Verstörung und Faszination – Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks (Rezension)

21. April 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Gewaltherrschaft wirft langen Schatten – der peruanische Autor Mario Vargas Llosa hat mit dem 2000 erschienenen Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ einen fesselnden Thriller über den Verfall der Diktatur in der Dominikanischen Republik geschrieben.

Nach 35 Jahren Exil kehrt Urania Cabral zurück in den Karibikstaat. Dort begegnet sie ihrem nach einem Hirnschlag invaliden Vater: Agustín Cabral war einst Minister des Trujillo-Regimes.

Doch der Tyrann verstößt ihn. Rafael Trujillo, genannt Ziegenbock, stirbt kurz darauf 1961 bei einem Attentat. Die Verschwörer kommen aus dem engsten Kreis des Regimes, wie General Pupo Román, er soll nach Trujillos Tod eine militärisch-zivile Junta anführen. Dann ist da noch Joaquín Balaguer, Lyriker und unscheinbarer „Marionettenpräsident“ – ein „kleiner Mann ohne eigene Leuchtkraft, wie der Mond, den Trujillo, das Sonnengestirn, erleuchtete.“ (300)

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks

Ein Jahr vor Trujillos Tod schlägt eine kubanische Invasion fehl. Daraufhin verhaftet, foltert und exekutiert das Regime massenhaft mutmaßliche Verschwörer. Es sieht sich durch die Kirche gefährdet – Bischöfe prangern in einem Hirtenbrief die Diktatur an. Zahlreiche Länder stellen sich gegen Trujillo, als dieser ein Attentat auf den venezolanischen Präsidenten Rómulo Betancourt veranlasst. Die Organisation Amerikanischer Staaten verhängt Wirtschaftssanktionen.

Trujillos Schreckensherrschaft dauert 31 Jahre: Er nennt sich Wohltäter und die Hauptstadt Santo Domingo in Ciudad Trujillo um. Sein Regime ist repressiv, es gibt zahlreiche caliés, Spitzel – sie fahren Wannen genannte schwarze Volkswagen. Geheimdienstchef Johnny Abbes García foltert Oppositionelle auf dem berüchtigten Thron, einem zum elektrischen Stuhl umgebauten Sitz eines Jeeps, oder beseitigt für Trujillo Dissidenten im Ausland wie Jesús de Galíndez, den Verfasser eines Trujillo-kritischen Buches. Auch die im Widerstand aktiven Schwestern Mirabal fallen dem Regime zum Opfer – ihre Ermordung wird als Autounfall in den Kordilleren getarnt.

Amadito hat mit dem Chef noch eine Rechnung offen – er muss zwecks Beförderung dem Ziegenbock seine Treue beweisen: Dieser verbietet ihm die Verbindung mit seiner Verlobten aufgrund „Trujillo-feindlicher Aktivitäten“ ihres Bruders. Daraufhin wird er gezwungen, einen Gefangenen zu töten. Nach der Tat sagt man ihm, der getötete Gefangene sei der Bruder seiner ehemaligen Braut gewesen.

Der Roman vermischt Fiktion und Wirklichkeit auf subtile Weise. Die Handlung wechselt zwischen dem barocken Porträt des schrulligen Machthabers, dem Kreis der Verschwörer und Urania Cabrals Geschichte – letztere umklammert die dicht erzählten Umstände des Tyrannenmords. Immer wieder gibt es Perspektivwechsel und eingeflochtene Rückblenden. Mal umreißt der Autor eine Szene grob, um kurz darauf ein fein ziseliertes Bild zu zeichnen. Auch dieses Stilmittel des Tempowechsels beherrscht Vargas Llosa virtuos. Das Buch ist in einem suggestiven Duktus geschrieben, es entwickelt einen Sog, der den Leser mitreißt und mit nüchterner Stimme das Grauen erzählt: verstörende Bilder der Folter, die nur schwer zu ertragen sind. Hier bekommt der Leser eine vage Vorstellung von dem, was sich in den Gefängnissen abgespielt haben mag.

