Fortgang der Arbeit | 18

24. Mai 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Die Wasserfarben sind leicht zu handhaben. Schnell lässt sich das Gesicht einer unbekannten Schönheit aufs Papier bringen.

(c) valentino 2016

Dame

17. Mai 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Aquarellskizze: Valentino

Aquarellskizze: Valentino

Eine Ästhetik der Anonymität – Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte – Snowden, Assange, Manning (Rezension)

14. Mai 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte

Unsere freiheitlichen Demokratien sind gefährdet. Weder lassen sie sich in ihrem heutigen Zustand als halbwegs vollendete Demokratien bezeichnen, noch sind sie in ihrer ureigenen Entwicklung frei von zahlreichen un- und antidemokratischen Elementen. Diese müssen radikal enttarnt werden, um das Projekt Demokratie nicht zum Stillstand oder gar Rückschritt zu führen. Eine solche Enttarnung versucht Geoffroy de Lagasnerie in seinem 2015 in Frankreich erschienenen Buch Die Kunst der Revolte, das Suhrkamp kürzlich in deutscher Übersetzung publiziert hat.

Der schmale Band befasst sich vordergründig mit den Whistleblowern Edward Snowden und Chelsea Manning sowie Julian Assange im Umfeld von Wikileaks und Anonymous, fordert aber im Hintergrund eine Radikalisierung der Demokratie – nicht zuletzt zum Zweck ihrer Erhaltung und Erneuerung.

Inhaltlich lassen sich in dem schmalen Band drei große Kritikbereiche festmachen: Staatsgeheimnisse, Zensur, Staatsbürgerschaft.

Staatsgeheimnisse

de Lagasneries zentraler These zufolge markieren Snowden, Assange und Manning sowie Bewegungen wie Wikileaks und Anonymous eine „neue Weise des politischen Handelns, des politischen Denkens, der Vorstellung der Formen und Praktiken des Widerstands“ (11), ausgehend von den Themen „der Massenüberwachung, des Schutzes der Privatsphäre, der bürgerlichen Freiheiten im Zeitalter des Internets“ (ebd.).

Der Protest und Widerstand richte sich zunächst einmal gegen Staatsgeheimnisse. Nicht allein, dass Staatsgeheimnisse es ermöglichten, „kriminelle Handlungen zu vertuschen“ (29). Das Konzept selbst sei in sich widersprüchlich: „Ein Staatsgeheimnis ist eine öffentliche Information, die jedoch verborgen wird.“ (31).

Im Staatsgeheimnis offenbare sich das alte Konzept der Staatsräson, das viel älter sei als alle Konzepte moderner Demokratie, aber in den westlichen Gesellschaften immer noch höchst wirkungsvoll Bestand habe. Staatsgeheimnisse seien sowohl „Täuschungsmanöver“ (31) als auch „Enteignungsmaßnahme“ (ebd.) und mit der „Idee der Demokratie prinzipiell unvereinbar“ (32).

Wikileaks habe es sich daher zur Aufgabe gemacht, Staatsgeheimnisse „durchsickern zu lassen“ (29), was „ein Erfordernis der Demokratie in einem Rechtsstaat dar[stellt], der sich auf das Prinzip der Gleichheit vor der Justiz beruft.“ (29) Gemäß ihrem Wahlspruch „Privatssphäre für die Schwachen, Transparenz für die Mächtigen“ (33) lehne sich Wikileaks, wie de Lagasnerie ausführt, „gegen die Voraussetzung auf, der zufolge ein demokratischer Staat nichtdemokratische Bereiche, die außerhalb des Rechts stehen und in denen die Willkür herrscht, akzeptieren sollte.“ (33) In ebendiese Stoßrichtung gehe Snowden, für den die „Unterhaltung von Geheimprogrammen (…) eine größere Gefahr als ihre Enthüllung“ (35) darstelle.

de Lagasneries, 1981 geboren, Philosophieprofessor, Soziologe und französischer Intellektueller, zieht als erstes Fazit, dass „Snowden, Assange und Manning die politischen und juristischen Kämpfe reaktivieren, die sich seit dem 19. Jahrhundert gegen die Willkür des Staats vollziehen.“ (37)

Zensur

Über einen kurzen Exkurs über Henry David Thoreau und John Rawls zum zivilen Ungehorsam kommt de Lagasnerie auf ein zentrales Thema seines Buches zu sprechen: Anonymität. Im Unterschied zum zivilen Ungehorsam nämlich agieren Whistleblower wie Chelsea Manning im Verborgenen.

