Shootings Dogs – Ruanda und die Tatenlosigkeit der Welt (Filmrezension)

Shooting Dogs

Bedrückender Film über ein bedrückendes Weltereignis vor mehr als einem Vierteljahrhundert, dem sich Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ hier widmet.

Kriegsdrama // Haben die auf sie geschossen? So fragt Father Christopher (John Hurt) den belgischen Blauhelm-Offizier Capitaine Charles Delon (Dominique Horwitz). Der hat ihm angekündigt, die streunenden Hunde erschießen lassen zu wollen, die sich vor der weiterführenden Schule École Technique Officielle über die Leichen hermachen. Der Geistliche kommentiert mit seiner rhetorischen Frage auf sarkastische Weise die Untätigkeit der UN-Friedenstruppen im Angesicht des Völkermords in Ruanda, deren Mandat den Schusswaffengebrauch nur zulasse, wenn zuvor auf sie geschossen worden ist. Der Dialog in „Shooting Dogs“ gab dem Film seinen Namen.

Schule wird Schauplatz eines Massenmords

Den Hergang des Völkermords in dem ostafrikanischen Binnenstaat habe ich bereits in meiner Rezension von Raoul Pecks Kriegsdrama „Als das Morden begann“ (2005) skizziert. Die Handlung des an Originalschauplätzen gedrehten „Shooting Dogs“ fokussiert sich auf oben genannte Schule in der ruandischen Hauptstadt Kigali, die am 11. April 1994 zum Schauplatz eines Massenmords an mehr als 2.000 Menschen wurde. Die Handlung setzt sechs Tage zuvor ein: Der für ein Jahr dort tätige junge Lehrer Joe Connor (Hugh Connor) erfreut sich bei den Schülerinnen und Schülern großer Beliebtheit. Er selbst hat ein Auge auf Marie (Clare-Hope Ashitey) geworfen, eine talentierte Leichtathletin. Joes Unbeschwertheit bekommt einen ersten Knacks, als er von der BBC-Journalistin Rachel (Nicola Walker) erfährt, eine hauptsächlich von Tutsi besuchte Friedenskundgebung sei von Hutu-Schlägern mit Macheten überfallen worden. Kurz darauf wird Marie von ein paar halbwüchsigen Hutu mit Steinen beworfen und als „Kakerlake“ beschimpft – eine typische Beleidigung der Tutsi durch die Hutu, wie die Schülerin ihrem Lehrer berichtet.

Der Mob lauert schon

Am späten Abend des 6. April stirbt Staatspräsident Juvénal Habyarimana, als sein Flugzeug abgeschossen wird. Seit vielen Wochen aufgestachelte Hutu-Gewalttäter – manche in Uniform, manche in Zivil – beginnen umgehend mit Massakern an den Tutsi. Die zum Schutz der Schule abgestellten belgischen Blauhelm-Soldaten unter Capitaine Delon riegeln das Gelände ab. Gegen den Willen des Offiziers gewährt Father Christopher vielen flüchtenden Tutsi Unterschlupf. Vor den Toren sammelt sich bald ein blutrünstiger Mob.

Uns kann nichts geschehen, solange wir zusammenhalten. Wir sind zu viele hier. Anfangs glaubt Joe Connor noch an das, was er Marie sagt. Doch die fragile Sicherheit der Menschen in der Schule hängt einzig von der Anwesenheit der UN-Soldaten ab. Und selbst die Belgier sind gefährdet, wie die Massakrierung von zehn belgischen Blauhelm-Soldaten beweist, die zur Sicherheit der ebenfalls ermordeten Premierministerin Agathe Uwilingiyimana abkommandiert waren. An einer Straßensperre trifft der junge Lehrer François (David Gyasi) wieder, einen Hutu, der an der Schule als Aushilfe beschäftigt war und den Joe als freundlichen Menschen schätzte. Nun hält er eine blutverschmierte Machete in der Hand.

Vom Regisseur von „Rob Roy“

Der schottische Regisseur Michael Caton-Jones („Memphis Belle“, „Rob Roy“) lieferte mit „Shooting Dogs“ seinen vielleicht besten, ganz sicher aber wichtigsten Film ab. Die recht unbeschwerten ersten Minuten von „Shooting Dogs“ sind allzu schnell vorbei, danach öffnet sich nach und nach der ganze Abgrund des Völkermords, anfangs noch mit Informationsfetzen und Gehörtem, bald auch im schockierenden Bild. Nicht ausufernd, aber in aller Schonungslosigkeit zeigt Caton-Jones das grausame Gemetzel, das Schwingen der Macheten und Keulen. Hoffnung für die Tutsi gibt es keine – als französische Soldaten eintreffen, dient das nur dem Zweck, die Weißen zu evakuieren. Joe bleibt mit Father Christopher bei den Tutsi, doch als auch die belgischen Soldaten abgezogen werden, muss er eine Entscheidung treffen. Und die Meuchelmörder vor den Toren der Schule schwingen in freudiger Erwartung des Abzugs der Soldaten schon ihre Waffen.

