„Die Welt ist immer noch scheiße.“ – Joe R. Lansdale: Gluthitze (Rezension)

28. März 2015 § 2 Kommentare

belmonte

Ich kann nicht immer nachvollziehen, wieso manche Originaltitel es nicht in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Titel des amerikanischen Thrillers Leather Maiden von Joe R. Lansdale wäre mit Lederbraut adäquat übersetzt gewesen. Warum Suhrkamp den Roman stattdessen mit Gluthitze betitelt, erschließt sich mir nicht. Der Titel der deutschen Erstausgabe Gauklersommer trifft es schon ein wenig besser, denn ein Gaukler spielt hier tatsächlich sein Spiel – ein grausames Spiel.

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Es geht um Sexvideos, Erpressung, ein wenig Rassismus als Hintergrund, ein osttexanisches Kaff, einen miesen Pfarrer, eine Lokalzeitung, eine Vermisste und viel Schmutz unter der Oberfläche.

Erzählt wird all das von Cason Statler, einem Veteran des Irakkrieges und Zeitungsreporter, der den Schmutz nach und nach aufdeckt und dabei einem Pärchen auf die Schliche kommt, das auf ganz widerliche Weise mordend den mittleren Westen der USA heimsucht. Mehr wird hier nicht verraten.

Der Roman ist schnell, kurzweilig, hat einige hervorragende Wendungen, die Sprache ist derb, keine schöngeistige Literatur.

Neben der überzeugenden Hauptperson Statler treten einige bemerkenswerte Gestalten auf. Erwähnt sei vor allem Statlers Kamerad aus dem Irakkrieg – Booger der sich selbst als Soziopath bezeichnet (er weiß es wohl am besten) und einer Lady schon mal auf die Schulter klopft und sagt: „Vögelst du immer noch für Geld?“ Booger ist ein vulgärer, frauenfeindlicher und schießwütiger Biersäufer und bekommt dennoch alle Sympatiepunkte. Ohne ihn wäre Statler womöglich doch ein wenig blass. Und Boogers Freund Mr Lucky, eine .45er, schießt auch mal den Kopf eines Handlangers so kaputt, dass es nur so …

Der Roman hat ein paar inhaltliche Schwächen, die ich nicht aufzählen muss. Das Buch funktioniert trotzdem wunderbar. Nur von dem mörderischen Gaukler hätte ich mir mehr Präsenz erwartet. Aber so sind sie halt, die Gaukler.

Kurz vor Ende bemerkt Statler, was die Atmosphäre des Romans ziemlich gut auf den Punkt bringt: „Die Welt ist immer noch scheiße.“

Joe R. Lansdale: Gluthitze, Suhrkamp, Berlin 2013. Deutsche Erstausgabe erschienen unter dem Titel: Gauklersommer, Golkonda, Berlin 2010.

(c) belmonte 2015

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Lernen wir, der Natur zuzuhören! Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler (Rezension)

24. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Moderne Zivilisation prallt auf indianische Tradition – der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat uns 1987 einen mitreißenden Roman beschert, dessen Zusammenhänge aber erst nach der Lektüre deutlich werden. Erst dann entfaltet die Erzählung ihre volle Wirkung.

Mario Vargas Llosa Der Geschichtenerzähler

Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler

Den Rahmen der Handlung bildet ein Aufenthalt in Florenz Mitte der 80er-Jahre. Dort stößt der Erzähler in einer Galerie auf eine Fotografie Gabriele Malfattis, die in ihm die Erinnerungen an seinen früheren Studienfreund Saúl Zuratas wachruft – sie zeigt einen Geschichtenerzähler des Stammes der Machiguenga im Kreise seiner Zuhörer. Das Volk lebt im peruanischen Teil Amazoniens am oberen Urubamba, einem Zufluss des Amazonas – dort hat der Erzähler selbst drei Jahre zuvor einen Dokumentarfilm über die Arbeit einiger Linguisten-Missionare gedreht. Zu denen zählt auch das Ehepaar Schneil, das seit Jahrzehnten bei den Machiguenga lebt und den Erzähler mit Informationen versorgt.

