Die letzten Glühwürmchen – Trauriger geht’s nimmer (Filmrezension)

Hotaru no haka

Wieder ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Anime-Kriegsdrama // Am 21. September 1945 bin ich gestorben. Dieser „Ich“, das ist Seita, der zerlumpt und abgemagert in einer japanischen Bahnhofshalle kauert, zusammensackt und seinen letzten Atemzug aushaucht. Ein Bahnbediensteter entdeckt den Leichnam, nimmt das tragische Ereignis achselzuckend hin, weil es offenbar an der Tagesordnung ist.

Der Prolog von „Die letzten Glühwürmchen“ nimmt das Ende vorweg, und das ist auch gut so. Das Anime-Kriegsdrama von 1988 ist traurig genug. Hätten wir auch noch die Hoffnung auf ein Happy End, die aber im Finale zerstört würde, würden wir anschließend womöglich noch bedrückter und bewegter sein, als wir es ohnehin sind.

Bomben auf Kōbe

Die Handlung springt zurück in die Zeit der
Luftangriffe auf Kōbe, die von Februar bis August 1945 andauerten. US-Bomber nähern sich der japanischen Großstadt. Seita und seine kleine Schwester Setsuko verpassen den Zeitpunkt, die Luftschutzbunker zu erreichen. Um sie herum entfachen Brandbomben einen Feuersturm, dem die in typisch japanischer Leichtbauweise errichteten Häuser reiche Nahrung bieten. Er und seine auf seinen Rücken geschnallte Schwester überleben knapp. In einem behelfsmäßig eingerichteten Lazarett trifft Seita auf seine Mutter, die schwerste Verbrennungen erlitten hat und im Sterben liegt. Kurz darauf wird ihr Leichnam gemeinsam mit vielen anderen verbrannt.

Ein Junge stirbt

Die Geschwister kommen für eine Weile bei einer Tante unter, die sich nach einer Phase der Eingewöhnung als recht kaltherzig erweist. So wirft sie Seita Faulheit vor, weil er nichts tut, außer sich um Setsuko zu kümern, der sein gesamtes Pflichtbewusstsein gilt. Schließlich entscheidet der Junge, mit seiner Schwester in eine Höhle umzuziehen, die er entdeckt hat. Dort müssen die beiden fortan dem Hunger und den Krankheiten trotzen.

„Warum sterben die Glühwürmchen so schnell?“

Schon wenn Setsuko kurz nach dem Bombenangriff Ich will zu meiner Mama schluchzt, zerreißt es einem das Herz, und es wird nicht weniger traurig, im Gegenteil. Selbst wenn die Kleine unbeschwerte Gedanken äußert, bringt das keine Erholung von der Tragik, sondern vertieft sie noch, da wir wissen, dass Setsukos Unbeschwertheit eine Illusion ist. Eines Tages entdeckt Seita, wie seine Schwester ein kleines Grab für einen Haufen Glühwürmchen buddelt. Mama ist doch auch in einem Grab, oder? Längst hat Setsuko von der Tante vom Tod der Mutter erfahren. Wenn Seita daraufhin zum ersten Mal die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, muss man schon ein arg grober Klotz sein, um keinen Kloß im Hals zu verspüren. Warum sterben die Glühwürmchen bloß so schnell, Seita? So fragt ihn Setsuko und beginnt ebenfalls zu weinen. Wir ahnen: Auch die beiden sind Glühwürmchen, die viel zu schnell verglühen werden.

Vom Regisseur von „Heidi“

Von den deutschen Anime-Fans abgesehen, dürfte die 52-teilige Anime-Serie „Heidi“ von 1974 hierzulande die bekannteste Regiearbeit von Isao Takahata sein – sie lief ab 1977 im ZDF. „Die letzten Glühwürmchen“ bildete 1988 Takahatas Debüt für die heute legendäre Anime-Schmiede Studio Ghibli, zu deren Gründern er zählt und das solche Klassiker wie „Prinzessin Mononoke“ (1997), „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) und „Das wandelnde Schloss“ (2004) hervorbrachte. Er selbst inszenierte noch das Melodram „Tränen der Erinnerung – Only Yesterday“ (1991), das Märchen „Pom Poko“ (1994), die Familienkomödie „Meine Nachbarn die Yamadas“ (1999) und das Märchen „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ (JAP 2013).

