Eine markerschütternde Rhapsodie des Todes – belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (Buchrezension)

21. Februar 2017 § Ein Kommentar

Wir freuen uns über einen Beitrag unseres Gastautors Manuel Beck, Autor des Lyrikbands Am Ende November.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte weiß mit seinem Buch Sitte und Sittlichkeit vor allem zweierlei: zu überraschen und zu schockieren.

Überrascht wird man durch die Diskrepanz von Aufmachung und Inhalt. Der Titel des Buches lässt auf eine trockene gesellschaftshistorische Abhandlung schließen. Durch den Titelzusatz im Innenteil erfährt der Leser, dass es sich um einen „Versroman in zwölf Lektionen“ handelt; der Genrevermerk „Lyrik“ auf dem Umschlag ist dagegen leicht zu übersehen. Dieser wird zu zwei Dritteln dominiert von dem durchweg in Großbuchstaben gehaltenen Aufdruck: „GROB UND SCHLACHT MAL FEIN UND ZISELIERT WOANDERS“ [bezieht sich auf das Cover der Printausgabe, Anm. der Red.]. Eine solch kryptische Wortfolge mag die Neugier wecken, mich hat sie irritiert.

Beginnt man dennoch mit dem Lesen der ersten Lektion, wird der Zugang weiterhin erschwert durch die zunächst altertümliche, biblisch anmutende Sprache. Passenderweise ist die Rede von Himmel, Erde und Gott. Wohin die Reise gehen soll, bleibt zunächst unklar. Der Stil wandelt sich jedoch schon bald zu einer leichter zugänglichen Alltagssprache und die dritte Lektion gibt bereits einen plastischen Vorgeschmack auf das, was folgt: eine markerschütternde Rhapsodie des Todes!

Der Text ist durchweg in stakkatohaften Trochäen gehalten, welche die Wucht des verstörenden Geschehens metrisch noch verstärken. Der Ich-Erzähler selbst liefert die Begründung für die Wahl dieser festen Form: dem Geist einen Halt zu geben angesichts des haltlosen Grauens, von dem er auf Geheiß seines Herrn Zeuge werden und berichten muss – als Strafe für seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit Gottes.

Was sich nun entspinnt, ist nichts für schwache Nerven. In erbarmungslosen Sequenzen werden Krieg und Genozid geschildert, deren verstörende Deutlichkeit im krassen Gegensatz zum eingangs erwähnten Coverzitat steht. Leser und Erzähler kommen kaum zur Ruhe, werden gehetzt und getrieben, der Allmacht und Rachsucht Gottes allzeit gewahr. Dieser scheint uns die schlimmsten Verbrechen der Menschheit anklagend vor Augen zu halten und uns gleichsam mit der Fähigkeit zu Einsicht und Mitgefühl zu strafen, durch die uns jene erst bewusst werden.

Im Nachgang mag auch die schwarz rot weiße Farbgebung des Umschlags bedeutsam erscheinen und an die Reichsfarben Hitlerdeutschlands gemahnen. Zwar werden Täter und Opfer nicht konkret benannt, sind angesichts des Buchtitels und des Geschehens aber unschwer zu identifizieren.

Die Existenz seines Schöpfers zieht der Protagonist zuletzt nicht mehr in Frage, findet in ihr gar Trost im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Noch unter der Wirkung des nach Seinem Willen erlebten Wahnsinns stehend, scheint uns dies jedoch ein zweifelhafter Trost zu sein.

(c) Manuel Beck 2017

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert – Versroman in zwölf Lektionen. tolino media, München 2016, 72 S. Ursprüngliche Printausgabe erschienen bei Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB) erhältlich bei Thalia.de.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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Manuel Beck performt die Verwandlung

3. September 2016 § 3 Kommentare

Ludwigshafen, den 5. August 2016:

Manuel Beck performt die Verwandlung aus meinem Versepos Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert:

Poetry Jam Bauch, Beine, Po-etry der Heidelberger Dichtergruppe KAMINA im Ludwigshafener Hack-Museumsgarten.

Das eBook Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert ist im Juli 2016 bei tolino media erschienen:

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB)

belmontes „Sitte und Sittlichkeit“ als eBook erschienen

30. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

In eigener Sache:

Im Juli 2016 ist belmontes Versroman Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert bei tolino media als eBook erschienen:

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB)

Sitte und Sittlichkeit

Sitte und Sittlichkeit

Aus dem Nachwort von Cristina Beretta:

… Er hat Gott herausgefordert, sich ihm zu erkennen zu geben. Diese Hybris bestraft Gott, indem er ihn nach eisernem Talionsgesetz zur Erkenntnis von Gut und Böse verdammt, allerdings mit einer einschränkenden Klausel: Der geistgewordene Mensch darf Gott durch dessen Werk – die Welt – erkennen, in das Weltgeschehen darf er indes nicht eingreifen, denn er soll nur Zeugnis ablegen. Der Sündenfall kollidiert mit der Geburt des geschriebenen Wortes.

