Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 16. Teil

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Illustration: Valentino

Obwohl mir bewusst gewesen war, dass es bereits vielfältige Kontakte gegeben hatte, erschien mir die Lebensweise der Mam relativ ursprünglich. Gleichzeitig glaubte ich schon den tiefen Umbruch erkannt zu haben, der sich in ihrer Gesellschaft abzeichnete: Es schien bloß noch eine Frage der Zeit, dass es im Haus Elektrizität gebe und die Straße nach Huehue komplett asphaltiert sein würde. Ihre Lebensweise würde sich womöglich schneller an die unsrige westlich-industrielle angenähert haben, als man es sich gewünscht hätte – von den Auswirkungen des bevorstehenden Massentourismus ganz zu schweigen.

Emiliana sagte, als Nachspeise gebe es Elote, süße Klöße aus Mehl von jungem Mais. Sie ging zur Feuerstelle, um sie zu holen. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Zum Abschied gaben mir die Mendozas die Hand. Am nächsten Morgen würde ich die Familienmitglieder vermutlich nicht mehr sehen, weil mein Bus nach Xela schon um vier Uhr morgens abfahren sollte. Ich war der letzte, der ihnen nicht eine Waschmaschine gegönnt hätte, damit Paulina nicht weiterhin stundenlang in der morgendlichen Kälte am Spülstein stehen musste.

Ob sie eine bekommen haben, sollte ich allerdings nicht mehr erfahren. Ich legte mich unter die Wolldecken auf meine Pritsche und fiel prompt in einen tiefen Schlaf. In der Zeit, die seit meiner Abreise von Todos Santos vergangen war, hat sich meine Sichtweise verändert. Vielleicht aus Angst vor einer Enttäuschung würde ich nicht wieder dorthin zurückkehren. Ich habe mich oft an den Abend bei den Mendozas zu erinnern versucht. Immer wieder hat mich mein Gedächtnis getäuscht und die Ereignisse zur Gegenwart hin zurechtgebogen. Und so bleibt Narcisas Erzählung die einzige nicht verblassende Erinnerung.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Fünfter Teil

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Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Im Moment des Aufwachens fühlte ich mich vom Fieber befreit. Nach dem Frühstück ging ich spazieren. Xela lag in einer Hochtalebene der Sierra Madre. Vor einem halben Jahrtausend besiegte dort der Konquistador Pedro de Alvarado den Quiché-Häuptling Tecún Umán. Die Kolonialzeit dauerte dreihundert Jahre. Im späten 19. Jahrhundert gab es eine Zeit des regen Kaffeehandels. Allerdings zerstörte kurz nach der Jahrhundertwende ein Vulkanausbruch des „Santa María“ die Stadt, woraufhin viele Händler fortgingen.

Die Quiché lebten in kleinbäuerlichen Gemeinschaften in der Umgebung. An den Markttagen verkauften sie auf Xelas Märkten Mais, Bohnen, Weizen und allerlei handgefertigte Stoffe und Waren. Ich erreichte einen Markt, der sich über ein weites Netz von Straßen und Plätzen erstreckte. Dort lag der Geruch gebackener Tortillas in der Luft. Rauch stieg von den Feuerstellen auf. Kinder hockten barfuß im Kreis auf dem Boden und spielten irgendetwas mit Bohnen und einem Schälchen. Essensgerüche drangen aus offenen Esszimmern und luden zum Verweilen ein. Ich tauchte in das Markttreiben ein und versuchte die Eindrücke festzuhalten, doch sie waren flüchtig wie in einem Traum.

Mein nächstes Ziel hieß Todos Santos, ein Bergdorf im Höhenzug Los Cuchumatánes. Ich hatte in einem Sprachprojekt Kontakt zu einer dort lebenden Mam-Familie bekommen. In zwei Tagen wollte ich da sein. Der Weg würde per Bus von Huehuetenango (kurz: Huehue) über eine karge Hochebene führen. Das Fahrrad ließ ich in der Obhut der Organisatoren des Sprachprojekts, da ich in einigen Tagen wieder nach Xela zurückkehren und meine Reise durchs Hochland fortsetzen wollte.

(c) valentino 2016

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Vierter Teil

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Kirche in Nahualá

Illustration: Valentino

Es regnete. Felipe aus Chichicastenango nahm mich mittags in seinem Pick-up mit. In Los Encuentros musste er abbiegen und ließ mich deshalb aussteigen. Ich fuhr mit dem Fahrrad weiter durch den stärker werdenden Regen und erreichte völlig durchnässt Nahualá. Im Ort lebten die Quiché, eine von Guatemalas zahlreichen Ethnien – eine andere große Maya-Sprachgruppe waren die Mam. Einige der indigenen Hochlandbewohner sprachen kaum oder gar kein spanisch. Der Regen ließ nach. Ich schob mein Fahrrad an Pfützen vorbei durch Rinnsale und aufsteigenden Nebel.

Kinder umringten mich. In der Nähe des Marktplatzes stellte ich mein Fahrrad gegen eine Hauswand. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber die Luft war sehr feucht. Ich fragte einen Mann nach einer Unterkunft. Er deutete auf ein Haus bei der Kirche. Ich klopfte an die Tür. Ein Mädchen öffnete. Als ich nach einem Zimmer für die Nacht fragte, holte es seine Mutter, die mir einen kleinen Raum mit Bett vermietete. Ich zog die nasse Kleidung aus und hängte sie zum Trocknen auf. Die Dusche war kalt, da der Durchlauferhitzer fehlte. Ich fror und fühlte mich krank. In der Nacht bekam ich Fieber.

Am nächsten Morgen verließ ich Nahualá. Das Fieber schwächte mich noch immer. Ich hatte kaum Kraft zum Fahrradfahren. Am Ortsausgang wartete ich an der Hauptstraße zusammen mit einer Gruppe Einheimischer auf den Bus nach Quetzaltenango (kurz: Xela). Irgendwann hielt anstelle des erwarteten Busses ein Lastwagen, auf dessen Ladefläche Männer mit Macheten auf dem Weg zu ihren Milpas, ihren Maisfeldern, und einige Frauen mitfuhren. Der Fahrer lenkte das Fahrzeug auf der Bergstraße nach Xela schnell und geschickt an zahlreichen Schlaglöchern und senkrechten Abgründen vorbei.

(c) valentino 2016

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