Unterwegs zu Cecilia | 15. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Vor dem Eingang des Pantheons bot mir eine alte Frau Devotionalien an, Bildchen der Märtyrerin Cecilia. Weil sie sich weigerte, ihrem Glauben abzuschwören, so erzählte die Händlerin, habe man Cecilia zum Tod durch Ersticken mit heißen Dämpfen verurteilt. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht dieses Martyrium überlebt habe, habe das Gesetz für sie die Strafe der Flucht vorgesehen.

Die Verurteilte habe vor dem Wurf eines Speers, um sich selbst zu retten, in kurzer Zeit ein Stück rennen und über eine Mauer klettern sollen, was ihr trotz der knapp bemessenen Zeit um ein Haar geglückt sei. Doch anstatt sie frei zu lassen, habe man sie wieder gefangen und der Henker habe versucht, sie zu enthaupten, was nach drei Schlägen nicht gelungen sei. Am Hals verletzt habe Cecilia noch einen weiteren Tag und eine weitere Nacht gelebt und sei nach ihrem Tod im Pantheon beigesetzt worden.

Es liegt die Vermutung nahe, Cecilia könne Wunder vollbringen, weshalb diejenigen, die an die Legende glauben, zum Pantheon pilgern. Nachdem mir die alte Frau ein Bildchen und eine Kerze verkauft und ich das Pantheon betreten hatte, stellte ich das Bildchen auf Cecilias Grabstein, platzierte die Kerze davor und zündete sie an.

(c) valentino 2022

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Unterwegs zu Cecilia | 14. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Ich wachte leicht benommen auf. Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war. Die kühle Brise des Ventilators streifte mein Gesicht. In einer Ecke an der Zimmerdecke bemerkte ich einen handtellergroßen dunklen Fleck. Ich setzte mich auf die Bettkante. Nach einer Weile stand ich auf und öffnete das Fenster zum Hof. Draußen stand die Luft.

Auf dem Weg zur Dusche durchquerte ich den Flur. Auf den Türen standen Nummern in abgeblätterter Farbe. Eine Glühbirne flackerte in kaltem Licht in ihrer Fassung an der Decke. Durchs offene Fenster am Ende des Flurs drang Lärm von der Straße herein. Nachdem ich meine Sachen gepackt hatte, stieg ich die Treppe hinab ins Foyer. Juan, der Hotelier, begrüßte mich an der Rezeption. Ich fragte ihn, ob er mir für meine Rückkehr ein Zimmer reservieren könne.

»Kannst die Neun behalten«, erklärte er, woraufhin ich ihn fragte: »Wie viel schulde ich dir?«
Er schlug ein speckiges Notizbuch auf und blätterte darin herum.
»Acht Dollar und neunzig Cents«, las er, »für die Gamba-Pizza, fünf achtzig fürs Frühstück, sechzehn fürs Einzelzimmer. Macht alles in allem dreißig Dollar und siebzig Cents.«
»Und was ist mit meinem Küchendienst?«
»Verdammt! Abzüglich Lohn für vier Stunden.«
»Viereinhalb«, korrigierte ich ihn.
»Meinetwegen«, stimmte er trocken zu. Er kritzelte mit dem Bleistift im Notizbuch: »Bleiben acht Dollar und zwanzig Cents.«
»Wenn du bezahlt hast«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, »kriegst du deine Armbanduhr wieder.«
Er wolle sich nämlich neue Stiefel kaufen, erklärte er, deswegen habe er sich gestern im Schuhgeschäft ein schönes Paar ausgesucht.

(c) valentino 2022

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Unterwegs zu Cecilia | 13. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Im Traum spazierte ich über die Coahuila. Ich blieb stehen. Ich träumte, dort auf der Straße das Mädchen gesehen zu haben, von dem ich rückblickend glaube, es könnte dasselbe Mädchen sein, dem ich später im Rome’s begegnet bin und über das ich erfuhr, es hieße Helena. Es könnte ihr aber auch zum Verwechseln ähnlich gesehen haben. Sie lief ein bisschen zu weit weg, um sicher zu sein.

Als ich aufwachte, war es noch tiefe Nacht. Prompt schlief ich wieder ein. Kurz darauf weckte mich ein Geräusch. Ich wollte aufstehen und nachsehen, doch mir fielen die Augen zu. Im Halbschlaf bevor ich wieder eingeschlafen war dachte ich, Juan habe den Tisch verrückt. Ich träumte, Juan säße mir gegenüber und mischte Karten. Er legte die Karten mit der Vorderseite nach oben auf den Tisch.

Cecilia hätte einen Teelöffel gefunden und würde mit der Löffelschale den Putz von der spröden Mauer kratzen. Während sie sich mit der einen Hand abstützte, umklammerte ihre andere Hand den Griff. Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Mörtel bröckelte auf den Boden.

(c) valentino 2022

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Literaturstadt Heidelberg riskiert Wettbewerbsverzerrung – Brief an den Heidelberger Oberbürgermeister

Heidelberg, den 10. Juli 2022

Betreff: Heidelberger Literaturtage

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
lieber Herr Professor Dr. Würzner,

mit diesem Schreiben möchten wir unsere Sorge um das zukünftige Schicksal der Heidelberger Literaturtage zum Ausdruck bringen. Da die Zeit drängt, bitten wir um Verständnis dafür, dass wir dieses Schreiben zugleich der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die jetzt gewählte Lösung, die Organisation des Festivals über eine Stabsstelle abzuwickeln, die direkt beim Kulturbürgermeister angesiedelt ist, birgt zwei Gefahren.

Die jetzt gewählte Lösung, die Organisation des Festivals über eine Stabsstelle abzuwickeln, die direkt beim Kulturbürgermeister angesiedelt ist, birgt zwei Gefahren.

Zweitens ist ein haushaltsrechtlicher Interessenskonflikt vorgezeichnet, der juristisch problematisch ist. Kultur- und Literaturpolitik einer Stadt reagiert auf Ideen und fördert Initiativen, die aus der Bürgerschaft einer Stadt an sie herangetragen wird. Anträge auf Zuschüsse konkurrieren miteinander um öffentliche Förderung. Diese Konkurrenz kann fair und sachbezogen nur dann entschieden werden, wenn nicht eine wichtige Exekutivstelle der Stadt selbst Wettbewerber ist. Andernfalls resultiert eine Wettbewerbsverzerrung. Im schlimmsten Fall würde die eine Hand der Exekutive den Budgetantrag ausfertigen und die andere die Bewilligung unterzeichnen. Die Akzeptanz der jetzt ins Auge gefassten Struktur in der vielfältigen Literaturszene Heidelbergs ist gering, ihre Legitimation fragwürdig.

Um aus der verfahrenen Situation herauszukommen, schlagen wir vor, die vorhandenen und in die aktuelle Entscheidungsfindung bislang nicht einbezogenen Gremien der ‚Arbeitsgemeinschaft Neukonzeption Heidelberger Literaturtage‘ und des ‚Künstlerischen Beirats‘ mit der Gründung eines Trägervereins zu beauftragen. Die Ausschaltung der Arbeitsgemeinschaft und des Beirats muss im Sinne einer möglichst breiten Akzeptanz der zu treffenden Entscheidung beendet werden.

