Fiction Factory: Feels Like Heaven (Song der Woche)

Ausgewählt von belmonte.

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Woher wir kommen, wohin wir gehen – Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift (Buchrezension)

valentino

Wir wissen viel über die Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens und Chinas. Kein Wunder, sie kannten die Schrift und haben ihr Wissen schriftlich weitergegeben. Deshalb stehen sie in der Regel am Anfang der modernen Geschichtsschreibung. Anders sieht es mit noch älteren Kulturen aus. Von ihnen fehlen meist schriftliche Quellen, weil sie entweder keine Schrift kannten, oder falls sie eine kannten, diese verloren ist. Hier kommt die Archäologie ins Spiel – sie versucht, Kulturen anhand von materiellen Funden zu beschreiben.

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

In seinem 2014 erschienen Buch „Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ legt Hermann Parzinger eine große Menge an gesammeltem Wissen über diese frühen Kulturen dar. Er klammert die klassischen Hochkulturen aus und beginnt stattdessen bei den ältesten bekannten, von Menschenhand bearbeiteten Steinwerkzeugen, der ersten menschlichen Kulturleistung überhaupt.

Zwar ist das Buch teilweise etwas ermüdend zu lesen, weil der Autor an manchen Stellen viele Fachbegriffe verwendet wie zum Beispiel die Namen der verschiedenen Fundorte und die verschiedenen Schichten der jeweiligen Fundorte. Auch wird keine neue Theorie aus den gewonnenen Daten gebildet. Umso mehr beeindruckt jedoch der Blick auf das große Ganze.

zahlreiche Karten ...

zahlreiche Karten … / Foto: Valentino

In sechzehn Kapiteln beleuchtet der Autor sämtliche bekannten prähistorischen Kulturen bis zur Erfindung der Schrift, und lässt dabei – soweit aus heutiger Sicht zu beurteilen ist – keine aus. Allerdings verwendeten diese schon vor den Hochkulturen Zeichensysteme, die als Anfänge der Schrift gelten. Deshalb ist es durchaus schwierig, Schriftkultur und schriftlose Kultur voneinander abzugrenzen. Zumindest in Ansätzen hatten wohl alle Hochkulturen eine Schrift: die Azteken eine narrative Bilderschrift, die Inka eine Knotenschrift und in Textilien gewebte sogenannte Tocapu-Muster und die Harappa die Indus-Schrift mit piktografischen Zeichen. Jedoch fehlte diese offenbar in den urbanen Zentren Südturkmenistans aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christus:

„Konnten Megacitys also auch ohne Schrift funktionieren?“ (722)

Das eigentliche Thema des Buches ist der Übergang vom Wildbeutertum zur Sesshaftigkeit. Das liegt einerseits daran, dass sich die Zeit des Jungpaläolithikums, also bis zum Ende des Pleistozäns vor allem in Eurasien aufgrund der guten Datenlage differenziert darstellen lässt. Andererseits hat Parzinger, seit mehr als zehn Jahren Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zuvor als Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts zahlreiche Ausgrabungen in Mittelasien, Iran, Spanien und der Türkei durchgeführt und kann somit auf ein fundiertes Wissen zurückgreifen.

... und Abbildungen ergänzen den Text.

… und Abbildungen ergänzen den Text. / Foto: Valentino

In „Die Kinder des Prometheus“ geht der Autor von ausgewertetem Fundmaterial aus und verspricht sich einen Erkenntnisgewinn durch die Betrachtung spezifischer Merkmale verschiedener Regionen. Sein Augenmerk liegt dabei auf den Siedlungsformen, der Ernährung und Nahrungsbeschaffung, den Bestattungsformen und der Kunst. Bei seinem ambitionierten Vorhaben stößt er naturgemäß immer wieder auf Lücken, wobei er fehlende Quellen reflektiert.

Das erste Kapitel behandelt den gewaltigen Zeitabschnitt vom ersten Auftreten des Australopithecus in Afrika vor circa sieben Millionen Jahren bis zum Neandertaler, der bis vor circa 40.000 Jahren, also bis zum Beginn des Jungpaläolithikums, in Europa und im Nahen Osten lebte. Somit dauerte es mehrere Millionen Jahre vom aufrechten Gang über die Herausbildung der Greifhand und der Herstellung erster scharfkantiger Geröllgeräte bis zur Produktion von Faustkeilen und dem Wandel vom Aasfresser zum Jäger sowie von der Spezialisierung der Jagd bis zum Beherrschen des Feuers, das dem frühen Menschen die Besiedelung kälterer Regionen ermöglichte.

