Krieg der Welten – Aliens als 9/11-Aufarbeitung (Filmrezension)

1. August 2015 § Ein Kommentar

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War of the Worlds

Gastrezension von Simon Kyprianou von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin)

Science-Fiction // Der geschiedene Ray Ferrier (Tom Cruise) lebt entfremdet von seinen zwei Kindern Rachel (Dakota Fanning) und Robbie (Justin Chatwin). Als die Mutter Mary Ann (Miranda Otto) die Kinder für ein paar Tage bei ihm lässt, um mit ihrem neuen Freund zu entspannen, greifen Außerirdische die Erde an. In all dem Chaos versucht Ray, mit seinen Kindern die Mutter zu erreichen.

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Da braut sich was zusammen

Ein Fluss treibt dutzendfach Leichen ins Bild, in einem Wald regnet es Kleidungsstücke von Verstorbenen, Städte werden in Sekundenschnelle ausgelöscht und ein Kinderlied untermalt einen Mord. Spielbergs Film findet verstörende, unmittelbare, teilweise surreale Bilder für das Grauen der Apokalypse. Die Flucht vor den Aliens ist der Versuch, die Kernfamilie wiederherzustellen – die Suche nach der Mutter und die Versöhnung mit dem Vater.

Das Grauen im Keller

Die Flucht wird zu einer wahren Odyssee durch eine Welt im Ausnahmezustand, mal brachial inszeniert mit Gefechten und hektischen Massenszenen, in denen die flüchtigen Menschen einander zerfleischen, mal verdichtet als minimalistisches Kammerspiel in der hervorragenden Szene im Keller des Eigenbrötlers (Tim Robbins). Wie bei „Der weiße Hai“ und „Duell“ bleibt die Bedrohung eine unbeschriebene Projektionsfläche – sie wird nicht erläutert und ist gerade darum so erschreckend.

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Aus Staunen wird Unbehagen – dann Angst

Das Happy End hat einen wunderlichen Beigeschmack, es wirkt künstlich, wie eine verzweifelte Wunschvorstellung. Es ist immer noch überschattet von dem Grauen, das Spielberg zuvor so unmittelbar und wirkungsvoll inszeniert hat. In dieser Uneindeutigkeit und Künstlichkeit ist es vielleicht aber ein adäquates Ende für einen Film, der zweifellos aus dem 9/11-Trauma heraus entstanden ist.

Orientierung an „Kampf der Welten“ von 1953

Legendär ist Orson Welles’ Radiohörspiel, das 1938 viele US-Bürger in Angst und Schrecken versetzt haben soll – am Wahrheitsgehalt der Panik darf aber gezweifelt werden. Bereits 1953 verfilmte Byron Haskin den Roman von H. G. Wells. „Kampf der Welten“, so der deutsche Verleihtitel, wurde 1954 mit dem Oscar für die Spezialeffekte prämiert. Spielberg orientierte sich in seiner Adaption an etlichen Elementen von Haskins Version. Ein Academy Award blieb der Neuverfilmung zwar versagt, aber „Krieg der Welten“ ist unheimlich feinsinnig in seiner Figurenzeichnung, effizient erzählt und formal hervorragend – wahrscheinlich der beste Film in Spielbergs Spätwerk.

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Flucht erscheint aussichtslos

Veröffentlichung: 19. August 2010 als Blu-ray im Steelbook, 14. Mai 2010 als Blu-ray, 15. November 2005 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: War of the Worlds
USA 2005
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Josh Friedman, David Koepp, nach dem Roman von H. G. Wells
Besetzung: Tom Cruise, Dakota Fanning, Tim Robbins, Miranda Otto, Justin Chatwin, Rick Gonzalez, Yul Vazquez, Lenny Venito, Lisa Ann Walter, Ann Robinson, Gene Barry
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © Paramount Home Entertainment

Fortgang der Arbeit | 16

28. Juli 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Schließlich drucke ich ein zweites Mal.

(c) valentino 2015

„Die Stille war wie ein gewaltiger Schrei.“ – Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge (Rezension)

25. Juli 2015 § 8 Kommentare

belmonte

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge

Ganz anders als On the Road (Rezension) ist Kerouacs Buch The Dharma Bums (deutsch: Gammler, Zen und hohe Berge), das mit der berühmten Lesung in der Six Gallery in San Francisco beginnt, wo Allen Ginsberg sein Poem Howl zum ersten Mal vorgetragen hat.