Seita und Setsuko fliehen vor den Flammen

Nach einem auf Kriegserinnerungen des Schriftstellers Akiyuki Nosaka basierenden Roman gedreht, hebt sich „Die letzten Glühwürmchen“ visuell von Takahatas übrigen Ghibli-Regiearbeiten und vielen anderen Animes ab, weil viele der Hintergründe und Landschaften deutlich naturalistischer als üblich gezeichnet sind. Die Gesichter erscheinen mir recht typisch gezeichnet, wenn ich mir diese Bemerkung als Anime-Laie erlauben darf. Doch selbst wem dieser Zeichenstil fremd bleibt, wird nicht umhin kommen, das Leid von Seita und Setsuko hautnah nachzuempfinden. „Die letzten Glühwürmchen“ belässt den Fokus ununterbrochen auf den beiden Geschwistern, die uns dadurch sehr ans Herz wachsen. Das macht insbesondere das Ertragen des knapp 20-minütigen Schlussakkords umso schwerer.

Sehr erwachsenes Anime-Meisterwerk

Abschließend möchte ich auf die Rezension von „Die letzten Glühwürmchen“ bei „Die Nacht der lebenden Texte“ verweisen. Durch deren Autor Matthias Holm bin ich erstmals nachhaltig mit dem Anime-Sektor in Berührung gekommen. Ich bin kein großer Fan dieses urjapanischen Bereichs der Animationsfilme geworden, habe aber ein paar herausragende Animes entdeckt. „Die letzten Glühwürmchen“ ist eines davon. Trotz zweier Kinder als Protagonisten sehr erwachsen, meisterhaft und dabei tieftraurig. Eine Antikriegsbotschaft in Vollendung, auch wenn Isao Takahata die pazifistische Intention seiner Arbeit verneint hat.

Veröffentlichung: 30. November 2018 als Collector’s Candybox Edition Blu-ray, 27. September 2013 als Blu-ray, 26. November 2007 als Deluxe Edition Doppel-DVD, 27. August 2002 als DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hotaru no haka
DDR-Titel: Das Grab der Leuchtkäfer
Internationaler Titel: Grave of the Fireflies
JAP 1988
Regie: Isao Takahata
Drehbuch: Isao Takahata, nach einem Roman von Akiyuki Nosaka
Zusatzmaterial: Interview mit Isao Takahata, Making-of, Gespräch mit dem Filmstab, nur Candybox Edition: 24-seitiges Booklet, 3 Artcards, Novelle „Das Grab der Leuchtkäfer“
Label/Vertrieb: KAZÉ / AV Visionen GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenbilder & Packshots: © KAZÉ / AV Visionen GmbH

Am Ende der Krieg – Květa Legátová: Der Mann aus Želary (Kurzrezension)

belmonte

Květa Legátová: Der Mann aus Želary

Die Brünner Ärztin Eliška arbeitet 1942/43 für den Widerstand gegen die Deutschen und muss fliehen. Unter neuem Namen lebt sie in dem kleinen Bergdorf Želary. Ihre vorbereitete Heirat mit dem Sägewerkarbeiter Joza, einem liebevollen Hünen, dient ihrem Schutz, und es stellt sich heraus, dass Joza gar nicht der Dorftrottel ist, für den ihn die Dorfbewohner ausgeben.

Eliška wandelt sich, unter ihrem neuen Namen Hana, von einer modernen Städterin in eine Dorfbewohnerin, die nach und nach die Geheimnisse des Dorfes Želary und seiner Bewohner kennenlernt – einer stolzen Gruppe von Menschen, die sich weder von den Deutschen noch von den Russen unterkriegen lässt. Sie lernt ihren Mann lieben, nachdem sie ihre anfängliche Angst überwunden hat. Und von der wilden und weisen Alten Lucka lernt sie, dass es noch ganz andere Wege gibt, um Krankheiten zu heilen, als die moderne Medizin, die sie in Brünn gelernt hat.

Das Buch ist sehr kurz, die Thematik ist alles andere als neu, aber der angeschlagene Ton rührt auf seltsam unanrührige Weise an, die Natur, die Holzhütten, der Wald und die Eigenheiten der Leute werden mit wenigen Strichen gezeichnet, so dass kein Raum für Rührseligkeit bleibt.

Am Ende kommt der Krieg direkt ins Dorf.

