Shootings Dogs – Ruanda und die Tatenlosigkeit der Welt (Filmrezension)

Shooting Dogs

Bedrückender Film über ein bedrückendes Weltereignis vor mehr als einem Vierteljahrhundert, dem sich Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ hier widmet.

Kriegsdrama // Haben die auf sie geschossen? So fragt Father Christopher (John Hurt) den belgischen Blauhelm-Offizier Capitaine Charles Delon (Dominique Horwitz). Der hat ihm angekündigt, die streunenden Hunde erschießen lassen zu wollen, die sich vor der weiterführenden Schule École Technique Officielle über die Leichen hermachen. Der Geistliche kommentiert mit seiner rhetorischen Frage auf sarkastische Weise die Untätigkeit der UN-Friedenstruppen im Angesicht des Völkermords in Ruanda, deren Mandat den Schusswaffengebrauch nur zulasse, wenn zuvor auf sie geschossen worden ist. Der Dialog in „Shooting Dogs“ gab dem Film seinen Namen.

Schule wird Schauplatz eines Massenmords

Den Hergang des Völkermords in dem ostafrikanischen Binnenstaat habe ich bereits in meiner Rezension von Raoul Pecks Kriegsdrama „Als das Morden begann“ (2005) skizziert. Die Handlung des an Originalschauplätzen gedrehten „Shooting Dogs“ fokussiert sich auf oben genannte Schule in der ruandischen Hauptstadt Kigali, die am 11. April 1994 zum Schauplatz eines Massenmords an mehr als 2.000 Menschen wurde. Die Handlung setzt sechs Tage zuvor ein: Der für ein Jahr dort tätige junge Lehrer Joe Connor (Hugh Connor) erfreut sich bei den Schülerinnen und Schülern großer Beliebtheit. Er selbst hat ein Auge auf Marie (Clare-Hope Ashitey) geworfen, eine talentierte Leichtathletin. Joes Unbeschwertheit bekommt einen ersten Knacks, als er von der BBC-Journalistin Rachel (Nicola Walker) erfährt, eine hauptsächlich von Tutsi besuchte Friedenskundgebung sei von Hutu-Schlägern mit Macheten überfallen worden. Kurz darauf wird Marie von ein paar halbwüchsigen Hutu mit Steinen beworfen und als „Kakerlake“ beschimpft – eine typische Beleidigung der Tutsi durch die Hutu, wie die Schülerin ihrem Lehrer berichtet.

Der Mob lauert schon

Am späten Abend des 6. April stirbt Staatspräsident Juvénal Habyarimana, als sein Flugzeug abgeschossen wird. Seit vielen Wochen aufgestachelte Hutu-Gewalttäter – manche in Uniform, manche in Zivil – beginnen umgehend mit Massakern an den Tutsi. Die zum Schutz der Schule abgestellten belgischen Blauhelm-Soldaten unter Capitaine Delon riegeln das Gelände ab. Gegen den Willen des Offiziers gewährt Father Christopher vielen flüchtenden Tutsi Unterschlupf. Vor den Toren sammelt sich bald ein blutrünstiger Mob.

Uns kann nichts geschehen, solange wir zusammenhalten. Wir sind zu viele hier. Anfangs glaubt Joe Connor noch an das, was er Marie sagt. Doch die fragile Sicherheit der Menschen in der Schule hängt einzig von der Anwesenheit der UN-Soldaten ab. Und selbst die Belgier sind gefährdet, wie die Massakrierung von zehn belgischen Blauhelm-Soldaten beweist, die zur Sicherheit der ebenfalls ermordeten Premierministerin Agathe Uwilingiyimana abkommandiert waren. An einer Straßensperre trifft der junge Lehrer François (David Gyasi) wieder, einen Hutu, der an der Schule als Aushilfe beschäftigt war und den Joe als freundlichen Menschen schätzte. Nun hält er eine blutverschmierte Machete in der Hand.

Vom Regisseur von „Rob Roy“

Der schottische Regisseur Michael Caton-Jones („Memphis Belle“, „Rob Roy“) lieferte mit „Shooting Dogs“ seinen vielleicht besten, ganz sicher aber wichtigsten Film ab. Die recht unbeschwerten ersten Minuten von „Shooting Dogs“ sind allzu schnell vorbei, danach öffnet sich nach und nach der ganze Abgrund des Völkermords, anfangs noch mit Informationsfetzen und Gehörtem, bald auch im schockierenden Bild. Nicht ausufernd, aber in aller Schonungslosigkeit zeigt Caton-Jones das grausame Gemetzel, das Schwingen der Macheten und Keulen. Hoffnung für die Tutsi gibt es keine – als französische Soldaten eintreffen, dient das nur dem Zweck, die Weißen zu evakuieren. Joe bleibt mit Father Christopher bei den Tutsi, doch als auch die belgischen Soldaten abgezogen werden, muss er eine Entscheidung treffen. Und die Meuchelmörder vor den Toren der Schule schwingen in freudiger Erwartung des Abzugs der Soldaten schon ihre Waffen.

