Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 20. Teil

valentino

Urwaldfluss

Illustration: Valentino

Ein Fischer auf seinem Pferd ritt mir am Seeufer entgegen. Er sagte, der Weg nach Norden sei unpassierbar, und lud mich zu sich nach Hause ein. Im Haus schenkte seine Frau mir Saft in einen Becher ein und gab mir frisches Wasser mit auf den Weg. Ich bedankte mich und fuhr zurück bis zu einer Kreuzung und von dort auf einem schnurgeraden Feldweg durch Petén. Fortan traf ich kaum noch Menschen, die mir Auskunft über die Strecke geben konnten. Einige sprachen von einem Wasserbecken.

Hitze, Stechfliegen und wuchernde Pflanzen erschwerten mein Fortkommen. Irgendwann erreichte ich das Wasserbecken, von dem mir berichtet worden war. Nachdem ich mein Fahrrad über eine Brücke aus Baumstämmen geschoben hatte, knickte der Weg ab und führte immer tiefer in einen Wald bis an ein Flussufer. Dunst hing über der Wasseroberfläche, auf der Wasserflöhe im Licht der untergehenden Sonne tanzten. Ich hängte meine Hängematte zwischen die Bäume, zündete ein paar Kerzen an und wartete auf die hereinbrechende Nacht.

Es raschelte und platschte, ein Waldtier schrie, Zikaden trommelten. Glühwürmchen leuchteten in der Dunkelheit. Der Mond schien von einem sternenklaren Himmel durch die Baumkronen. Aus der Ferne hörte ich das Bellen eines Hundes. Frühmorgens weckten mich Stimmen. Zwei Kekchí, Angehörige einer weiteren Maya-Ethnie, näherten sich mit ihrem Kanu und nahmen mich mit. Wir schifften eine Weile flussabwärts bis zu einer Biegung. Als sich in der Morgendämmerung der Fluss mit einem zweiten vereinigte, fuhren wir diesen ein Stück hinauf. Ein Steg ragte ins Wasser. Am Ufer tauchte im Nebel etwa ein Dutzend Schilfdächer auf.

(c) valentino 2018

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Die Entstehung eines Aquarells | 13

valentino

(c) valentino 2018

Fortgang der Arbeit | 47

valentino

(c) valentino 2018

Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 14. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Cecilia wachte am Seeufer unter einer Weide auf. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Doch der Mond verdeckte sie, so dass ihre Korona um die dunkle Mondscheibe leuchtete. Cecilia watete durch das Schilf knietief ins kühle Wasser und benetzte ihre Haut. Über der Insel nahm sie einen unbekannten Himmelskörper wahr, der größer war und heller strahlte als ein üblicher Stern und der näher zu kommen schien.

Narcisa hob mit der Gabel ein Stück Tamal auf und schob es in den Mund. Beim Kauen trank sie einen Schluck Kaffee aus grob gemahlenen Bohnen. Sie sagte zu Emiliana, dass ihre Tamales immer noch die besten seien und der Kaffee köstlich schmecke. Die Kinder hatten sich zum Schutz vor der Kälte in Decken gehüllt. Sie konnten ihre Augen kaum noch offen halten. Narcisa erzählte, dass Cecilia später nicht mehr gewusst hätte, ob sie die Vorkommnisse am See wirklich erlebt oder bloß geträumt hatte. Vor den plötzlich auftauchenden Kriegern Pakals konnte sie jedenfalls nicht mehr rechtzeitig fliehen. Sie waren ihrer Spur gefolgt und brachten sie nun zurück in die Stadt und von dort in einen Kalksteinbruch, wo sie Strafarbeit verrichten musste.

Cecilia und ihre Mitgefangenen brachen und spalteten den Kalkstein. Träger banden sich die Steinblöcke mit einem Band an die Stirn und trugen sie in die Stadt. Große und schwere Stücke transportierten mehrere Arbeiter mit Halteseilen, Bremskeilen und Gegengewichten auf Rollen dorthin, wo Steinmetze mit Steinmeißeln Reliefs auf die Kalksteintafeln modellierten oder mit Feuersteinmessern Inschriften in den Stuck aus gebranntem Kalk und Muschelschalen schnitten.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Cecilias Haus lag am Rande einer Siedlung. Im Garten wuchsen Früchte und Nüsse. Nachdem sie Blätter und Zweige der Indigopflanze in einem Tongefäß mit Wasser und gelöschtem Kalk eingeweicht hatte, entfernte sie grobe Pflanzenteile, indem sie die Flüssigkeit durch einen Filter in ein anderes Gefäß goss. Die restlichen festen Teilchen schwemmte sie hierin auf. Danach rührte und belüftete sie den Sud, bis dieser eine blaue Farbe angenommen hatte.