Kein Schießbefehl für die UN-Beobachter

An den Straßen liegen überall blutige Leichen, gnadenlos erheben junge Männer die Macheten gegen Frauen, Babys, Alte. Phasenweise ist das schwer erträglich. Caton-Jones legt den Finger tief in die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, die dem drei Monate andauenden Massenmord in Ruanda aufgrund der Uneinigkeit des UN-Sicherheitsrats zuschaute, ohne einzugreifen. Der Blick auf die belgischen Blauhelme an der Schule dokumentiert dies vorzüglich. Capitaine Delon, meines Wissens eine fiktive Figur, steht stellvertretend für die UN-Friedenstruppen, deren Mandat ein Eingreifen verbot und die deshalb zur Untätigkeit verdammt waren. Delon ringt mit sich, zeigt Gewissensbisse, aber zu keinem Zeitpunkt kommt es für ihn in Frage, die Waffe gegen die Mörder zu erheben oder seinen Untergebenen den Schießbefehl zu geben. Ich bin Soldat – und Soldaten gehorchen ihren Befehlen. Das kennen wir nur zu gut. Der in Deutschland lebende französische Schauspieler Dominique Horwitz bewältigt diese schwierige Gratwanderung überzeugend.

Das Lexikon des internationalen Films bemängelte in seiner ansonsten sehr positiv ausfallenden Kurzrezension, „Shooting Dogs“ konzentriere sich auf die psychologische Ausarbeitung der Charaktere der weißen Protagonisten, wodurch der Völkermord zur Kulisse westlicher Gewissenskonflikte werde. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht, wobei ich die Schärfe der Formulierung für unfair halte. Mit der internationalen Besetzung und vor allem John Hurt erhielt der Film immerhin Aufmerksamkeit, die ihm sonst verwehrt worden wäre.

Kostenlos im Netz

Seine Weltpremiere feierte „Shooting Dogs“ am 11. September 2005 beim renommierten Toronto International Film Festival, anderthalb Monate später wurde es bei den Internationalen Hofer Filmtagen in Bayern gezeigt. In den USA wurde das Kriegsdrama auch unter dem Titel „Beyond the Gates“ vermarktet und im deutschen Fernsehen als „Mord unter Zeugen“ ausgestrahlt. In Deutschland ist Michael Caton-Jones’ Regiearbeit nie auf DVD oder Blu-ray erschienen; eine deutsch synchronisierte Fassung kann aber kostenlos und völlig legal auf der Website und dem YouTube-Kanal des Internet-Streaming-Anbieters Netzkino angeschaut werden – mit einem kostenpflichtigen Abo auch werbefrei.

Den Opfern des Völkermords

Als Einstieg zur Lektüre über den Völkermord in Ruanda eignet sich die Webseite „Ghosts of Rwanda“. „Shooting Dogs“ ist allen Opfern des Völkermords gewidmet – die Zahl der Toten wird auf etwa 800.000 geschätzt. Vor dem Abspann werden einige Überlebende gezeigt, die bei den Dreharbeiten mitgewirkt haben, so beispielsweise Euphrasie Mukarubibi, die ihren Ehemann verlor, vergewaltigt und dabei mit HIV infiziert wurde und als Statistin beteiligt war. Jean-Pierre Sagahutu war am Set als Leiter des Transport beschäftigt – seine Eltern, drei Schwestern und vier Brüder wurden ermordet. Mussa Mangara war für die Garderobe zuständig; 30 Mitglieder der Familie seiner Mutter befinden sich unter den Opfern des Genozids. Dieselbe Tätigkeit beim Dreh übte Nathalie Rutabuzwa aus, die der Völkermord all ihre Schwestern und Brüder kostete.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Dominique Horwitz und John Hurt sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (GB): 31. Juli 2006 und 25. Juni 2007 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Shooting Dogs
Deutscher TV-Titel: Mord unter Zeugen
Alternativtitel: Beyond the Gates
GB/D 2005
Regie: Michael Caton-Jones
Drehbuch: David Wolstencroft
Besetzung: John Hurt, Hugh Dancy, Dominique Horwitz, Louis Mahoney, Nicola Walker, Steve Toussaint, Clare-Hope Ashitey, David Gyasi, Susan Nalwoga, Victor Power, Jack Pierce
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Metrodome Distribution

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Packshots: © Metrodome Distribution

Frohes neues Jahr 2022

Frohes neues Jahr 2022,
liebe Freunde!

Jahr hat grau angefangen,
regnet Katzen und Hunde,
Omikron hält uns alle im Griff.
Hoffe trotzdem,
Ihr habt schöne Feiertage gehabt mit Euren Lieben und nicht zu viele schlechte Nachrichten.

Ich selbst war ein bisschen mit meinen Kindern schwimmen,
Booster machts möglich,
heftige Hurricane-Rutsche im Miramar,
wer Lust hat,
Eindrücke hier von irgendjemandem:

Längere Tour im Odenwald,
gut gegessen,
ansonsten habe ich an einer Reihe von Storylines und Plots gearbeitet,
Gedanken zu digitaler Literatur gemacht.
Bin nach wie vor der Meinung,
dass Literatur sich erst auf halbem Weg in die digitale Welt befindet.
Viele neue Streaming-Formate,
die sich im vergangenen Jahr aufgetan haben,
ein wenig kollaboratives Schreiben im virtuellen Raum,
der echte Durchbruch aus meiner Sicht noch nicht geschehen.
Comics da schon viel weiter,
sind natürlich auch Literatur.

