ein schrat im wald

belmonte

ein schrat im wald
schrat
schrat
hatte sich die vollmacht
über eine farbe erbeten

er wählte sich rot
schrat
schrat
und rot wurd ihm gegeben
wie zum lehen

eifersüchtig hütete er seine farbe
schrat
schrat
wie wertvolles geschmeide
vor fremden blicken

wann immer zum abend
schrat
schrat
der himmel rot leuchtete
sofort war es dunkel

(c) belmonte 2019

Die ganze Welt ein Bauhaus – Fotos von der Bauhaus-Ausstellung am ZKM

Anfang Dezember 2019 habe ich die Bauhaus-Ausstellung am Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe besucht. Der Titel Die ganze Welt ein Bauhaus ist gut gewählt. Tatsächlich braucht man nur durch deutsche Wohnviertel, durch Tel Aviv oder gleich durch die USA zu spazieren, um sich der anhaltenden Gegenwärtigkeit der Bauhaus-Architektur zu versichern. Und designgeschichtlich lässt sich vom Bauhaus über die Hochschule für Gestaltung in Ulm und den Braun-Taschenrechner eine direkte Linie in die Gegenwart des iPhone ziehen. Im Kern wurde das heutige Design Thinking schon vor hundert Jahren am Bauhaus eingeübt.

So sehr mir aber das Bauhaus in der gelebten Wirklichkeit nach wie vor überaus modern und gegenwärtig vorkommt, so museal antiquiert wirkt es in den Glasvitrinen im ZKM. Ein paar Fotos zeige ich hier dennoch gerne.

Bauhaus-Modell Dessau

Bauhaus-Modell Dessau / Foto: belmonte

Bauhaus-Modell Dessau Rückseite

Bauhaus-Modell Dessau Rückseite / Foto: belmonte

Bauhaus-Lehrplan

Bauhaus-Lehrplan mit dem obligatorischen Vorkurs / Foto: belmonte

Josef Hartwigs Schachspiel

Josef Hartwigs Schachspiel / Foto: belmonte

junge menschen kommt ans bauhaus

„junge menschen kommt ans bauhaus“ / Foto: belmonte

Teekanne und Aschenbecher

Marianne Brandts Teekanne und Aschenbecher / Foto: belmonte

(c) belmonte 2019

„Los, sing, ruf deine Brüder zum Gebet.“ – Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht (Buchrezension)

belmonte

Damir Ovčina Zwei Jahre Nacht

Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht

Ich merke immer wieder, dass ich meinen Frieden mit Büchern mache, die mir während der Lektüre große Schwierigkeiten bereitet haben. Damir Ovčinas Roman Zwei Jahre Nacht über die Belagerung Sarajevos ist so ein Buch, mit dem ich mich über mehrere Wochen sehr schwergetan habe. Dieser Roman hat mich kaum berührt, und ich hätte ihn bei mangelnder Disziplin zur Seite gelegt.

Das Erzählte ist schrecklich, aber die vielen Leichen, die begraben werden, werden einfach nur in kalter und eintöniger Beschreibung begraben. Über weite Strecken konnte die Monotonie des Romans, auch die darin enthaltene Liebesgeschichte, nur Müdigkeit in mir erzeugen, und doch war ich am Ende irgendwie enttäuscht, dass es nicht einfach so weiterging. Ich hatte mich an die Monotonie gewöhnt.

Zwei Jahre Nacht beschreibt wie ein Gefängnisroman auf überwiegender Länge nur ereignislose Tage. Womöglich ist genau so das Gefängnisleben, womöglich ist genau so ein sich hinziehender Krieg, in dem die Ereignisse ereignislos werden. Das müsste aber auf andere Weise in ein 750 Seiten langes Buch eingefangen werden, oder eben auf sehr viel weniger Seiten.