Die unter Pseudonym schreibende Věra Hofmanová war dem kommunistischen Regime der Tschechoslowakei nicht genehm. 1919 geboren, schrieb sie erst in den 2000er Jahren ihre wichtigen Romane. Das Buch Der Mann aus Želary wurde 2003 unter dem Titel Želary verfilmt und für den Oscar nominiert. Ich bin gespannt, den Film irgendwann zu sehen und mich an dieses schöne kurze Buch zu erinnern.

(c) belmonte 2020

Květa Legátová: Der Mann aus Želary. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2009, 254 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Ein Jahrhundertroman – Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrezension)

belmonte

Meine nächste Lektüre wählte ich nach der Rastermethode aus:

  • Ich wollte das Buch einer Schriftstellerin lesen. Mir war aufgefallen, dass ich zu viele Bücher von Männern lese.
  • Das Buch sollte möglichst in einem Indie-Verlag erschienen sein.
  • Mehr als sechshundert Seiten sollten es schon sein, und bitte recht episch.
  • Mehrere Generationen sollte das Buch umfassen, das wäre nicht schlecht.
  • Aktuelle deutschsprachige Literatur war auch mal wieder an der Reihe, die habe ich lange vernachlässigt.
  • Vielleicht ein wenig Europa und Geschichte und Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit und Umbrüche 1989, von allem ein bisschen.

Genau so ein Buch zu finden, das kam mir etwas unwahrscheinlich vor. Aber dann hielt ich Nino Haratischwilis monumentalen Georgien-Roman Das achte Leben (für Brilka) in meinen Händen, und er entsprach genau dem Raster, nach dem ich gesucht hatte. Jetzt musste mich das Buch nur noch mitreißen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Und es hat mich mitgerissen. Es ist alles drin, was das europäische Zwanzigste Jahrhundert ausgemacht hat. Erster Weltkrieg, Russische Revolution, Stalin, Hitler, Verfolgung, Zweiter Weltkrieg, lähmende Jahrzehnte danach, Prager Frühling, Moskau, London, Berlin, Amsterdam, Wien, und vor allem Tbilissi und Georgien.

Immer wieder kommt eine unwiderstehliche Schokoladenmischung vor, die für den, der sie kostet, meist im Unglück endet. Diese Schokoladenmischung, erfunden (oder besser: entdeckt) vom namenlosen Schokoladenfabrikanten, der die Familiendynastie der Jaschi begründet, zieht sich wie ein roter (brauner?) Faden durch das gesamte Buch.

Erzählerin ist Niza Jaschi, die ihrer Nichte Brilka die gesamte Familiengeschichte über sechs Generationen erzählt, während diese mir nichts, dir nichts aus Amsterdam nach Wien entschwindet. Warum? Lest das Buch.

Ich erinnere mich gern an die vielen Personen, die Nino Haratischwili allesamt mit Meisterschaft einführt. Da ist zum Beispiel Stasia Jaschis Tante Thekla in Sankt Petersburg, bei der Stasia kurz nach der Revolution unterkommt und in deren großbürgerlichem Haus ihr ein Lehrer Ballett beibringt. Thekla ist eine herrliche Person, sie trotzt den Bolschewiken, aber lange geht es nicht gut und Stasia muss zurück nach Georgien.

Generationenbäume

Generationenbäume

Unter den zahlreichen Hauptpersonen gibt es nur wenige, die ich nicht ins Herz geschlossen habe. Selbst Kostja Jaschi, der Betonkommunist, ist bei aller Brutalität gegen seine Töchter oder gegen vermeintliche Regimegegner eine sehr nachfühlbare Persönlichkeit. Eine frühe tragische Liebe in Leningrad während der deutschen Belagerung hat ihn gefühlskalt werden lassen.

Da ist die wunderschöne Christine Jaschi, die den Parteifunktionär Ramas heiratet, aber von dessen Chef – keinem Geringeren als dem Millionenschlächter Lawrenti Beria – immer wieder sexuell missbraucht wird. Auch diese Episode endet tragisch und in Verstümmelung.

