Jeremy Shaw: Liminals (Kurzfilm)

Vor etwa einem Jahr habe ich auf Vnicornis Jeremy Shaws Kurzfilm Liminals vorgestellt. Leider war damals der gesamte Film noch nirgendwo im Netz komplett zu sehen.

Ich habe nun auf Youtube die vollständige Version gefunden und reiche sie hier für unseren Blog nach. Der Film geht mir immer noch unter die Haut.

„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Welche Verbindungen ziehst Du zwischen der Hospizarbeit und Deinem Schreiben?

Barbara Imgrund:
Das ist keine ganz leichte Frage, da spielt so viel mit herein. Zum einen erdet mich die Hospizarbeit für das, was zählt. Wenn ich mal aus dem Nähkästchen plaudern darf: Ich bin keine Autorin, die sich und ihre Bücher gut vermarkten kann, weil mir das Klappern, die Selbst-PR einfach nicht liegt. Ich hadere schon damit, wenn ich sehe, dass andere das viel besser draufhaben und damit mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher erzielen. Aber dann gehe ich ins Heim oder in die Klinik und komme ebenso glücklich wie ganz klein mit Hut wieder raus – weil mir gerade noch rechtzeitig wieder eingefallen ist, dass etwas anderes wirklich wichtig ist. Und dass ich mir hin und wieder einfach selbst verzeihen muss.

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Demut, Respekt und Empathie sind jedenfalls Qualitäten, auf die mich meine Ehrenämter immer wieder stoßen – und rein zufällig kann man sie auch fürs Schreiben ganz gut gebrauchen. Sie schärfen den Blick für glaubwürdige Charaktere und Situationen. Als Hospizbegleiter wie als Schriftsteller musst du dich zurücknehmen und ganz auf die Person dir gegenüber, auf deine Figur einlassen können. Was braucht sie von dir und was nicht? Wo musst du eingreifen und lenken, wo musst du die Traute haben loszulassen, damit sich etwas aus sich selbst heraus entwickeln kann? Man mag es nicht glauben, aber Hospizarbeit erfordert eine gute Portion Kreativität. Den Mut dazu hat mir das Schreiben beigebracht.

Vnicornis:
Wie ist dieses Eingreifen und Lenken und dann das Loslassen in der Arbeit an Deinem jüngsten Buch Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen konkret sichtbar geworden?

Barbara Imgrund:
Zunächst einmal hoffe ich, dass es eben nicht sichtbar ist. Aber am Plot hätte ich mir beinahe die Zähne ausgebissen. Ich hatte das Buch einige Jahre zuvor in einer ersten Fassung geschrieben, die absolut nicht funktionierte, und es frustriert in der Schublade verschwinden lassen. Normalerweise skizziere ich ein Storyboard, bevor ich mit der Niederschrift beginne – das hatte ich hier nicht getan, warum auch immer. Entsprechend las es sich: wirr, die Geschichte wusste einfach nicht, wohin sie wollte. Aber die Figuren und die skurrilen Szenen auf dem Friedhof waren mir doch ans Herz gewachsen, und so beschloss ich, dass wir alle es noch einmal miteinander versuchen sollten. Das war haarig, denn ich fand lange den Dreh nicht, den ich brauchte, damit es rund werden konnte. Endlich kam mir doch noch die Erleuchtung, und dank ihr geht die Geschichte jetzt auf.

Dieses Buch aus versprengten Versatzstücken der ersten Version neu zu verfassen, war das Schwierigste, was ich bisher an Schreibarbeit geleistet habe – eben weil ich die Geschichte um bereits bestehende Szenen herum ganz gezielt neu orchestrieren musste.

Loslassen wiederum war bei Marie angesagt, meiner Heldin. Sie wollte zu Beginn des Buches absolut nicht so werden, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie sagte und tat Dinge, die nicht meins waren: Während sie heimlich, still und leise innerlich zusammenbrach, war sie nach außen hin hart wie ein Stein, stieß ihren Mann vor den Kopf – der ja auch diesen fürchterlichen Kummer hatte – und suhlte sich im Selbstmitleid. Verstehen konnte ich sie, denn sie hatte ja eben ein totes Kind zur Welt gebracht – sie war mir nur einfach nicht sympathisch. Ich versuchte also, sie so zu schreiben, dass ich sie von Anfang an mögen konnte, aber es hat sich nicht richtig angefühlt. Als ich merkte, dass Marie partout ihr Eigenleben behalten wollte, habe ich es zugelassen – und am Ende gemerkt, dass ich mir keinen größeren Gefallen hätte tun können. Sie hatte Luft, sich zu entwickeln, und alles fügte sich zusammen. Am Ende waren wir dann wieder die besten Freundinnen.

Vnicornis:
Inwieweit hilft das Sich-selbst-Zurücknehmen und Auf-den-Anderen-Einlassen, das Du in der Hospizarbeit erlebst, auch Deiner Lektoratsarbeit?

Barbara Imgrund:
Es hilft bei jeder Zeile. Als Lektorin habe ich das Buch einer anderen Person vor mir, nicht meines. Es ist nicht mein Eigentum, es ist mir nur geliehen. Davor darf ich nicht den Respekt verlieren. Natürlich bin ich dem Verlag verpflichtet, der mir den Auftrag erteilt hat, dieses Buch zu redigieren und satzreif zu machen – das heißt, ich muss die Kriterien dieses Verlags im Auge behalten. Da ich auf Sachbücher spezialisiert bin, sind das vor allem Zielgruppenansprache, Aufbau, Inhalt, Anspruch, Sprache, Orthografie, Interpunktion. Aber ich darf andererseits dem Buch meinen Stempel nicht aufdrücken und muss dafür Sorge tragen, dass Sprach- und Schreibduktus des Autors erhalten bleiben, egal, wie viel ich eingreifen oder umschreiben muss. Denn es steht ja sein Name auf dem Cover.

Meistens geht das gut. Ich hatte aber auch schon Autoren, die sich durch meine Korrekturen persönlich angegriffen fühlten und meinten, ich würde ihr Buch „kaputtredigieren“ … Solche Verwerfungen gibt es übrigens auch in der Hospizarbeit. In einem Fall habe ich ernstlich überlegt, die Begleitung abzubrechen, da mein Gegenüber keinerlei Verbindlichkeit einzugehen bereit war, sich nicht an Verabredungen hielt, die Gespräche mit mir aber auch nicht missen wollte. Nach intensiver Beratung mit meinen beiden Koordinatorinnen entschloss ich mich doch zum Weitermachen. Ich war dann auch bei meinem Schützling, als er wenig später im Hospiz verstorben ist. Und so salopp es klingt: Wir waren beide heilfroh darüber, dass ich ihn nicht habe hängen lassen.

Barbara Imgrund und Mali

Barbara Imgrund und Mali / Foto: Barbara Imgrund

Vnicornis:
Wie geht es Deiner Hündin Mali?

Barbara Imgrund:
Mali geht es gut – danke der Nachfrage, die wirklich nicht ganz unberechtigt ist. Als ehemalige Straßenhündin ist Mali unglaublich sensibel, und Stress oder Angst übersetzen sich bei ihr sofort in körperliche Beschwerden. Dann treiben uns ihre Bauchschmerzen und Koliken nächtelang um die Häuser.

Mali bedeutet übrigens „Reichtum“ auf Suaheli – ich habe eine starke Verbindung nach Afrika und wollte, dass mein Hund einen entsprechenden Namen bekommt. Und Mali ist tatsächlich ein Schatz. Ihrer Empfindsamkeit, von der ich eben sprach, ist es nämlich zu verdanken, dass sie ganz zart und vorsichtig mit den Menschen umgeht, die wir ehrenamtlich besuchen. Spätestens wenn ich im Einsatz dann noch erzähle, dass Mali von der Straße kommt, fällt die letzte Bastion. Denn der Mensch uns gegenüber realisiert: Das Schicksal hat ja nicht nur bei ihm zugeschlagen – sondern auch bei diesem Hund.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 1 von 2

Barbara Imgrund, in Landshut/Niederbayern geboren und im Allgäu aufgewachsen, lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Heidelberg. Sie arbeitete für zahlreiche renommierte Verlage als Lektorin und ist u. a. Mitglied im texttreff – Netzwerk wortstarker Frauen (http://www.texttreff.de). Barbara Imgrund engagiert sich in der Hospizarbeit, im Besuchshundedienst und international im Tierschutz. Viele ihrer Erfahrungen fanden Eingang in ihre Werke. Zuletzt erschien 2017 ihr Buch Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen. Derzeit schreibt sie an einem neuen Roman. Für mehr Information siehe Barbara Imgrunds Autorinnen-Website.

Barbara Imgrund

Barbara Imgrund / Foto: Barbara Imgrund

Vnicornis:
Barbara, Du engagierst Dich seit Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Was bedeutet diese Tätigkeit für Dich?

Barbara Imgrund:
Um gleich mal das große Besteck auszupacken: Sie bedeutet Erfüllung und Sinn für mich. Ich kann es nicht anders sagen, so ist es eben. Wenn ich bei einem alten, schwerstkranken oder sterbenden Menschen sitze und ihm ein bisschen Last nehmen oder Freude bringen kann – und sei es nur für fünf Minuten –, dann ist das ein Geschenk. Jackpot! Dann weiß ich, dass ich in diesem Moment nirgendwo anders sein will, weil ich ja schon am richtigen Platz bin.

Die Hospizarbeit schließt Kammern in mir auf, in die ich sonst nicht vordringe, was ich übrigens für mein Schreiben gut gebrauchen kann. Denn ich als Mensch entwickle mich dabei ja auch weiter. Es ist sozusagen eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten und wiegt doppelt und dreifach die Zeit, Energie und manchmal auch Nerven auf, die ich durchaus in dieses Ehrenamt investiere.

Vnicornis:
Kannst Du mit unseren Lesern ein paar Deiner Hospizerfahrungen teilen?

Barbara Imgrund:
Vorausgeschickt sei, dass Hospizarbeit nicht nur in einem Hospiz stattfinden muss. Ich zum Beispiel bin in einem Heidelberger Pflegeheim tätig, wo ich nicht nur Sterbende begleite, sondern auch Menschen, die noch rüstig sind, aber eben Ansprache brauchen. Mitnehmen in den Einsatz darf ich auch meine Hündin Mali – wir sind als Besuchshundeteam ausgebildet und besuchen sowohl Senioren als auch Patienten auf der Palliativstation der Heidelberger Thoraxklinik.

Zudem kommt seit einigen Wochen ein fünfjähriges, schwerstbehindertes Mädchen aus der Nachbarschaft zu uns nach Hause. Die Kleine wird voraussichtlich niemals selbstständig laufen, niemals sprechen, niemals sich gezielt mitteilen können. Und doch, es ist atemberaubend, wie schnell sich eine Kommunikation und Bindung zwischen ihr, Mali und mir entwickelt hat. Kind und Hund – der als ehemaliger Straßenhund ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat – gehen rührend neugierig und achtsam miteinander um, ich kanalisiere und moderiere ein bisschen und lasse ansonsten laufen, was laufen will.

Heute zum Beispiel war die Kleine zum ersten Mal allein bei uns – ihre Mutter hat draußen mit der Schwester gespielt –, und es war sofort, als wäre es nie anders gewesen. Die Kleine hat mir vertraut, einfach so, und sich sofort auf Mali und mich eingelassen, ohne Mama nachzuweinen. Dann hat sie das Glas mit den Leckerlis hochgehoben, obwohl sie eigentlich nicht greifen kann, und sogar von sich aus Körperkontakt zu Mali gesucht und ihre Pfote festgehalten. Wow. Nach solchen Begegnungen schweben wir alle für den Rest des Tages auf Wolke sieben herum.

Aber auch meine erste Sterbebegleitung hat mich sehr bewegt. Ich hatte die uralte, im Endstadium demente Dame, Frau B., schon fünfeinhalb Monate engmaschig besucht, als an einem Montagmorgen der Anruf aus dem Heim kam: Es gehe wohl zu Ende. Ich fuhr gleich hin, konnte aber nicht viel für sie tun, außer sie durch Körperkontakt spüren lassen, dass sie nicht allein ist, ihr vorsingen und vorlesen. Dann zeigte mir eine Schwester, wo Frau B.s Fotoalben lagen, und ich begann darin zu blättern. Es war, als würde ich eine Reise durch ihr Leben antreten, während sie selbst sich schon auf eine andere, letzte Reise aufgemacht hatte. Da sich im Heim nie jemand von der Familie hatte blicken lassen, wollte wenigstens ich dieses lange Leben, das da gerade zu Ende ging, würdigen und es noch einmal Revue passieren lassen … Mittags musste ich wegen eines Termins weg, aber ich war mir sicher, dass es ohnehin noch dauern würde. Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.

Als ich gegen halb sechs Uhr abends zurückkehrte, saß eine Angehörige an Frau B.s Bett. Deren Atmung war unverändert kräftig und regelmäßig. Da also seit vielen Stunden nichts so recht vorwärts gegangen war, sagte ich zu der alten Dame: „Wir sind alle da, du kannst jetzt jederzeit gehen, wenn du möchtest.“ Manchmal hilft dem Sterbenden diese Art „Erlaubnis“ beim Loslassen. Und wirklich, als hätte Frau B. es verstanden – was aufgrund ihrer massiven Schwerhörigkeit zumindest auf akustischem Wege unmöglich war –, wurde ihre Atmung binnen weniger Minuten flach und es entstanden immer längere Pausen zwischen den einzelnen Atemzügen. To make a long story short: Keine Viertelstunde nach meiner Rückkehr hatte es die alte Dame endlich geschafft.