Wie wurden aus Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter? Von einer „Neolithischen Revolution“, wie sie Gordon Childe beschrieben hat, kann nach der Lektüre keine Rede mehr sein. Stattdessen stellt sich die sesshafte Lebensweise als das Ergebnis jahrtausendelanger Adaptionsprozesse an die Umwelt dar. Schlaglichter auf diese Zeit des Umbruchs werfen die Kultstätte von Göbekli Tepe nahe Urfa in der Südosttürkei an der Schwelle von der jungen Altsteinzeit zum präkeramischen Neolithikum, Aşıklı Höyük im anatolischen Hochland aus dem präkeramischen Neolithikum oder die Großsiedlung Çatal Höyük in der Hochebene von Konya in Zentralanatolien, die für den Übergang vom präkeramischen zum keramischen Frühneolithikum steht. Dabei stellen die beiden letztgenannten Siedlungen autochthone Entwicklungen dar. Aşıklı Höyük steht darüber hinaus exemplarisch für die Koexistenz beider Lebensweisen: Während die Menschen in der Siedlung bereits sesshaft waren, lebten im nahegelegenen Musular weiterhin spezialisierte Rinderjäger (151f.).

Die Menschen blieben Wildbeuter in Waldgebieten ohne demografischen Druck, in Rückzugsgebieten und dort, wo die Umwelt schwer für den Ackerbau umgestaltet werden konnte oder wo die Umwelt Nahrung im Überfluss bereitstellte. Die produzierende Lebensweise brachte zudem nicht nur Vorteile mit sich. Sie führte beispielsweise zu einseitigerer Ernährung mit geringerem Proteingehalt. Der Wandel vom Wildbeutertum zur Sesshaftigkeit vollzog sich regional ganz unterschiedlich.

Die Kulturen des Saharo-Sudanesischen Neolithikums lebten genauso als Wildbeuter mit Keramik wie die endsteinzeitlichen Wildbeuter der Punpun-Kultur in Ghana. Die Kintampo-Kultur war die erste vollständig entwickelte neolithische Kultur in Westafrika. Die Jamnaja-Kultur im nordpontischen Steppenraum domestizierte als erste Pferde. Ebenso trifft dies für die Botaj-Kultur in der nordkasachischen Steppe zu. Während im sibirischen Mesolithikum halbsesshafte Wildbeuter lebten, war der Übergang zum Frühneolithikum fließend mit einem keramiklosen Neolithikum: Die Jäger-, Fischer- und Sammlergemeinschaften kannten bereits für das Neolithikum typische Steingeräte, stellten aber noch keine Tongefäße her. In Nordasien verhinderte das aufgrund der üppigen natürlichen Bedingungen reichlich vorhandene Nahrungsangebot den Ackerbau („ökologische Bremse“). Dennoch stellten die Menschen einfache Keramik her. Man spricht hier von der Zeit des Waldneolithikums.

In Armenien gab es Sesshaftigkeit ohne Keramik. Das Neolithikum der Dscheitun-Kultur in Südturkmenistan war von Ackerbau und Viehzucht geprägt. In Nordchina und Ostasien gab es Keramik vor der Sesshaftigkeit. Die Hongshan in Nordostchina waren mobile Jäger und Sammler, die Viehzucht betrieben und hochentwickelte Keramik herstellten. Im russischen Fernen Osten gab es Wildbeuter mit Keramik. Auch in Japan sorgte die „ökologische Bremse“ für eine späte Einführung des Ackerbaus: Weil die Natur reichlich Nahrung zum Jagen, Fischen und Sammeln lieferte, waren die Angehörigen der Jomon-Kultur sesshafte Wildbeuter. Aus demselben Grund lebten an den Küsten Südostchinas saisonal sesshafte Wildbeuter. Sowohl die Jomon-Kultur als auch die Wildbeuter der amerikanischen Nordwestküste waren trotz des Fehlens von Ackerbau und Viehzucht sozial hoch differenziert. In Mexiko führte der Anbau von Kulturpflanzen zur Sesshaftigkeit. Die Leute der Chinchorro-Kultur in Nordchile und Südperu waren präkeramische spezialisierte Fischer und Wildbeuter mit Sesshaftigkeit.