Wunderbar gezeichnet ist auch Kitty Jaschi, die nach tragischer Liebe (mit schlimmster Folter und Abtreibung) über Prag in den Westen abgeschoben, in London eine gefeierte Sängerin wird und auf dem Höhepunkt ihrer Sängerkarriere nach Prag fährt, um während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen mit ihrer Gitarre auf dem Wenzelsplatz ein altes Volkslied (oder doch eine Freiheitshymne?) zu singen. In London verliebt sie sich in die faszinierende, aber tief verzweifelte Wienerin Fred Lieblich, deren Familie von den Nazis ermordet wurde. Daraus wird eine alles andere als stabile Beziehung. In diesem Buch ist nichts stabil.

Nino Haratischwili

Nino Haratischwili / Foto: Julia Bührle-Nowikowa (gemeinfrei)

Ganz wie Elsa Morante in ihrem Roman La Storia (Rezension siehe hier …) bindet Haratischwili immer wieder die historischen Umstände und Geschehnisse ein. Familiengeschichte ist Weltgeschichte.

Allen Kapiteln wird ein Motto oder Zitat oder Vers vorangestellt, von Zwetajewa, Achmatova, Lenin, Schostakowitsch über Tschechow, Depeche Mode zu Gorbatschow und vielen anderen. So auch Stalin, der Generalissimus:

„Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen – nur eine Statistik.“

Das Buch ist mit knapp 1300 Seiten ein echter Ziegelstein. Ich bin dennoch gut durchgekommen. Aus meiner Sicht handelt es sich gar nicht um einen Roman. Wenn das Buch verfilmt würde, wäre es eine Serie mit zig Handlungssträngen.

Ohnehin ist der Autor dieser Zeilen der Ansicht, dass der bürgerliche Roman tot ist und sich mittlerweile in Serie oder Epos verzweigt hat.

In diesem Buch wird viel gestorben. Aber wenn über sechs Generationen erzählt wird, sterben eben viele. Und die Toten sitzen am Gartentisch und spielen Karten. Genau wie in Wassili Grossmans Roman Leben und Schicksal (siehe hier …) ist es dennoch das Leben, das zählt:

„Wir hatten es nicht schön. Es war die Hölle auf Erden.“
„Rede keinen Unsinn. Erinnere dich. Wir haben gelebt, Kitty. Wir waren da.“ (1019)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Mit Das achte Leben (für Brilka) hat Nino Haratischwili (1983 in Tiflis geboren) ein Buch über Georgien, über die Sowjetunion, über Europa und über das Zwanzigste Jahrhundert geschrieben, das als Vorbereitung auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse mit Gastland Georgien unbedingt zu empfehlen ist.

Mal schauen, ob das nächste 1000-seitige Familienepos, das ich in der Hand habe, Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie, an Haratischwilis Jahrhundertroman herankommt. Jedenfalls freue ich mich auf Haratischwilis neuen Roman Die Katze und der General.

(c) belmonte 2018

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014, 1280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ – Elsa Morante: La Storia (Buchrezension)

belmonte

Ich lese viel. Einige Bücher verschlinge ich in kürzester Zeit (etwa Robert McCammons wunderbaren Doppelband Swans Song). Für andere, insbesondere Klassiker, brauche ich irrsinnig viel Zeit (zum Beispiel Tolstois Krieg und Frieden). Elsa Morantes 600-Seiten-Roman La Storia hat mich ganze drei Monate in Anspruch genommen, das ist schon am oberen Ende meines Lesedauermaßes. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich ein unverbesserlicher Parallelleser bin.)

Elsa Morante: La Storia

Elsa Morante: La Storia / Foto: belmonte

Dennoch, Elsa Morantes La Storia konnte ich bei aller Länge nicht aus der Hand legen. Es ist aus meiner Sicht eines der Hauptwerke der italienischen und europäischen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Roman erzählt die Geschichte von Ida Ramundo und ihren beiden Söhnen Nino und Useppe im Rom des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach.

Ida Ramundo, eine zurückgezogen lebende und völlig verängstigte jüdische Grundschullehrerin, wird von einem zufällig daherlaufenden betrunkenen deutschen Soldaten in ihrer Wohnung in Rom vergewaltigt, woraus ihr Sohn Giuseppe entstammt. Das schwache Kindchen, fortan bloß Useppe genannt, liegt in seiner Entwicklung stets ein bis zwei Jahre zurück, entwickelt aber eine ganz eigene Intelligenz. Ida kümmert sich rührend um ihn, während sie die allseits drohende Judenverfolgung vor Augen hat. Vor ihrer Umgebung versteckt sie ihr Judentum, geht aber immer wieder ins jüdische Ghetto, um dort Neuigkeiten über die Gefahrenlage zu erhalten.