Ach ja,
kürzlich erreichte mich von einem Verlag eine Publikationszusage für ein Buch,
das ich im vergangenen Sommer beendet habe.
Was genau,
verrate ich noch nicht,
kann aber sagen,
es wird sehr cool.

Gab vergangenes Jahr Diskussion unter Heidelberger Autor:innen,
ob die aktuelle Situation als Berufsverbot bezeichnet werden könne.
Es stimmt aber einfach nicht,
dass Schriftsteller:innen in Deutschland Berufsverbot haben.
Sie können schreiben,
gibt Verlage,
die sie veröffentlichen,
können Lesungen veranstalten,
und wenn sie es richtig machen,
haben Sie online ein viel größeres Publikum,
als sie analog je hatten,
mit Realtalk und allem Drum und Dran.

Und dann war ich noch im neuen Spider-Man-Film,
originelle Story,
verrückte Überraschungen,
insgesamt aber etwas zu nostalgisch.
Hat trotzdem großen Spaß gemacht.

Freue mich über Kommentare,
wie Ihr den Film fandet.

(c) belmonte 2022

Brief aus Ulm

Eingang der Hochschule für Gestaltung Ulm
Eingang der Hochschule für Gestaltung Ulm / Foto: belmonte

Heute Gebrauchten in München abgeholt.

Frühmorgens Railjet der ÖBB von Mannheim nach Budapest.

War hundemüde.

Musste aufpassen,

dass ich Pasing nicht verpasse,

sonst wäre ich womöglich in Wien aufgewacht.

Auf dem Rückweg Zwischenstopp in Ulm,

das Museum der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm besucht,

Bauhaus-Nachfolger,

gegründet u. a. von Inge Aicher-Scholl,

Schwester von Hans und Sophie Scholl.

Museum des HfG-Archiv
Museum des HfG-Archiv / Foto: belmonte

Design vom Feinsten.

Ich verstehe immer noch nicht,

warum die HfG Ulm nicht wiedereröffnet wird.

Ulmer Hocker
Ulmer Hocker / Foto: belmonte
Schneewittchensarg
Schneewittchensarg / Foto: belmonte

Die haben so großartige Sachen geschaffen,

den Schneewittchensarg,

den Ulmer Hocker,

Stapelgeschirr,

Hamburger Hochbahn und was nicht alles.

Stapelgeschirr / Foto: belmonte

Haltet mal den Braun-Taschenrechner neben das erste Apple iPhone,

direkte Linie vom Bauhaus über die HfG Ulm ins Silicon Valley.

Rückansicht Hochschule für Gestaltung Ulm
Rückansicht Hochschule für Gestaltung Ulm / Foto: belmonte

(c) belmonte 2021

Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe – Dabei will er doch nach Australien! (Filmrezension)

Support Your Local Sheriff!

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Westernkomödie // Immer wieder gern gesehen: Jack Elam (1920–2003). Sein schiefer Blick resultierte daraus, dass er als Zwölfjähriger einen Bleistift ins Auge gestochen bekam. Das verstärkte sein markantes Aussehen, was ihn als Sonderling und Schurke prädestinierte – ein Rollenbild, das er in etlichen Western unter großen Regisseuren gern annahm. So war er in Robert Aldrichs „Vera Cruz“ (1954) an der Seite von Gary Cooper, Burt Lancaster, Ernest Borgnine und Charles Bronson zu sehen. Mit John Wayne spielte er in „Die Comancheros“ (1961) unter der Regie von Michael Curtiz, mit James Stewart unter anderem in „Rancho River“ (1966) und mit Kirk Douglas, Robert Mitchum und Richard Widmark in „Der Weg nach Westen“ (1967), beide inszeniert von Andrew V. McLaglen. Ohne Nennung im Abspann blieb Elam in Fred Zinnemanns „12 Uhr mittags“ (1952) – der Part als Besoffener im Knast war wohl zu kurz. Unvergessen bleibt uns der Gute auch nicht zuletzt aufgrund eines anderen Kurzauftritts: Im Prolog von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) wartet er als Revolverschwinger mit zwei Spießgesellen auf einen Zug und vertreibt sich die Zeit damit, eine lästige Fliege zu beobachten und schließlich mit dem Lauf seiner Pistole zu fangen. Unmittelbar nach Eintreffen des Zuges beendet eine Kugel aus dem Revolver von Charles Bronsons „Harmonica“ sein Dasein.

Jack Elam durchbricht die vierte Wand

In „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ (1969) spielt Jack Elam den leicht vertrottelten Jake, der sich im Lauf der Zeit zur treuen Seele und zum Helfer der von James Garner verkörperten Titelfigur Jason McCullough mausert. In der letzten Szene des Films durchbricht Jake mit in die Kamera gerichtetem Blick sogar die vierte Wand, um dem Publikum zu berichten, was aus Sheriff McCullough, Prudy Perkins (Joan Hackett) und ihm selbst geworden ist. Da es sich um eine Westernkomödie handelt, bekommt das Publikum ein schönes Happy End geboten. Den Spoiler verzeihe man mir, man kann es sich von Anfang an denken.

