geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweiter gesang | 49 bis 52

belmonte

zweiter gesang

49 dies ist das lied das dir noch lange gesungen
werde schunemydala du bist die krone
unter den himmeln aufrecht standst du und frei
wer hat mir zur spæte wann es sonst verklungen

50 wäre von dir erzählt und von der bedrohung
die nahe stand ein vogel der dich allein
auf den eisfeldern sah daran zu erinnern
wo heute kein leben mehr ist auf der hohen

51 statt unter der die knochen ewiger zeiten
begraben sind und namen von keiner stimme
mehr genannt die unter das geröll geraten
ein vogel der deine augen aus der weite

52 gesehen hat und das leuchten das darinnen
lag und wind und schnee die auf dein gesicht trafen
dir nichts anhaben konnten wer wollte denn
da kommen herrschaft über dich zu gewinnen

(c) belmonte 2012

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Rauschen IV

valentino

Illustration: Valentino

Der rechte Vorderreifen verfing sich in einer tiefen Furche, eine Spur, die womöglich ein anderes Gefährt zuvor hinterlassen hatte. Fast riss es den Wagen vom Damm in eine der beiden Schluchten, die sich rechts und links der schmalen Piste auftäten.

Ein Ruck ging durch die Insassen hindurch, würde sie hart gegen einander schütteln, die neben Denise sitzende Frau mit Wucht gegen die hintere Innentür. Sie hielt sich ihren linken Ellenbogen. „Ein Vogel“, würde trocken der Fahrer sagen, „hat sich genau in die Spur gesetzt.“

Die Sonne versänke im Meer. Sie wäre untergegangen, eben noch sich von orangerot zu rot verfärbend, ohne ein Platschen, in die spiegelglatte See gefallen.

Zu schnell, dachte Ralph.

Er lag auf seinem Bett, als er aus dem Traum erwachte. Durch das offene Fenster strömte schwüle, feuchte Luft ins Innere. Lediglich der gleichförmig brummende Ventilator verteilte eine kühle Brise.

Am Kopfende des Bettes lag, neben einem leeren Wasserglas, ein aufgerissenes, innen silbrig glänzend, außen mit Alka-Seltzer beschriftetes, kleines Aluminiumpapier.

Ralph legte seinen Unterarm auf die schweißbedeckte Stirn. Er versuchte sich an gestern zu erinnern. Minutenlang, doch nichts war da. Er stand auf, das Brummen, war es der Ventilator oder der Kopf, bückte sich nach dem Silberpapier, hob es mitsamt dem leeren Wasserglas auf, stellte das Glas auf dem kleinen Holztischchen ab und warf das Papier in den Korb.

(c) valentino 2012

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Link zum fünften Teil „Rauschen“

Brief aus Eiderstedt

belmonte

brief aus eiderstedt

langer weg mit schafkot
salzwiesen
kanäle und draußen das meer
die landschaft öffnet sich vor dem entgrenzten blick
wo kein land ist
ist nichts
und wolken und ferne regengüsse
ein leuchtfeuer
das die verlorenheit eingrenzt in der übergangslosen weite
riesige vogelschwärme
die sich überlagern
trennen
und in unterschiedlicher richtung auseinanderfliegen
tief über dem land
hoch oben dann
und kleine schwärme
die in der ferne dem blick entschwinden

draußen im schlick
wer genau hinhört
hört den gesang der vögel von allen seiten
der himmel ist grau
im nebel ist nichts mehr zu erkennen
wann der blick im nirgendwo endet
nicht zu erahnen
wo das wasser beginnt
der himmel beginnt 

vor hunderten von jâren war hier eine stadt
die von der sturmflut verschluckt wurde
sand und schlick bedecken heute den ort
an dem einmal häuser standen und türme und mauern
manchmal
wenn der wind stark ist
hört wer das läuten der untergegangenen glocken
und wer sich da draußen verirrt
stößt manchmal auf alte mauerreste
die aus dem schlick ragen
bis die flut kommt

vögel aus arktischen regionen
die auf îrem weg in den süden mehrere wochen station machen hier
es sind abertausende

Salzwiesen St. Peter-Ording / Foto: Belmonte

(c) belmonte 2011