Nach dem Trocknen zerrieb sie das Indigopigment und ein filziges weißes Tonmineral mit der Handwalze auf dem Mahlstein und erhitzte alles zusammen mit dem Harz des Kopalbaums in einem Topf über dem Feuer. Die Nachmittagssonne schien von einem teils wolkenbedeckten Himmel. Cecilia hatte vergessen, wann und weshalb sie an den Ort gekommen war, an dem sie sich jetzt befand. Paläste und Tempel aus Kalkstein standen auf mehreren Hügeln in der Umgebung. Am anderen Ende der Siedlung fußten weitere Tempelgebäude auf einer Anhöhe. Hinter den Bauwerken fiel das Flussufer steil ab.

Cecilia trat aus dem Schatten eines Baumes und überquerte einen Platz. Sie stieg mit der mit Farbe gefüllten Dreifußschale aus Ton in der Hand die Steinstufen der Treppe hinauf, streifte den Vorhang beiseite und betrat einen kühlen Raum. Vor ihr breitete sich ein noch unfertiges Fresko aus, das über die gesamte Wandbreite konzipiert war: Vor einem türkisfarbenen Hintergrund blies ein Musiker eine Trompete. Um den sitzenden Maisgott tanzte der Windgott – eine menschliche Figur mit tierhafter Schnauze, krebsartigen Greifarmen und einem Tentakel als Bein. Cecilia übergab die Farbschale dem Künstler. Dieser stellte sie wortlos auf dem Steinboden ab und setzte, nachdem Cecilia den Raum wieder verlassen hatte, sein Werk fort.

(c) valentino 2017

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ORTE KRIEGEN NASSE FÜSSE | TEIL 15 VON 24

valentino

Zeichnung: Joaquín, 25 Jahre

Zeichnung: Joaquín, 25 Jahre

DU NAHMST DIE AUTOBAHN FAST HATTEST GESTERN HAT MAN MICH AUSGERAUBT GESCHAFFT UND AUF DIESE WEISE KAMST GLAUBE BEI VÍAS SIE NENNEN ES VÍAS DORT GEBIET IN DER NÄHE VON SAN CLEMENTE WIR SOLLTEN EINE WEILE BLEIBEN UM ZU ANGELES PASSIERT WEIL EINIGE DIE SACHEN WIR BLIEBEN ABER WIR SCHLIEFEN EIN UND WURDE WÄHREND DES GESAMTEN WEGES MEINE TASCHE UND ICH HATTE KEIN GELD SCHLUCHTEN EIN WEIL ES HOHE BERGE WAREN DEN ICH DORT VERWAHRT HATTE UM IHN WIEDER HINAUF OHNE WASSER OHNE ETWAS UND SO WAR ES ES WAREN GABEN SIE UNS NICHTS UND SIE LIESSEN UNS ABER SIE GEBEN SICH ALS MIGRANTEN AUS SCHWER FÜR UNS GEWESEN UNTER DIESEN ABER IN WIRKLICHKEIT SIND SIE VON HIER ICH BERGAB MÜDE UND MIT TROCKENEM MUND MIT MEINEM BRUDER ER IST IN SAN EIN LANDGUT ERREICHTEN WO ES EINEN TELEFONNUMMER VERLOREN UND JETZT GIBT ES KEINE LIESSEN SIE UNS TRINKEN UND WIR HALFEN DEN ZWISCHEN DER LINIE UND DER GRENZE IST NICHT VERSUCHEN DENN ICH WILL ARBEITEN KANNST WENN DU KEINEN AUSWEIS SEHR SCHWIERIG IST SO ALS MIGRANT ZU GEHEN DU FLIEHST SCHLAGEN SIE DICH WENN DU LEIDEST DU AUF DER STRASSE KANNST NIRGENDWO BESCHULDIGEN SIE DICH ALS KOJOTE ICH BRÜCKEN ODER SONST WO ES IST SEHR SCHWIERIG EINIGE BRACHTEST DU AUF DEM RÜCKSITZ TAGE DREI NÄCHTE UND ZWEI TAGE IM GEWÖHNLICHES AUTO PASSEN BIS ZU ZEHN ANGELES ZU ERREICHEN ABER ES BRAUCHT SCHNAPPTEST DU DIR DAS AUTO ALLE GRENZSCHUTZ NICHT PACKT ES IST SEHR DU FUHRST DIE STRASSEN ENTLANG IN DER KOMMEN UND WENN DICH DIE KAMERA SIEHT AUCH KEINER STREIFE DES GRENZSCHUTZES OBJEKTIVEN ER SIEHT DICH ER FÄNGT DICH ERREICHTEST