Prudy Perkins geht keiner Schlammschlacht aus dem Weg

Jason McCullough will nach Australien auswandern. Jedenfalls wird er nicht müde, das zu behaupten. Weil ihm dafür das nötige Kleingeld fehlt, will er in Colorado Gold schürfen. Im Örtchen Calendar geht es drunter und drüber, wie das zu Zeiten des Goldrausches nun mal ist. Das Sagen hat die übel beleumdete Familie Danby. Pa Danby (Walter Brennan) kontrolliert die Frachtrouten nach außerhalb. Sohnemann Joe (Bruce Dern) beweist den miesen Ruf der Danbys, indem er im Saloon eiskalt einen Mann niederschießt. Das verlanlasst den just eingetroffenen McCullough zu der Bemerkung, es sei Mord gewesen. Spricht’s und zieht von dannen, den verdutzten Joe Danby ratlos zurücklassend.

Sheriffposten statt Goldsuche

Die Inflation nimmt in Calendar enorme Ausmaße an, was McCulloughs Absichten zuwiderläuft. Daher sagt er zu, den Posten des Sheriffs zu übernehmen, den ihm der Bürgermeister Olly Perkins (Harry Morgan) und die Stadträte Henry Jackson (Henry Jones) und Fred Johnson (Walter Burke) nachdrücklich anbieten. Seine erste Amtshandlung besteht darin, eine handfeste Massenkeilerei auf der schlammigen Hauptstraße von Calendar aufzulösen. Daran beteiligt ist auch des Bürgermeisters aufbrausende Tochter Prudy, der er kurz darauf erneut begegnet: Ihr Vater gewährt dem neuen Sheriff Kost und Logis. Weil Dorftrottel Jake gerade in der Nähe herumsteht, verpflichtet er ihn kurzerhand als Hilfssheriff. Zu Jakes Entsetzen muss dieser seinem neuen Chef sogleich dabei helfen, Joe Danby zu verhaften. Das gelingt ganz ohne Blutvergießen, aber im just neu errichteten Gefängnis von Calendar erlebt Sheriff McCullough eine Überraschung: Die Gitter wurden noch nicht geliefert.

Die Delle im Sheriffstern

„Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ strotzt vor brüllend komischen Einfällen. So dient es als Running Gag, wie es dem Sheriff immer wieder gelingt, den im gitterlosen Knast einsitzenden Joe Danby an der Flucht zu hindern. Eine andere schöne Pointe: Kurz nach seiner Ernennung hatte sich McCullough aus einer Sammlung ramponierter Sheriffsterne einen ausgesucht, der eine Delle von einer Revolverkugel aufweist. Auf seinen Kommentar, der Stern habe seinem Träger wohl das Leben gerettet, bekommt er zu hören: Das hätte er wohl, wären die Kugeln in dem Moment nicht von allen Seiten gekommen. Köstliche Dialoge wie dieser ziehen sich durch „Support Your Local Sheriff“, so der Originaltitel.

Sheriff McCullough bietet Pa Danby die Stirn – und den Finger

Man muss das Westerngenre schon gut kennen und sehr lieben, um es derart liebevoll zu verhohnepiepeln. Beides trifft zweifellos auf Burt Kennedy zu, der in seiner von 1961 bis 2000 währenden Karriere etliche anständige Genrebeiträge inszeniert hat. Er drehte mit namhaften Stars, etwa für „Nebraska“ (1965) mit Henry Fonda und Glenn Ford, „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ (1966) mit Yul Brynner sowie „Die Gewaltigen“ (1967) mit John Wayne und Kirk Douglas. 1971 hatte er für „In einem Sattel mit dem Tod“ (1971) Ernest Borgnine, Christopher Lee, Robert Culp und Raquel Welch vor der Kamera, 1973 für „Dreckiges Gold“ (1973) Rod Taylor und erneut John Wayne.

Walter Brennan parodiert seine eigene Rolle

Kenntnis des Westerngenres belegen auch die Reverenzen, die „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ zwei Genreklassikern erweist. Eine städtische Versammlung erinnert frappierend an eine ebensolche Zusammenkunft im bereits erwähnten Edelwestern „12 Uhr mittags“. Und Walter Brennan spielt Pa Danby als famose Parodie seiner Rolle des Patriarchen „Old Man“ Clanton in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday.

Es geht los!

Der Erfolg von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ an den Kinokassen führte zwei Jahre später zu „Latigo“ (1971), einer Westernkomödie mit ähnlichem Zungenschlag. Das war kein Zufall – in Cast und Crew befanden sich diverse Beteiligte des Vorgängers, beispielsweise Regisseur Burt Kennedy, Hauptdarsteller James Garner und Nebendarsteller Jack Elam. Mir gefällt „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ deutlich besser, was auch damit zusammenhängen mag, dass ich mit diesem Jugenderinnerungen an Fernsehabende im Kreis der Familie verbinde. Großer Unterhaltungswert lässt sich „Latigo“ aber ebenfalls nicht absprechen.