„Das Fest des Ziegenbocks“ ist, nach dem bereits vorgestellten „Der Geschichtenerzähler“, mein zweites Buch des 2010 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Mario Vargas Llosa. Es ist ein kluges Buch über eine groteske Militärdiktatur in Lateinamerika mit authentischem Hintergrund. Übrigens hat Luis Llosa, ein Cousin des Autors, das Buch 2006 verfilmt. Den Film habe ich zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht gesehen.

(c) valentino 2015

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 538 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Brief aus Mailand | 4

18. April 2015 § 2 Kommentare

belmonte

brief aus mailand

4

mailand im april 2015
osterfeiertage
wohnung in der via torino
frühlingswetter
ein bisschen regen am ostersonntag

ich besuche die ausstellung arte lombarda dai visconti agli sforza im palazzo reale
drei jahrhunderte mailänder kunstgeschichte
dargestellt am leitfaden der beiden bedeutenden herrscherdynastien

zahlreiche gemälde
statuen
handschriften mit miniaturen
reliefs und reliquiarien

die ausstellung ist eine neuauflage einer ähnlich gelagerten schau von 1958
in der sich die stadt nach dem krieg und den zerstörungen wieder neu verortet hatte
womöglich ist das heute erneut notwendig

wunderschön finde ich das leuchtende gemälde madonna del roseto von michelino da besozzo (oder stefano di giovanni)
das bild ist auf jedem titelbild der ausstellung zu sehen
die madonna sitzt mit dem kind in einem umzäunten rosengarten
unterhalb sitzt die heilige katharina von alexandrien
alles ist ausgefüllt mit paradiesischen rosenblüten und rosenblättern
kleine engelsgruppen bewegen sich hier und dort
fasane sitzen auf der umzäunung

madonna del roseto

Madonna del roseto, ca. 1420-1435, Museo di Castelvecchio, Verona

in seinem goldenen leuchten und der rosenornamentik erinnert das gemälde an persische tafelbilder

womöglich kannte michelino da besozzo (oder stefano di giovanni) persische miniaturen wie die etwa zeitgleich entstandenen gartenbilder von humay und humayun

gartenbild von humay und humayun

Der persische Prinz Humay trifft die chinesische Prinzessin Humayun in einem Garten, ca. 1450, Musée des Arts décoratifs, Paris

Humay and Humayun feasting in a garden

Humay and Humayun feasting in a garden and listening to musicians, Manuskript 18113 der British Library, Poetical works of Khwaju of Karman, 1396, folio 40 verso

am ostermontag fahren wir zur fattoria pasqué
einem populären agriturismo in dem kleinen ort casale litta bei varese
das wetter ist herrlich
das ostermenü lokal
der wein kalt
alles macht satt

(c) belmonte 2015

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA

11. April 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Autorenlesung KAMINA

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA zur Publikation der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift BAWÜLON in Kooperation mit dem Studierendenwerk Heidelberg

Datum:
21. April 2015, 19 Uhr

Ort:
Lesecafé im Marstall, Heidelberg

Freier Eintritt

Lesende Dichter:
Katharina Dück
Manuel Beck
Elena Kisel
Miriam Tag
Olga Kovalenko
Heribert Hansen
Claudia Kiefer
Simon Probst
Anne Schelzig
Wadim Vodovozov

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunte kanzone

4. April 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

neunte kanzone

dunkelin
überall
fasst nach mir
ängste mich

kaltes nichts
such ich nach
schutz wovor
grausen nur

fall ich hin
liege schwer
schlaf ich wach
angst vor mir

ich stürze dahin
in den grund
wo kein grund
schlag ich auf
kann nicht sehn
dunkelin all
über mir
wo ich war
das mich hielt
hielt mich fest
wo ich bin
wohin
wohin

dieses licht
in der nacht
kommt zu spät
und es bricht

in die flut
sternenzwang
siebenfach
hält mich fest

ich löse mich auf
flieh ins nichts
schlaf im kalt
steh nicht auf
in der nacht
bin ich nicht mehr
nichmer ich
wo ich bin
das mich hält
hält mich fest
hör nicht auf
hör auf
hör auf

schweif ich hin
irgendwo
nirgendwo
dunkelin
wohin

(c) belmonte 2015

Kostenloses eBook im PDF-Format oder EPUB-Format

Ariane Barth: Im Rotlicht – Das explosive Leben des Stefan Hentschel (Buchrezension)

31. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Im_Rotlicht

Wir freuen uns über eine weitere Rezension unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“. Diesen Text hat der Blogger persönlich geschrieben.