The Dharma Bums unterscheidet sich von On the Road vor allem durch die Hintergrundstimmung. Zwar trampt Kerouac auch hier mehrmals quer über den Kontinent, aber es ist weniger ein Straßenroman als eine großartige und oftmals sehr stille Aneinanderreihung von Naturschilderungen. Bei der Bergbesteigung des so genannten Matterhorn in der Sierra Nevada, die das erste Drittel des Buches füllt, klingt das so: „Die Stille war wie ein gewaltiger Schrei.“ (99) (Sehr schön nacherlebt übrigens auf Thomas Beckers Hiking-Seiten In the Footsteps of Jack Kerouac on Matterhorn Peak.)

Wieder zurück in San Francisco trifft Kerouac, der hier als Ray Smith auftritt, seinen Reisegefährten Neal Cassady wieder (im Buch: Cody Pomeray), dessen Freundin unter Polizeiverfolgungswahn Selbstmord begeht. Eine solche Todeslinie zieht sich durch den gesamten Untergrund des Romans. Kerouac säuft so viel, dass sein früher Alkoholikertod sich bereits andeutet.

Dennoch, schmeiß alle Outdoor-Ratgeber fort! Der einzig wahre Ratgeber für Backpacker ist Kerouacs The Dharma Bums. Auch eine Outdoor-Einkaufsliste wird sich der Leser daraus zusammenstellen können: Flanellhemden, Aluminiumtöpfe und Besteck, Bergstiefel, Kunststoffflaschen, Blechtassen, Trockenverpflegung und was nicht alles. Auch Rezepte werden zum Besten gegeben: „… und ich nahm etwas Maismehl und mischte es mit gehackten Zwiebeln und Salz und Wasser und goss mit dem Esslöffel kleine Maisfladen in der heißen Bratpfanne aus (mit Öl) und versorgte die ganze Bande mit köstlichem heißem Gebäck zum Tee.“ (237) An anderer Stelle werden Roggenmuffins gebacken (304).

Anders als On the Road hat The Dharma Bums keinen eindeutigen Soundtrack. Und an die Stelle des ekstatischen Neal Cassady ist der ruhigere Buddhist Gary Snyder (im Buch: Japhy Ryder) getreten, mit dem Kerouac in den Bergen unterwegs ist, ein Prachtkerl von einem Naturburschen, dabei ganz zierlich und gebildet: „Japhy Ryder ist der große neue Held der amerikanischen Kultur.“ (53) Mit ihm und an ihm festigt Kerouac seinen eigenen, amerikanischen Buddhismus, den er nach North Carolina mitnimmt, um im Haus seiner Mutter zu überwintern: „Als ich daher in meiner Buddha-Laube saß, in der (Colyalcolor-)Wand aus rosa und roten und elfenbeinweißen Blumen, zwischen Gehegen magischer, transzendentaler Vögel, und meinen erwachsenden Geist erkannte, süße, überirdische Schreie dabei ausstieß, in dem ätherischen Duft, geheimnisvoll altertümlich, der Seligkeit der Buddha-Acker, da sah ich, dass mein Leben eine riesige, glühende, leere Seite war und dass ich alles tun konnte, was ich wollte.“ (196)