Die Schlussfolgerungen stellen das Bild einer einheitlichen kulturellen Entwicklung des Menschen in Frage – so löst sich nach der Lektüre nicht nur das „neolithische Bündel“ auf: Die Merkmale Sesshaftigkeit, Domestikation von Pflanzen und Tieren und Keramikproduktion treten erst nacheinander und bei jeder Kultur in unterschiedlicher Weise und Ausprägung auf –, sie verdeutlichen auch, wie zerbrechlich die Kulturen sind: Sie entstehen, blühen kurz und vergehen wieder oder gehen in anderen Kulturen auf.

Herzlichen Dank an den Verlag C. H. Beck für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

(c) valentino 2019

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, C. H. Beck, München 2014, 848 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Writers of Writers

„When we teach computers to write, the computers don’t replace us any more than pianos replace pianists—in a certain way, they become our pens, and we become more than writers. We become writers of writers.“

Ross Goodwin: Adventures in Narrated Reality: New forms & interfaces for written language, enabled by machine intelligence. https://medium.com/artists-and-machine-intelligence/adventures-in-narrated-reality-6516ff395ba3 (7.7.2019)

Warum es neben mir so unheimlich nach Schweiß roch

belmonte

In der S-Bahn nach Haßloch saßen zwei Männer neben mir und mir gegenüber, die unheimlich nach Schweiß rochen. Sie wirkten nicht sonderlich ungewaschen, aber es fiel mir schwer zu atmen. Ich sah, wie sie aus ihren Rucksäcken Flaschen herausnahmen, und als sie daraus tranken, überschwemmte mich ein noch schlimmerer Schweißgeruch. Ich schaute auf die Etiketten der Flaschen und erschrak, als ich „Bioschweiß“ las. Ich weiß schon, warum ich diese neuen Designergetränke nicht ausstehen kann.

(c) belmonte 2019

Ein Mittsommernachtstraum

belmonte

Ein Mittsommernachtstraum

Titania

Titania / Foto: belmonte

Am Abend fahren wir zur Riserva Bosco delle Pianelle, einem Wald außerhalb von Martina Franca, und schauen uns dort eine wunderschöne Mittsommernachtstraum-Vorstellung an, hervorragende Schauspieler, sehr agil, hüpfend, schweifend, übertrieben-gutes Minenspiel, ganz Commedia dell’arte, was ich bisher so nur in Italien gesehen habe, echte Lebhaftigkeit, einbrechende Nacht, es ist schnell dunkel, Taschenlampen, Elfen, Oberon, Titania und ein grandioser herumwirbelnder Puck zwischen den Bäumen und hinterm Gestrüpp.

Puck

Puck / Foto: belmonte

Das Publikum wird von einer Stelle zur anderen im Wald gebracht, der Geist des Stückes ist wunderbar getroffen, gleichzeitig ist es ein wenig unheimlich, ein Buckliger mischt sich unters Publikum. Pyramus und Thisbe spielen mit sensationeller Situationskomik und Wortwitz. All das in einem ätherisch duftenden Mediterranwald. Ist es Minze?

Bottom und Titania

Bottom und Titania / Foto: belmonte

(c) belmonte 2019

Warum der Anblick im Reisebus aus Bilbao so grauenvoll war

belmonte

Gestern kam ein Reisebus aus Bilbao an. Normalerweise haben die Busse nur kurzen Aufenthalt, Leute raus, neue Leute rein und wieder los. Aber er blieb dort einfach mit geschlossenen Türen stehen. Die nachfolgenden Busse fingen schon an zu hupen. Irgendwann kam ein Aufseher und dann die Polizei, und als im Bus niemand reagierte, brachen sie die Tür auf und waren entsetzt über das, was sie sahen. Der Bus war vollbesetzt mit Leuten, denen allen der Kopf fehlte. Es war ein grauenvoller Anblick. Auch der Busfahrer war kopflos, und nirgendwo war irgendeiner der Köpfe zu finden. Warum ich das hier schreibe? Es ist diese Meldung wert, weil solche Dinge ja nicht alle Tage vorkommen.

