Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 20. Teil

valentino

Urwaldfluss

Illustration: Valentino

Ein Fischer auf seinem Pferd ritt mir am Seeufer entgegen. Er sagte, der Weg nach Norden sei unpassierbar, und lud mich zu sich nach Hause ein. Im Haus schenkte seine Frau mir Saft in einen Becher ein und gab mir frisches Wasser mit auf den Weg. Ich bedankte mich und fuhr zurück bis zu einer Kreuzung und von dort auf einem schnurgeraden Feldweg durch Petén. Fortan traf ich kaum noch Menschen, die mir Auskunft über die Strecke geben konnten. Einige sprachen von einem Wasserbecken.

Hitze, Stechfliegen und wuchernde Pflanzen erschwerten mein Fortkommen. Irgendwann erreichte ich das Wasserbecken, von dem mir berichtet worden war. Nachdem ich mein Fahrrad über eine Brücke aus Baumstämmen geschoben hatte, knickte der Weg ab und führte immer tiefer in einen Wald bis an ein Flussufer. Dunst hing über der Wasseroberfläche, auf der Wasserflöhe im Licht der untergehenden Sonne tanzten. Ich hängte meine Hängematte zwischen die Bäume, zündete ein paar Kerzen an und wartete auf die hereinbrechende Nacht.

Es raschelte und platschte, ein Waldtier schrie, Zikaden trommelten. Glühwürmchen leuchteten in der Dunkelheit. Der Mond schien von einem sternenklaren Himmel durch die Baumkronen. Aus der Ferne hörte ich das Bellen eines Hundes. Frühmorgens weckten mich Stimmen. Zwei Kekchí, Angehörige einer weiteren Maya-Ethnie, näherten sich mit ihrem Kanu und nahmen mich mit. Wir schifften eine Weile flussabwärts bis zu einer Biegung. Als sich in der Morgendämmerung der Fluss mit einem zweiten vereinigte, fuhren wir diesen ein Stück hinauf. Ein Steg ragte ins Wasser. Am Ufer tauchte im Nebel etwa ein Dutzend Schilfdächer auf.

(c) valentino 2018

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Die Künstlerkolonie Tromm | 5

waldschrat

Seltener Anblick: Ein Waldschrat außerhalb seines Wohnquartiers / Aquarellskizze: Valentino

Im dichten Nebel verirrten wir uns im Trommwald. Wasser tropfte von den Bäumen auf das nasse Laub. Es raschelte, etwas huschte an uns vorbei. Ein kalter Windstoß wehte die Blätter gegen unsere Jacken. Vor einer Stunde waren wir vom Weg abgekommen, seitdem streiften wir durch Geäst, an dem hier und da rotbraune Blätter im Wind schaukelten. Auf einmal sahen wir kleine trübe Lichter im Nebelschleier, die auf und ab hüpften und sich von uns fort bewegten. Wir folgten ihnen eine Zeitlang, bis wir zu einem Haufen moosbewachsener Granitfelsen kamen. Zuerst dachten wir an die Trollhöhle, doch schienen wir so tief im Wald zu weit von ihr entfernt. Da bemerkten wir zwischen den Felsen ein Glitzern und griffen danach, als plötzlich laut kreischend ein Waldschrat vor uns aufsprang und mit seinen astigen Fingern in unsere Armgruben kniff. Er ließ uns erst in Ruhe, als wir die glitzernden Gegenstände auf den Boden warfen und uns von den Felsen entfernten. Wir bekamen einen ziemlichen Schreck und fanden schließlich wieder zurück zum Weg. Wir dachten, diese Wesen gäbe es nur im Märchen.

(c) valentino und belmonte 2015

Die Künstlerkolonie Tromm | 1

valentino

troll

Der Troll ist traurig / Aquarellskizze: Valentino

Bei unserer Ankunft auf der Tromm hatte der Regen aufgehört. Serpentinen wanden sich durch die von Feldern durchsetzte Waldlandschaft. Regenwolken türmten sich auf über den Bäumen. Das milchige Licht der durchbrechenden Sonne schien auf die kahlen Kronen. Nachdem wir eine Weile gewandert waren, erreichten wir am Wegrand eine kleine Schlucht, in der moosbewachsene Felsen aufgeschichtet waren. Dort bemerkten wir ein sonderbares, gleichförmiges Schluchzen. Als wir ein Stückchen um die Felsen herum gegangen waren, entdeckten wir den alten Troll, der wimmernd auf dem feuchten Waldboden saß. Er sagte, er sei sehr traurig und es sei fürchterlich kalt, allein im Wald, seine Frau habe ihn verlassen und er wisse nicht, wie er die Pilze zubereiten sollte, die er im Wald gesammelt hatte. Wir sagten, seine Frau komme bestimmt bald wieder, vielleicht hätte sie sich im Wald verlaufen. Doch wir konnten ihn nicht trösten.
waldgeister