Eine der bedrückendsten Passagen des Romans ist denn auch, als Ida durch Zufall bei der Deportation der Bewohner des jüdischen Ghettos am Bahnhof Tiburtina zugegen ist. Die in Güterwaggons Eingeschlossenen fahren direkt in die Gaskammern von Auschwitz. Ida selbst wohnt außerhalb des Ghettos und kann sich vor der Deportation verbergen.

In der Folge wird Idas Mietshaus ausgebombt, sie und Useppe haben Glück im Unglück und finden in einem überfüllten Haus am Rande Roms Asyl, zusammen mit einer Familie, die einfach nur die Tausend genannt wird. Während Idas älterer Sohn Nino, anfänglich noch begeisterter Mussolini-Schwarzhemdträger, zu der Zeit bereits bei den Partisanen aktiv ist, lebt Ida buchstäblich von nichts, und das Wenige, das sie auftreibt, gibt sie ihrem Sohn Useppe. So nachvollziehbar und eindrücklich habe ich nur selten von Kriegsarmut gelesen.

Elsa Morante beschreibt die Beziehung der Mutter zu ihrem schwachen Useppe so einfühlsam, dass es mir beim Lesen mehrmals den Hals zugeschnürt hat. Die Autorin erlaubt dem Leser wenig Hoffnung. Im überfüllten Asyl der Ausgebombten sagt eine Mitbewohnerin zu Useppe: „Armes Vögelchen, man sieht, daß du nicht größer wirst. Du bleibst nicht lang am Leben. Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ (280)

Auch zwei Hunde spielen eine ebenso wichtige wie rührende Rolle.

Der Roman beschreibt zahlreiche Seitenstränge, zum Beispiel den Kältetod Giovanninos, des Ehemanns einer der Mitbewohnerinnen Idas, auf dem Rückzug des Italienkorps von den sowjetischen Schlachtfeldern. Hier werden epische Bilder aus Tolstois Krieg und Frieden heraufbeschworen.

Jedes Jahr wird von einem zum Teil mehrseitigen historischen Kontext eingeleitet, zum Beispiel das Jahr 1943: „Januar-Februar. In Rußland: Der Zusammenbruch der Don-Front bezeichnet das katastrophale Ende des italienischen Expeditionskorps, das von den Sowjetrussen überrollt wird. (…)“ (137) Oder 1947: „Juli-September. Nach dreißigjährigem, von Mahatma Gandhi mit den gewaltlosen Mitteln des passiven Widerstands geführtem Kampf gegen das britische Empire erhält Indien die Unabhängigkeit. (…)“ (470)

Der Roman entwirft aber nicht nur ein historisches sondern vor allem ein römisches Panorama vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn etwa der attraktive Nino auf einem wie auch immer besorgten Motorrad mit seiner Geliebten durch die Straßen saust, wird das Rom der ersten Nachkriegsjahre sichtbar. Nino ist mittlerweile von einem bekannten Partisanen zum Schmuggler geworden, doch wie aus dem Nichts passiert dann eben …

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain via Wikimedia Commons)

Aus heutiger Sicht ist Elsa Morantes Vorausschau der gesellschaftlichen Entwicklung und Umweltkatastrophen außerordentlich hellsichtig. Selbst den Plastikmüll in den Ozeanen hat sie bereits deutlich beschrieben:

„Die wichtigste Funktion der menschlichen Gemeinschaft wird es, für die Industrie zu arbeiten und ihre Produkte zu kaufen. Mit der Vermehrung der Waffen geht eine Vermehrung der Konsumgüter Hand in Hand, welche durch die Zwänge des Marktes (Konsumismus) sogleich wieder entwertet werden. Die Kunststofferzeugnisse – Produkte, die dem biologischen Kreislauf fremd sind – verwandeln die Erde und die Meere in Ablageplätze unzerstörbarer Abfälle. Immer mehr breitet sich in allen Ländern der Erde der industrielle Krebs aus, welcher die Luft, das Wasser und die Organismen verseucht und die bewohnten Gebiete verwüstet, wie er die in ihren Fabriken zu Kettenstrafen verurteilten Menschen denaturiert und zerstört. Mit systematischer Züchtung manipulierbarer Massen im Dienst der industriellen Mächte werden die Massenkommunikationsmittel (Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen) zur Verbreitung und Propagandierung einer verderbten, dienstbaren und degradierenden ‚Kultur‘ benutzt, welche die menschliche Urteilskraft und Kreativität korrumpiert, jede reale Daseinsmotivation hemmt und krankhafte kollektive Erscheinungen wie Gewalttätigkeit, Geisteskrankheiten und Drogenkonsum auslöst.“ (627f., kursive Passagen im Original)