Biografie // Hast du’n Problem? Geh weiter! … Backpfeife! … Noch ’n Problem? Besser isses!

Wer kennt sie nicht, die legendäre Szene aus der Doku „Der Boxprinz“ (die allerdings nicht von Stefan Hentschel handelt, sondern von Norbert Grupe)? Wenn auf jemanden das Attribut schillernd zutraf, dann auf Hentschel, den Rotlichtpaten, den Zuhälter, die Kiezgröße, den Frauenversteher. Schillernd hin oder her, sein Ende war es weniger. Autorin Ariane Barth schreibt in einer späteren Auflage 2007 in einem Nachtrag: Stefan Hentschel genoss nach der Veröffentlichung seiner Lebensbeichte das Interesse der Medien. (…) Im Gegensatz zu seinen meist strahlenden Auftritten (…) stand sein Scheitern (…) Am 18. Dezember 2006 erhängte sich Stefan Hentschel im Boxkeller der „Ritze“. Für seine letzte Inszenierung wählte er sein „zweites Wohnzimmer“.

Recherche im Rotlicht

Der Klappentext zu „Im Rotlicht“ verrät, wie es zur Entstehung des Buchs kam: Die Autorin traf Hentschel bei Recherchen in St. Pauli. Anscheinend fanden die Publizistin und die bullige Kiezgröße einen Draht zueinander – so entstand die Idee seiner Lebensbeichte. Als feines Stilmittel erweist sich die Entscheidung, Hentschel in der Ich-Form als Erzähler fungieren zu lassen. Ariane Barth gelingt es, Hentschels Jargon in ihre Schreibe zu übertragen. Dass er es nicht selbst geschrieben hat, davon darf wohl ausgegangen werden, zumal er keine Autoren-Credits kriegt.

Der Lude und die Prinzessin

Es beginnt schon bei der Anrede: „Prinzessin“ nennt er Ariane Barth von der ersten Zeile bis zum letzten Kapitel. Ist das jetzt verniedlichend oder respektvoll? Vielleicht auf eine besondere Hentschel-Weise beides. Hentschel erzählt von der DDR-Kindheit, aufgewachsen in Sachsen, untergekommen bei Oma und Opa, nachdem erst der Vater in den Westen rübergemacht und dann die Mutter und den kleinen Bruder nachgeholt hat.

Mit neun gelangt dann auch Stefan nach Hamburg, leichter wird es dadurch nicht. Prügel gibt es hüben wie drüben. Heimaufenthalt, üble Erlebnisse – von Pädagogen kriegt er ’nen „Kackreiz“. Während der Bundeswehrzeit dann der erste Kontakt mit St. Pauli, dem Rotlichtmilieu. Zwischendurch verdingt er sich als Fernfahrer, doch über den ersten Job in der „Amigo-Bar“ geht die Kiez-Karriere schnell steil bergauf. Bis die ersten Frauen für ihn anschaffen, ist es kein weiter Weg mehr.

Was ist ein „Hügel“?

Man muss aufpassen, bei der Lektüre nicht dem Charme zu erliegen, den der Bericht verströmt. Vieles liest sich geradezu romantisch. Von unterdrückten Frauen, die für ihren Luden auf den Strich gehen, liest man zwar, aber es liest sich wie eine Parallelwelt. Sie scheinen gern ihren „Hügel“ bei Stefan abgegeben zu haben, wie die Geldhaufen offenbar in der Halbwelt genannt worden sind. Die Polizei nennt er übrigens Schmiere, niemals Bullen.