Snowden, Assange und Manning sind die Aushängeschilder, an denen de Lagasnerie ein breiteres politisches Phänomen sichtbar macht, nämlich das „Aufkommen eines neuen politischen Subjektes“ (12), das „die politische Bühne selbst in Frage“ (ebd.) stelle.

Genau wie WikiLeaks und die Gruppe Anonymous kennzeichnet Chelsea Mannings Handeln „eine neue Art und Weise, Politik zu betreiben, die sich der Problematik des Auftretens im öffentlichen Raum entzieht.“ (73f.) de Lagasnerie nennt das eine „Praxis der Anonymität und des Nicht-Erscheinens“ (ebd.) (In der Tat kennt WikiLeaks die Identität ihrer Whistleblower nicht.)

Das stoße sich aber fundamental mit der „Idee der Politik als gleichursprünglich mit einem öffentlichen Raum.“ (87) Die Anonymität ermögliche indes eine „Entkoppelung der Problematik der Politik – und der Demokratie – von der Problematik des öffentlichen Raums“ (91), nämlich „die Möglichkeit, politisch zu handeln, ohne öffentlich zu handeln“ (ebd.). Folglich gebe es für de Lagasnerie keinen Grund – womit er eine lange Reihe von politischen Theorien durchkreuzt –, „Politik und Öffentlichkeit“ notwendig miteinander zu verkoppeln.

Die Verknüpfung von Politik und öffentlicher Bühne, die Forderung also, dass Politik notwendig auf einer öffentlichen Bühne stattzufinden habe, resultiert für de Lagasnerie in Zensur:

„Wenn es stimmt, daß die Praxis der Anonymität in erster Linie als ein Schutz gedacht werden kann, als ein Rahmen, der es den Insidern gestattet, in den Raum des Ausdrucks von Gedanken einzutreten, das heißt Personen, für die der Zugang zu diesem Raum zuvor de facto beschränkt war, dann müssen wir uns die Frage stellen, in welchem Maße die Idee der Demokratie, wie sie heutzutage gang und gäbe ist, umgekehrt Wirkungen der Zensur hervorbringt.“ (94)

Anonymität zeige dann, indem sie den Finger in die Wunde legt, „daß die Idee der Demokratie, wie wir sie kennen und betreiben, Wirkungen der Zensur und Verknappung sprechender Subjekte hervorbringt und die Fähigkeit mancher Subjekte zum politischen Handeln behindert.“ (97)

Durch Umverteilung des Rederechts (98) gebe Anonymität „isolierten Individuen“ die Möglichkeit, „in den Raum der Politik des Protests einzutreten“ (100). Auf diese Weise können sich Personen am politischen Prozess beteiligen, die ansonsten niemals die vermeintliche politische Bühne betreten hätten.

Staatsbürgerschaft

de Lagasneries Buch veranschaulicht seine Ausführungen immer wieder mit aktuellen Begebenheiten. So erwähnt er US-Außenminister John Kerry, der „die heftigste Sprache dazu verwendet, um Snowdens Fluchthaltung anzugreifen, die Tatsache, daß er es ablehnt, vor der amerikanischen Justiz zu erscheinen.“ (128) „… er sollte sich, so Kerry, ‚wie ein Mann‘ benehmen, ‚in die Vereinigten Staaten zurückkehren‘ und ‚sich der Justiz seines Landes stellen‘.“ (128)

Warum aber, fragt de Lagasnerie, „sollte Snowden den Vereinigten Staaten etwas schuldig sein?“ (128)

An dieser Stelle radikalisiert de Lagasnerie die individuelle Freiheit, nämlich sich frei zwischen Gruppenzugehörigkeiten zu bewegen. Wer sagt denn, dass ich notwendigerweise einer nationalen Autorität und Rechtsprechung unterstehe, nur weil ich in sie hineingeboren wurde. Welche Legitimität sei eigentlich in der Lage, „uns unter seiner Autorität gewaltsam in eine bestimmte Gemeinschaft einzuschließen“ (146)? Habe sich Snowden durch seinen Weggang nicht genau dieser Zwangsgemeinschaft aus freien Stücken entzogen?

Geoffroy de Lagasnerie

Geoffroy de Lagasnerie / Selbstporträt/Wikimedia unter CC BY-SA 3.0

Hier kommt für de Lagasnerie das Internet ins Spiel, das die Auflösung der Grenzen und die freie Wahl neuer Zugehörigkeit(en) fördere:

„Wenn diese Technik dem Subjekt ermöglichen würde, sich einen größeren Raum der Zugehörigkeit und Bestimmung zu verschaffen, neue Weisen zu erfinden, sich selbst zu entwerfen und die Kollektive zu denken, zu denen es gehört?“ (157) Nicht von ungefähr richte sich der Aufruf „Hallo, Bürger der Welt, wir sind Anonymous“ an jedermann (159).

Am weiten Horizont steht der Weltbürger, und hier kommt de Lagasnerie auf wohltuende Weise zu seinem schwärmerischen Abschluss:

„Als geistigen Horizont die Welt zu haben, noch nie dagewesene selbstgewählte Gemeinschaften entstehen zu lassen und sich von allen aufgezwungenen Zugehörigkeiten zu lösen, indem man die Eigenart unserer Verknüpfung mit dem Raum und unserer Beziehungen zu den anderen politisiert: Das könnten die Achsen der Kunst der Revolte sein, die heute entsteht und an der sich diejenigen beteiligen, denen es gelingt, sich als ‚Weltbürger‘ zu definieren.“ (160)

Kritisch ist einzuwenden, dass wichtige Bewegungen, die in ähnliche Richtungen gehen, von de Lagasnerie leider keine Beachtung finden, beispielsweise der ganze Bereich der Open-Data-Bewegung, Liquid Democracy und Politikverständnisse, wie sie beispielsweise in der Piratenpartei zu finden sind. Womöglich sind auch, wie einige Rezensionen andeuten, de Lagasneries theoretische Prämissen nicht so robust, wie man es von einem französischen Philosophen in der Nachfolge Foucaults und Bourdieus da und dort erwartet.

Das allerdings ist zu verkraften, denn de Lagasneries Buch ist in seinen analytischen Folgerungen und Forderungen und in seiner Anzeige der akuten Gefahren, in denen sich die westlichen Demokratien – aus sich selbst heraus – befinden, ein wichtiger Augenöffner und Chance, das Gebot der Stunde, nämlich die Revolte aus der Anonymität heraus, zu ergreifen.

(c) belmonte 2016

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte – Snowden, Assange, Manning. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder, Suhrkamp, Berlin 2016, 160 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Hermeneutik des ewigen Nichts

7. Mai 2016 § 4 Kommentare

hermeneutik des ewigen nichts

Hermeneutik des ewigen Nichts

Hermeneutik des ewigen Nichts / Foto: belmonte

ich bin in das dunkle getreten das alles auslöscht der große schlaf der alles schluckt ich habe geschlafen und erinnere mich nicht an den schlaf der mich ausgelöscht hat so ist totsein ewiges schlafen kein schlafen mehr wenn ich aufwache komme ich von nirgendwoher und bin aus dem nichts denn ich war im nichts und war nichts und ewiges totsein ist weniger als dunkelheit wenn dunkelheit das gegenteil von licht und wenn ich dunkelheit denke denke ich licht aber im nichts ist auch die dunkelheit ausgelöscht wenn die dunkelheit erst verschluckt vom ewigen nichts und ich mich nicht mehr erinnere und aufwache aus der ewigkeit und nirgendwo war und wach liege und mich an nichts mehr erinnere und von der ewigkeit nur eine spur übrigbleibt die ich nicht sehen kann und was ich davon sehe ist selbst nur eine spur und vom totsein habe ich nur eine spur die mich nirgendwo hinführt und ich liege wach bevor sich meine aufmerksamkeit wieder verdunkelt in eine dunkelheit die es nicht gibt und ich bin noch wach aber vor mir starrt mich eine ewigkeit an die ich nicht sehen kann und näher und näher kommt mich zu verschlucken und davor habe ich angst dass ich verschluckt werde von einem nichts das noch weniger ist als dunkelheit und habe angst aus diesem nichts nicht wieder ausgespuckt zu werden und im ewigen totsein an das ich mich nicht erinnere keine spur zu finden die mich aus der ewigkeit führt und wenn ich verschluckt werde und noch sehe wie ich die augen schließe und ich mich in nichts auflöse dann ist auch die angst weg und dann ist das spüren weg und das erinnern und ich möchte lieber in der dunkelheit liegen und an das licht denken als verschluckt zu werden und nicht mehr zu liegen und nicht mehr dunkel und nicht mehr nichts an das ich mich nicht erinnere und wenn ich wach bin und eine spur von einer spur habe will ich keine ewigkeit die ein ewiges totsein ist das in sich selber zusammengefallen ist und wenn ich wach bin und mich nicht an gestern erinnere und nicht an heute dann ist dieses nichts schon da das mich schon verschluckt hat denn ich bin der spur gefolgt die zum nichts und zum ewigen totsein geführt hat bis ich die augen – für immer schließe