Alles folgt einer ewig vorwärtstreibenden Sinnlosigkeit des Lebens. Der zeitgeschichtliche Abschluss des Romans lautet lapidar: „und die Weltgeschichte geht weiter.“ (628) Es gibt keine Hoffnung, dass irgendetwas besser wird. Morante gibt ihre fatalistische Weltsicht der Prostituierten Santina an die Hand:
„All das Gute und das Böse, der Hunger, der die Zähne ausfallen läßt, die Hässlichkeit, die Ausbeutung, der Reichtum und die Armut, die Unwissenheit und die Dummheit … das alles bedeutet für Santina weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit. Es sind einfach unfehlbare Zwangsläufigkeiten, für die es keinen Grund gibt. Sie akzeptiert sie, weil sie geschehen, und erduldet sie arglos als die natürliche Folge der Tatsache, daß man geboren worden ist.“ (349)

Santina wird dann auch von ihrem Zuhälter zu Tode geprügelt, einfach so.

Elsa Morante, Premio-Strega-Preisträgerin von 1957, hat ihren Roman zwar in den 1970er-Jahren geschrieben, sie folgt aber dem italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit, einer ungeschönten Darstellung der Wirklichkeit in aller Gewalt und Armut, nicht unähnlich zur Kahlschlagliteratur der beginnenden Gruppe 47 in Deutschland.

An Traurigkeit reicht La Storia für mich an Cormac McCarthys The Road heran. Dort ein Vater, hier eine Mutter, die in einer zerstörten Welt alles tut, um ihren schwachen Sohn durchzubringen. Das Ende ist beide Male herzzerreißend.

Morantes Roman wurde 1986 unter der Regie von Luigi Comencini mit Claudia Cardinale in der Hauptrolle verfilmt. Der fürs italienische Fernsehen produzierte Film ist hierzulande leider noch nicht auf DVD erschienen.

Addendum:

Ich habe Elena Ferrantes Neapel-Zyklus (Meine geniale Freundin usf.) noch nicht gelesen. Es heißt aber, dass Elena Ferrante sich Elsa Morante als eines ihrer Vorbilder gewählt hat. Vor diesem Hintergrund sei Morantes La Storia umso mehr ans Herz gelegt.

(c) belmonte 2017

Elsa Morante: La Storia. Aus dem Italienischen von Hannelise Hinderberger. Piper, Zürich 1976, 631 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Kein großes Mosaik – Richard Overy: Russlands Krieg – 1941-1945 (Rezension)

belmonte

Seit längerer Zeit schon hatte ich mir vorgenommen, eine Gesamtgeschichte des Deutsch-Sowjetischen Krieges zu lesen. Es sollte möglichst keine Darstellung aus einer deutschen Feder sein, sondern entweder von einem russischen Historiker oder von anderer Seite. Der 2013 ausgestrahlte Fernseh-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter war zwar recht beeindruckend, durch die deutsche Perspektive aber doch wieder recht einseitig.

Richard Overy: Russlands Krieg 1941-1945

Richard Overy: Russlands Krieg 1941-1945

Meine Recherche brachte mich auf das Buch Russlands Krieg – 1941-1945 des britischen Historikers Richard Overy. Vor allem waren die Rezensionsnotizen auf Perlentaucher vielversprechend. Anscheinend fanden drei überregionale Zeitungen das Buch außerordentlich überzeugend.

Overys Darstellung liest sich in der Tat flüssig und eingängig und hat mich nicht wie andere historische Werke über Wochen gebunden. Das umfangreiche, mit zahlreichen Bildern und Karten ausgestattete Werk lässt an Ausführlichkeit nichts zu wünschen übrig und bettet den Krieg in eine größere Zeitlinie ein, beginnend mit dem Jahr 1919 während des Russischen Bürgerkrieges bis nach Stalins Tod und der langen Nachkriegszeit inklusive Kalter Krieg.