Der jüdische Saúl, der wegen eines markanten Gesichtsmals den Spitznamen „Mascarita“ trägt, hatte in den 50er-Jahren während ihrer gemeinsamen Studienzeit in Lima mit seiner Begeisterung für die Machiguenga beim Erzähler das Interesse geweckt. Dieses Volk lebte zu jener Zeit anscheinend noch mit einer steinzeitlichen Kultur in unberührter Natur. Als Anhänger einer „puristischen“ Ethnologie entwickelte Saúl jedoch Vorbehalte gegenüber der Vorgehensweise des Instituts für Linguistik, er lehnte aus diesem Grund die Teilnahme an einer Forschungsreise seines Lehrers ab. Der Erzähler ging kurz darauf nach Europa und verlor seinen Kommilitonen Saúl aus den Augen. Er war davon ausgegangen, dieser sei seinem Vater nach Israel gefolgt. 23 Jahre später begibt sich der Erzähler auf Spurensuche.

Ihr letztes Gespräch führten beide bei einem Essen von Speckgriebenbrot in Lima:

„Die Erinnerung ist voller Fallstricke: Sie korrigiert und biegt die Vergangenheit subtil im Hinblick auf die Gegenwart zurecht. Ich habe so oft versucht, dieses Gespräch mit meinem Freund Saúl Zuratas im August 1958 in jener Kaschemme in der Avenida España mit ihren durchgesessenen Stühlen und wackeligen Tischen zu rekonstruieren, daß es jetzt nichts mehr gibt, dessen ich mir sicher bin, außer vielleicht seines großen, weinfarbenen Leberflecks, der die Blicke der Kunden auf sich zog, seines wirren rötlichen Haarschopfes, seines rot und blau karierten Flanellhemdes und der derben Schuhe des emsigen Fußgängers.“ (114)

Er reflektiert sein gescheitertes Vorhaben, selbst eine Geschichte über den Geschichtenerzähler zu schreiben, das ihn über die Jahre nie losgelassen hat:

„Noch am gleichen Abend schrieb ich Mascarita und berichtete ihm von dem Buch Padre Cenitagoyas. Ich erzählte ihm, daß ich beschlossen hatte, eine Erzählung über die Machiguenga-Erzähler zu schreiben. Würde er mir helfen? Hier in Madrid, aus Heimweh vielleicht oder weil ich immer wieder über unsere Gespräche nachgedacht hatte, erschienen mir seine Ideen nicht mehr so unsinnig und wirklichkeitsfern. In meiner Erzählung würde ich mir jedenfalls die größte Mühe geben, um das Innenleben der Machiguengas so authentisch wie möglich darzustellen. Würde er mir ein bißchen beispringen, Kumpel?“ (125)

Obwohl es ihm an Informationen mangelt, gibt er schließlich der Versuchung nach und beginnt zu schreiben.

Ob es die Figur des Geschichtenerzählers bei den Machiguenga wirklich gibt, ist nicht belegt. Offenbar scheint es in ihrer Sprache für sie einen Namen zu geben. Vargas Llosa versteht es geschickt, die fehlenden ethnographischen Belege zu erklären: So würden die Indianer die Existenz der Geschichtenerzähler leugnen, um sie vor den Fremden zu schützen. In der Kultur der in versprengten Kleingruppen nomadisierenden Machiguenga haben sie die Aufgabe, das kollektive Wissen über ihren Ursprung und ihre Identität zu bewahren. In ihrer Vorstellung gibt es eine „Zeit davor“ und eine „Zeit danach“, was sich eventuell auf ihre einstige Sesshaftigkeit an Flussläufen und das erste Aufeinandertreffen mit den Weißen bezieht, in dessen Folge sie sich zur ständigen Wanderschaft gezwungen sehen – auch Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen mögen dazu beigetragen haben; andernfalls würde ihrer Ansicht nach „die Sonne herabstürzen“ (163). Andere Gruppen wiederum sind in einen Prozess der Akkulturation eingetreten, der sie wieder sesshaft werden lässt (96).

Der Roman wandelt auf dem schmalen Grat zwischen dokumentiertem Wissen und Fiktion und bezieht aus der daraus entstehenden Reibung seine Spannung. Immer wieder taucht die Erzählung in die mythische Welt der Machiguenga ein, in der alles „seine Erklärung hat“ und „Ursache oder Folge von etwas ist“ (238). Diese Passagen spiegeln die Sichtweise des Geschichtenerzählers wider und sind als eigene Kapitel in die Erzählung eingeflochten. Auf diese Weise springt der Roman zwischen den beiden Perspektiven – der des Erzählers und der des Geschichtenerzählers – und zwischen zwei unterschiedlichen Erzählhaltungen: einerseits der Suche nach den Erinnerungen an den Studienfreund und ihre gemeinsamen Gespräche, andererseits den Passagen des Geschichtenerzählers, die quasi als wörtliche Rede wiedergegeben sind. Dadurch reißt hin und wieder ein zuvor aufgebauter Spannungsbogen ab. Einiges wird erst beim fortschreitenden Lesen klar – etwa das Fehlen von Eigennamen bei den Machiguenga –, mit ein bisschen Geduld jedoch lohnt sich die Lektüre. Nach dem Durchlesen verschmilzt das Gelesene zu einem vielschichtigen Bild, das nachwirkt. Ein kluger Roman des 2010 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Mario Vargas Llosa. Der seinerzeitigen Begründung des Nobelpreis-Komitees ist kaum etwas hinzuzufügen: “for his cartography of structures of power and his trenchant images of the individual’s resistance, revolt, and defeat.” (http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2010/)

(c) valentino 2015

Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, 286 S.

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„Things lurk about places like that. Unseen things.“ – Douglas Clegg: Isis, A Tale of the Supernatural (Rezension)

21. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Isis, ägyptische Totengottheit und Göttin der Wiedergeburt, ist die Titelgeberin für einen ebenso schönen wie schmalen Kurzroman von Douglas Clegg, einem in Deutschland wenig bekannten Horror- und Dark-Fantasy-Autor aus den USA.

Douglas Clegg: Isis

Douglas Clegg: Isis

Das gebundene Büchlein mit dem Untertitel A Tale of the Supernatural ist mit trefflichen Zeichnungen von Glenn Chadbourne ausgestattet, eine deutsche Übersetzung liegt bisher nicht vor. Anscheinend handelt es sich um ein Prequel von Douglas Cleggs Harrow-Romanen, die ich nicht kenne.

Der Roman Isis handelt von dem Mädchen Iris Villiers, das mit seiner Mutter und seinen Zwillingsbrüdern Harvey und Spencer auf dem Anwesen Belerion Hall in Cornwall lebt.

Iris liebt ihren Bruder Harvey über alles. Harvey bringt ihr die grausigen Schaukelreime ihres Vaters bei: „Jack Hackaway is a little troll who takes children to the goblins when they fall.“ (14) Zusammen mit Harvey führt Iris im Lady’s Club ihrer Mutter bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung das Theaterstück Tragic Tale of Isis and Osiris auf, spielt selbst die Rolle der Isis. Ihr Bruder spielt Osiris, den sie von den Toten zurückholt, eine schaurige Vorausschau. Mit inniger Zärtlichkeit spricht die Ich-Erzählerin von ihrem Bruder: „He kissed me at the edge of the lips, and I felt warmth on my face from that kiss through the whole play.“ (26) Das lässt sich nicht reizender ausdrücken.

Auf dem Anwesen, nahe am Kliff und umgeben von einem Steinwall, liegt die Gruft, in der die Gräber ihrer Vorfahren liegen, ein Durchgang zur Welt der Toten. Der alte Gärtner Marsh warnt Iris vor solchen Stätten: „Beware a field hedged with stones (…) Things lurk about places like that. Unseen things.“ (3)

Eine alte Legende erzählt von einem trauernden Mädchen („Maiden of Sorrow“), das tief unter die Erde reist, um ihren toten Geliebten wieder ans Licht zu bringen. In einer anderen Legende wird ein lachendes Mädchen („Laughing Maiden“), das am Sabbattag vor dem Priester gelacht hat, in einen Stein verwandelt.

Wieder warnt Old Marsh die kleine Iris vor der Gruft:

„Never go in, miss. Never say a prayer at its door. If you are angry, do not seek revenge by the Laughing Maiden stone, or at the threshold of the Tombs. There be those who listen for oaths and vows, and them that takes it quite to heart. What may be said in innocence and ire becomes flesh and blood should it be uttered in such places.“ (6)

Maiden of Stone / Zeichnung von Glenn Chadbourne

Maiden of Stone / Zeichnung von Glenn Chadbourne

Dann ist da noch die böse Haushälterin Edyth. Iris erwischt sie mit offener Bluse in den Armen ihres Bruders Spencer. Halb fallend, halb von Edyth gestoßen, stürzt Iris im Streit aus dem Fenster. Ihr Bruder Harvey, hinterherstürzend, rettet sie und verunglückt tödlich. Iris verliert ihre große Bruderliebe und wird in den folgenden Jahren trauriger und trauriger. Der Fenstersturz aber hat in ihr selbst ein Fenster zu den Toten geöffnet. Aus den Dämonenbüchern der Bibliothek ihres verschrobenen Großvaters kennt sie die Sprüche, mit denen man die Toten zurückholt. Deren Wiederkehr hat jedoch einen Preis. In seinem Cornish-Slang warnt Old Marsh eindringlich: „When the dead been promised, the dead be paid.“ (91)