Der zu gründende Trägerverein sollte die Stelle einer Intendanz für die Heidelberger Literaturtage öffentlich ausschreiben und nach sachbezogener, ausführlicher Diskussion unter den Bedingungen größtmöglicher Durchsichtigkeit besetzen. Dem jetzt entstandenen Eindruck eines exekutiven Übergriffs wird so wirksam gegengesteuert. Begrüßenswert wäre es, leitete der Kulturbürgermeister oder das Kulturamt die Organisation dieses Findungsprozesses ein. Dieser Prozess sollte autonom, strikt fachlich und ohne politische Einflussnahme vonstatten gehen. Die Literaturtage wären damit auf Dauer besser in der literarischen Szene verankert und die vorgezeichneten Interessenkonflikte behoben.

Wir bitten Sie mit Nachdruck, die aktuelle Position der Stadtverwaltung in dieser Angelegenheit noch einmal zu überdenken. Für Gespräche stehen wir jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Jakob Burgi, Patrizia Hinz & Celina Klein · Mitglieder des Ping Literaturkollektivs
Dr. Lothar Seidler & Veronika Haas · Literaturherbst Heidelberg
Bettina Heuer · Buchhandlung WortReich
Regina Keil-Sagawe & Helga Pfetsch · Sprecherinnen der Heidelberger Übersetzerinnen und Übersetzer
Ulrike Kemna · Mitglied des Künstlerischen Beirats „Literaturtage Heidelberg“
Prof. Dr. Roland Reuß · Literaturwissenschaftler, Autor
Henning Schönenberger (belmonte) · Co-Sprecher der Heidelberger Autorinnen und Autoren
Regina Wehrle · Mattes Verlag
Christian Weiß · Verleger

Hoyerswerda, Rostock, Mölln sind auch nicht vergessen

Mein Bruder hat kürzlich während eines Umzugs eine dreißig Jahre alte Tuschezeichnung von mir wiedergefunden.

Beim Anblick der Zeichnung kommt mir die Erinnerung wieder an Hoyerswerda, Rostock, an die Morde von Mölln, daran, wie erschrocken ich damals war und welche Angst ich hatte, dass alles wieder losgeht.

(c) belmonte 2022

Mit den NSU-Morden, mit Halle und Hanau ist die Serie leider auch nach dreißig Jahren noch immer nicht zum Ende gekommen.

Der Mann von La Mancha – Letzter Glanz der Traumfabrik oder unmöglicher Traum? (Filmrezension)

Man of La Mancha

Gastrezension von Tonio Klein, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Musical // Nach dem phänomenalen Erfolg von „Meine Lieder, meine Träume“ (1965) bäumte sich Old Hollywood ein letztes Mal zu prächtigen Musical-Großproduktionen auf, welche aber mit Ausnahme von „Funny Girl“ (1968) ohne oder mit unter den Erwartungen liegendem Erfolg liefen. Die 1970er-Jahre schienen angesichts von Vietnamkriegsprotesten und Gegenkultur nicht mehr die Zeit fürs hoch budgetierte Überwältigungskino zu sein, wozu ich mich am Beispiel von Blake Edwards’ so gnadenlos geflopptem wie unterschätztem „Darling Lili“ kürzlich in „70 Millimeter“, Heft 2, äußern durfte. „Der Mann von La Mancha“ hingegen ist eine europäisch-amerikanische Angelegenheit, die zwar ebenfalls gemischte Kritiken erhalten hatte, bei der aber ein genauer Blick lohnt.

Ist der Verstand auch im freien Fall …

Hierbei geht es nicht um eine Verfilmung des berühmten Romans „Don Quixote“ von Miguel de Cervantes, sondern um die Adaption des Theatermusicals „Der Mann von La Mancha“ (1965) von Dale Wasserman (dramatischer Text), Mitch Leigh (Musik) und Joe Darion (Liedtexte). Dieses war auch in Frankreich äußerst beliebt und bekannt, hatte doch der immens populäre Sänger Jacques Brel 1968 die Übersetzung besorgt und die Hauptrolle gespielt. Nicht unter französischer, sondern unter italienischer Ägide fand die Produktion für den US-Verleih United Artists statt (heute zu MGM gehörend, weswegen nun auf der DVD der Löwe zu sehen ist), welche erkennbar gleichermaßen auf den amerikanischen und europäischen Markt zielt. Ein gebürtiger Kanadier (Arthur Hiller) führte Regie, ein Weltstar irischer und einer italienischer Herkunft (Peter O’Toole und Sophia Loren) übernahmen die Hauptrollen – alle drei mit Hollywood-Erfahrung. Kann man sich wenigstens dann von Zuschreibungen wie Old Hollywood und New Hollywood lossagen? Ja – unter anderem natürlich, weil es eben kein reiner Hollywood-Film ist. Aber es klappt auch aus anderen Gründen.

Die Handlung: Theater als Imagination

Die zumindest im Groben auch Nichtkennern des Romans bekannten Eckdaten binden Stück und Film in eine doppelbödige Rahmenhandlung ein. Miguel de Cervantes (Peter O’Toole) höchstselbst wird von der Spanischen Inquisition eingekerkert. In der Massenzelle haben die Mitgefangenen einen gesellschaftlichen Mikrokosmos errichtet, in dem sich der Neue zu bewähren und vor einem improvisierten Tribunal seine „Verteidigung“ vorzubringen hat. Wessen er angeklagt ist, wird eher indirekt klar – ein Poet, der dem Schmutz und der Ungerechtigkeit der Welt nicht ins Auge sieht, ist in harten Zeiten halt suspekt. Vor diesem Hintergrund ist Cervantes’ Plädoyer eine Vorwärtsverteidigung, denn er inszeniert mit den Kerkergenossen die Geschichte eines seligen Toren, eben Don Quixotes, in dessen Rolle er auch gleich schlüpft. Am Ende bleibt offen, ob er sich ebenso eindrucksvoll vor den Inquisitoren wird verantworten können, aber wenn das Ganze mit der Reprise des berühmtesten Liedes des Stücks, „The Quest (The Impossible Dream)“, endet, ist klar, worum es Cervantes, Stück und Film geht.
Dabei scheint die Konstruktion zunächst prädestiniert für das Medium des Theaters. Der Film hat nicht die Traute, die komplette Zeit in der Zelle spielen zu lassen oder mit als theaterhaft erkennbaren Kulissenschiebereien zu arbeiten. Er hüpft per Schnitt in die wirkliche Welt des Don Quixote, visualisiert also das Imaginierte. Mein geschätzter Kollege Lars Johansen meint in seiner Rezension im oben angegebenen Heft: „Hiller nutzt die Kerkerkulisse nicht als den offenen Raum, der sie eigentlich ist.“ Das kann man so sehen, aber Hiller beschwört das Hyperrealistische auch nicht mit dem Holzhammer herauf. Der ikonischen Szene mit dem Kampf gegen Windmühlenflügel entledigt er sich recht flott zu Beginn; dort sehen wir ein realistisches Setting und blauen Himmel.

… so ziehen und machen sie einfach weiter

Hiernach wechselt der Don-Quixote-Handlungsstrang recht schnell zu seinem Hauptschauplatz, einer schäbigen Herberge, die der eingebildete Ritter aber für ein edles Schloss hält. Und Aldonza (Sophia Loren), die dort einer recht derben Kundschaft Speis, Trank und ihren Körper serviert, hält er für die Edelfrau Dulcinea.

Sie sieht die schmutzige Welt, er sieht nur Dulcinea

Dort nun sieht es völlig anders aus als in der Windmühlenszene. Außer nächtens ist der Himmel von einem schimmeligen Rosagrau, und es ragen ein paar dünne Zweiglein ins Bild wie eine Studiokulisse. Die Herberge dominiert alles, einen Panoramablick auf die Gegend bekommen wir nie geschenkt. Mein Rechercheeifer hält sich in Grenzen, denn es kommt nicht darauf an, ob das künstlich war, sondern darauf, dass das künstlich aussieht. Und das gereicht diesem Stoff natürlich zum Vorteil. Auch bei der Kostümierung leistet das Werk sich etwas, das eigentlich eine filmische Sünde ist, hier aber das Gegenteil. O’Toole als Don Quixote trägt falsche Glatze mit Perücke und einen falschen Bart, um in seiner Rolle älter auszusehen. Das klassische Theaterutensil ist für das Medium Film eigentlich viel zu dick aufgetragen, unterstreicht hier aber das Theaterhafte, was als „Theater im Theater“ (bzw. Theater im Film) ja vorgegeben ist. Man könnte auch sagen, O’Toole ist bis zur Kenntlichkeit verkleidet, und das ist gut so.

Vorhang auf – vor allem für Sophia Loren!

„Der Mann von La Mancha“ ist geschickt darin, mit seinen Stars umzugehen. Was O’Toole betrifft, nutzt er einen Verzögerungseffekt, indem er ihn als Cervantes zunächst mit Maske auftreten lässt, als Gaukler in einer kleinen Stadt, bevor er verhaftet wird. Was Signorina Loren betrifft, dehnt die Regie ihre Einführung noch deutlicher. Sagen wir es offen, ich habe eine Schwäche für sie. Und es ist verdammt schwierig, Personen im Film in Szene zu setzen, die beides sind: Star und Ikone, sofort erkennbar – aber auch Schauspieler, fähig, in andere Rollen zu schlüpfen. Das gelingt dem Film verdammt gut. Wir sehen zunächst nur ein paarmal ganz kurz ihr stummes Gesicht als eine Mitgefangene und wissen natürlich sofort: Das ist sie. Ja, sie hat nicht nur eine Figur, sondern auch ein Gesicht. Wenn sie dann als Kellnerin und Hure auftritt, scheut sich der Film hingegen nicht, das Klischee ihrer Traumkurven zu bedienen, mit einem Ausschnitt, der, nun ja, tief blicken lässt. Man mag ihre Darstellung, ihren aggressiven lebensangeekelten Gesang zumal, für forciert halten. Dabei sieht man jede Sekunde: Das ist nicht eine, die sich hinter der Rolle komplett unsichtbar macht, das ist die Loren, und natürlich ist die dreckige Hure eine Schönheit unter dem abgewetzten Gewand, äußerlich wie innerlich. So etwas ist gerade bei weiblichen Filmschönheiten immer ein schmaler Grat, aber es geht auf, aus zwei Gründen: Erstens passt ihr offensichtlich sehr kalkuliert eingesetztes Image wunderbar zum Hauptthema des Filmes: Cervantes/Quixote malen sich die Welt, widdewidde, wie sie ihnen gefällt. Und in Quixotes Augen wird Aldonza zu Dulcinea. Was sie erst nervt und die Fassung verlieren lässt, dann beeindruckt und empathisch macht. In der Loren stecken Ikone und Schauspielerin – und eben auch Aldonza und Dulcinea.

Wenn er sich geschlagen gibt, dann nur zum Ritter

Zweitens sind es gegen Ende die Szenen mit ihr, die sehr stark nur ihr Gesicht betonen, und man kann nun sehen, was sie für eine ausdrucksstarke Darstellerin ist – auch wenn die Theaterschminke aus genannten Gründen mal wieder (sicherlich bewusst) bis zur Schmerzgrenze eingesetzt wurde. Vor allem die blass geschminkten Lippen, welche gegen Ende auch O’Toole zieren – und von übertrieben blutroten Augen bei so manchem wollen wir gar nicht erst reden.

Ritterschlag für einen Film

Klassische Musicals (also mit Gesang, unsichtbarem Orchester und ein bisschen Tanz in Situationen, in denen das nicht der Handlungsrealität entspricht, anders als in Filmen über Showstars) muss man mögen, sonst ist man hier rettungslos verloren. Dies ist bei allem Lob kein Film, der geeignet ist, Genreverächter zu bekehren. Genregenießer indes bekommen so manches geboten, wenngleich nicht O’Tooles original Singstimme. Die Musik verbindet das Orchestrale mit dem Spanisch-Folkloristischen, wobei wieder einmal deutlich wird, welche Spuren auch die arabische Musik auf der iberischen Halbinsel hinterlassen hat (vor allem erkennbar an einem markanten Eineinhalb-Tonschritt im „arabischen Moll“). Die Songs sind sämtlich von diesem Lokalkolorit geprägt, ohne sich zu sehr zu wiederholen, und sie schütten die ganze Angelegenheit nicht dermaßen zu, dass nicht noch Platz für das Drama wäre. Besonders zu gefallen vermag, dass gelegentlich das Verspielte mit dem Dramatischen zu einer Einheit verschmilzt, gerade beim Tänzerischen. Während beispielsweise – auch ein interessanter Ansatz – Robert Wise und Jerome Robbins den maximalen Kontrast suchten (meisterhaftes Tanzen in realistischer Kulisse in der filmischen Adaption der „West Side Story“), ist dem vorliegenden Film eher an einer Synthese gelegen. Die Crew kann recht ordentlich tanzen, stellt ihre Kunstfertigkeit aber nicht übermäßig heraus, und eine „Schlacht“ (also eher eine Klopperei) ist in einem gewissen Maße auch tänzerisch, ohne das Artifizielle auf die Spitze zu treiben.

Per Treppe aus der grausamen in eine andere Welt

Natürlich wird auch gesungen, wenn Quixote nach seinem „Sieg“ zum Ritter geschlagen wird, und dann bilden der schon vorher mit Quixote verbundene Sancho Pansa (James Coco), Aldonza/Dulcinea und der Gastwirt (Harry Andrews) endlich eine Einheit. Quixote und Dulcinea als Paar? Zumindest als Team. Danach geht die Geschichte noch ein gutes Stück weiter, und wenn die Verwandten, In-spe-Verschwägerten und der Priester aus Quixotes Heimat den „Ritter“ per symbolischer Selbstbespiegelung als Gespaltenen vorführen und von seinem Wahn kurieren wollen, wird auch dem Letzten klar: Selig sind die Verrückten in einer grausamen Welt, an deren Sinn man sonst verzweifeln könnte. Das kann man mögen oder nicht. Wenn die Loren perfekt auf Knopfdruck ein Tränchen fließen lassen kann und am Ende die Treppe aus dem Kerker eine Treppe in eine andere Welt ist, das „Träume den unmöglichen Traum“ gleichsam verabschiedend wie beschwörend – dann hat mich dieser Film endgültig. Wer nicht gern träumt, muss aber auch keine Albträume von ihm bekommen.

Den beiden DVD-Auflagen von 2005 und 2006 fehlt jegliches Bonusmaterial. Die hier zugrundeliegende Pidax-Variante verpasst eine Gelegenheit, eine Lücke zu schließen, denn als einziger Zusatz finden sich Trailer zu weiteren Filmen des Labels. Zudem ist die Bildqualität zwar nicht schlecht, lässt aber angesichts einer angeblich „Remastered Edition“ Luft nach oben erkennen. Auch wenn man bei den nicht ganz durchgängig künstlich-verwaschenen Farben Methode vermuten kann und dies somit nicht zu kritisieren ist, könnte die Schärfe besser sein und ist das Bild von engen waagrechten Streifen durchzogen. Je nach Bildinhalt fällt dies entweder kaum auf oder hat einen leicht störenden Treppeneffekt, beispielsweise, wenn ein dünner Zweig diagonal im Hintergrund zu sehen ist. Das etwas Unaufmerksame der Edition zeigt sich auch daran, dass der Regisseur nicht Miller (Frontcover), sondern Hiller (Backcover) heißt. So bleibt es bei einem mindestens ordentlichen, je nach Geschmack sogar ausgesprochen berührenden Film, der endlich wieder verfügbar ist.

Veröffentlichung: 18. Februar 2022, 27. November 2006 und 20. September 2005 als DVD

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen 2022: Deutsch, Englisch
Sprachfassungen 2006: Deutsch, Italienisch, Polnisch, Englisch, Spanisch
Untertitel 2022: Deutsch
Untertitel 2006: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Schwedisch, Ungarisch
Originaltitel: Man of La Mancha
IT/USA 1972
Regie: Arthur Hiller
Drehbuch: Dale Wasserman, nach seinem Bühnenstück, basierend auf einem Roman von Miguel de Cervantes
Musik: Mitch Leigh
Liedtexte: Joe Darion
Besetzung: Peter O’Toole, Sophia Loren, James Coco, Harry Andrews, John Castle, Ian Richardson
Zusatzmaterial 2022: Trailershow, Wendecover
Zusatzmaterial 2006/2005: keines
Label 2022: Pidax Film
Vertrieb 2022: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2006: Twentieth Century Fox Home Entertainment
Label 2005: MGM
Vertrieb 2005: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2022 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2022 Pidax Film,
„Music Film“-Packshot: © 2006 Twentieth Century Fox Home Entertainment,
MGM-Packshot: © 2005 MGM

Die letzte Nacht der Titanic – Bestechend inszeniert (Filmrezension)

A Night to Remember

Einmal mehr ein Beitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte

Katastrophendrama // Spoilerwarnung – sie geht unter! Nun, da dieser kleine Kalauer euch, liebe Leserinnen und Leser, an diesen Text gebunden hat, kann es ernsthaft weitergehen: Der Untergang der RMS „Titanic“ am 15. April 1912 wurde wiederholt für Kino und Fernsehen verfilmt. Die ersten beiden Umsetzungen entstanden noch im Jahr der Katastrophe. Bei „In Nacht und Eis“ von Mime Misu handelt es sich um eine nicht ganz dreiviertelstündige deutsche Produktion. Sie kann völlig legal im Internet-Archiv geschaut und heruntergeladen werden und findet sich auch bei YouTube. Bemerkenswert an dem zehnminütigen „Saved from the Titanic“ ist die Tatsache, dass sie nach Berichten der Überlebenden Dorothy Gibson gedreht wurde, die sich sogar selbst spielt. Dieser Film gilt als verschollen (im Internet-Archiv und bei YouTube findet sich zwar ein knapp zehnminütiger Film dieses Titels, er ist es aber nicht). Die spektakulärste und bekannteste Version ist natürlich James Camerons dreieinviertelstündiger, vielfach prämierter Blockbuster „Titanic“ mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, der ab Herbst 1997 weltweit in die Kinos kam. Jahrelang nach internationalen Einspielergebnissen der erfolgreichste Film, wurde das Werk in der Hinsicht bis heute lediglich von „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009) und „Avengers – Endgame“ (2019) übertroffen.

Die „Titanic“ wird getauft

„A Night to Remember“, so der Originaltitel von „Die letzte Nacht der Titanic“, basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Walter Lord. Die britische Produktion feierte ihre Premiere am 1. Juli 1958 in London und gelangte ab März 1959 auch in die deutschen Lichtspielhäuser. Der Film beginnt mit der Taufe und dem Stapellauf des Passagierschiffs am 31. Mai 1911. Offenbar eine kleine Beugung der Historie um der Szene willen: Tatsächlich verzichtete die Reederei White Star Line traditionell darauf, ihre Schiffe zu taufen und am Rumpf eine Champagnerflasche zu zerschlagen. Im Übrigen existieren keine Bewegtbildaufnahmen davon, wie die „Titanic“ beim Stapellauf ins Wasser gleitet, für den Film verwendete man den Trivia der IMDb zufolge Aufnahmen des 1938 erfolgten Stapellaufs der RMS „Queen Elizabeth“, seinerzeit das größte Passagierschiff der Welt.

Abfahrt aus Southampton

Zurück zur Spielhandlung von „Die letzte Nacht der Titanic“: Nachdem der Ozeanriese am 10. April vom an der englischen Ostküste gelegenen Southampton ausgelaufen ist, begibt sie sich mit kurzen Zwischenstopps vor dem französischen Cherbourg und dem südirischen Queenstown auf die Passage über den Atlantik. Am 14. April erreichen das Schiff erste Eiswarnungen, aber egal: Das Schiff gilt als unsinkbar. Kurz vor Mitternacht ist es soweit – der Ausguck meldet dem diensthabenden Offizier übers Telefon: Eisberg ganz nah vor uns, Sir! Der Wachhabende lässt das Schiff hart Steuerbord abdrehen und ordert volle Kraft zurück, aber zu spät. Die „Titanic“ wird auf einer Länge von 91 Metern unter der Wasserlinie seitlich aufgerissen.

Kapitän Smith (l.) und Konstrukteur Andrews erkennen die bittere Wahrheit

Kapitän Edward John Smith (Laurence Naismith) schickt den Schiffskonstrukteur Thomas Andrews (Michael Goodliffe) unter Deck, um den Schaden zu inspizieren. Dessen Fazit, die „Titanic“ werde sinken, will er anfangs nicht glauben, lässt sich aber schnell eines Besseren belehren. Andrews errechnet eine Frist von anderthalb Stunden bis zum Sinken. Und während die Passagiere nach der kurzen Erschütterung vorerst sorglos bleiben, beginnt der Kapitän, die Evakuierung des Schiffs zu organisieren, instruiert den Ersten Offizier William M. Murdoch (Richard Leech), den Zweiten Offizier Charles Herbert Lightoller (Kenneth More) und seine übrigen direkten Untergebenen entsprechend. Smith weiß: Es sind zu wenige Rettungsboote an Bord.

Inspiration für James Cameron

Die Bilder von James Camerons schier übermächtiger Version sind mir sehr vertraut. Aber diese vom späteren Horrorspezialisten Roy Ward Baker („Gruft der Vampire“, „Dracula – Nächte des Entsetzens“) in Schwarz-Weiß gedrehte Version der Katastrophe verfehlt ihre Wirkung ebenfalls nicht. Auch wenn in vielen Einstellungen deutlich erkennbar ist, dass mit Miniaturmodellen gearbeitet wurde – so war eben die damalige Tricktechnik. Wer in den Film versinkt (pardon the pun), kann dennoch die Illusion auf sich wirken lassen. Erst recht in den letzten Momenten des sinkenden Schiffs, wenn die Bilder zwischen der Großaufnahme des nahezu senkrecht stehenden Modells und Bildern der auf den Kulissen befindlichen Menschen wechseln. Hier sieht man auch am deutlichsten, dass sich James Cameron „Die letzte Nacht der Titanic“ im Vorfeld seiner eigenen Umsetzung der Tragödie sehr genau angeschaut haben muss (dem Vernehmen nach löste der Film bei ihm den Wunsch aus, sich des Stoffs selbst anzunehmen).

Der Funker der „Carpathia“ empfängt den Notruf

Die 1958er-Version ist ab dem Auslaufen sogleich viel stärker auf die Ereignisse um die Kollision mit dem Eisberg, die Rettungsmaßnahmen und das Sinken fokussiert, als das beim 1997er-Film der Fall ist (wer die Liebesgeschichte zwischen Kate Winslets und Leonardo DiCaprios Figuren bei Cameron in Ehren hält, hat dazu natürlich jedes Recht). Zwischendurch wechselt das Geschehen auf zwei andere Schiffe: Die RMS „Carpathia“ fängt den Notruf der „Titanic“ auf und eilt heran, trifft aber erst nach dem Untergang an der Unglücksstelle ein und nimmt mehr als 700 Überlebende auf. Die in großer Nähe aufgrund der Eisbergwarnungen zum Halt gekommene „Californian“ hingegen misinterpretiert Leuchtsignale vom havarierten Schiff und hat obendrein den Funkraum gerade nicht besetzt, sodass die Notrufe nicht empfangen werden.

Der Abschiedsblick eines Vaters

Sobald es um Leben und Tod geht, wird es emotional. Überaus bewegend gestaltet sich beispielsweise die kurze Szene, wenn der Passagier Robbie Lucas (John Merivale) eines seiner Kinder Offizier Lightoller übergibt, damit der es zur Mutter (Honor Blackman) ins Rettungsboot hebe, und der Blick des gleichwohl ruhig bleibenden Vaters uns verdeutlicht: Er weiß, wie es um das Schiff steht, und ahnt wohl, dass er seinen Lieben nicht folgen wird. Dem gegenüber steht das Verhalten von J. Bruce Ismay (Frank Lawton), Chef der White Star Line, der sich unvermittelt in ein Rettungsboot setzt, das gerade abgefiert wird (der echte Ismay wurde nach seiner Rettung auf beiden Seiten des Atlantiks Zielscheibe eines frühen Shitstorms). So erleben wir Heldengeschichten und Momente der Feigheit – ein Wechselbad der Gefühle. Es spricht für die Präzision der Inszenierung, dass dies Wirkung entfaltet, obwohl wir die Figuren gar nicht besonders gut kennenlernen.

Die Rettungsboote werden abgefiert

Keinerlei Rolle spielt im Film das Rennen ums Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung eines Passagierschiffs. Dass Kapitän Smith und Eigner Ismay die Besatzung auf der Brücke zu Hochgeschwindigkeit anhielten, kann ohnehin ins Reich der Legende verwiesen werden.

Klassiker!

Walter Lords oben bereits erwähnte Vorlage gilt als sorgfältig recherchiert. Der Autor interviewte 64 Überlebende des Untergangs der „Titanic“. Das und die Tatsache, dass beim Dreh Überlebende als Berater hinzugezogen wurden, bewirkten, dass „Die letzte Nacht der Titanic“ bis heute einen guten Ruf als im Rahmen cineastischer Freiheiten akkurate Umsetzung der Ereignisse genießt. Da auch an der Dramaturgie, dem Ensemble und der Bildgestaltung nichts auszusetzen ist, darf dem Werk mit Fug und Recht Klassikerstatus zugestanden werden. Eine Preisflut erntete es zwar nicht, immerhin aber 1959 den Golden Globe als bester englischsprachiger Auslandsfilm (eine seit 1973 nicht mehr existente Kategorie).

Nach einer DVD 2005 und einer Blu-ray 2014 von zwei anderen Labels hat sich nun Pidax des Films angenommen und „Die letzte Nacht der Titanic“ in solider Bildqualität auf Blu-ray und DVD veröffentlicht (zur Sichtung lag mir die DVD vor). Als Boni auf den Scheiben finden sich der Originaltrailer und zwei Bildergalerien. Ein Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“ Nr. 4745 inklusive der für diese Publikation üblichen vollständigen Inhaltsangabe liegt bei.

Beim Untergang der „Titanic“ starben mehr als 1.500 Menschen.

Veröffentlichung: 12. November 2021 und 15. Juli 2014 als Blu-ray, 5. November 2021 und 17. März 2005 als DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: A Night to Remember
GB 1958
Regie: Roy Ward Baker
Drehbuch: Eric Ambler, nach einem Roman von Walter Lord
Besetzung: Kenneth More, Ronald Allen, Robert Ayres, Honor Blackman, Anthony Bushell, John Cairney, Jill Dixon, Jane Downs, James Dyrenforth, Michael Goodliffe, Kenneth Griffith, Harriette Johns, Frank Lawton, Richard Leech, David McCallum, Alec McCowen, Tucker McGuire, John Merivale, Laurence Naismith, Russell Napier, Harold Goldblatt, Desmond Llewelyn
Zusatzmaterial 2021: Originaltrailer, Bildergalerie Pressefotos, Bildergalerie Werbematerial, Trailershow, Wendecover
Zusatzmaterial 2014: Trailershow
Zusatzmaterial 2005: Chronologie des Untergangs, technische Daten der „Titanic“, Geschichten & Legenden, diverse Kinotrailer, Original-Artworks, Biografien, Trailershow
Label 2021: Pidax Film
Vertrieb 2021: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2014: Ascot Elite Home Entertainment
Label/Vertrieb 2005: Indigo

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Blu-ray-Packshot: © 2021 Pidax Film, mittlerer Blu-ray-Packshot: © 2014 Ascot Elite Home Entertainment, DVD-Packshot: © 2005 Indigo

„Wir wollen mehr Literatur wagen“ – Arbeitsgruppe präsentiert ihr Gesamtkonzept für eine lebendige, vielfältige UNESCO City of Literature Heidelberg

Am 29. März 2022 hat die Arbeitsgruppe „Weiterentwicklung Literaturstadt Heidelberg“ ihr Gesamtkonzept in einer Online-Konferenz mit rund 65 Teilnehmern vorgestellt.