Dennoch bin ich von dem Werk alles andere als begeistert. In der Perlentaucher-Notiz zur Rezension in der Süddeutschen Zeitung heißt es: „Zudem vermag dieser Autor ‚packend’ zu erzählen und streckenweise liest sich das Buch in seiner ‚eleganten’ Darstellungsweise eher wie ein Roman als wie ein Geschichtsbuch …“

Mein Eindruck ist ein diametral entgegengesetzter. Dieses Werk ist ein traditionelles Geschichtsbuch ohne jeglichen Romancharakter. Hauptaugenmerk wird auf politische Einzelpersonen – allen voran Stalin, Hitler, Schukow, Molotow – und ihr Umfeld, Beziehungs- und Entscheidungsgefüge gelegt. Darüber hinaus wird von der bedrückenden Lage der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zwar sehr häufig aber nur allgemein gesprochen, in der Art, dass diese eben unter schlimmstem Hunger, Deportation oder den zahlreichen Säuberungen litten.

Immer wieder ist von den abscheulichen Verbrechen der Deutschen und der Brutalität Stalins und seines Geheimdienste-Chefs Berija zu lesen. Was aber diese Verbrechen und die dauernde Angst mit einzelnen Menschen gemacht haben, wird an keiner Stelle näher ausgeleuchtet.

Der Krieg wird größtenteils als ein mechanisches Vor und Zurück von Truppen, Heeresgruppen, Panzerkontingenten und Fliegerbataillonen dargestellt, ein Aufrechnen unterschiedlicher Rüstungsstärken und Kriegsproduktionsressourcen.

Auch Overys Sprache macht sich nicht frei vom Militärjargon: So sei beispielsweise der sowjetische General Konjew „auf eine gründliche Aufklärung der feindlichen Feuerstellungen angewiesen [gewesen], damit diese bei Angriffsbeginn durch genaues Punktfeuer seiner Artillerie neutralisiert werden konnten.“ (406) Diese Art militärischer Sprache („neutralisiert“) zieht sich durch das gesamte Buch, wodurch der Autor bedauerlicherweise in seinem Thema steckenbleibt. Er vermag es nicht, sich von der militärhistorischen Ebene zu lösen, um diesen Krieg in ein adäquates Gesamtbild zu setzen.

Ebenso wenig schafft er es, den eigentlichen Krieg, den Krieg der Soldaten, der betroffenen Bevölkerungen, der Verfolgten, Partisanen, Hinterbliebenen – eben ein Krieg vor allem von Einzelpersonen – zu erfassen und dadurch zumindest im Ansatz erfahrbar zu machen. Das Buch ist weder eine Darstellung des Krieges von oben noch von unten, sondern über weite Teile lediglich eine aneinanderreihende Dokumentation politischer und militärischer Entscheidungen und des durch sie betroffenen Kriegsgefüges. Wo sind all die Augenzeugenberichte, Briefe und Aufzeichnungen? Es handelt sich lediglich um politische und militärische Geschichtsschreibung, nicht um eine Mentalitäts- oder Gedächtnisgeschichte und noch viel weniger um eine Kulturgeschichte des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Ich kann daher der ZEIT-Rezension, die das Werk als ein „großes und stimmiges Mosaik“ bezeichnet, überhaupt nicht zustimmen.

Das Buch ist nicht vollständig misslungen. Es hat mir einen Wissensmehrwert geliefert, den ich vorher nicht hatte. Von der Panzerschlacht bei Kursk wusste ich beispielsweise vor der Lektüre dieses Buches nur wenig (wobei ich den Wikipedia-Artikel gelungener finde). Mir war auch nicht klar, dass es über lange Zeit überhaupt nicht ausgemacht war, dass die Sowjetunion den Krieg sicher gewinnen würde. Auch fördert das Buch sicherlich durch die Verarbeitung mittlerweile zugänglicher Quellen aus russischen Archiven ganz neue Gesichtspunkte und Zusammenhänge zutage.

Eine moderne Darstellung des Krieges sieht dennoch aus meiner Sicht anders aus. Ich bin froh, dass Wassili Grossmans Großroman Leben und Schicksal noch auf meiner Lektüreliste steht. Womöglich finde ich darin, wonach ich gesucht habe.

(c) belmonte 2015

Richard Overy: Russlands Krieg – 1941-1945. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011. 553 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek