Die Künstlerkolonie Tromm | 4 | Ein Dialog | 1

BELMONTE:
Was bedeutet für Dich „Künstlerkolonie“? Und kann „Künstlerkolonie“ – zumindest als Idee – unter heutigen Gegebenheiten Bestand haben?

VALENTINO:
Seit der Industrialisierung haben wir uns immer mehr von unserer Natur entfremdet. In der Folge bildete sich die Künstlerkolonie als Gegenbewegung. Für mich geht es darum, das Gleichgewicht zwischen uns und unserer Natur wieder herzustellen. Da finde ich die Künstlerkolonie – als Idee – durchaus reizvoll, auch wenn sie heute nicht mehr zeitgemäß erscheint. Mich beschäftigt, wie wir miteinander leben wollen, wo die Muße, die gegenseitige Unterstützung bleibt.

Himmel über der Tromm

Himmel über der Tromm / Foto: belmonte

BELMONTE:
Muße und Muse, würde ich sagen. Mir gefällt, dass du die gegenseitige Unterstützung erwähnst, also den gemeinschaftlichen Aspekt der Künstlerkolonie. Ich denke, dieser gemeinschaftliche Charakter einer Künstlerkolonie – beziehungsweise der Idee Künstlerkolonie – ist enorm wichtig. Er sollte aber nie das Einzelgängerische des Künstlertums zerstören, sollte es vielmehr fördern. Denn der Ausdruckswille der Kunst ist aus meiner Sicht immer ein Ausdruckswille des Einzelnen. Künstlerkolonie sollte nach meinem Dafürhalten nicht in der Bildung einer künstlerischen Schulrichtung münden.

VALENTINO:
Ich denke an eine Vielfalt von Ideen und Herangehensweisen – allein neigt man ja dazu, auf immer dieselben Muster zurückzugreifen, bekannte Wege zu gehen. In einer Kolonie oder in einer Gruppe (was für mich irgendwie vertrauter klingt) kann man sich, so stelle ich mir jedenfalls vor, gegenseitig inspirieren und von ausgetretenen Pfaden abbringen. Als Individualist stehe ich einer solchen Gruppenarbeit allerdings skeptisch gegenüber. Denkst du nicht, dass sich die hochgeistigen Ideale oft an kleingeistigem Geplänkel aufreiben?

BELMONTE:
Kleingeistiges Geplänkel ist doch aber manchmal das Salz in der Suppe, wenn man über die zahlreichen Künstlergruppen der letzten beiden Jahrhunderte liest. Findest Du nicht? Und tatsächlich hatten die meisten Künstlergruppen keinen dauernden Bestand. Irgendwann ist die gegenseitige Inspiration ausgeatmet und es werden wieder die eigenen Wege beschritten. Das spricht meiner Ansicht nach noch nicht gegen die Künstlergruppe an sich.

Ich würde aber gerne noch auf den Begriff der Kolonie zu sprechen kommen. Kolonisation ist Landnahme, ein Suchen-Finden, ein Dort-gehen-wir-hin (mit Betonung auf jedem einzelnen Wort). Wahrscheinlich steckt darin aber schon die Paradoxie, wenn man das Urbarmachen der Kolonisation auf den Ausdruckswillen der Kunst anwendet. Wir suchen das unbebaute Land, den Ursprung, und machen es urbar, formen es aus. Wenn diese Ausformung aber geschehen ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Gruppe sich wieder trennt – nach Jahren oder womöglich bereits nach einem Wochenende.

VALENTINO:
Aus Sicht zum Beispiel der Künstlerkolonie Worpswede oder der Schule von Barbizon kann ich – im Kontext ihrer Zeit – durchaus nachvollziehen, warum die Künstler in die Landschaft gingen. Bei den Künstlern aus Worpswede war es ja vor allem der Widerwille gegen eine verstaubt anmutende Akademie-Malschule. Das Bedürfnis, der Natur wieder näher zu kommen, ist wohl heute kaum geringer als damals. Unbebaut und unbevölkert war das Land allerdings auch damals schon nicht. Und so ergab sich eben auch das Problem der Parallelwelt: Die Einheimischen konnten einfach nicht nachvollziehen, was die Maler dort treiben, was sie bewegt.

BELMONTE:
Das betrachte ich nicht als Problem. Wer mit Kunst oder Literatur nichts anfangen kann, soll es bleiben lassen oder es später nochmal versuchen. Ich stoße mich indes ein wenig an dem Begriff der Parallelwelt, bei dem ein bisschen der naheliegende Begriff der Parallelgesellschaft anklingt. Künstler schaffen aus meiner Sicht keine Parallelwelten sondern Welten. Problematisch wird es dann, wenn diese neuen Welten andere bereits bestehende Welten zerstören. Der Kolonialismus ist ja in weiten Teilen genau so vorgegangen. Etwas Ähnliches kann ich allerdings bei den Worpsweder Künstlern nicht erkennen. Deine Frage „Wie sollen die Menschen nachvollziehen, was die Künstler bewegt?“ ist sicherlich aus vielen Lebenssituationen nachvollziehbar. Aber ist das tatsächlich relevant? Wer nachvollziehen will, kann nachvollziehen. Und was geht es den Künstler an, der aus seinem Ausdruckswillen heraus lebt. Viel wichtiger ist, dass dieser Ausdruckswille nicht von außen, durch welche Ideologie auch immer, gelenkt wird und eben die Welt schaffen kann, die er will.