Jack Kerouac / Bild: Tom Palumbo/wikimedia unter CC-by-SA 2.0

Jack Kerouac / Bild: Tom Palumbo/wikimedia unter CC-by-SA 2.0

Im Frühjahr kehrt Kerouac nach Kalifornien zurück, um noch einmal mit Snyder zu wandern, bevor dieser sich nach Japan einschifft. Vorher wird aber noch eine Party gefeiert, und es ist eine der coolsten mehrtägigen Garten- und Lungerpartys Kaliforniens der Literaturgeschichte:

„Sean legte im Hof eine Planke aus und deckte einen königlichen Tisch mit Wein und Buletten und Pökelfleisch und machte ein großes Feuer im Freien und holte seine beiden Gitarren raus, und ich stellt fest, das war wirklich eine überwältigende Art, im sonnigen Kalifornien zu leben, verbunden mit all diesem schönen Dharma und der Bergsteigerei, alle hatten Rucksäcke und Schlafsäcke (…). So war die Party die ganze Zeit in drei Gruppen geteilt: diejenigen, die im Wohnzimmer Hi-Fi hörten oder Bücher durchblätterten, diejenigen, die im Hof saßen und Gitarrenmusik hörten, und diejenigen, die oben auf dem Hügel in der Hütte Tee aufbrühten und im Schneidersitz über Lyrik und anderes und Dharma diskutierten oder auf der Hochwiese umherwanderten, um zuzusehen, wie die Kinder Drachen steigen ließen oder wie alte Damen zu Pferde vorüberritten.“ (233)

Danach geht es auch schon weiter nach Norden. Kerouac verbringt den Sommer über als Waldbrandwächter an der kanadischen Grenze einsam in einer Hütte auf dem Desolation Peak, mit Blick auf den Nachbarberg Mount Hozomeen:

„Hozomeen, Hozomeen, der düsterste Berg, den ich je gesehen, und der schönste, sobald ich ihn näher kennenlernte und sah, wie hinter ihm das Nordlicht das ganze Eis des Nordpols von der anderen Seite der Welt spiegelte.“ (301)

Da oben verdreht sich für Kerouac die Perspektive:

„Die Welt stand auf dem Kopf und hing in einem Ozean von endlosem Raum.“ (307)

Immerhin gibt es da oben noch eine Welt. Ein paar Seiten weiter vorn ist selbst das nicht mehr vorausgesetzt:

„Was für ein Gräuel wäre es gewesen, wenn die Welt wirklich wäre.“ (181)

Der Leser merkt an solchen Passagen, dass Kerouac zehn Jahre älter geworden ist im Vergleich zu der Zeit, als er mit Neal Cassady kreuz und quer durch Amerika gerast ist. Kerouac ist mittlerweile abgeklärter, vielleicht sogar verhärmter:

„Sind wir gefallene Engel, die nicht glauben wollten, dass nichts nichts ist, und die wir daher geboren wurden, um unsere lieben und teuren Freunde einen nach dem anderen und schließlich unser eigenes Leben zu verlieren, damit wir am eigenen Leibe erfahren: Es ist so!?“ (308)

(c) belmonte 2015

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge. Deutsch von Werner Burckhardt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1971, überarbeitete Neuausgabe 2010. 348 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

Siehe auch valentinos Rezension zu Jack Kerouac: Visions of Cody sowie belmontes Rezension zu Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung.

Fortgang der Arbeit | 15

21. Juli 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Nun bereite ich die Platte für den letzten Druck vor.

(c) valentino 2015

„… because the only people that interest me are the mad ones …“ – Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung (Rezension)

18. Juli 2015 § 2 Kommentare

belmonte

Jack Kerouac: On the Road

Jack Kerouac: On the Road

Jack Kerouacs Buch On the Road – Die Urfassung (auf Deutsch zuerst erschienen unter dem Titel Unterwegs) ist für mich eines der großartigsten, schönsten und schnellsten Bücher überhaupt. Ich bin selbst viel per Anhalter unterwegs gewesen – Paris, Rotterdam, Mailand, Süditalien, Südamerika und sonst wo, Übernachtung im Gras hinter Autobahnraststätten, um am nächsten Tag – Klassiker – am Grab von Jim Morrison zu lungern. Kerouacs On the Road ist die genaue Vorlage dafür, pausenlos, schnell, immer erregt. Noch dazu ist das Buch eines der wenigen, das einen echten Soundtrack hat. Es ist nicht nur der darin beschriebene Bebop, nein, die Sprache des Buches selbst ist Bebop, der schnelle Jazz der 40er-Jahre. Inmitten findet sich sogar eine kurze Geschichte des Jazz. Charlie Parker, Count Basie, Thelonious Monk, Lester Young – Kerouac hat sie alle gehört: „Hier waren die Kinder der amerikanischen Bebop-Nacht.“ (335)

Kerouac rast von einer Küste zur anderen, und Amerika liegt dazwischen wie ein immenser Teppich, mit Straßen, die stets am Meer zu enden scheinen. Immer vorneweg: Neal Cassady, Kerouacs Intimus, eine einzige amerikanische Ekstase, der nichts anderes tut, als wie ein wilder Hengst über den Kontinent zu preschen. Das sind die Leute, die Kerouac fesseln:

„… because the only people that interest me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing but burn, burn, burn like roman candles across the night.” (113)

Das ist die lyrische Prosa, mit der auch Kerouacs Dichterkumpan Allen Ginsberg sein grandioses Poem Howl beginnt:

“I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix, | angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night, | who poverty and tatters and hollow-eyed and high sat up smoking in the supernatural darkness of cold-water flats floating across the tops of cities contemplating jazz”.

Lies diese Passage in monotoner mittelhoher Tonlage, ohne Pause! Es ist Jazz, derselbe Jazz, den auch Kerouac schreibt. In dieser Hinsicht ist Kerouacs Prosa nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Langversen. Beat Literature at its best.

Jack Kerouacs On the Road hat aber nicht nur Sound sondern auch geographische Gerüche. Ich habe beim Lesen die Luft der industriellen Atlantikküste, des entspannten Pazifik, des mediterranen Golf von Mexiko gespürt, die Kerouac alle so wunderbar darstellt. Kerouac beschreibt Amerika als ein Leben an der Peripherie: Fabrikhallen und Mietskasernen, Eisenbahner, Güterzüge, Parkplätze, Diners. Es gibt wunderschöne Amerika-Passagen. Als Jack und Neal beispielsweise den Mississippi überqueren, sehen sie „in den großen braunen Vater der Flüsse hinab, der sich als ein Strom gebrochener Seelen aus der Mitte Amerikas heranwälzte – mit Baumstämmen aus Montana, Schlamm aus Dakota und den Tälern von Iowa und allen Rätseln bis nach Three Forks hoch, wo das Geheimnis im Eis entsprang.“ (200)

Oder das wehmütige Ende:

„So in America when the sun goes down and I sit on the old brokendown river pier watching the long, long skies over New Jersey and sense all the raw land that rolls in one unbelievable huge bulge over to the West Coast, all that road going, all the people dreaming in the immensity of it, and in Iowa I know by now the evening-star must be drooping and shedding her sparkler dims on the prairie, which is just before the coming of complete night that blesses the earth, darkens all rivers, cups the peaks in the west and folds the last and final shore in, and nobody, just nobody knows what’s going to happen to anybody besides the forlorn rags of growing old, I think of Neal Cassady, I even think of Old Neal Cassady the father we never found, I think of Neal Cassady, I think of Neal Cassady.” (408)

Genau so klingen viele Jazzstücke aus. Lies das laut, lies es im Ton antiker Hexameter! Es ist Musik. Jack Kerouac ist in On the Road eigentlich ein begnadeter Jazzmusiker. Höre sich nur einmal jemand Kerouacs October in the Railroad Earth an. Das ist Jazz, nicht enden wollende Langverse.