Endlich auf Blu-ray

Da das deutsche Label Black Hill Pictures „Latigo“ bereits 2018 als Blu-ray veröffentlicht hat, hatte ich für „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ mit einer Blu-ray vom selben Publisher gerechnet. Nun ist es Pidax Film geworden – auch gut, da Bild- und Tonqualität in Ordnung sind. Nur die Ausstattung hätte etwas üppiger ausfallen können, nicht einmal Untertitel gibt es. Ein kleiner Wermutstropfen, der sich verschmerzen lässt. Ein Western als Wohlfühlfilm ist gar nicht mal so häufig anzutreffen. Im Falle von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ ist der Wohlfühlfaktor ausgesprochen hoch. Ein kontrastierendes Double Feature mit einem zynisch-brutalen Italowestern wäre ein interessantes Experiment.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Burt Kennedy sind bei „Die Nacht der lebenden Texte“ in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Walter Brennan, Bruce Dern, Jack Elam und James Garner unter Schauspieler.

Der Sheriff schnappt sich Prudy

Veröffentlichung: 15. Oktober 2021 als Blu-ray und DVD, 13. Juni 2008 und 30. Oktober 2006 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur MGM/Fox: Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel (nur MGM/Fox): Französisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Rumänisch
Originaltitel: Support Your Local Sheriff!
USA 1969
Regie: Burt Kennedy
Drehbuch: William Bowers
Besetzung: James Garner, Joan Hackett, Walter Brennan, Harry Morgan, Jack Elam, Bruce Dern, Henry Jones, Willis Bouchey, Gene Evans, Walter Burke, Chubby Johnson, Kathleen Freeman
Zusatzmaterial: Bildergalerie
Label 2021: Pidax Film
Vertrieb 2021: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb /2008/2006: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

Nähern uns dem Zielgebiet

Kannst Du was sehen?͏

Ich sehe überhaupt nichts.
Gib mir das Sichtgerät.

͏Nein.

͏Ich dachte,
da wär was.

͏Dachte ich auch.

͏Alles matschig hier.

͏Scheiße.

͏Was ist los?

͏Bin in ein Loch getreten.

͏Komm her.

͏Geht nicht,
bekomm mein Bein nicht raus.

͏

In meinem Artikel in der Freitag-Community schreibe ich darüber, wie der digitale Text vertikal wird und das Konzept der Seite überwindet.

https://www.freitag.de/autoren/belmonte/naehern-uns-dem-zielgebiet

Center Stage – Der Weg zum Ballettruhm? (Filmrezension)

Center Stage

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tanzdrama // An der von Jonathan Reeves (Peter Gallagher) geführten American Ballet Academy von New York City treten zwölf neue Schülerinnen und Schüler ihr Training an. Sie alle hoffen, nach einem Jahr in Reeves’ American Ballet Company aufgenommen zu werden. Da ist beispielsweise die Starschülerin Maureen Cummings (Susan May Pratt), welche die Übernahme fast schon sicher zu haben scheint, aber an Bulimie leidet und letztlich nur den Traum ihrer Mutter Nancy (Debra Monk) lebt. Als sie den angehenden Medizinstudenten Jim (Eion Bailey) kennenlernt, merkt sie, dass es mehr im Leben gibt als Ballett.

Jonathan Reeves will nur die Besten der Besten

Jody Sawyer (Amanda Schull) ist mit Leidenschaft dabei, hat aber angeblich ein paar körperliche Defizite, die ihren Erfolg blockieren. Ganz anders Eva Rodriguez (Zoe Saldana), die mit unkonventionellem Verhalten aneckt, aber über massig Talent verfügt, das sie als Balletttänzerin immer besser werden lässt. Charlie (Sascha Radetsky) ist ebenso begabt und hat beim Training keine Probleme, verguckt sich nach und nach in Jody, die allerdings Cooper Nielson (Ethan Stiefel) anhimmelt. Der Topstar am New Yorker Balletthimmel ist gerade von einem Engagement in London zurückgekehrt. Seine Ex-Freundin Kathleen Donahue (Julie Kent) hat in der Zwischenzeit Jonathan geheiratet, was zu ein paar Spannungen zwischen den beiden Alpha-Männchen führt. Jonathan kann es sich allerdings nicht erlauben, seinen besten Tänzer vor den Kopf zu stoßen.

Tanzen mal ohne Trainingsdruck: Charlie und Jody entspannen sich

Der englische Theaterregisseur Nicholas Hytner hat nur eine Handvoll Kinofilme inszeniert, darunter 1994 sein Leinwanddebüt „King George – Ein Königreich für mehr Verstand“ und „Hexenjagd“ (1996). Seine erfolgreiche Arbeit an diversen Bühnenhäusern in Manchester, London und New York City erleichterte ihm zweifellos das Einfühlungsvermögen, das es benötigt, um ein Tanzdrama dieser Güteklasse zu drehen. Obwohl sich viel um Beziehungen, Liebeleien und Eifersüchteleien dreht, gleitet „Center Stage“ nie in trivialen Herzschmerz-Schmonzes ab, vielmehr porträtiert der Film seine Figuren mit Gefühl für ihre emotionalen Belange. Das bleibt bei einigen Themen an der Oberfläche, aber letztlich geht es ums Tanzen. Und Hytner kombiniert das zwischenmenschliche Geschehen mit hervorragend choreografierten Tanzeinlagen, ob im Training oder bei diversen Aufführungen.