(Fortsetzung …)

(c) valentino und belmonte 2014

Seiten aus dem Skizzenbuch | 3

(c) valentino 2013

Brief aus Worpswede

valentino

Im Rilke-Café in Fischerhude gibt es nicht nur Kuchen, man kann auch Gespräche führen mit zumeist etwas betagteren, kunstinteressierten Damen: „Sie sind also hier, um auf Paulas Spuren zu wandern?“

Rilke Café

Das Rilke-Café in Fischerhude / Foto: Valentino

Tags zuvor bei Kerzenschein und Bier auf den Hammewiesen. Während eines abendlichen Gesprächs mit Lisa und Toni über dieses und jenes zucken Blitze weit entfernt am Horizont durch den Nachthimmel über dem Moor. Toni zeigt mir seinen gekappten rechten Mittelfinger, dessen Kuppe sich bei einem Unfall absprengte unterwegs mit fahrenden Schaustellern. Weil er die anderen Fingerkuppen noch für das Akkordeonspiel benötigte, hing er kurz darauf den Job an den Nagel. Wachs tropft vom Flaschenhals einer leeren Bierflasche. Bei Tagesanbruch wollen Lisa und Toni abreisen. Ich erzähle, dass ich morgen mit dem Fahrrad nach Fischerhude fahre. Lisa empfiehlt mir daraufhin einen Besuch im Rilke-Café. Abrupt endet unser Gespräch. Einsetzender Regen, es schüttet wie aus Kübeln. Ich lese im Rilke-Buch. „Die Landschaft aber steht ohne Hände da und hat kein Gesicht, – oder aber sie ist ganz Gesicht und wirkt durch die Größe und Unübersehbarkeit ihrer Züge furchtbar und niederdrückend auf den Menschen, etwa wie jene ‚Geistererscheinung‘ auf dem bekannten Blatte des japanischen Malers Hokusai“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Essay über die Landschaftsmalerei, der die Einleitung zu den Künstler-Monographien des Worpswede-Buches bildet.

Hokusais Geistergestalt [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor allem die Landschaft wirkte anziehend auf junge Maler wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, die in den 1890er Jahren sich zusammentaten, um in der Abgeschiedenheit des Moores gemeinsam ihre Kunst zu entwickeln. Damit entsprachen die Worpsweder Künstler dem Zeitgeist, denn in der Folge der Schule von Barbizon, der Landschaftsmaler wie Jean-François Millet angehörten und die sich bereits ein halbes Jahrhundert zuvor in Frankreich gegründet hatte, entstanden zahlreiche weitere Künstlergruppen in Europa.

Erfolg stellte sich 1895 bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast ein. Doch Homogenität und Modernität der Gruppe wurden überschätzt. Zum Bruch kam es unter den charakterlich sehr verschiedenen Künstlerfreunden, die zum Teil sehr unterschiedliche Lebensauffassungen hatten, mehr oder weniger schleichend nach der Jahrhundertwende. Paula Modersohn-Becker kam im Jahr des Erfolges zu der Gruppe und wurde ihre progressivste Vertreterin. Sie unternahm Reisen nach Paris, wo sie sich unter anderem für Bilder von Paul Cézanne begeisterte. Paula malte vereinfachte, reduzierte Formen und variierte die Farben, was sie in die Nähe der französischen Fauvisten und der Künstlergruppe Brücke rückte. Auch rückte sie den Fokus von der Landschaft auf den Menschen. So porträtierte sie zum Beispiel sehr einfühlsam Rilke. Beiden gemeinsam war ihre Weise, die Kunst geradeaus und kompromisslos zu leben.

Paula Modersohn-Beckers Porträt des Rainer Maria Rilke [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Rahmen der diesjährigen Sommerausstellung (noch bis Ende des Monats) behandeln die vier zusammengeschlossenen Worpsweder Museen das Werk Heinrich Vogelers. Mit einer Verbundeintrittskarte schlendert man durch das Haus im Schluh, die Große Kunstschau, die Worpsweder Kunsthalle und den Barkenhoff, den ich, auf der Gartenbank hockend, mit einem stumpfen, abgegriffenen Bleistift in meiner Hand in meinem Skizzenbuch festhalte.

Im Moor

Im Teufelsmoor bei Worpswede / Foto: Valentino

(c) valentino 2012

Seiten aus dem Skizzenbuch | 2

(c) valentino 2012

Seiten aus dem Skizzenbuch

(c) valentino 2012