Jack Kerouac: On the Road - The Original Scroll

Jack Kerouac: On the Road – The Original Scroll

Ich empfehle übrigens ausdrücklich die Lektüre der Urfassung On the Road. Sie ist im Unterschied zu der geglätteten Erstpublikation Unterwegs nicht nur sprachlich rauher und vulgärer sondern behält auch alle Echtnamen bei, zum Beispiel Neal Cassady anstelle von Dean Moriarty. Und wer kann, sollte das Buch natürlich im englischen Original lesen, weshalb ich hier mehrheitlich auch aus dem Englischen zitiert habe. Kerouacs Musikalität lässt sich eigentlich nur dort ganz nachempfinden.

Kerouac zieht es immer wieder nach San Francisco, immer wieder nach Westen, der Sonne hinterher:

„Jetzt sah ich, wie sich Denver undeutlich vor uns abzeichnete wie das gelobte Land, weit da draußen unter dem Sternenhimmel, hinter der Prärie von Iowa und den Ebenen von Nebraska, und in noch weiterer Ferne sah ich die noch größere Vision von San Francisco aufschimmern wie Juwelen in der Nacht.“ (28)

Was für ein Land, das Kerouac da für sich und für ganze Generationen nach ihm neu aufgetan hat.

(c) belmonte 2015

Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011. 575 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

Englisches Original:

Jack Kerouac: On the Road – The Original Scroll. Viking Penguin, New York 2007. 408 S.

Link zum Datensatz in WorldCat

Siehe auch valentinos Rezension zu Jack Kerouac: Visions of Cody sowie belmontes Rezension zu Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge.

Fortgang der Arbeit | 14

14. Juli 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Neulich berichtete ich über eine angefangene Linoldruck-Arbeit: Es soll ein zweifarbiges William Faulkner-Porträt werden. Nachdem die Platte soweit bearbeitet ist, geht’s weiter mit dem Drucken.

(c) valentino 2015

Tabu der Gerechten – Damals wie heute wichtig (Filmrezension)

11. Juli 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

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Gentleman’s Agreement

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker, Blogger von „Die Nacht der lebenden Texte“ und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Drama // Das hat sofort gewirkt: Just als ich dachte, das recht leichtfüßige Intro habe sich zu lange hingezogen, änderte der Film nach einer halben Stunde die Tonalität – genau mit dem Moment, als Philip Schuyler Green (Gregory Peck) vorgab, ein Jude zu sein. Das macht die etwas zu lang wirkende Einführung der Figuren zu einem brillanten Schachzug, da die Prämisse des Films sofort ihre Wirkung entfaltet.

Aus Green wird Greenberg

Mit seiner Mutter (Anne Revere) und Sohn Tommy (Dean Stockwell) ist Witwer Green von Kalifornien nach New York City gezogen. Der angesehene Journalist soll dort für ein Magazin schreiben. Dessen Chefredakteur John Minify (Albert Dekker) beauftragt ihn mit einer Story über Antisemitismus. Nach einiger Zeit des Überlegens kommt ihm die zündende Idee, sich als Jude auszugeben. Aus Green wird Greenberg.

Kaum jemand wird eingeweiht, nicht einmal die Kollegen in der Redaktion. Es funktioniert sehr gut – zu gut. Umgehend schauen ihn die Menschen mit anderen Augen an. Ein paar meiner besten Freunde … – es dauert nicht lange, bis Green alias Greenberg diesen Satz zum ersten Mal hört. Selbst Minifys Nichte Kathy Lacey (Dorothy McGuire), mit der Green zügig eine Beziehung angefangen hat, lässt unbedachte Bemerkungen fallen, die ihn stutzig werden lassen. Auch Sohn Tommy muss darunter leiden.