(c) valentino 2015

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Die Künstlerkolonie Tromm | 5

waldschrat

Seltener Anblick: Ein Waldschrat außerhalb seines Wohnquartiers / Aquarellskizze: Valentino

Im dichten Nebel verirrten wir uns im Trommwald. Wasser tropfte von den Bäumen auf das nasse Laub. Es raschelte, etwas huschte an uns vorbei. Ein kalter Windstoß wehte die Blätter gegen unsere Jacken. Vor einer Stunde waren wir vom Weg abgekommen, seitdem streiften wir durch Geäst, an dem hier und da rotbraune Blätter im Wind schaukelten. Auf einmal sahen wir kleine trübe Lichter im Nebelschleier, die auf und ab hüpften und sich von uns fort bewegten. Wir folgten ihnen eine Zeitlang, bis wir zu einem Haufen moosbewachsener Granitfelsen kamen. Zuerst dachten wir an die Trollhöhle, doch schienen wir so tief im Wald zu weit von ihr entfernt. Da bemerkten wir zwischen den Felsen ein Glitzern und griffen danach, als plötzlich laut kreischend ein Waldschrat vor uns aufsprang und mit seinen astigen Fingern in unsere Armgruben kniff. Er ließ uns erst in Ruhe, als wir die glitzernden Gegenstände auf den Boden warfen und uns von den Felsen entfernten. Wir bekamen einen ziemlichen Schreck und fanden schließlich wieder zurück zum Weg. Wir dachten, diese Wesen gäbe es nur im Märchen.

(c) valentino und belmonte 2015

ORTE KRIEGEN NASSE FÜSSE | TEIL 12 VON 24

valentino

Centro Comercial, Plaza Río, Zona Río, Tijuana

Centro Comercial, Plaza Río, Zona Río, Tijuana / Foto: Valentino

VOR ALLEM DER SÜDEN DES LANDES IST IN WIE ER HEISST ABER AUF DIESEM MARKT BESCHÄFTIGUNGS-ALTERNATIVEN DIE ZAHL DER WAR DIE ANWESENHEIT VON INDIGENEN DREI PROZENT DANN GIBT ES AUS WIRTSCHAFTLICHEN AUSNAHME VON INDIANERN AUS OAXACA KLEINEN UND MITTLEREN STÄDTEN IM SÜDEN OAXACA UND MIXTEKEN AUS GUERRERO ABER KEINE STAATLICHEN INVESTITIONEN ERHALTEN DER EINWANDERUNG ERWEITERT DIE HISTORISCH IN STAATEN DER ABWANDERUNG MESTIZEN BEI IHRER EINWANDERUNG ZUR DURANGO JALISCO DAS HEISST STAATEN AUS ZU BEGLEITEN INDIANER AUS CHIAPAS ZU STOCKTON BAKERSFIELD SANTA ANA UND EINMAL DURCHQUERTEN WIR DIE MÜNDUNG FERNANDO DIE WICHTIGSTEN FREUNDE EINMÜNDETE ICH ERINNERE MICH WIR WARTETEN IN DIE VEREINIGTEN STAATEN IN UND ZU WISSEN WIE MAN SCHWIMMT MIETETEN FÜR JEDE PERSON DIE WIR BRACHTEN SIE IN EINE TASCHE DIEJENIGEN DIE ZU BRINGEN DIE SICH IN LOS ANGELES BEFANDEN UND MIT EINER HAND TRUG ICH MEINE IHREM ZUHAUSE ICH WUSSTE ALS WIR ANKAMEN SO ETWAS WIE EIN STRUDEL UND DAS IST NEBEN DER KATHEDRALE EINEN MARKT GIBT HABE UND EIN ANDERES MAL ALS WIR ALS WIR ZU DIESEM MARKT GINGEN FRAGTE WASSER AUCH BIS ZUM HALS STAND MUSSTEN SEITE GEHEN WÜRDE DIE ERSTE PERSON UNSERER ANKUNFT UNTER EINIGEN BÄUMEN IN JETZT WIR WOLLEN FRÜHSTÜCKEN WIR BEGABEN SIE AUSZUZIEHEN WEIL WIR OFT WIR WIR GERADE FRÜHSTÜCKTEN KAM DIESE PERSON SAN CLEMENTE HATTEN WIR KEINE RÄUME SPRECHEN UND ER SAGTE UNS DASS EINIGE ANDERE LEUTE WENN MAN BEGINNT IST ES ZWÖLFHUNDERT VERLANGE ABER ICH SAGE IHM DASS SEHR ORGANISIERT IST DU BIST NICHT SEHR SAGTE DASS ER SECHSHUNDERTFÜNFZIG VERLANGE MAN SICH UND SCHON HAST DU ALLES IN MICH ODER IN HÄUSERN DIE FREUND MIETEN ERLEBNISSE
“El Bordo”, Tecate, Tijuana