Waldgeister tanzen fröhlich im Wald herum / Aquarellskizze: Valentino

Tränen rollten über das Laub und fielen in tiefe, runde Pfützen Regenwasser. Die Zeit verstrich und die Frau des Trolls blieb verschwunden. Wir trauten unseren Augen kaum, als plötzlich die Waldgeister aus dem Dickicht hervortraten und tanzten. Da fing selbst der alte Troll an zu lachen und seine Tränen wurden zu Freudentränen.

(c) valentino 2014

Die Entstehung eines Aquarells | 2

valentino

Wie schon bei der Kristallhöhle vollende ich zunächst den Vordergrund. Die Zweige einer Tanne ragen in das Bild hinein. Dahinter entstehen die bewaldeten, regenwolkenverhangenen Berge unter einem trüben Himmel.

(c) valentino 2013

1. gefrügt

belmonte

1. gefrügt

weit reucht der blumen
waldes hellster strahl
in wiederbringder einkunft
niedster tal
wer bringts in schlafes
einruh dass
wurzelstockterweis gebäre
weibes wurf die glatte
einfalt sei verrügt
gewohntheit same werd
vergnügt ein josef
der den hofstaat
trügt
in allerfeinster weisheit platt
der reuchten blumen waldes
statt
weildieweil wer hier in dieser
gnädenstätte einn sinnfrei inhalt
wähnt geworden nicht würd
verursacht klärt des seines
schädels plätte
indessen eben bloß das reuchtgericht
gehenkert fort beiseit in
heimster stube währt es nicht
sekrete flüstern hauswand berste
flegelschein versinkt in
ruhgebeugtem schlick

(c) belmonte 2013

Link zum zweiten Teil „entgrinnt“

Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Neunter Teil

valentino

Garten

Illustration: Valentino

Cecilia schlenderte in dem weitläufigen Barockgarten. Hohe, gestutzte Hecken umsäumten den großzügig angelegten Teich. Die Wege im Garten waren zahlreich und verzweigten sich zwischen den Hecken und Beeten. Am gegenüberliegenden Ufer stand auf einer Anhöhe ein Pavillon. Im Abendrot blickte Cecilia von dort hinunter auf eine Lichtung des Waldes, der sich vom Fuß des Hügels aus in eine weite Niederung hinein ausdehnte.

Als Kind fing Cecilia mit ihrer Schwester Fabia Fischchen im nahegelegenen Bach, kletterte auf Bäume oder spielte auf Mureșeniis sandigen Wegen mit dem Kreisel, den ihr Vater Marian geschnitzt hatte aus dem Holz des Waldes, der das Dorf bis über die Hügelkuppen hinaus umgab und in der Ferne von den Karpaten überragt wurde. Mit fünf oder sechs Jahren lernte sie Schwimmen im See, in dem alle Kinder des Dorfs badeten. Sie sah ihren Bruder Grigore dort schwimmen und bekam Lust, es ihm nachzutun. Als sie fast unterging dachte sie, es sei noch nicht an der Zeit, im See zu versinken. So schaffte sie es, sich über Wasser zu halten.

Während sie erzählte, zerteilte Narcisa mit der Gabel auf ihrem Teller ein Stück Mămăligă. Mit den Fingerspitzen verrückte sie auf ihrer Nase die Glasovale, über deren Einfassung hinweg sie mit halbwachen Augen sah. Regentropfen prasselten an das kleine Fenster der Wohnstube, in der wir uns auf Anhieb geborgen fühlten. Einige der Tücher und Stoffe bildeten kreisförmig angeordnete rote Rosenblüten und grüne Blätter auf schwarzem Grund ab. Im Nebenzimmer und im Wohnzimmer hingen hinter Glas Kinderfotos. Fabia hatte den Raum kurz verlassen und kehrte nun mit einem Foto zurück, das Cecilia zwischen ihrer Schwester und ihren Brüdern zeigte.

(c) valentino 2012

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