Der geistgewordene Mensch sieht und berichtet von Erschießung, Ermordung und Vernichtung. Unergründliche, grundlose Gewalt. Eine vertraute condition humaine unseres beginnenden 21. Jahrhunderts: Der homo observans mit Fernbedienung und Maus in der Hand erfährt zeitgleich, was in der Welt geschieht, und ist in Sekundenschnelle informiert, zuweilen sogar besser als die Involvierten selbst. Er ist überzeugt, dass er wissen muss. Wissen ist Macht und die Erkenntnis geht der Handlung voraus – dies besagt die abendländische sokratische Tradition. Der moderne Mensch erlebt durch Zuschauen. Die Authentizität ergibt sich aus der Zuschauerperspektive eines Außenstehenden mit einer Videokamera in der Hand.

Der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit sieht jedoch mehr als den Tanzplatz des Todes. Eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen offenbart sich ihm als Simultaneität von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Anders als in Dantes Divina Commedia sind diese Sphären hier nicht hierarchisch geordnet, von Wächtern streng bewacht und strikt getrennt. Die Schönheit der Natur, das beschauliche Landleben, die Fähigkeit der Menschen zur uneigennützigen Liebe sind Inseln des Guten. Oder sind sie etwa das notwendige Substrat des Bösen? Dieser Gleichzeitigkeit ist mit der Idylle und zugleich einer Ästhetik des Schreckens nachzukommen. …

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | elfter gesang | 301 bis 304

27. Februar 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

elfter gesang

… du bist nicht erster semael nur ein blinder
gott vor dir war noch der erste mensch der aber

301 aus dem glanz des lichtes gemacht war und keinen
fehler hat er ist das unsterbliche kind
der vollkommene also schrie în die weisheit
an und als konnte sie darüber nur weinen

302 und îren bitteren schmerz nicht überwinden
beging sie îren zweiten fehler durchreiste
die sphären und ließ einen tropfen des lichtes
aus dem strahlenden glanz îres bildes in

303 das schattenmeer fallen der tropfen warf kreise
darin aber spiegelt sich das angesicht
des ersten menschen wider und aus der tiefe
leuchtet das wasser auf unheimliche weise

304 wo sich das licht an der oberfläche bricht
und eben noch die dämmernden schatten schliefen
bis das spiegelbild zu înen niedersinkt
jaldabaoth sieht es und vergisst es nicht

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | elfter gesang | 297 bis 300

20. Februar 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

elfter gesang

… jaldabaoth aber sammelte sich in
der dunkelheit gab sich einen thron und richtete

297 sich auf über die welt um sich selbst zu küren
als erster herrscher die welt war zu beginn
noch leer er machte zwölf archonten und war
îr könig die zwölf aber nannten în îren

298 gott und er setzte sie um sie festzubinden
über zwölf sphären und als er sie dort sah
wie sie starr über den sphären hockten gab
er înen sieben mächte das aber sind

299 die sieben tore durch die die lichter fahren
und gab înen zuletzt das feuer ich habe
seine dunklen flammen gesehen allein
als die weisheit auf îrem flug durch die sphären

300 jaldabaoth sah über zwölfen erhaben
ärgerte es sie und sie schrie auf în ein
du bist nicht erster semael nur ein blinder
gott vor dir war noch der erste mensch der aber

aus dem glanz des lichtes gemacht war …

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | elfter gesang | 293 bis 296

30. Januar 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

elfter gesang

… denn sie wollte aus
sich selbst heraus solang sie sich selber traute

293 den glanz eines bildes scheinen lassen fand
darin das abbild eines bösen woraus
sie ohne vorher nach erlaubnis zu fragen
die sie nicht hatte îr werk machte und nannte

294 es jaldabaoth der wusste nicht was außer
îm war und meinte alles zu überragen
als erster herrscher und er erkannte nicht
dass er entstanden war aus weisheit heraus

295 ich bin der erste keiner war vor mir sagte
er doch er war nicht vollkommen sein gesicht
war eine fratze angewidert von îrem
werk warf în die weisheit unter lauter klage

296 fort in den tiefen grund wo der schein des lichtes
noch nicht hinfiel sich im schatten zu verlieren
jaldabaoth aber sammelte sich in
der dunkelheit gab sich einen thron und richtete

sich auf über die welt …

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | elfter gesang | 289 bis 292

19. Dezember 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

elfter gesang

… jetzt folge mir wir gehen zur alten quelle
die fast schon versiegt ist in der dunkelheit

289 wo sonst könnte ich dir als über dem trüben
gewässer die nacht die dich umgibt erhellen
denn trübe ist das wasser in dem du sehen
wirst was noch niemand je in den sand geschrieben

290 da führte satja ajun zu jener stelle
und ajun zweifelte und blieb davor stehen
und schaute in das faule rinnsal kein hauch
war zu spüren bloß eine düstere stille

291 unterbrochen nur vom krächzen einer krähe
die unbemerkt wie aus dem nichts aufgetaucht
war allein als satja zu sprechen begann
hielt sie inne und folgte îm aus der nähe

292 das aber war satjas wort die weisheit schaute
auf den ersten menschen und beging alsdann
îren ersten fehler denn sie wollte aus
sich selbst heraus solang sie sich selber traute

den glanz eines bildes scheinen lassen …

(c) belmonte 2015

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