geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 245 bis 248

belmonte

neunter gesang

… und liefen den weiten weg unter der fahlen
sonne des alten jahres in einem fort
über tage und wochen bis es begann
zu schneien und eisiger wind durch die kahlen

245 bäume blies und den schnee bis unters verdorrte
dickicht verwehte auf einer lichtung fanden
sie ein verlassenes haus tief eingeschneit
es war inzwischen so eisigkalt geworden

246 und die stunde so spät dass sie außerstande
waren irgendwo sonst in der dunkelheit
noch hinzukommen also nahmen sie zuflucht
in der heimstatt worauf sich draußen ein band

247 von füchsen hexen und wiedergängern reihte
die hörten tala leise um hilfe rufen
und bildeten einen schutzring um das haus
während der wind heulte und von allen seiten

248 schneewirbel die mauern unter sich begruben
und vor den fenstern und an den balken zausten
im haus aber konnte înen nichts passieren
solange hexen jeden in die flucht schlugen

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 241 bis 244

belmonte

neunter gesang

Armozels Amulett

© valentino 2013

… zu licht sollst du werden nicht zur toten erde
die dich von der seite umschlingt und erstickt
dass sich nicht einer noch deinen glanz erschleiche

241 und sich dein aufgang am ende noch gefährde
im körper letzter stunde schweres gewicht
gib acht wenn du seinen namen leise nennst
für die zeit die dein körper auf erden währt

242 dies ist armozels stein aus dem ersten licht
der euch den weg weist durch alle firmamente
und satja nannte sie ajunamydal
und talasenajun in der feierlichen

243 abschiedstunde das waren îre vollständigen
namen sie schauten sich noch ein letztes mal
nach satja um dann verließen sie den ort
um sich nach norden in die wälder zu wenden

244 und liefen den weiten weg unter der fahlen
sonne des alten jahres in einem fort
über tage und wochen bis es begann
zu schneien und eisiger wind durch die kahlen

bäume blies und den schnee bis unters verdorrte
dickicht verwehte …

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 237 bis 240

belmonte

neunter gesang

Armozels Amulett

© valentino 2013

237 bevor ajun und tala aufbrachen gab
satja ajun ein amulett und erklärte
darin umschlossen liege ein edler stein
aus licht kein einziger mensch auf erden habe

238 je um seine herkunft gewusst er gewährt
schutz bei der auffahrt hältst du în fest in deiner
sicheren hand wanns andern händen nicht reicht
etlicher menschen derer wog er zu schwer

239 er wird euch in der dunkelheit heller schein
wenn die erde brennt halte în nicht zu leicht
trag în nicht offen dass dir kein schaden werde
armozel wird sein name geschrieben sein

240 trau nicht der den weg versperrt noch vor dir weicht
zu licht sollst du werden nicht zur toten erde
die dich von der seite umschlingt und erstickt
dass sich nicht einer noch deinen glanz erschleiche

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 233 bis 236

belmonte

neunter gesang

233 also gingen ajun und tala gemeinsam
zu satja der schaute in îre gesichter
und war sofort im bilde er nahm sie an
den händen und führte sie tiefer hinein

234 in den büßerhain und traute sie mit schlichten
worten aus alten liedern von da an band
sie der bund der gandharver ehe zusammen
an dem ort den das magunenheer noch nicht

235 gefunden hatte er war noch unbekannt
mit der ehe aber war der tag gekommen
an dem ajun und tala von satja abschied
nahmen er umarmte sie beide und stand

236 lange bei ajun den er einst angenommen
hatte von seiner mutter und în fernab
von qud die geheime geschichte gelehrt
als hätte sie nicht gerade erst begonnen

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 229 bis 232

belmonte

neunter gesang

229 in jedem augenblick ändern die sternflammenden
lichter îre hellichten farben und tauschen
sie untereinander aus sie sind nie gleich
und strahlen unaufhörlich fort daraus stammen

230 die engel die den himmlischen tönen lauschen
aber auch engel werden in jenem reich
erwachsen und ich schaute mich um und sah
die dunkelheit weiter entfernt als nur draußen

231 und wollte sie erleuchten mit meinem weichen
lichtstrahl allein ich wurde nicht aus dem nahen
kreis gelassen dann aber hörte ich deinen
kummer und sah dich gebeugt über dem bleichen

232 schatten deiner mutter der dahingefahrenen
in der starren kälte des todes alleine
sitzen da schickte ich dir ein warmes licht
dich aufzuwärmen in deinen jungen jâren

(c) belmonte 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 225 bis 228

belmonte

neunter gesang

225 ajun hielt nicht inne tala anzuschauen
îre schönheit strahlte in gleißendem licht
îre haare blendeten so hell in seinen
augen er griff îre hand das war die frau

226 die erschienen war wie eine helle lichtung
die sich im wald auftut oder licht das eine
dunkle halle durchflutet wanns draußen heiß
ist wars aber der erste former der dich

227 geformt der auch die erste form aus dem schein
des lichtes gegossen hat das noch ganz weiß
und flüssig war warum bist du hergekommen
fragte ajun und hast die lichter allein

228 gelassen unter der lichter scharenweise
als hätte ich dich aus dem himmel genommen
tala antwortete îm es ist berauschend
licht unter lichtern zu sein im großen kreis

(c) belmonte 2015

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Lesung „Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert“ (Pop Verlag)

Nachwort von Cristina Beretta:

Und Du sollst ein Gott sein
nach unserem Maße also?