Isis, A Tale of the Supernatural verströmt die Atmosphäre einer klassischen Gothic Novel, eines englischen Schauerromanes. Einen Horrorschocker sollte der Leser allerdings nicht erwarten. Die eine oder andere Onlinerezension, die davor warnt, das Buch nachts zu lesen, führt daher etwas in die Irre. Von der Stimmung her ist Cleggs Roman vergleichbar mit Neil Gaimans The Ocean at the End of the Lane (zur Rezension). Auch dort spielt übrigens eine böse Haushälterin eine unrühmliche Rolle.

Douglas Clegg: Isis, A Tale of the Supernatural, Zeichnungen von Glenn Chadbourne, Vanguard Press, New York 2009.

(c) belmonte 2015

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Gollum im Herzen Amerikas – Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes (Rezension)

14. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Cormac McCarthys erst kürzlich erstmals auf Deutsch erschienener Roman Ein Kind Gottes von 1974 beschreibt wie viele seiner folgenden Romane eine düstere, endzeitliche Welt. Dieses Mal ist es das kleinstädtische Leben im Tennessee der Sechziger Jahre mit seinen Käffern im Hinterland.

Der Roman zeigt die Verwilderung von Lester Ballard, einem örtlichen Herumtreiber, der nach der Zwangsversteigerung seines Elternhauses mehr und mehr verwahrlost, zum Höhlenbewohner wird, Liebespaare beim Stelldichein umbringt und sich an den toten Frauen vergeht.

Cormac McCarthy Ein Kind Gottes

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes

Wie alle Bücher McCarthys, die ich bisher gelesen habe, hat auch dieses Buch seine schockierenden Momente. Die Morde sind allesamt entsetzlich und herzzerreißend. Und dennoch bezeichnet McCarthy Lester als „ein Kind Gottes ganz wie man selbst“ (8). Tatsächlich kann sich der Leser bei aller Widerwärtigkeit seiner Taten mit Lester identifizieren, mit ihm mitfiebern, buchstäblich mitfrieren in der durchnässten Kälte der Höhlen, in denen sich Lester wie Tolkiens Gollum bewegt – „ein verrückter Wintergnom“ (106) – und seine Leichen lagert. Ein großer Teil des Romans spielt in ebendiesen Höhlen, sie haben „etwas Organisches, wie die Innereien eines großen Tieres“ (130f.). Es ist eine sehr alte mythische Unterwelt mit Fledermäusen, die „aus dem Dunkel des Tunnels kommen und in Asche und Rauch wild flatternd durch das Loch in der Decke aufsteigen, wie aus dem Hades auferstehende Seelen“ (137).

Lester Ballard ist nicht der erste verwilderte Höhlenbewohner in der Gegend. Es wird von einem früheren „zerlumpten Gnom mit Haaren bis zu den Knien“ und „Kleidern aus Laub“ (163) erzählt. Woher aber kommen diese Gestalten, was sind ihre Motive? Viel erfahren wir darüber nicht. Lester wird nicht übermäßig psychologisiert. In einem der immer wieder eingesprenkelten mündlichen Zeugnisse schildert ein Countybewohner, seine Mutter sei abgehauen und sein Vater habe sich erhängt. Der zehnjährige Lester habe dabei zusehen müssen, wie der Strick durchgeschnitten wurde, an dem sein Vater hing, wie „wenn man ein Stück Schlachtvieh abschneidet“ (24).

Auch mit Tolkiens Gollum spürt man Mitleid. Und es ist nicht so, dass in McCarthys Roman alle anderen die besseren Menschen sind, etwa Buster, der Lester so zusammentritt, dass er „den Kopf nie mehr richtig gerade halten“ (12) konnte. Oder der Müllhaldenbesitzer mit seinen neun Töchtern, der eine seiner Töchter im Wald mit einem Liebhaber erwischt und ihr selbst, nachdem er die beiden auseinandergetrieben hat, „seinen Glibber auf den Oberschenkel spritzte“ (31). White Trash im Heartland Amerikas, eine uralte Welt, die sich nicht geändert hat. Überall Wälder mit „gotischen Baumstämmen“ (123) – hier klingt er wörtlich an, der Zusammenhang mit dem Gattungsbegriff Southern Gothic, in dem McCarthy sich bewegt – oder „feldkarrengroße Steinbrocken … auf denen mit Kameen urzeitlicher Muscheln und in Kalk geätzten Fischen nur eine Geschichte von verschwundenen Meeren geschrieben stand“ (ebd.). Schön ist in dieser archaischen Welt einzig die urgewaltige Natur. Aber wer ist da, der sie sehen könnte, außer dem Autor und dem Leser.