Die im vergangenen Jahr angekündigten Kürzungen des städtischen Literaturetats haben gezeigt, dass in Heidelberg, der deutschlandweit einzigen UNESCO City of Literature, ein neues Bewusstsein für die herausragende Bedeutsamkeit von Literatur geschaffen werden muss: Weder die literarische Tradition der Stadt, noch ihr UNESCO-Titel dürfen „verwaltet“ und beschnitten werden. Es gilt, die immensen gesellschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten der 2014 erfolgten Auszeichnung Heidelbergs zur UNESCO Literaturstadt neu zu entdecken und – auch im internationalen Vergleich – endlich umfassend auszugestalten.

In der Arbeitsgruppe „Weiterentwicklung Literaturstadt Heidelberg“ haben sich nach dem erfolgreichen gemeinschaftlichen Protest gegen die Kürzungen der Literaturförderung (Oktober/November 2021) ehrenamtlich Autoren, Übersetzer, Verleger, Buchhändler, Veranstalter und Angehörige der Universität zusammengefunden, um mit gemeinsam entwickelten, innovativen Ideen einen konzeptuellen Neuanfang unserer Literaturstadt voranzutreiben. Damit folgte die Arbeitsgruppe dem in der Sitzung des Ausschusses für Kultur und Bildung am 18. November 2021 formulierten Antrag, ein Gesamtkonzept für die UNESCO City of Literature vorzulegen.

„Mehr Literatur wagen“ ist eine Einladung an alle Akteure, Freunde und Bürger der Literaturstadt Heidelberg, einen gemeinsamen programmatischen Neuanfang zu wagen und den Titel „UNESCO City of Literature“ vielfältig mit Leben zu füllen.

Das Gesamtkonzept ist hier im Download verfügbar.

Die Arbeitsgruppe Weiterentwicklung Literaturstadt Heidelberg:

  • belmonte, Sprecher der Heidelberger Autorinnen und Autoren
  • Veronika Haas, Literaturherbst Heidelberg
  • Bettina Heuer, Sprecherin des Buchhandels
  • Buchhandlung Wortreich
  • Patrizia Hinz, Sprecherin Absatz. Magazin für Literatur und Medien
  • Regina Keil-Sagawe, Sprecherin der Übersetzerinnen und Übersetzer
  • Ulrike Kemna, Beirat Heidelberger Literaturtage
  • Helga Pfetsch, Sprecherin der Übersetzerinnen und Übersetzer
  • Roland Reuß, Autor und Literaturwissenschaftler, Germanistisches Seminar der Universität Heidelberg
  • Ilka Schlüchtermann, Übersetzerin
  • Jutta Wagner, Leiterin LiZ Literarisches Zentrum am DAI Heidelberg
  • Regina Wehrle, Mattes Verlag, Literaturherbst Heidelberg
  • Christian Weiß, Sprecher der Heidelberger Verleger, draupadi Verlag
  • Ingeborg von Zadow, Sprecherin der Heidelberger Autorinnen und Autoren

Heidelberger Literaturtage als städtische Stabsstelle – Eine große Chance vertan

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Jagoda Marinić übernimmt künstlerische Leitung der Heidelberger Literaturtage

Bei allem Respekt für Jagoda Marinić, deren Arbeit und öffentliches Wirken mich sehr beeindrucken – hier ist leider eine große Chance vertan worden, die Heidelberger Literaturtage zurück in private Hand zu geben.

Über viele Jahre wurde genau diese Reprivatisierung der Literaturtage immer wieder angekündigt. Jetzt zeigt sich, dass das vermutlich nie die Intention gewesen ist. Leider sieht alles sehr nach abgekarteter Hinterzimmerpolitik aus.

Die Literaturtage sind programmatisch in den vergangenen Jahren kaum vom Fleck gekommen. Sie gehören dahin, wo Literatur programmatisch weitergebracht wird, nämlich in die Hand eines oder mehrerer Verlage oder einer verlagsnahen GmbH o. ä. Verlage sind viel besser in der Lage, Autorinnen und Autoren anzusprechen und mit ihnen zu arbeiten. Das ist einfach ihr tagtägliches Geschäft.

Aus meiner Sicht ist das auch ein Affront gegen Manfred Metzner, der vor Jahren als Leiter der Literaturtage mehr Mittel benötigte, worauf die Stadt die Literaturtage selbst weitergeführt hat – mit größerer finanzieller Ausstattung, als Metzner überhaupt angefordert hatte.

Die Art der Entscheidung ohne alle Transparenz und im Gegensatz zu dem, was jahrelang angekündigt wurde, wird Jagoda Marinić den Rückenwind nehmen, den sie bei der Heidelberger Gemengelage braucht. Dass die vom Kulturamt moderierte „AG Neukonzeption Heidelberger Literaturtage“ überhaupt nicht eingebunden war, spricht Bände. Vielleicht wäre ja ein echter Neustart, zum Beispiel eine engere Verzahnung der Literaturtage mit dem Literaturherbst, möglich gewesen. Diese Intransparenz ist für die Literaturtage jedenfalls keine gute Startvoraussetzung.

Jetzt eben eine städtische Stabsstelle. In der Kultur hat es den Anschein, dass die Stadt privater Initiative einfach nicht traut.

Hanau – Darf Uwe Boll das?

Hanau

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Dokudrama // Beim Terroranschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erschießt ein 43-jähriger Einwohner der hessischen Stadt innerhalb einer Viertelstunde neun Menschen, allesamt mit Migrationshintergrund. Anschließend fährt er in seine Wohnung im Ortsteil Kesselstadt und erschießt dort erst seine Mutter und anschließend sich selbst.

Offener Brief der Stadt Hanau an Uwe Boll

Als bereits ein Jahr später bekannt wird, dass der umstrittene deutsche Independent-Regisseur Uwe Boll die Ereignisse verfilmen will, regt sich umgehend Widerstand. So veröffentlicht die mainaufwärts in der Nähe von Frankfurt gelegene Stadt Hanau im März 2021 einen offenen Brief, gezeichnet unter anderem vom Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Stadtverordneten und den Familien der Opfer. Darin verleihen diese ihrem Entsetzen über Bolls Pläne Ausdruck und fordern ihn inständig auf, sein Vorhaben nicht in die Tat umzusetzen. Wer den streitbaren Filmemacher kennt, ahnt: Das wird ihn nicht davon abhalten, sondern womöglich erst recht motivieren. Und so kommt es dann auch, Boll dreht „Hanau“ im März 2021 in Mainz. Einen Kinostart bekommt das Werk nicht spendiert, das verbindet es mit vielen Regiearbeiten Uwe Bolls. Es bleibt spekulativ, ob sich kein Filmverleih und keine Kinokette so kurz nach dem Terrorakt daran die Finger verbrennen will. Ebenso weiß ich nicht, ob Boll über seine BOLU Filmproduktion und -verleih GmbH versucht hat, für die Heimkinovermarktung von „Hanau“ einen größeren Publisher zu finden als das kleine Label Tiberius Film, das es nun geworden ist.