Er musste getötet werden
Es ging nicht anders …

Gewiss ist nur, dass alles,
Alles verkehrt ist!
Gott, was heißt es!

Also beginnen wir
Von vorne wieder.

David Maria Turoldo (1987)

Der Gott, den der italienische Dichtertheologe David Maria Turoldo zur Rechenschaft zieht, hat einen großen Fehler begangen. Er hat den Tod seines eigenen Sohnes gefordert. Der humanistischen Denkweise des aufgeklärten Abendlandes zufolge stimmt etwas nicht. Die Geschichte soll neu geschrieben werden, jedoch ohne Fehler, auf dass die Theodizeefrage sich erübrige. Der Fehler kann ja nicht das Maß sein, nach dem Gott und sein Abbild gefertigt sind!

Von vielen Ausprägungen dieses ,Fehlers‘ berichtet der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert. Von einem Protagonisten im eigentlichen Sinne kann keine Rede sein, denn ágon, der Kampf, ist nicht sein Los. Nicht das Schwert sondern die Feder ist sein Attribut. Er hat Gott herausgefordert, sich ihm zu erkennen zu geben. Diese Hybris bestraft Gott, indem er ihn nach eisernem Talionsgesetz zur Erkenntnis von Gut und Böse verdammt, allerdings mit einer einschränkenden Klausel: Der geistgewordene Mensch darf Gott durch dessen Werk – die Welt – erkennen, in das Weltgeschehen darf er indes nicht eingreifen, denn er soll nur Zeugnis ablegen. Der Sündenfall kollidiert mit der Geburt des geschriebenen Wortes.

Der geistgewordene Mensch sieht und berichtet von Erschießung, Ermordung und Vernichtung. Unergründliche, grundlose Gewalt. Eine vertraute condition humaine unseres beginnenden 21. Jahrhunderts: Der homo observans mit Fernbedienung und Maus in der Hand erfährt zeitgleich, was in der Welt geschieht, und ist in Sekundenschnelle informiert, zuweilen sogar besser als die Involvierten selbst. Er ist überzeugt, dass er wissen muss. Wissen ist Macht und die Erkenntnis geht der Handlung voraus – dies besagt die abendländische sokratische Tradition. Der moderne Mensch erlebt durch Zuschauen. Die Authentizität ergibt sich aus der Zuschauerperspektive eines Außenstehenden mit einer Videokamera in der Hand.

Der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit sieht jedoch mehr als den Tanzplatz des Todes. Eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen offenbart sich ihm als Simultaneität von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Anders als in Dantes Divina Commedia sind diese Sphären hier nicht hierarchisch geordnet, von Wächtern streng bewacht und strikt getrennt. Die Schönheit der Natur, das beschauliche Landleben, die Fähigkeit der Menschen zur uneigennützigen Liebe sind Inseln des Guten. Oder sind sie etwa das notwendige Substrat des Bösen? Dieser Gleichzeitigkeit ist mit der Idylle und zugleich einer Ästhetik des Schreckens nachzukommen.

Anders als der zu einem ähnlichen Los verurteilte Seemann aus Samuel Taylor Coleridges The Rime of the Ancient Mariner (1797/1798) bietet der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit keine Antworten an. Er berichtet lediglich. Seine Sprache ist kraftvoll, hyperbolisch und dennoch in einer festen Metrik gebändigt, die das Schöne und das Gute vor dem Angenehmen bewahrt und das Grausame in erschreckender Genauigkeit einzufangen weiß. Doch der ununterbrochen vorwärts treibende Rhythmus der Trochäen duldet keine Rast. Unermüdlich Zeuge sein ist das Los des geistgewordenen Menschen.

Anfangs zeigt sich Gott in persona als der mächtige, strafende, zornige, eitle und vernichtende Gott des Alten Testaments. Ein nahbarer Gott, den man unmittelbar ansprechen kann. Ein naher Gott, da ihn diese Attribute menschlich erscheinen lassen. Durch seine Taten, durch die Welt, scheint Gott sich eher als coincidentia oppositorum zu offenbaren.

Erkennt der geistgewordene Mensch einen allzumenschlichen oder einen unergründlichen Gott? Sind dieser und sein Werk in einem amor fati zu bejahen? Gilt die Grausamkeit auf Erden etwa als Beweis eines furchterregenden, jähzornigen Gottes? Und noch: Was hat es mit dem Wissen der letzten Dinge auf sich? Macht die Erkenntnis den Menschen nur ohnmächtig statt allmächtig, wie es im ausgegangenen Jahrhundert Jorge Luis Borges in seinem Aleph-Zyklus (1944-1952) vielleicht am prägnantesten gezeigt hat? Dem Leser die Entscheidung.

Der Schreiber erzählt eine vertraute Geschichte, aber er erzählt sie neu, mit der erbarmungslosen Präzision des unmittelbaren Zuschauers, der Beharrlichkeit einer verzweifelnden Ohnmacht und der unermüdlichen Kraft eines ursprünglichen Staunens. Ist nun alles verkehrt, wie der Autor des zu Beginn zitierten Gedichts konsterniert ruft? Ist überhaupt die Rede vom gleichen Gott?

Also beginnen wir die Lektüre von vorne wieder.

(c) Pop Verlag, Ludwigsburg, 2008