Die Kiez-Prominenz wird erwähnt, logisch: Ringo Klemm, der Wiener Peter, die Nutella-Bande, auch Mucki Pinzner, der Auftragskiller, der auf Hentschel angesetzt wird, bevor er Mitte 1986 im Hamburger Polizeipräsidium seine Frau, einen Staatsanwalt und dann sich selbst erschießt.

Der gesellschaftliche Abstieg

Prostitution, Gewalt, Mord, Drogen, Sex, Luxus – das ganze Programm bekommen wir von Ariane Barth mit leichter Schreibe serviert. Immerhin hat Hentschel ihr gegenüber nicht seinen Abstieg ausgespart, den Gang zum Arbeitsamt, die wenig mondäne Leitung der Putzkolonne eines Altenheims. Er hat ihn wohl nie verkraftet.

Erfahren wir die Wahrheit? Wohl kaum. Vielleicht ist es ein bisschen Hentschels Wahrheit. Wie er sich selbst sah, das mag aus seiner Lebensbeichte zum Teil hervorgehen. Er wird womöglich an der einen oder anderen Stelle strafrechtlich Relevantes verschwiegen haben müssen, um sich selbst oder alte Weggefährten nicht zu belasten.

Zwischen Kiez-Fantasie und Geschlechterrollen

Manche Abschnitte wirken märchenhaft, wie eine Kiez-Fantasie. Andere Kapitel sind deutlich rauer, dann spürt man zwischen den Zeilen, dass nicht alles Gold ist, was dort glänzt (und es glänzt vieles). Wer als Leser zu sehr in Gefahr gerät, der Faszination von Hentschels Bericht zu erliegen, möge sich vor Augen führen, wie dort die Geschlechterrollen verteilt sind: Die Männer sind die Macher, die Frauen das Material. Das nimmt „Im Rotlicht – Das explosive Leben des Stefan Hentschel“ nicht den großen Unterhaltungswert, den es hat, aber es rückt einiges wieder gerade. Und wer nach der Lektüre eine Zuhälter-Karriere anstrebt, dem ist sowieso nicht zu helfen.

Autorin: Ariane Barth
Veröffentlichung: 11. Mai 2005
Verlag: Ullstein Taschenbuch

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

„Die Welt ist immer noch scheiße.“ – Joe R. Lansdale: Gluthitze (Rezension)

28. März 2015 § 9 Kommentare

belmonte

Ich kann nicht immer nachvollziehen, wieso manche Originaltitel es nicht in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Titel des amerikanischen Thrillers Leather Maiden von Joe R. Lansdale wäre mit Lederbraut adäquat übersetzt gewesen. Warum Suhrkamp den Roman stattdessen mit Gluthitze betitelt, erschließt sich mir nicht. Der Titel der deutschen Erstausgabe Gauklersommer trifft es schon ein wenig besser, denn ein Gaukler spielt hier tatsächlich sein Spiel – ein grausames Spiel.

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Es geht um Sexvideos, Erpressung, ein wenig Rassismus als Hintergrund, ein osttexanisches Kaff, einen miesen Pfarrer, eine Lokalzeitung, eine Vermisste und viel Schmutz unter der Oberfläche.

Erzählt wird all das von Cason Statler, einem Veteran des Irakkrieges und Zeitungsreporter, der den Schmutz nach und nach aufdeckt und dabei einem Pärchen auf die Schliche kommt, das auf ganz widerliche Weise mordend den mittleren Westen der USA heimsucht. Mehr wird hier nicht verraten.

Der Roman ist schnell, kurzweilig, hat einige hervorragende Wendungen, die Sprache ist derb, keine schöngeistige Literatur.