Der Beginn ist vielversprechend. Die entzündeten Blutgefäße der Mutter des Erzählers sind ein treffendes Sinnbild des auseinanderbrechenden Jugoslawien und Ausblick auf den bevorstehenden Krieg. „Irgendwo eine Gewehrsalve.“ (56) Langsam und bedrohlich baut sich der Krieg auf und kommt immer näher. „Aus der Stadt immer stärkerer Beschuss. Explosion. Dann noch eine. Sirenen. Gewehrsalve. Explosion.“ (95) Die Nachrichten im Radio verheißen auch nichts Gutes.

Ein „Bulgare“ genannter Scherge geht nachts in die Stockwerke der Hochhäuser, klopft die Familien heraus und holt sich die Männer und Jungen oder ermordet sie gleich an Ort und Stelle.

Der namenlose Erzähler, ein säkularer muslimischer Jugendlicher, der eigentlich ganz andere Probleme hat, ist zur falschen Zeit am falschen Ort, nämlich im Stadtteil Grbavica, der gerade von der bosnisch-serbischen Armee und allerlei Paramilitärs besetzt und abgeriegelt wird. Unter ständiger Lebensgefahr muss er in einer Zwangsarbeitergruppe Leichen in der Umgebung und den umliegenden Wäldern begraben. Es ist eine schreckliche Aufgabe. „Wir heben einen Körper hoch, der in der Fötusstellung liegengeblieben ist. An mehreren Stellen von Schüssen getroffen. Die Tiere haben die toten Körper angefressen.“ (517) Ein mit ihm Gefangener überzeugt ihn, alles aufzuschreiben, damit die Nachwelt erfährt, was passiert ist.

Das geht monatelang so weiter, bis der Ich-Erzähler von zwei Soldaten gezwungen wird, auf den Knien laut singend zu beten. „Los, sing, ruf deine Brüder zum Gebet.“ (571) Es ist sein eigenes Totengebet, aber er lässt es sich nicht gefallen. Was dann geschieht, ist eine filmreife Szene und wird hier natürlich nicht weiter gespoilert.

Bei aller Brutalität ist Zwei Jahre Nacht keine einseitige Anklage. Der serbische Aufseher der Zwangsarbeitergruppe tut alles, um seine Gruppe zu schützen, hört sich die Klagen von Hinterbliebenen an, die nach ihren vermissten Angehörigen fragen, und versichert immer wieder, sich nach ihnen zu erkundigen. Auch die serbische Liebhaberin des Erzählers, die ihre Großmutter pflegt und den Erzähler miternährt, ist ein glückliches Gegenbild zu den aufgeflammten Nationalismen, die den grausamen Hintergrund des Buches abgeben. Neben dem Töten wird die Bösartigkeit in dem selbstgefälligen Wegraffen von Elektrogeräten aus den Wohnungen der geflüchteten oder umgebrachten Einwohner sichtbar.

Die Sommer in Sarajevo sind warm, die Winter bitterkalt. Ich habe im Internet nach Fotos gesucht, die meinem Lektüreeindruck der zerstörten Stadtteile Sarajevos im Winter nahekommen. Das folgende Foto vermag diesen Eindruck halbwegs zu vermitteln.

Sarajevo Grbavica

Blick auf den Stadtteil Grbavica (Quelle: US-Militär, Public Domain)

Der Roman wäre aus meiner Sicht großartig geworden, wenn er um 300 Seiten kürzer ausgefallen wäre. Die häufig ohne Verben auskommende Sprache ist eigentlich wunderbar karg und reporterhaft. Sätze wie „Ein Auto in der Ulica Splitska.“ wiederholen sich aber hundertfach und es wird irgendwann einfach öde. Wahrscheinlich sind die Jahre des Ich-Erzählers im eingeschlossenen Stadtteil Grbavica schrecklich und öde gewesen. Das macht aber das Buch nicht besser. Wie gesagt, am Ende habe ich mit Zwei Jahre Nacht dann doch meinen Frieden geschlossen.