Startänzerin doubelt Zoe Saldana

Dabei ist es – jedenfalls für einen Laien wie mich – unmöglich festzustellen, auf welchem balletttänzerischen Niveau sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen. In der Besetzung findet sich von Laien bis hin zu Akteurinnen und Akteuren mit professioneller Ballettausbildung die ganze Bandbreite. Für manche Szenen, speziell bei den Aufführungen, hielten Body Doubles her. So wurde beispielsweise Zoe Saldana („Guardians of the Galaxy“), die in „Center Stage“ ihr Filmdebüt gab, von der Startänzerin Aesha Ash gedoubelt.

Jody sucht anderswo Ausgleich vom stressigen Academy-Alltag

Die Tanzszenen choreografierte Susan Stroman, ihres Zeichens renommierte und vielfach preisgekrönte US-Choreografin. Tänzerinnen und Tänzer des New York City Ballet und des ebenfalls im Big Apple angesiedelten American Ballet Theatre agierten als Komparsen in den Übungseinheiten und Workshops von „Center Stage“. Ergebnis: Der Film atmet professionelles Ballett aus jeder Pore. Als Vorbild der American Ballet Academy diente offenbar die School of American Ballet, die dem New York City Ballet angeschlossene Ballettschule.

Freundinnen: Eva und Jody

Das Label justbridge entertainment hat „Center Stage“ ein schmales, gleichwohl attraktiv aufgemachtes Mediabook angedeihen lassen. Wer sich über das kompakte Mediabook-Format bei Koch Films erregen kann, mag sich auch über die dünnen Exemplare von justbridge ärgern, ich kann damit gut leben. Auf der Blu-ray findet sich kein neues Bonusmaterial, aber immerhin sind die erweiterten Tanzszenen, entfallene Szenen und das kurze Featurette enthalten, die 2001 auch schon die DVD ergänzten. Im ansprechend bebilderten Booklet lässt sich mit Christoph N. Kellerbach ein erfahrener Autor auf 20 Seiten über die Entstehung des Films aus, das wertet die Edition auf.

Vorbild „Fame – Der Weg zum Ruhm“

2008 folgte „Center Stage 2“, 2016 mit Center Stage – On Pointe“ sogar ein dritter Teil. Beide Fortsetzungen können dem Vorgänger nicht das Wasser reichen. „Center Stage“ hat sich einiges von Alan Parkers „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980) abgeschaut, den ich beeindruckender in Erinnerung habe. Letztlich bewegen sich beide im Verbund mit Richard Attenboroughs „A Chorus Line“ (1985) in ähnlichem Terrain. Adrian Lynes „Flashdance“ (1983) hingegen erscheint mir in der Erinnerung weitaus schlechter gealtert, war aber vielleicht auch damals schon eher zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort. Seit 2000 hat sich das Genre des Tanzfilms von diesen eher realistisch inszenierten Tanzschul-Drill zeigenden Filmen entfernt. „Step Up“ (2006) mit Channing Tatum sei als Beispiel genannt – Darren Aronofskys „Black Swan“ (2010) mit Natalie Portman hingegen ist noch einmal von ganz anderem Schlag. „Center Stage“ wirkt im Vergleich zu modernen Produktionen gealtert, mir gefällt das aber deutlich besser.

Superstar: Cooper Nielsen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Zoe Saldana sind dort in der Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Peter Gallagher unter Schauspieler.

Die große Gala

Veröffentlichung: 13. August 2021 als Blu-ray im limitierten Mediabook, 1. Oktober 2009 als Best of Hollywood 2 Movie Collector’s Pack DVD (mit „Center Stage 2“), 23. Januar 2001 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Center Stage
USA 2000
Regie: Nicholas Hytner
Drehbuch: Carol Heikkinen
Besetzung: Zoe Saldana, Peter Gallagher, Amanda Schull, Ethan Stiefel, Sascha Radetsky, Christine Dunham, Stephen Stout, Maryann Plunkett, Laura Hicks, Eion Bailey, Barbara Caruso, Jeff Hayenga, Victor Anthony, Susan May Pratt, Shakiem Evans, Ilia Kulik, Karen Shallo, Carlo Alban, Giselle Daly, Debra Monk
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Nicholas Hytner, erweiterte Tanzszenen, entfallene Szenen, Featurette, nur Mediabook: 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, nur DVD: isolierte Musiktonspur, Musikvideo „I Wanna Be with You“ von Mandy Moore, Kinotrailer, Künstlerprofile
Label Mediabook: justbridge entertainment
Vertrieb Mediabook: Rough Trade Distribution
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 justbridge entertainment

Oh Boy – Er will doch nur einen Kaffee (Filmrezension)