(c) belmonte 2016

Der Text ist während eines KAMINA-Workshops für kreatives Schreiben entstanden, den Katharina Dück am 29. April 2016 im Marstall-Lesecafé in Heidelberg geleitet hat.

Simon Probst: Das Grasen schwarzer Kühe (Gedicht)

30. April 2016 § 7 Kommentare

(c) Simon Probst 2016

Die Entstehung eines Aquarells | 7

26. April 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Ich zeichne die Figuren, schattiere und bilde die Konturen ein wenig mit dem Pinsel heraus. Danach beginne ich mit dem Hintergrund.

(c) valentino 2016

Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Achter Teil

19. April 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Abends aß ich in der Familie. Inzwischen waren die Gasteltern Emiliana und Santiago mit ihren Kindern eingetroffen. Emiliana und Paulina backten Tortillas. Dazu gab es Reis, Eier und Tamales, mit Bohnen oder Huhn gefüllte, in Maisblätter gewickelte und gekochte Maisklöße. Antonio, der älteste Sohn der Familie und Paulinas Mann, arbeitete derweil in Seattle und schickte der Familie Geld, das vor allem in den nebenan stehenden Rohbau aus Beton gesteckt wurde. Nach Fertigstellung des Hauses sollten dort Paulina und Antonio mit ihrem Sohn Eladio wohnen.

Nachdem die indigene Dorfbevölkerung in den frühen 80er Jahren zunächst aufgrund von Landversprechen mit der Guerilla sympathisiert hatte, ging das Militär repressiv und gewaltsam gegen sie vor: Es vertrieb sie oder tötete sie oder zwang sie in Milizen. Viele kehrten erst nach Jahren des Exils aus Mexiko zurück ins Dorf. Die Gewalt hatte einen tiefen Einschnitt in der Gesellschaft hinterlassen. Nachdem vormals in der Cofradía, einer traditionellen religiösen Bruderschaft, der Besitz von Land die soziale Stellung ihrer Mitglieder begründet hatte, öffnete sich nun die Gesellschaft der globalisierten Marktwirtschaft. In der Folge emigrierten viele Dorfbewohner – anstatt saisonal auf den Plantagen der Pazifikküste Baumwolle zu pflücken oder Zuckerrohr zu schneiden – in die Vereinigten Staaten, um dort zu arbeiten und so ihre Familien zu unterstützen.

Ich saß im Adobe-Haus inmitten der Mendozas, als Narcisa eintrat und sich zu uns an den Tisch setzte. Auch sie hatte die Gewalt im Dorf miterlebt. Nun erzählte sie mir, bevor ich mich unter die Decken auf meine Pritsche schlafen legte, von einem weiteren tragischen Ereignis, das sich vor einiger Zeit bei den Mendozas ereignet hatte: Cecilia, Antonios Schwester, verschwand auf dem Heimweg vom Kaffeefeld. Kurz darauf, als mir schon fast die Augen zufielen, hörte Emiliana die Flöhe husten und bereitete mir das Lager für die Nacht.

(c) valentino 2016

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 764 Followern an