Selbstkritik bei Gregory Peck

Bosley Crowther von der New York Times hielt 1947 Gregory Pecks Rolle für unglaubwürdig – außergewöhnlich naiv lautete sein Urteil. Für einen erfahrenen Journalisten sei er zu erstaunt über die Reaktionen, die er als Jude bekäme, derlei hätte ihm bewusst sein müssen. Da mag etwas dran sein, zumal es seine einzige Zusammenarbeit mit Regisseur Elia Kazan bleiben sollte, der mit seinem Star dem Vernehmen nach nicht zufrieden gewesen sein soll. Peck bestätigte Kazans Kritik viele Jahre später, sagte selbst, es sei nicht seine beste Arbeit gewesen. Schlecht ist es aber keineswegs, was Peck da zeigt. 16 Jahre später erhielt er den Hauptrollen-Oscar im Antirassismus-Drama „Wer die Nachtigall stört“ („To Kill a Mockingbird“, 1962).

Der New-York-Times-Rezensent kritisierte darüber hinaus, obwohl Green über Antisemitismus in der gesamten US-Gesellschaft recherchiere, beschränke er seinen Bewegungsradius auf die Upperclass. Es mag obendrein heute etwas verwundern, dass ein kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandener Film über Antisemitismus den Holocaust in Europa mit keinem Wort thematisiert. Allerdings zielt „Tabu der Gerechten“ nicht darauf, offen gelebten Rassismus anzuprangern, vielmehr geht es darum, Vorurteile gebildeter Menschen zu entlarven – Menschen, die sich selbst für vorurteilsfrei halten. Insofern muss sich der Film auch nicht in die Niederungen offen judenfeindlicher Milieus begeben, so sie denn klar zu identifizieren wären.

In einer faszinierenden Szene kurz vor dem Finale zeigt sich Greens Sekretärin Elaine Wales (June Havoc), selbst Jüdin mit geändertem Namen, verwundert, als sie erfährt, dass der Journalist tatsächlich kein Jude ist. Offenkundiger kann die Absurdität dieser Vorurteile nicht zu Tage treten.

Drei Oscars und vier Golden Globes

Acht Oscar-Nominierungen erhielt das meisterhafte Schwarz-Weiß-Drama 1948, für drei Kategorien gab’s die Trophäe dann auch: als bester Film, für Elia Kazans („Die Faust im Nacken“) feinfühlige Regie und Nebendarstellerin Celeste Holm – sie spielt die Chefredakteurin eines Modemagazins. In diesen drei Kategorien hatte der Film bereits Golden Globes erhalten, dazu auch einen für Dean Stockwell als bester Nachwuchsdarsteller.

Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Zwölfjährige hatte noch eine lange Karriere vor sich, die bis heute anhält. Für „Die Mafiosi-Braut“ wurde Stockwell 1988 als bester Nebendarsteller Oscar-nominiert. Im selben Jahrzehnt hatte er in David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (1984) und „Blue Velvet“ (1986) gespielt.

Erstauflage im Schuber

Twentieth Century Fox Home Entertainment hat „Tabu der Gerechten“ 2006 in einer schönen Edition mit Schuber, Booklet und Postkarte veröffentlicht. Sie ist im Handel vergriffen, aber auf dem Gebrauchtmarkt problemlos zu kriegen. Wer auf den Schuber Wert legt, sollte sich vor dem Kauf vergewissern, dass es nicht die etwas spartanischere Zweitauflage von 2007 ist. „Tabu der Gerechten“ war seinerzeit ein wichtiger Film – er ist es heute noch, wie sich auch bei uns an der unter dem Deckmantel der Israelkritik offenbarenden Judenfeindlichkeit zeigt.

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Veröffentlichung: 9. Januar 2006 als DVD (Zweitauflage 19. März 2007)

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Gentleman’s Agreement
USA 1947
Regie: Elia Kazan
Drehbuch: Moss Hart, nach Laura Z. Hobsons Roman „Gentleman’s Agreement“
Besetzung: Gregory Peck, Dorothy McGuire, John Garfield, Celeste Holm, Anne Revere, Dean Stockwell, June Havoc, Albert Dekker, Philip Schuyler Green, Kathy Lacey, Dave Goldman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Original Kinotrailer, Original Kinotrailer „Alles über Eva“, Booklet, Erstauflage: Postkarte, Schuber
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

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