Kein Schießbefehl für die UN-Beobachter

An den Straßen liegen überall blutige Leichen, gnadenlos erheben junge Männer die Macheten gegen Frauen, Babys, Alte. Phasenweise ist das schwer erträglich. Caton-Jones legt den Finger tief in die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, die dem drei Monate andauenden Massenmord in Ruanda aufgrund der Uneinigkeit des UN-Sicherheitsrats zuschaute, ohne einzugreifen. Der Blick auf die belgischen Blauhelme an der Schule dokumentiert dies vorzüglich. Capitaine Delon, meines Wissens eine fiktive Figur, steht stellvertretend für die UN-Friedenstruppen, deren Mandat ein Eingreifen verbot und die deshalb zur Untätigkeit verdammt waren. Delon ringt mit sich, zeigt Gewissensbisse, aber zu keinem Zeitpunkt kommt es für ihn in Frage, die Waffe gegen die Mörder zu erheben oder seinen Untergebenen den Schießbefehl zu geben. Ich bin Soldat – und Soldaten gehorchen ihren Befehlen. Das kennen wir nur zu gut. Der in Deutschland lebende französische Schauspieler Dominique Horwitz bewältigt diese schwierige Gratwanderung überzeugend.

Das Lexikon des internationalen Films bemängelte in seiner ansonsten sehr positiv ausfallenden Kurzrezension, „Shooting Dogs“ konzentriere sich auf die psychologische Ausarbeitung der Charaktere der weißen Protagonisten, wodurch der Völkermord zur Kulisse westlicher Gewissenskonflikte werde. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht, wobei ich die Schärfe der Formulierung für unfair halte. Mit der internationalen Besetzung und vor allem John Hurt erhielt der Film immerhin Aufmerksamkeit, die ihm sonst verwehrt worden wäre.

Kostenlos im Netz

Seine Weltpremiere feierte „Shooting Dogs“ am 11. September 2005 beim renommierten Toronto International Film Festival, anderthalb Monate später wurde es bei den Internationalen Hofer Filmtagen in Bayern gezeigt. In den USA wurde das Kriegsdrama auch unter dem Titel „Beyond the Gates“ vermarktet und im deutschen Fernsehen als „Mord unter Zeugen“ ausgestrahlt. In Deutschland ist Michael Caton-Jones’ Regiearbeit nie auf DVD oder Blu-ray erschienen; eine deutsch synchronisierte Fassung kann aber kostenlos und völlig legal auf der Website und dem YouTube-Kanal des Internet-Streaming-Anbieters Netzkino angeschaut werden – mit einem kostenpflichtigen Abo auch werbefrei.

Den Opfern des Völkermords

Als Einstieg zur Lektüre über den Völkermord in Ruanda eignet sich die Webseite „Ghosts of Rwanda“. „Shooting Dogs“ ist allen Opfern des Völkermords gewidmet – die Zahl der Toten wird auf etwa 800.000 geschätzt. Vor dem Abspann werden einige Überlebende gezeigt, die bei den Dreharbeiten mitgewirkt haben, so beispielsweise Euphrasie Mukarubibi, die ihren Ehemann verlor, vergewaltigt und dabei mit HIV infiziert wurde und als Statistin beteiligt war. Jean-Pierre Sagahutu war am Set als Leiter des Transport beschäftigt – seine Eltern, drei Schwestern und vier Brüder wurden ermordet. Mussa Mangara war für die Garderobe zuständig; 30 Mitglieder der Familie seiner Mutter befinden sich unter den Opfern des Genozids. Dieselbe Tätigkeit beim Dreh übte Nathalie Rutabuzwa aus, die der Völkermord all ihre Schwestern und Brüder kostete.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Dominique Horwitz und John Hurt sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (GB): 31. Juli 2006 und 25. Juni 2007 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Shooting Dogs
Deutscher TV-Titel: Mord unter Zeugen
Alternativtitel: Beyond the Gates
GB/D 2005
Regie: Michael Caton-Jones
Drehbuch: David Wolstencroft
Besetzung: John Hurt, Hugh Dancy, Dominique Horwitz, Louis Mahoney, Nicola Walker, Steve Toussaint, Clare-Hope Ashitey, David Gyasi, Susan Nalwoga, Victor Power, Jack Pierce
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Metrodome Distribution

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Packshots: © Metrodome Distribution

3 Gedanken zu “Shootings Dogs – Ruanda und die Tatenlosigkeit der Welt (Filmrezension)

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