Neben der überzeugenden Hauptperson Statler treten einige bemerkenswerte Gestalten auf. Erwähnt sei vor allem Statlers Kamerad aus dem Irakkrieg – Booger, der sich selbst als Soziopath bezeichnet (er weiß es wohl am besten) und einer Lady schon mal auf die Schulter klopft und sagt: „Vögelst du immer noch für Geld?“ Booger ist ein vulgärer, frauenfeindlicher und schießwütiger Biersäufer und bekommt dennoch alle Sympatiepunkte. Ohne ihn wäre Statler womöglich doch ein wenig blass. Und Boogers Freund Mr Lucky, eine .45er, schießt auch mal den Kopf eines Handlangers so kaputt, dass es nur so …

Der Roman hat ein paar inhaltliche Schwächen, die ich nicht aufzählen muss. Das Buch funktioniert trotzdem wunderbar. Nur von dem mörderischen Gaukler hätte ich mir mehr Präsenz erwartet. Aber so sind sie halt, die Gaukler.

Kurz vor Ende bemerkt Statler, was die Atmosphäre des Romans ziemlich gut auf den Punkt bringt: „Die Welt ist immer noch scheiße.“

Joe R. Lansdale: Gluthitze, Suhrkamp, Berlin 2013. Deutsche Erstausgabe erschienen unter dem Titel: Gauklersommer, Golkonda, Berlin 2010.

(c) belmonte 2015

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Lernen wir, der Natur zuzuhören! Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler (Rezension)

24. März 2015 § Ein Kommentar

valentino

Moderne Zivilisation prallt auf indianische Tradition – der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat uns 1987 einen mitreißenden Roman beschert, dessen Zusammenhänge aber erst nach der Lektüre deutlich werden. Erst dann entfaltet die Erzählung ihre volle Wirkung.

Mario Vargas Llosa Der Geschichtenerzähler

Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler

Den Rahmen der Handlung bildet ein Aufenthalt in Florenz Mitte der 80er-Jahre. Dort stößt der Erzähler in einer Galerie auf eine Fotografie Gabriele Malfattis, die in ihm die Erinnerungen an seinen früheren Studienfreund Saúl Zuratas wachruft – sie zeigt einen Geschichtenerzähler des Stammes der Machiguenga im Kreise seiner Zuhörer. Das Volk lebt im peruanischen Teil Amazoniens am oberen Urubamba, einem Zufluss des Amazonas – dort hat der Erzähler selbst drei Jahre zuvor einen Dokumentarfilm über die Arbeit einiger Linguisten-Missionare gedreht. Zu denen zählt auch das Ehepaar Schneil, das seit Jahrzehnten bei den Machiguenga lebt und den Erzähler mit Informationen versorgt.

Der jüdische Saúl, der wegen eines markanten Gesichtsmals den Spitznamen „Mascarita“ trägt, hatte in den 50er-Jahren während ihrer gemeinsamen Studienzeit in Lima mit seiner Begeisterung für die Machiguenga beim Erzähler das Interesse geweckt. Dieses Volk lebte zu jener Zeit anscheinend noch mit einer steinzeitlichen Kultur in unberührter Natur. Als Anhänger einer „puristischen“ Ethnologie entwickelte Saúl jedoch Vorbehalte gegenüber der Vorgehensweise des Instituts für Linguistik, er lehnte aus diesem Grund die Teilnahme an einer Forschungsreise seines Lehrers ab. Der Erzähler ging kurz darauf nach Europa und verlor seinen Kommilitonen Saúl aus den Augen. Er war davon ausgegangen, dieser sei seinem Vater nach Israel gefolgt. 23 Jahre später begibt sich der Erzähler auf Spurensuche.

Ihr letztes Gespräch führten beide bei einem Essen von Speckgriebenbrot in Lima:

„Die Erinnerung ist voller Fallstricke: Sie korrigiert und biegt die Vergangenheit subtil im Hinblick auf die Gegenwart zurecht. Ich habe so oft versucht, dieses Gespräch mit meinem Freund Saúl Zuratas im August 1958 in jener Kaschemme in der Avenida España mit ihren durchgesessenen Stühlen und wackeligen Tischen zu rekonstruieren, daß es jetzt nichts mehr gibt, dessen ich mir sicher bin, außer vielleicht seines großen, weinfarbenen Leberflecks, der die Blicke der Kunden auf sich zog, seines wirren rötlichen Haarschopfes, seines rot und blau karierten Flanellhemdes und der derben Schuhe des emsigen Fußgängers.“ (114)