In Vorbereitung

Zu Beginn von „Hanau“ informiert eine Texteinblendung uns darüber, dass es sich bei den Worten des Täters meist um seine eigenen handelt. Er habe ein Manifest geschrieben und diverse Beiträge in den Sozialen Medien veröffentlicht. Er sei der erste Qanon-Massenmörder. Eine weitere Einblendung betont, der Film zeige Uwe Bolls Interpretation des Massakers – durchaus ungewöhnlich, seinem Film eine solche Banalität voranzustellen.

Kruder Gruß an den „Hohen Germanischen Rat“

Die ersten Bilder zeigen deutsche und englische Fernsehnachrichtenmeldungen über die Bluttat. Im Anschluss hält der Täter Tobias R. (Steffen Mennekes) eine Rede an den „Hohen Germanischen Rat“ in die Kamera, mit der er seine krude Haltung zum Besten gibt (womöglich aus besagtem Manifest entnommen). Er endet mit einem zackigen Viva Germania! Wir sehen ihn daheim, beim Schusstraining, im Auto, ständig vor sich hin monologisierend. Am Tag der Tat sieht er sich mittags in der Innenstadt um und kehrt dann nach Hause zurück. Um 20:48 Uhr besteigt er sein Auto und fährt erneut in die Innenstadt. Um 21:50 Uhr erreicht er die Shishabar „Midnight“, betritt sie und erschießt diverse Anwesende.

Er schreitet …

Mit dem Selbstmord des Massenmörders endet die Spielhandlung von „Hanau“ bereits nach einer Stunde. Es folgen weitere Nachrichtenbilder, die einige weltweite rechtsgerichtete Umtriebe illustrieren, unter anderem mit Donald Trump und Björn Höcke, bevor sich Uwe Boll für den Rest der Laufzeit selbst inszeniert, wie er in Hanau die Orte des Geschehens aufsucht und kommentiert. Seine Regiearbeit endet mit einer erschreckend langen Liste „Erfasste Opfer rechtsradikaler Gewalt in Deutschland seit 1990“ (gemeint sind Todesopfer).

Konsequenter Fokus auf den Täter

„Hanau“ bleibt in der Spielhandlung konsequent beim Täter und zeigt die Opfer lediglich während der Morde, zeigt sie kurz beim Sterben. Boll ging es erkennbar darum, seinem Publikum die krude Weltsicht des Rechtsterroristen zu präsentieren und zu vermitteln, wie eine Mischung aus Rassismus, Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn zu einer derart entsetzlichen Tat führen kann. Dabei bleibt der Regisseur jederzeit im Hier und Jetzt, die sicher Jahre währende Entwicklung dieses Weltbilds im Kopf des Mörders klammert er aus; sie darzustellen, hätte wohl auch den zeitlichen Rahmen gesprengt und wäre zudem arg spekulativ ausgefallen, erst recht so kurz nach den Ereignissen.

… zur Tat

Die Szenen mit dem monologisierenden Täter wirken auf mich befremdlich. Liegt es am mangelnden Vermögen des Schauspielers Steffen Mennekes, den Boll gern bucht, oder gar an unsauberer Schauspielerführung durch den Regisseur? Was die Figur da allerdings an rassistischem und verschwörungstheoretischem Unfug von sich gibt, IST befremdlich. Die Art und Weise, wie Mennekes das vorträgt, passt somit vorzüglich und ist stimmig. Ob der Täter tatsächlich derartige Monologe – wahlweise Selbstgespräche – geführt hat, ist unerheblich, als Element zur Vermittlung dieser Gedankenwelt ist das ein legitimes Stilmittel.

Make-up-Effekte von Olaf Ittenbach

Boll inszeniert das Geschehen betont kühl, um einen dokumentarischen Charakter zu erhalten. Bei den Morden geht er darüber allerdings hinaus, diese fallen drastisch und atemstockend aus. Für die Make-up-Effekte hat sich der Regisseur, der wie üblich auch als Produzent agierte, die Dienste des deutschen Independent-Splatterfilmers Olaf Ittenbach („Premutos – Der gefallene Engel“, „Legion of the Dead“) gesichert, der diese Aufgabe bereits bei den Boll-Arbeiten „Blood Rayne“ (2005), „Seed“ (2006) und „Tunnel Rats – Abstieg in die Hölle“ (2008) übernommen hatte. Die drastische Darstellung von Gewalt und ihren Folgen hat für mich in Filmen ihre Berechtigung, in diesem Fall konterkariert sie meines Erachtens aber die aufklärerische Intention, da sie „Hanau“ einen exploitativen Beigeschmack gibt. Es ist eben doch einen Tick zu viel, wenn ein Toter mit Kopfschusswunde gezeigt wird, neben dessen Kopf Schädelknochen und Hirnmasse auf dem Boden verteilt sind. Hier konnte – oder wollte – Boll offenbar nicht aus seiner Haut. Andererseits sind das kurze Momente, andere mögen das vielleicht sogar als zurückhaltend inszeniert interpretieren.

Keine Frage: Sein Anliegen, vor den Gefahren zu warnen, die in manchen Bevölkerungsgruppen mit rechter Schlagseite in Deutschland (und weltweit) seit Jahren heranwachsen, ist ehrenwert und berechtigt. Ich halte Uwe Boll in der Hinsicht auch für glaubwürdig. „Hanau“ ist zudem weit davon entfernt, als völlig missratenes Machwerk diskreditiert zu werden, wie es diversen von Bolls Regiearbeiten über die Jahre ergangen ist. Vielleicht wäre er besser beraten gewesen, sich in puncto Gewaltdarstellung diesmal etwas zu zügeln. Er geht aber nun mal an die Themen, die ihm wichtig sind, voller Leidenschaft heran, was gelegentlich dazu führt, dass ihm die Pferde durchgehen. Das sei ihm nachgesehen, ist ja auch keine Missetat. Insgesamt wirkt „Hanau“ nicht ganz zu Ende gedacht und mit seiner Agenda in Einklang gebracht, das Dokudrama bleibt mit seiner konsequenten Tätersicht und der Präsentation der Gedankenwelt des Massenmörders aber ein sehr interessanter Kommentar zum Terroranschlag.

Dreharbeiten ein Jahr nach dem Terroranschlag

Besonderes Interesse und kritische Betrachtung weckt „Hanau“ zweifellos auch aufgrund der zeitlichen Nähe zur Tat. Dreharbeiten nur ein Jahr später, deren Vorbereitung somit noch näher dran – da rauschte der Blätterwald und sowohl Filmfans und -journalisten als auch andere hatten sofort eine Meinung. Viele dieser Meinungen, insbesondere die abfälligen, resultierten aus eigenen Glaubenssätzen zum Thema Pietät, was dazu führte, dass Boll von vielen geschmäht wurde. Das kann er doch nicht machen! Wie kann er nur? Dabei ist die Antwort auf die Frage Darf der das? erst einmal simpel: Natürlich darf der das!