“El Bordo”, Tecate, Tijuana / Foto: Valentino

(c) valentino 2014

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Fortgang der Arbeit | 8

valentino

In kurzer Zeit entsteht aus einer groben Zeichnung mit dem Bleistift das fertige Aquarellbild.

(c) valentino 2013

Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 18. Teil

valentino

In Moldawien

Illustration: Valentino

Beidseitig der Fahrbahn reihten sich perlenschnurartig entlang eines endlosen Bretterzauns bunte Häuser auf, vor denen ab und an Bänke standen. Zwischen Zaun und Straße breitete sich ein grasbewachsener Streifen aus, auf dem Einheimische Tomaten, Paprika und Melonen feilboten. Während einer Rast probierten wir kleine, mehlig schmeckende Trauben mit dicker Schale, welche in den Gärten und an den Häuserwänden rankten und die man zur Herstellung des moldawischen Weines verwendete.

An einer Tankstelle in Bacău standen Autos Schlange. Wir bogen auf eine Landstraße ab, die uns in das moldawische Hügelland hineinführte. Aufgrund der häufigen Steigungen schoben wir die Räder und erreichten vor Sonnenuntergang einen auf der Karte eingezeichneten See, an dessen Ufer Angler im Dämmerlicht Fische fingen. Alsbald ging die tiefstehende Sonne hinter den Hügeln am Seeufer unter. Bei Einbruch der Nacht schlugen wir das Zelt auf und die Rufe der Fischer begleiteten uns in den Schlaf.

In der sengenden Hitze des folgenden Tages erklommen wir Hügel um Hügel über staubige Straßen. Am späten Nachmittag holten wir mit Hilfe einer Kurbel kühles Wasser in einem Eimer aus einem zehn Meter tiefen Dorfbrunnen herauf, schütteten es über Haupt, Nacken und Schultern und ließen es an Armen und Beinen herabfließen. Wir zogen die nassen T-Shirts aus, wickelten sie uns gegenseitig um die Köpfe und füllten unsere Trinkflaschen. Nach der Weiterfahrt erreichten wir gegen Abend eine Stadt namens Tecuci.

(c) valentino 2013

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Elfter Teil

valentino

Verlies

Illustration: Valentino

Wasser tropfte in eine Lache, die sich in einer Ecke des Verlieses gebildet hatte. Durch einen Schacht fiel ein Lichtkegel, der auf die Wasseroberfläche sich ständig verändernde Muster zeichnete. Cecilia hockte auf dem klammen Steinboden. Über ihr wölbte sich eine kohlenähnliche, verkrustete Decke, durch die es hin und wieder dumpf schnarrte. Es roch modrig. Ihr Fußgelenk rieb sich wund an einer eisernen Fessel, die sie an eine Wand aus hartem Lehm band. Die Knie vor dem Körper lauschte sie dem gleichmäßigen Tropfen.

Sie erinnerte sich an den Tag im Sommer, an dem sie im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal auf die Idee gekommen war zu schwimmen. Entlang des Ufers bildeten Laubbäume einen dichten Saum. Die Kinder des Dorfes johlten, wateten durch das Schilf oder sprangen von der Uferböschung aus ins Wasser. Über der glatten Oberfläche des Sees stand die Luft still. Cecilia tauchte ins Wasser, presste es mit den Armen beiseite und schluckte einen Schwall bei dem Versuch, Luft zu holen. Sie hustete, heftete ihren Blick auf die Wolken am Himmel, bevor sie abermals untertauchte und für einen Augenblick das Bewusstsein verlor.

Steil stiegen die grob in die felsige Wand des Gewölbes gehauenen Stufen der Steintreppe empor. Der obere Absatz mündete in einen Durchbruch. Cecilia spürte einen Luftzug auf der Haut. Metallisch, bleiern haftete das Eisen auf dem abgeschürften Knöchel. Sie kauerte auf der schroffen Erde, eingehüllt in Leinen, das an einigen Stellen abgerieben und zerrissen war, neigte ihren Körper vornüber und las in den Figuren, die das Licht auf das Wasser warf.

(c) valentino 2013

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