Auf die Frage des Deputy „Glauben Sie, die Menschen waren damals schlechter als heute?“ (163) antwortet der Sheriff: „Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, die Menschen sind immer die Gleichen gewesen, seit Gott den ersten geschaffen hat.“ (ebd.) Es ist kein Zufall, dass die Gegend kurzerhand von einem Jahrhunderthochwasser heimgesucht wird. Auch der Sheriff erkennt, dass es sich um eine Sintflut handelt: „Du hast nicht zufällig irgendwo einen alten Mann mit langem Bart ein riesengroßes Boot bauen sehen, oder?“ (156) Dieser alttestamentarische Rückbezug ist für McCarthy auch in seinen späteren Romanen immer wieder erkennbar. Aber auch auf Dantes Höllentrichter wird verwiesen, hier eine Höhle, aus welcher Lester emporklettert: „Vor Erschöpfung fast schluchzend, stieg er aus dem Trichter, um den Tag zu sehen. Nichts regte sich in dieser toten, verwunschenen Einöde, der Wald trug Girlanden aus Eisblumen, Kräuter ragten aus weißen Kristallphantasien auf, die den steinernen Spitzenmuster auf einem Höhlenboden glichen.“ (152) – Auch draußen ist also immer noch Höhle.

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014.

Child of God wurde 2013 unter der Regie von James Franco und Scott Haze in der Titelrolle verfilmt und ist in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen. Der Autor der Rezension hat den Film zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht gesehen.

(c) belmonte 2015

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Die Entstehung eines Farblinolschnittes

10. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

(c) valentino 2015

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | neunter gesang | 249 bis 252

7. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

neunter gesang

249 ajun aber bekam große angst es grauste
în vor den fenstern und geschlossenen türen
hab keine angst sagte îm tala es kann
nichts kommen wann es auch noch so stürmisch braust

250 es kann alles kommen antwortete îr
ajun und er ängstigte sich vor dem bann
der welt und tala konnte îm seine angst
nicht nehmen er wurde trübsinnig und schwer

251 über mir hat sich dunkelheit ausgespannt
an der sich deine schönheit bricht sie zu fangen
sagte ajun das ist ein dämon der grauernen
nacht und du engel aus licht vom außenrand

252 kennst das dunkel nicht und bist doch mitgegangen
tala aber sagte du kannst mir vertrauen
erst wenn sich mein licht in deinem dunkel bricht
wirstu zu deinem eigenen licht gelangen

(c) belmonte 2015

Kostenloses eBook im PDF-Format oder EPUB-Format

holopoiesis & steine im vorgeschlagenen wohnraum (Ausstellung)

5. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Installation / Visuelle Poesie / Mapping / Körper-Performance

Ausstellungsdauer:
5. März bis 28. Mai 2015

Ort:
Institut für Deutsche Sprache
R 5, 6-13
68161 Mannheim

Eröffnung:
Donnerstag, 5. März ab 18 Uhr

Arbeiten der Künstler:
Thomas Haider (visuelle Poesie, Assoziationsportraits)
Matthis Bacht (Objektinstallation)
Jaime Ramirez (sprachliches projection-mapping)
Tobias Weikamp (code-switching körper-performance)

Erstmals in Mannheim zu sehen sein werden eine Reihe neuer Arbeiten der teilnehmenden Künstler – diese beschäftigen sich mit den Grenzen unserer Sprache. Wahrnehmung und Kategorien wie Architektur, Körper und Material werden hinterfragt. Gelegenheit zu dieser außergewöhnlichen Zusammenstellung und Thematik ist das Institut für Deutsche Sprache in den Quadraten in Mannheim.

Zur Eröffnung begrüßt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ludwig Eichinger. Die Einführung in die Ausstellung sowie Werke und Künstler erfolgt durch Stefanie Kleinsorge.

Thomas Haider Fichtengrün

Fichtengrün / (c) Thomas Haider 2015

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