(c) belmonte 2019

Was meine Großtante unter ihrem Rock trug

belmonte

Meine Großtante trug immer sehr lange und schwere Röcke, die mich an Vorhänge aus den 50er Jahren erinnerten. Sie hatte meistens einen etwas muffigen Geruch an sich, und alle waren froh, wenn sie wieder fort war. Einmal versteckte ich mich unterm Esstisch, als sie uns besuchen kam, und als sie sich zu Tisch setzte und ihren Rock ein wenig hochzog, konnte ich eine ausgestopfte Bisamratte sehen, die mit Paketklebeband an ihrer Wade befestigt war. Meine Großtante war ansonsten immer sehr freundlich zu uns Kindern.

(c) belmonte 2019

Wie ich zwei Finger meiner linken Hand nicht wiedergefunden habe

belmonte

Neulich ging es mir ziemlich dreckig. Als ich aufwachte, fand ich, dass zwei Finger meiner linken Hand fehlten, einfach abgeschnitten. Es tat so weh. Mein Laken war blutdurchtränkt. Und ich habe die beiden Finger nicht mehr wiedergefunden. Gott weiß, was passiert war. Es sind diese Dinge, die dich fragen lassen, wozu das alles gut ist. Und trotzdem, es ist einfach, wie es ist.

(c) belmonte 2019

Brief an die kreative Kumpanei – Roadtrip, Kammerspiel oder eine Allegorie?

Liebe Kumpane des seriellen Schreibens,

unser Projekttreffen im CentroLingue Leonardo Da Vinci in Heidelberg ist nun zwei Wochen her, und langsam fangen sich bei mir die Ideen zu setzen an.

Was ist seitdem geschehen?

Florian hat ein Serien-Logo entworfen und auf den Seiten von Brot & Kunst ein internes Forum eingerichtet, in dem wir unsere Ideen weiter ausarbeiten und diskutieren können, bevor wir uns vor der Sommerpause erneut treffen.

Brot und Kunst in Serie

Brot & Kunst in Serie

Wichtig ist in der Zwischenzeit die Entwicklung dreier Loglines, von denen wir dann eine auswählen (womöglich über eine Umfrage?) und daraus einen Plot für die erste Staffel erarbeiten. Florian hat hierzu drei Optionen vorgeschlagen, einen Roadtrip, ein Kammerstück und eine Allegorie. Schaut sie Euch im Forum an. Zum Roadtrip habe ich eine Logline angesetzt, die aus meiner Sicht aber noch einen Antagonisten benötigt. Habt Ihr Ideen?

Ich finde übrigens noch immer den Einfall gar nicht schlecht, dass wir aus unseren eigenen Werken jeweils eine Figur herausnehmen (z. B. Captain Mania oder Rosko oder die Fee oder den Kleinwüchsigen) und diese nach Art der Avengers auf die Welt loslassen. Vielleicht lässt sich dadurch ein junges Publikum ansprechen. Oder wir machen genau daraus ein Kammerspiel.

Es ist gut, dass wir uns voraussichtlich zuerst einmal auf einen linearen Plot fokussieren. Im zweiten Schritt denke ich allerdings, dass es sinnvoll wäre, auch über eine nicht-lineare Erzählweise nachzudenken. Aus meiner Sicht zeichnet sich moderne Epik vor allem durch Nicht-Linearität aus, wie zum Beispiel Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie oder Maria Stepanovas Nach dem Gedächtnis zeigen.

Ich beende bald den ersten Band von George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer und finde die strikt lineare Erzählweise mehr und mehr beschwerlich, je weiter ich zum Ende komme. Ich möchte von Literatur gefordert, nicht unterfordert werden. Wahrscheinlich wird aber die Masse der Leser durch nicht-lineare Erzählweise noch nicht genügend abgeholt.

Lasst uns darüber gerne im Forum oder hier unten in den Kommentaren diskutieren.

Ich kann Euch noch folgenden Podcast empfehlen, der zwar schon etwas älter ist, den ich aber nach wie vor aktuell finde:

https://www.drehbuchautoren.de/podcast/2012-11-18/innovatives-erzaehlen-in-der-modernen-tv-serie

Herzliche Grüße,
belmonte