Er reflektiert sein gescheitertes Vorhaben, selbst eine Geschichte über den Geschichtenerzähler zu schreiben, das ihn über die Jahre nie losgelassen hat:

„Noch am gleichen Abend schrieb ich Mascarita und berichtete ihm von dem Buch Padre Cenitagoyas. Ich erzählte ihm, daß ich beschlossen hatte, eine Erzählung über die Machiguenga-Erzähler zu schreiben. Würde er mir helfen? Hier in Madrid, aus Heimweh vielleicht oder weil ich immer wieder über unsere Gespräche nachgedacht hatte, erschienen mir seine Ideen nicht mehr so unsinnig und wirklichkeitsfern. In meiner Erzählung würde ich mir jedenfalls die größte Mühe geben, um das Innenleben der Machiguengas so authentisch wie möglich darzustellen. Würde er mir ein bißchen beispringen, Kumpel?“ (125)

Obwohl es ihm an Informationen mangelt, gibt er schließlich der Versuchung nach und beginnt zu schreiben.

Ob es die Figur des Geschichtenerzählers bei den Machiguenga wirklich gibt, ist nicht belegt. Offenbar scheint es in ihrer Sprache für sie einen Namen zu geben. Vargas Llosa versteht es geschickt, die fehlenden ethnographischen Belege zu erklären: So würden die Indianer die Existenz der Geschichtenerzähler leugnen, um sie vor den Fremden zu schützen. In der Kultur der in versprengten Kleingruppen nomadisierenden Machiguenga haben sie die Aufgabe, das kollektive Wissen über ihren Ursprung und ihre Identität zu bewahren. In ihrer Vorstellung gibt es eine „Zeit davor“ und eine „Zeit danach“, was sich eventuell auf ihre einstige Sesshaftigkeit an Flussläufen und das erste Aufeinandertreffen mit den Weißen bezieht, in dessen Folge sie sich zur ständigen Wanderschaft gezwungen sehen – auch Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen mögen dazu beigetragen haben; andernfalls würde ihrer Ansicht nach „die Sonne herabstürzen“ (163). Andere Gruppen wiederum sind in einen Prozess der Akkulturation eingetreten, der sie wieder sesshaft werden lässt (96).

Der Roman wandelt auf dem schmalen Grat zwischen dokumentiertem Wissen und Fiktion und bezieht aus der daraus entstehenden Reibung seine Spannung. Immer wieder taucht die Erzählung in die mythische Welt der Machiguenga ein, in der alles „seine Erklärung hat“ und „Ursache oder Folge von etwas ist“ (238). Diese Passagen spiegeln die Sichtweise des Geschichtenerzählers wider und sind als eigene Kapitel in die Erzählung eingeflochten. Auf diese Weise springt der Roman zwischen den beiden Perspektiven – der des Erzählers und der des Geschichtenerzählers – und zwischen zwei unterschiedlichen Erzählhaltungen: einerseits der Suche nach den Erinnerungen an den Studienfreund und ihre gemeinsamen Gespräche, andererseits den Passagen des Geschichtenerzählers, die quasi als wörtliche Rede wiedergegeben sind. Dadurch reißt hin und wieder ein zuvor aufgebauter Spannungsbogen ab. Einiges wird erst beim fortschreitenden Lesen klar – etwa das Fehlen von Eigennamen bei den Machiguenga –, mit ein bisschen Geduld jedoch lohnt sich die Lektüre. Nach dem Durchlesen verschmilzt das Gelesene zu einem vielschichtigen Bild, das nachwirkt. Ein kluger Roman des 2010 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Mario Vargas Llosa. Der seinerzeitigen Begründung des Nobelpreis-Komitees ist kaum etwas hinzuzufügen: “for his cartography of structures of power and his trenchant images of the individual’s resistance, revolt, and defeat.” (http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2010/)

(c) valentino 2015

Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, 286 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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