von Diplomen, sage dazu umgekehrt auch, es gibt keine Zertifikate und gar nichts dafür, man hat eigentlich nichts davon auf der institutionellen Seite. Die beiden Voraussetzungen sind (a), dass man das Risiko auf sich nimmt, herzukommen und keinen Zugang mehr zu finden, weil es zu voll ist, und (b), dass jeder, der daran teilnimmt, in dieser von mir so angestrebten sehr ernsthaften Art an bestimmten Fragestellungen zu arbeiten, das so tut, dass jeweils einer in einer knappen Zeit von 15 bis höchstens 25 Minuten eine Arbeitssituation, in der er gerade steckt, als Forscher und Wissenschaftler, als Dozent oder auch als Doktorand hier vorstellt, und zwar gerade an der Stelle, an dem es für ihn oder für sie selbst ein neuralgischer Punkt ist und an dem er gerade quasi nicht weiterkommt und das Bedürfnis hat, in einen nicht vorgeprägten Austausch zu treten. Und die Voraussetzung neben dem Hierplatzfinden ist die, dass jeder, der hier hereinkommt, sich vorstellen kann, auch selbst einmal der aktive Part in dieser Runde zu sein. Wie lange das jetzt in dieser Form sich tragen und so funktionieren wird, weiß ich nicht, aber die ersten vier Sitzungen, die wir gemacht haben, waren aus meiner Sicht sehr bestätigend für diese Grundidee, und interessanterweise sind einige junge Leute dabei, die mich hinterher angesprochen und gesagt haben, es wäre so merkwürdig für sie, weil sie sich selbst eine Zeitlang immer wieder untereinander darüber besprochen hätten, dass sie eigentlich so etwas dieser Art immer hätten machen wollen, und sich dann doch überrascht finden dabei, auf meine Initiative hin genau das mit großer Begeisterung zu tun und darin eine Erfahrung zu machen, die sie in ihren Hochschulseminaren so nicht machen würden, dass der Austausch viel lebhafter, dass der Streitgeist einerseits angenehmer und freundlicher, aber auch heftiger ist. Und ich hatte früher selbst solche Erfahrung, und meine Idee ist eigentlich, das weiter auszubauen, dass auch verschiedene Arten von Veranstaltungen entstehen werden, durchaus auch Publikumsveranstaltungen. Das wird jetzt am Ende des Monats starten mit kleinen Vorträgen und Lesungen auch von Gästen, die nicht hier aus Heidelberg kommen. Und mein Wunsch ist, dass sich das disziplinär noch ein bisschen ausweitet und nicht nur Philologen und Philosophen kommen, sondern, wie derzeit ja auch schon von den Teilnehmern gegeben, Historiker, Kunstwissenschaftler, Theologen, aber gerne eben auch Physiker und Ökonomen zum Beispiel oder Juristen, da würde für mich dann sozusagen ein Clue daraus entstehen, der noch über das aktuelle hinaus geht. Das hängt für mich mit dem Namen zusammen, den ich dem ganzen gegeben habe. Den Laden und diese ganze Institution nenne ich „artes liberales“ (die Freien Künste), weil sie in einer gewissen Weise eine Anknüpfung sein soll an das, wie mir die Geschichte der ganz frühen Universität in Europa entgegentritt, um diese damalige Praxis der Lehre und des Forschens nicht aus nostalgischen Gründen bloß zu revitalisieren, sondern um daraus zu lernen, was vielleicht heute nicht einfach schlechthin überflüssig, sondern im Gegenteil vielleicht notwendig geworden ist.

Vielen Dank.

Artes Liberales Logo

artes liberales Logo

Das Gespräch führte Belmonte.

Adresse:
Buchladen artes liberales
Kornmarkt 8
69117 Heidelberg
http://www.artesliberales.name

(c) belmonte 2013

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Vernetzung des Literaturbetriebs – Die Gruppe 47 – Eine neue Gesamtschau von Helmut Böttiger

2. Februar 2013 § 3 Kommentare

belmonte

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47

Helmut Böttigers neue Gesamtdarstellung der Gruppe 47 ist ein, nach einem etwas holprigen Einstieg, sehr angenehm lesbares Buch über die von Hans Werner Richter ins Leben gerufene und geleitete Literaturgruppe vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit bis 1968.

Von den Anfängen der Zeitschrift „Der Ruf“ geht es über die allmähliche Übernahme der westdeutschen Literaturhoheit, die Bekämpfung des Nachkriegsrevisionismus, Tagungen in der deutschen Provinz und in Italien, Schweden und den USA, Wiederbewaffnung, Spiegel-Affäre, zahlreichen Schriftstellerauseinandersetzungen, Aufstieg Reich-Ranickis, Handkes Aufschrei der „Beschreibungsimpotenz“ („Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben.“) bis zum allmählichen und dann ganz plötzlichen Verschwinden der Gruppe vor dem Hintergrund der 68er.

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47

Nach dem vielleicht etwas schöneren Gruppe-47-Buch von Heinz Ludwig Arnold fördert Böttiger nichts grundsätzlich Neues zutage, aber der Stallgeruch der Anderschs und Eichs, Bölls, Celans, Bachmanns und Enzensbergers stimmt. Auch sind die Darstellungen in Teilen sehr nah am Geschehen. Und dass Grass schon damals ein Großmaul war, wird ebenso deutlich.

Das Buch zeigt erneut, was man von der Gruppe 47, unabhängig von der Literatur, lernen kann, nämlich die Notwendigkeit der Vernetzung, Unterstützung und gemeinsamen Interessenvertretung, und seien es so unterschiedlicher Rollen wie Schriftsteller, Verleger, Kritiker und Redakteure. (Heute kämen noch Blogger dazu.)

Was übrigens in beiden Büchern fehlt, ist eine echte Sozialgeschichte der Gruppe 47. Dabei wäre es eigentlich besonders interessant zu erfahren, wie die Schriftsteller gelebt und überlebt haben. Es wird darüber leider nirgendwo wirklich berichtet, außer vielleicht in dem schönen Kapitel über das Schriftstellerpaar Gisela Elsner und Klaus Roehler in Böttigers Buch.

Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation

Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation

Hans Werner Richter wird nachgesagt, er sei ein genialer Organisator aber miserabler Schriftsteller gewesen, der, wenn überhaupt, nur Reportagestil konnte. Ohne Richters Gesamtwerk zu kennen, empfehle ich doch mal, seinen Bericht „Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin …“ aus dem 1976 erschienenen Sammelband „Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation“ zu lesen. Es handelt sich um Richters Darstellung einer 1946 stattgefundenen Reise von Bad Pyrmont, zu Fuß über die noch durchlässige innerdeutsche Grenze in das zerstörte, vom Schwarzhandel gezeichnete Berlin, weiter nach Usedom und wieder zurück. Kahlschlagstil der unmittelbaren Nachkriegszeit:

„Wir gehen der Grenze zu. Wir fragen zwei junge Frauen, die am Wege sitzen und stricken, wo die beste Grenzübergangsstelle sei. Sie sind beide entsetzt. Sie raten uns, um Gottes willen ja nicht über die Grenze zu gehen. Die Leichen der kürzlich Erschossenen lägen noch drüben im Birkenwäldchen.“ (44)

Sie haben es dann doch geschafft, wieder in die englische Zone zu gelangen.

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Deutsche Verlags-Anstalt 2012, 480 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47, Rowohlt Verlag 2004, 160 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Hans A. Neunzig (Hg.): Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation, Eine Auswahl, Vorwort von Hans Werner Richter, Nymphenburger Verlagsanstalt 1976, 302 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

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