Oh Boy

Erneut ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger, dem Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Ein Schwarz-Weiß-Film über einen Nichtstuer im heutigen Berlin, der sich auf einen kurzen Zeitraum zwischen einem Morgen und dem nächsten Morgen fokussiert – „Oh Boy“ von 2012 ist nicht gerade eine Produktion, die auf ein großes Publikum schielt, wobei die mehr als 300.000 Kinozuschauerinnen und -zuschauer dafür aller Ehren wert sind. Mit melancholischem Charme und einem guten Auge für sowohl die Hauptfigur als auch ihre Beobachtungen im Lauf dieses Tages hat sich das Werk eine Fangemeinde und viel Kritikerlob gleichermaßen erarbeitet. Und diverse Auszeichnungen: 2012 gab es unter anderem den Bayerischen Filmpreis für Jan-Ole Gersters Drehbuch und Hauptdarsteller Tom Schilling, 2013 folgten der Europäische Filmpreis in der Kategorie bester Nachwuchsfilm und sechs Deutsche Filmpreise in den Kategorien bester Spielfilm in Gold, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Musik, beste männliche Hauptrolle und beste männliche Nebenrolle für Michael Gwisdek. Dabei schlug „Oh Boy“ in jenem Jahr sogar die Großproduktion „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer und den Wachowskis, obwohl die mit Topstars wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon aufwartete.

Niko weiß nicht, wo sein Platz im Leben ist

Der 1982 in Ost-Berlin geborene Tom Schilling („Werk ohne Autor“, „Brecht“, „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“) gehört zu Deutschlands profiliertesten Schauspielern. In „Oh Boy“ verkörpert er den Endzwanziger Niko Fischer, der zwei Jahre zuvor sein Jurastudium abgebrochen hat, ziellos durchs Leben driftet und auch in puncto Frauen nicht recht weiß, wo die Reise hingeht. Gleich zu Beginn bietet ihm seine Freundin Elli (Katharina Schüttler) kurz vor seinem Aufbruch einen Kaffee an, den er ablehnt. Das erweist sich als Fehler, denn in der Folge versucht Niko vergeblich, anderswo einen Kaffee zu bekommen. Mal fehlt ihm das nötige Kleingeld, mal ist die Kaffeemaschine kaputt – ein schöner kleiner Running Gag, der einen roten Faden bildet.

Der väterliche Geldhahn versiegt

Merke: Wenn dich dein Vater fragt, was du mit den 1.000 Euro gemacht hast, die er dir zwei Jahre lang monatlich im Glauben überwiesen hat, damit dein Studium zu finanzieren, ist Ich habe nachgedacht. Über mich. Über dich. Über alles. wohl nicht die richtige Antwort. Dumm nur, dass Niko keine andere Antwort hat, nachdem ihn sein Vater (Ulrich Noethen) damit konfrontiert, über das abgebrochene Studium im Bilde zu sein. Folge: Der Geldhahn ist versiegt, was erklärt, weshalb Sohnemann kurz zuvor keine Scheine aus dem Geldautomaten ziehen konnte. Immerhin trifft Niko in einem Café auf seine Schulkameradin Julika (Friederike Kempter), die er nach dem Abitur nicht mehr gesehen hatte.

Julika allerdings auch nicht

Ob „Oh Boy“ die urbane Atmosphäre der deutschen Hauptstadt korrekt abbildet und ihre Einwohnerschaft treffend porträtiert, vermag ich mangels ausreichender Berlinkenntnisse nicht zu beurteilen. Menschen bleiben aber Menschen und Drehbuchautor und Regisseur Jan-Ole Gerster gelingt ein präziser Blick auf diverse sehr unterschiedliche Figuren. Er wechselt dabei zwischen Situationskomik und Tragik und stellt seine Figuren nie bloß, nicht mal die Halbstarken Ronny (Frederick Lau), Pascal (Robert Hoffmann) und Kevin (Jakob Bieber), mit denen Niko eine unangenehme Begegnung hat. All seine Begegnungen lassen den jungen Mann ins Grübeln kommen, auch der betrunkene alte Mann (Michael Gwisdek), der von seiner Kindheit während der Nazizeit schwadroniert, dann aber unvermittelt ernste Töne anschlägt. Das ist unspektakulär im besten Sinne, lakonisch umgesetzt und von Kameramann Philipp Kirsamer in erlesenen Bildern jenseits plakativer Berlin-Tourismusansichten fotografiert. Ob diese „Oh Boy“ zu einem Berlinfilm machen, mögen andere bewerten.

Abschlussarbeit von Jan-Ole Gerster

Mit „Oh Boy“ debütierte Gerster 2012 als Spielfilmregisseur. Das Werk war sein Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Trotz der verdienten Lorbeeren inszenierte er seitdem allerdings nur einen weiteren Film: das Drama „Lara“ (2019) mit Corinna Harfouch, Rainer Bock und erneut Tom Schilling. Bedauerlich, dass ein Filmemacher mit einem solchen Händchen nicht mehr Engagements bekommt. Immerhin ist seine Lebensgefährtin Friederike Kempter als Schauspielerin gut ausgelastet. Mit „Oh Boy“ hat Gerster ein Kleinod des deutschen Films vorgelegt.