Andernorts …

In oben erwähntem offenen Brief drohen die Unterzeichnenden mit Strafanzeige und Unterlassungsklage für den Fall, dass Boll Persönlichkeitsrechte der Angehörigen, deren Pietätsempfinden und die fortwirkende Menschenwürde der Verstorbenen missachte. Dazu ist festzustellen, dass der Regisseur die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen insofern achtet, als Angehörige nicht im Bild auftauchen und auch nicht genannt werden. Von den Mordszenen mögen einige von ihnen ihr Pietätsempfinden verletzt sehen, allerdings vermag ich hier keine strafrechtliche Relevanz zu erkennen. Auch die Würde der Getöteten bleibt meines Erachtens gewahrt. Boll charakterisiert keinen von ihnen, sie bleiben die willkürlichen Opfer, zu denen der Terrorist sie auserkoren hat, weil sie sich eben zufällig gerade an den Orten aufhielten, die er für seine Bluttaten ausgewählt hatte.

Polizeilicher Notruf nicht erreichbar

In dem Brief wird Boll zudem aufgefordert, seine vorherige Behauptung zu unterlassen, das Ordnungsamt Hanau habe jahrelang versagt. Diese Behauptung wiederholt er im Film in der Tat nicht, ob als Reaktion auf den offenen Brief oder aus anderen Motiven. Boll kritisiert allerdings sehr scharf die Hanauer Polizei für ihre mangelnde telefonische Erreichbarkeit an jenem Abend, ein Vorwurf, den nicht nur er erhebt.

… mordet er weiter

Ist es unethisch, den Anschlag so früh nach der Tat zu verfilmen? Auffällig: Darauf geht der offene Brief der Stadt Hanau überhaupt nicht ein. Der zentrale Vorwurf daraus lautet: Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, welche Geisteshaltung notwendig ist, um den gewaltsamen Tod von neun Mitmenschen in einer Art und Weise filmisch umzusetzen, die nach Ihren eigenen Worten zu hart für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist. Damit ignorieren die Unterzeichnenden die Existenz einer Vielzahl filmischer Umsetzungen brutaler Gewaltakte aus unserer Realität, bei denen diese Kritik nicht geübt wird. Ob Krimis, Thriller, Kriegsfilme oder schlicht Dramen – permanent entstehen Filme nach tragischen Begebenheiten der Zeitgeschichte. Meist vergeht nur eben mehr Zeit zwischen den Ereignissen und ihrer filmischen Adaption.

Der Regisseur mit dem „unterirdischen Ruf“

Sein Ruf als schlechter Regisseur spielt offenbar auch eine große Rolle bei der Ablehnung, die Uwe Bolls geplante Umsetzung im Vorfeld auslöste. So kritisierte ein Autor der Süddeutschen Zeitung schon im März 2021 das Vorhaben in einem Text, der vor Voreingenommenheit gegenüber Boll strotzt. Da ist davon die Rede, er werde immer wieder als schlechtester Regisseur der Welt geschmäht, und sein Ruf sei so unterirdisch, dass er sich 2018 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Gefolgt von einer Unterstellung unter der Gürtellinie: Die Wut, die sein Hanau-Projekt jetzt naturgemäß auslösen muss, will er offenbar als Aufmerksamkeitsmotor für ein Comeback nutzen. Hätte sich der Autor etwas intensiver mit Uwe Boll auseinandergesetzt, wüsste er, dass der Mann Überzeugungstäter ist. Er wüsste auch, dass Bolls Filmografie nicht zwangsläufig den geschmack- und gefühllosen Exploitation-Film befürchten lässt, den er offenbar befürchtet. Der Autor erwähnt sogar, dass Boll einen Film über den Konflikt in Darfur gemacht hat, hat diesen aber offenbar nicht gesehen, denn nach Sichtung von „Darfur – Der vergessene Krieg“ (2009) wüsste er, dass Boll mehr drauf hat, wenn er denn will.

Geradezu entlarvend wird die Anti-Boll-Agenda des Verfassers, wenn er Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993) in einen Kontext zu Uwe Bolls „Auschwitz“ (2011) setzt und dabei die Meisterschaft des einen mit der vermeintlichen Talentlosigkeit des anderen vergleicht und seine Haltung als allgemeingültige Wahrheit verkauft: Wahr ist, dass es Werke dieser Art gibt, die am Ende ihr künstlerisches Versprechen überzeugend einlösen, selbst wenn sie im Vorfeld oder bei der Premiere umstritten waren. Wahr ist ebenso, dass schamlose Ausbeuter schon immer das Grauen der Realität für den Versuch benutzt haben, über Schock- und Skandaleffekte schnelle Gewinne einzufahren. Der Meisterregisseur ist somit allein schon aufgrund seines großen Talents glaubwürdig, wer seine Filme nicht ganz so virtuos inszeniert, muss wohl ein schamloser Ausbeuter sein. Eine schäbige Argumentation, die obendrein völlig außer Acht lässt, dass ein Vergleich zwischen dem großen Hollywood-Regisseur Steven Spielberg und dem stets mit Minimalbudgets hantierenden Independent-Filmer Uwe Boll die gewaltigen Unterschiede bei den Production Values berücksichtigen müsste. Auch „Hanau“ sieht man selbstverständlich an, dass Boll für die Produktion nur wenig Geld zur Verfügung stand.

Psychogramm des Täters

„Hanau“ ist ganz sicher kein geschmack- und gefühlloser Exploitation-Film geworden. Uwe Boll klammert die Persönlichkeiten der Opfer komplett aus und konzentriert sich voll auf den Täter. Das Psychogramm mag oberflächlich sein, und der Fokus auf den Mörder inklusive Vernachlässigung der Profile der Opfer kann einem missfallen, es passt aber zu Bolls Agenda, vor solchen Terroristen zu warnen. Wer sich mit der Haltung des Filmemachers etwas auseinandersetzen möchte, dem sei ein Interview bei „Blickpunkt Film“ empfohlen.

Ausgeführt

Bleibt die Frage, die nach derzeitigem Ermittungsstand wohl bejaht wird: War Tobias R. ein verwirrter Einzeltäter?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Uwe Boll sind dort in der Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. März 2022 als Blu-ray und DVD, 17. Februar 2022 als Video on Demand

Länge: 78 Min. (Blu-ray), 75 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hanau
D 2022
Regie: Uwe Boll
Drehbuch: Uwe Boll, Steffen Mennekes
Besetzung: Steffen Mennekes, Radost Bokel, Imad Mardnli, Tito Uysal, Adam Jaskolka, Daniel Faust, Robert Hofmann, Christopher Köberlein, Annika Strauss, Sven Zinserling, Vito Anthony Adragna, Robin Atalay, Alper Buyukyigit, Erlogan Ercan, David Erstling, Hiltrud Hauschke, Jannis Hollmann, Teggour Ismail
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Uwe Boll, Making-of, Trailer
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2022 Tiberius Film