(c) belmonte 2019

Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht. Übersetzt aus dem Bosnischen von Mascha Dabić. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019, 750 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Welche Verbindungen ziehst Du zwischen der Hospizarbeit und Deinem Schreiben?

Barbara Imgrund:
Das ist keine ganz leichte Frage, da spielt so viel mit herein. Zum einen erdet mich die Hospizarbeit für das, was zählt. Wenn ich mal aus dem Nähkästchen plaudern darf: Ich bin keine Autorin, die sich und ihre Bücher gut vermarkten kann, weil mir das Klappern, die Selbst-PR einfach nicht liegt. Ich hadere schon damit, wenn ich sehe, dass andere das viel besser draufhaben und damit mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher erzielen. Aber dann gehe ich ins Heim oder in die Klinik und komme ebenso glücklich wie ganz klein mit Hut wieder raus – weil mir gerade noch rechtzeitig wieder eingefallen ist, dass etwas anderes wirklich wichtig ist. Und dass ich mir hin und wieder einfach selbst verzeihen muss.

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Demut, Respekt und Empathie sind jedenfalls Qualitäten, auf die mich meine Ehrenämter immer wieder stoßen – und rein zufällig kann man sie auch fürs Schreiben ganz gut gebrauchen. Sie schärfen den Blick für glaubwürdige Charaktere und Situationen. Als Hospizbegleiter wie als Schriftsteller musst du dich zurücknehmen und ganz auf die Person dir gegenüber, auf deine Figur einlassen können. Was braucht sie von dir und was nicht? Wo musst du eingreifen und lenken, wo musst du die Traute haben loszulassen, damit sich etwas aus sich selbst heraus entwickeln kann? Man mag es nicht glauben, aber Hospizarbeit erfordert eine gute Portion Kreativität. Den Mut dazu hat mir das Schreiben beigebracht.

Vnicornis:
Wie ist dieses Eingreifen und Lenken und dann das Loslassen in der Arbeit an Deinem jüngsten Buch Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen konkret sichtbar geworden?

Barbara Imgrund:
Zunächst einmal hoffe ich, dass es eben nicht sichtbar ist. Aber am Plot hätte ich mir beinahe die Zähne ausgebissen. Ich hatte das Buch einige Jahre zuvor in einer ersten Fassung geschrieben, die absolut nicht funktionierte, und es frustriert in der Schublade verschwinden lassen. Normalerweise skizziere ich ein Storyboard, bevor ich mit der Niederschrift beginne – das hatte ich hier nicht getan, warum auch immer. Entsprechend las es sich: wirr, die Geschichte wusste einfach nicht, wohin sie wollte. Aber die Figuren und die skurrilen Szenen auf dem Friedhof waren mir doch ans Herz gewachsen, und so beschloss ich, dass wir alle es noch einmal miteinander versuchen sollten. Das war haarig, denn ich fand lange den Dreh nicht, den ich brauchte, damit es rund werden konnte. Endlich kam mir doch noch die Erleuchtung, und dank ihr geht die Geschichte jetzt auf.

Dieses Buch aus versprengten Versatzstücken der ersten Version neu zu verfassen, war das Schwierigste, was ich bisher an Schreibarbeit geleistet habe – eben weil ich die Geschichte um bereits bestehende Szenen herum ganz gezielt neu orchestrieren musste.

Loslassen wiederum war bei Marie angesagt, meiner Heldin. Sie wollte zu Beginn des Buches absolut nicht so werden, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie sagte und tat Dinge, die nicht meins waren: Während sie heimlich, still und leise innerlich zusammenbrach, war sie nach außen hin hart wie ein Stein, stieß ihren Mann vor den Kopf – der ja auch diesen fürchterlichen Kummer hatte – und suhlte sich im Selbstmitleid. Verstehen konnte ich sie, denn sie hatte ja eben ein totes Kind zur Welt gebracht – sie war mir nur einfach nicht sympathisch. Ich versuchte also, sie so zu schreiben, dass ich sie von Anfang an mögen konnte, aber es hat sich nicht richtig angefühlt. Als ich merkte, dass Marie partout ihr Eigenleben behalten wollte, habe ich es zugelassen – und am Ende gemerkt, dass ich mir keinen größeren Gefallen hätte tun können. Sie hatte Luft, sich zu entwickeln, und alles fügte sich zusammen. Am Ende waren wir dann wieder die besten Freundinnen.

