Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Elfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Ein lauer Wind fachte ein Feuer an, das in einer sternenklaren Nacht auf einem zentralen Platz brannte. Der Mond warf ein fahles Licht auf Cecilia. Sie hockte neben dem Feuer auf dem Boden. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken an einen Holzpfahl gebunden. Grillen zirpten. Es roch nach verbrannter Holzkohle. Cecilias Handgelenke rieben sich am spröden Seil wund, mit dem sie gefesselt war. Sie beobachtete die züngelnden Flammen und sprühenden Funken.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie als Kind mit ihrer Familie von zu Hause geflohen war. Eine riesige Aschewolke stieg aus dem Krater des Vulkans hinter den Bergen auf. Zwischen den Berghängen lag im Ascheregen das Dorf, in dem Cecilia aufgewachsen war. Im Durcheinander der Flucht hatte sie ihre Eltern und Geschwister verloren. Die Hitze brannte auf ihrer Haut. Barfuß lief sie entlang eines baumbestandenen schroffen Berghangs über aschebedeckte felsige Wege ins Tal. Auf einmal glitt sie auf dem Fels aus, stürzte und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Blut floss über ihren Fuß und vermischte sich mit Erde.

Auf der anderen Seite des Platzes stiegen die Stufen einer Steintreppe steil zum Himmel hinauf. Über dem oberen Absatz überragte auf einer Plattform ein Dachkamm das Kraggewölbe. Darunter befand sich ein Durchlass in der Mauer des Tempelgebäudes. Cecilia spürte einen Windstoß. Das Seil schnitt in ihre Handgelenke. Sie bewegte ihre Hände und klammen Finger. Dann lehnte sie ihren Hinterkopf an den Pfahl und las den aufsteigenden Rauch.

(c) valentino 2017

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Die Künstlerkolonie Tromm | 5

waldschrat

Seltener Anblick: Ein Waldschrat außerhalb seines Wohnquartiers / Aquarellskizze: Valentino

Im dichten Nebel verirrten wir uns im Trommwald. Wasser tropfte von den Bäumen auf das nasse Laub. Es raschelte, etwas huschte an uns vorbei. Ein kalter Windstoß wehte die Blätter gegen unsere Jacken. Vor einer Stunde waren wir vom Weg abgekommen, seitdem streiften wir durch Geäst, an dem hier und da rotbraune Blätter im Wind schaukelten. Auf einmal sahen wir kleine trübe Lichter im Nebelschleier, die auf und ab hüpften und sich von uns fort bewegten. Wir folgten ihnen eine Zeitlang, bis wir zu einem Haufen moosbewachsener Granitfelsen kamen. Zuerst dachten wir an die Trollhöhle, doch schienen wir so tief im Wald zu weit von ihr entfernt. Da bemerkten wir zwischen den Felsen ein Glitzern und griffen danach, als plötzlich laut kreischend ein Waldschrat vor uns aufsprang und mit seinen astigen Fingern in unsere Armgruben kniff. Er ließ uns erst in Ruhe, als wir die glitzernden Gegenstände auf den Boden warfen und uns von den Felsen entfernten. Wir bekamen einen ziemlichen Schreck und fanden schließlich wieder zurück zum Weg. Wir dachten, diese Wesen gäbe es nur im Märchen.

(c) valentino und belmonte 2015

Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 24. Teil

valentino

Meer

Illustration: Valentino

In Mamaia stellten wir unsere Drahtesel ab, zogen unsere Schuhe aus und liefen barfuß über den Sand, den die Brandung glättete und auf dem sie weißen Schaum zurückließ. Muschelschalen knirschten unter unseren Füßen. In Blickrichtung entlang der Küste lag in blaugrauem Dunst am Horizont die spielzeuggroße Silhouette einer Raffinerie. Möwen ließen sich vom Wind über das dunkle Wasser tragen, das dem Meer augenscheinlich seinen Namen gegeben hatte.

Wir erinnerten uns an die letzten Tage im Donaudelta, im moldawischen Hügelland und in Transsilvanien, an den Abend bei den Javeleas. Es war, als tauchten die Erinnerungen aus einer lang vergessenen Vergangenheit auf. Morgen würden wir in Constanța am Schalter die Karten für die Bahnfahrt nach Hause kaufen. Während unsere Blicke hin und wieder über das Wasser schweiften, auf dessen Oberfläche das Licht der späten Nachmittagssonne schimmerte, spazierten wir neben den anrollenden Wellen.

Mein Begleiter watete ins Wasser. Ich ging weiter. Möwen kreischten. Jemand rief meinen Namen. Im ersten Augenblick glaubte ich jedoch an eine Sinnestäuschung und setzte deshalb meinen Weg fort. Dann hörte ich abermals das Rufen und als ich mich umdrehte lief mein Begleiter auf mich zu, er rief meinen Namen und hielt in den Händen ein Stück Treibgut, eine mit Algen und Seetang überzogene Holzplanke, die das Meer an den Strand gespült hatte. – E N D E –

(c) valentino 2013

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Rauschen V

valentino

Illustration: Valentino

Tag ein, Tag aus fraß das Salz der See die spröden Holzwände der Wellblechbaracken unten an der Mole. Boote schaukelten in der auf- und abschwellenden Brandung, die das Meer mit mehr oder weniger Wucht in die Bucht spülte. Das kleine Licht im Fenster des Hauses verlosch in der anbrechenden Morgendämmerung. Wasser rann leise plätschernd durch die Gassen.

Ralph ging spazieren.

Er erreichte eine der Inseln, die ein Damm mit der Stadt verband. Der kleine Yachthafen breitete sich vor ihm aus. Am Horizont tobte ein Gewitter, das sich langsam einer Hochhaussilhouette näherte.

In der Ferne ragten die neugebauten Hochhäuser der Stadt empor wie nebeneinander gestellte Streichhölzer. Sie waren erst in den letzten Jahren entstanden und bildeten die Fassade, übertrafen die rundherum wuchernden Elendsviertel.

Die Last des Lärms, des Schmutzes. Ralph warf sie ab, je weiter er sich von der Stadt entfernte. Tiefblau und ruhig lag das Meer vor ihm. Der Wind kräuselte leise die Wasseroberfläche. Er hörte einen stetigen Ton: Die Brandung wirft dich an den Strand, dachte er, einem Schiffbrüchigen gleich.

(c) valentino 2012

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Link zum ersten Teil „Rauschen“