Diese drei Halbstarken noch viel weniger

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Schilling sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Der alte Mann schon eher

Veröffentlichung: 24. Mai 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Oh Boy
D 2012
Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Besetzung: Tom Schilling, Friederike Kempter, Katharina Schüttler, Justus von Dohnányi, Katharina Hauck, Inga Birkenfeld, Leander Modersohn, Martin Brambach, Ulrich Noethen, Frederick Lau, Michael Gwisdek, Tim Williams, Robert Hoffmann, Jakob Bieber, Rolf Peter Kahl, Theo Trebs, Steffen Jürgens, Ellen Schlootz,
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Jan-Ole Gerster und Tom Schilling, Outtakes, Making-of der Filmmusik (4 Min.), erste Improvisation (5 Min.), entfernte Szene „Dr. Motte“, Castingband Friederike Kempter (3 Min.), Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2013 Warner Home Video

Unterwegs zu Cecilia | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Obwohl ich nach einigen Tagen noch nicht erholt war, machte ich mich auf den Weg. Der Bus fuhr aus Huehue ab. Bei meiner Einreise nach Mexiko bekam ich ein Papier, aus dem hervorging, ich solle als Tourist eine Gebühr von neunzig Peso an die Tourismusbehörde bei der nächsten Bank zahlen.

Wenn ich gewusst hätte, welche Konsequenzen der Verlust des Papiers bei meiner Ausreise aus Mexiko haben würde, hätte ich es nicht weggeworfen. Es war nicht so, dass ich es damals satt gehabt hätte, bei jeder Gelegenheit kleine Beträge zu zahlen, vielmehr ging es mir um den symbolischen Akt: Das Wegwerfen des Papiers hatte mich von einer ideellen Last befreit, die ich mein bisheriges Leben mit mir herumgetragen hatte.

Bevor sich das Delirium fortan wie ein Schleier über meinen Geist legte, fühlte ich mich fernab von zu Hause für eine kurze Zeit von der Vergangenheit befreit. Nach meiner Ankunft in Mexiko-Stadt fuhr ich mit der Metro zum Busbahnhof des Nordens, setzte mich in der Wartehalle des Terminals auf einen roten Plastikstuhl und wartete auf meinen Bus nach Tijuana.

(c) valentino 2021

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Unterwegs zu Cecilia | Elfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Wasserdampf drang aus einem Rohr, das in eine Wand des Verlieses eingelassen war, und nebelte das Verlies ein. Cecilia hockte mit gesenktem Kopf und verschränkten Armen vor den Knien auf dem Boden. Sie hob ihren Ellenbogen und steckte das Gesicht in die Armbeuge. Es war stickig und dunkel. Der heiße Dampf brannte in ihrer Kehle. Sie hustete.

Cecilia stemmte sich gegen die Müdigkeit. Sie hob den Kopf, stand auf, drehte sich um und stellte sich ihr Spiegelbild vor. Es wäre konturlos und würde mit dem Raum hinter ihrem Rücken verschmelzen. In diesem Moment wäre sie wie gelähmt. Sie stellte sich vor, wie sich der Nebel rot leuchtend ausdehnen würde bis in alle Winkel des Raums, in dem die Zeit stillstände. Sie wäre gefangen in einer endlosen Schleife.

Raue Steinwände begrenzten das fensterlose Zimmer. Von der Decke fiel ein warmer Regen auf Cecilia. Ihre Tunika hatte sich mit Wasser vollgesogen, das Leinen heftete sich an ihre Haut. Sie hockte sich wieder hin. Der Dampf bildete Wolken mit sich ständig verändernden Mustern, in denen sie las. Einige Male erkannte sie Figuren in ihnen, andere Male Gesichter.

(c) valentino 2021

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Unterwegs zu Cecilia | Zehnter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Nach meiner Rückkehr ins Hotelzimmer nahm ich Seife und Handtuch. Ich betrat den Flur und passierte die Türen der anderen Zimmer. Die Dusche befand sich am Ende des Flurs. Beim Öffnen der Tür stieg mir eine Wolke Wasserdampf entgegen. Im Raum befanden sich hinter weiteren Türen mehrere Duschen.

Nachdem ich vergeblich versucht hatte, Geld bei den Banken in der Stadt abzuheben, wollte ich am nächsten Morgen über die Grenze, um es bei einer Bank in San Diego zu versuchen. Ich hatte im Restaurant Rome’s unten an der Ecke anschreiben lassen. An den Wänden des Speiseraums hingen viele Bilder mit Straßenszenen. Ein Bild zeigte den Besitzer des Restaurants, zugleich der Hotelier des Montebello, in der Küche. Ich hatte dem Kellner versprochen, am nächsten Abend wiederzukommen, um die Rechnung zu bezahlen.

Ein Geräusch weckte mich in der Nacht. Ich stieg die Treppe hinab, um nachzusehen. Im Foyer saß, mir den Rücken zugewandt, der Hotelier. Die Lampe auf dem Tisch warf ihr mattes Licht auf seine Hände, die rhythmisch einen Stapel Karten mischten. Nachdem ich die Treppe wieder hinaufgestiegen und in mein Zimmer zurückgegangen war, legte ich mich wieder ins Bett und schlief prompt ein.

(c) valentino 2021

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