Vnicornis:
Inwieweit hilft das Sich-selbst-Zurücknehmen und Auf-den-Anderen-Einlassen, das Du in der Hospizarbeit erlebst, auch Deiner Lektoratsarbeit?

Barbara Imgrund:
Es hilft bei jeder Zeile. Als Lektorin habe ich das Buch einer anderen Person vor mir, nicht meines. Es ist nicht mein Eigentum, es ist mir nur geliehen. Davor darf ich nicht den Respekt verlieren. Natürlich bin ich dem Verlag verpflichtet, der mir den Auftrag erteilt hat, dieses Buch zu redigieren und satzreif zu machen – das heißt, ich muss die Kriterien dieses Verlags im Auge behalten. Da ich auf Sachbücher spezialisiert bin, sind das vor allem Zielgruppenansprache, Aufbau, Inhalt, Anspruch, Sprache, Orthografie, Interpunktion. Aber ich darf andererseits dem Buch meinen Stempel nicht aufdrücken und muss dafür Sorge tragen, dass Sprach- und Schreibduktus des Autors erhalten bleiben, egal, wie viel ich eingreifen oder umschreiben muss. Denn es steht ja sein Name auf dem Cover.

Meistens geht das gut. Ich hatte aber auch schon Autoren, die sich durch meine Korrekturen persönlich angegriffen fühlten und meinten, ich würde ihr Buch „kaputtredigieren“ … Solche Verwerfungen gibt es übrigens auch in der Hospizarbeit. In einem Fall habe ich ernstlich überlegt, die Begleitung abzubrechen, da mein Gegenüber keinerlei Verbindlichkeit einzugehen bereit war, sich nicht an Verabredungen hielt, die Gespräche mit mir aber auch nicht missen wollte. Nach intensiver Beratung mit meinen beiden Koordinatorinnen entschloss ich mich doch zum Weitermachen. Ich war dann auch bei meinem Schützling, als er wenig später im Hospiz verstorben ist. Und so salopp es klingt: Wir waren beide heilfroh darüber, dass ich ihn nicht habe hängen lassen.

Barbara Imgrund und Mali

Barbara Imgrund und Mali / Foto: Barbara Imgrund

Vnicornis:
Wie geht es Deiner Hündin Mali?

Barbara Imgrund:
Mali geht es gut – danke der Nachfrage, die wirklich nicht ganz unberechtigt ist. Als ehemalige Straßenhündin ist Mali unglaublich sensibel, und Stress oder Angst übersetzen sich bei ihr sofort in körperliche Beschwerden. Dann treiben uns ihre Bauchschmerzen und Koliken nächtelang um die Häuser.

Mali bedeutet übrigens „Reichtum“ auf Suaheli – ich habe eine starke Verbindung nach Afrika und wollte, dass mein Hund einen entsprechenden Namen bekommt. Und Mali ist tatsächlich ein Schatz. Ihrer Empfindsamkeit, von der ich eben sprach, ist es nämlich zu verdanken, dass sie ganz zart und vorsichtig mit den Menschen umgeht, die wir ehrenamtlich besuchen. Spätestens wenn ich im Einsatz dann noch erzähle, dass Mali von der Straße kommt, fällt die letzte Bastion. Denn der Mensch uns gegenüber realisiert: Das Schicksal hat ja nicht nur bei ihm zugeschlagen – sondern auch bei diesem Hund.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019