Zufall oder Zusammenhang? Das mag jeder für sich selbst entscheiden, je nachdem, was er glauben kann. Ich kann inzwischen so manches zwischen Himmel und Erde glauben und hoffe für mein Teil einfach, dass ich vielleicht eine Atmosphäre der Geborgenheit oder Sicherheit schaffen und Frau B. damit womöglich den „Absprung“ erleichtern konnte. Ich kann die Sterbenden ohnehin nur bis an die Schwelle begleiten. Den letzten Schritt müssen sie allein tun.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

Teil 2 des Gespräches

Zur Entstehung des Liedes „Anna reider is tot“

belmonte

Mein Lied Anna reider is tot ist Ergebnis einer Simulation von Deep Learning. Ich habe mein Gehirn mit einem initialen Text gefüllt und dann iteriert und die Gewichtungen immer weiter verfeinert.

Tatsächlich versuche ich, Deep Learning bewusst zu simulieren, und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob es tatsächlich eine Simulation oder ob es nicht vielmehr bewusst gemachtes Denken ist.

In der Tat finde ich es sehr spannend, mir selbst beim Denken zuzuschauen, selbst gleichzeitig Subjekt und Objekt zu sein, den Denkprozess wie eine Muskelbewegung zu beobachten, während ich diese Bewegung selbst ansteuere. Das genau ist es, was mir an künstlicher Intelligenz gefällt, nämlich mich selbst zu erkennen, zu erkennen, was der Mensch ist, was das spezifisch Menschliche ist.

Das unten verlinkte Video Neural Network 3D Simulation zeigt diesen Prozess auf anschauliche Weise.

(c) belmonte 2019

Franco Battiato: Centro di gravità permanente (Song der Woche)

Ausgewählt von belmonte.

Der Liedtext ist bemerkenswert. Es beginnt mit:

Eine alte bretonische Frau
mit Hut und einem Regenschirm aus Reispapier und Bambusrohr.
Tapfere Kapitäne
schlaue mazedonische Schmuggler.
Euklidische Jesuiten
gekleidet wie Bonzen, um den Hof der Kaiser der Ming-Dynastie zu betreten.

Ich suche einen permanenten Schwerpunkt
der mich nicht dazu bringt, meine Meinung über die Dinge der Menschen zu ändern

“Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden.” – Ein Gespräch mit Marion Tauschwitz zur UNESCO City of Literature Heidelberg

Marion Tauschwitz ist freie Autorin und Biographin, lebt in Heidelberg und hat neben zahlreichen Veröffentlichungen eine maßgebliche Biographie über die Lyrikerin Hilde Domin, mit der sie viele Jahre eng befreundet war, vorgelegt (siehe hier …). Marion Tauschwitz ist Mitglied u. a. im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) Baden-Württemberg und im PEN-Zentrum Deutschland sowie Sprecherin der Heidelberger AutorInnenversammlung (siehe hier …). Nach Romanen und Essays sowie Biographien zu Selma Merbaum und Pieter Sohl folgte im Juli 2019 ein Erinnerungsbuch an Hilde Domin Das unverlierbare Leben (siehe hier …). Für mehr Information zu Marion Tauschwitz siehe ihre Autorinnen-Website.

Marion Tauschwitz

Marion Tauschwitz / Foto: Gudrun-Holde Ordner

Vnicornis:
Liebe Marion, Heidelberg ist seit 2014 UNESCO City of Literature. Wie hat sich aus Deiner Sicht die Literaturszene der Stadt seitdem entwickelt?

Marion Tauschwitz:
Nach nur kurzer Anlaufphase hat sich die Wahrnehmung für Literatur, für die Vielfalt der Literatur, gefestigt. Sie verankert sich im Bewusstsein der Heidelberger, weil sich die Stadt nicht länger auf ihren Lorbeeren ausruht, vom Gewesenen zehrt, sondern Literatur jung und lebendig macht. Und auch wir AutorInnen nehmen das Angebot, uns einzubringen, wahr, weil wir Unterstützung erfahren, die Neugier des Kulturamts auf spannende Projekte spüren, die Kooperation mit der Stadtbücherei fühlen. So haben wir AutorInnen uns in der AutorInnen-Versammlung zusammengeschlossen und den Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren ins Leben gerufen, der sich zu etablieren scheint, denn nach privatem Sponsoring in den ersten zwei Jahren haben wir nun eine dauerhafte Sponsorin im Rohrbacher Bio-Supermarkt Alnatura. Wir freuen uns, dass Kultur und Natur regional Hand in Hand gehen. Und wissen uns auch hier von Stadtbücherei und Kulturamt und von der hiesigen Rhein-Neckar-Zeitung unterstützt, wie bei der Aktion „Wohnzimmerlesungen zugunsten der RNZ Weihnachtsaktion“.

Vnicornis:
Was hat sich speziell für Autorinnen und Autoren in Heidelberg in den vergangenen Jahren verändert?

Marion Tauschwitz:
Heidelberger AutorInnen profitieren, weil die regionale literarische Vielfalt zum Blühen gebracht worden ist. Die Heidelberger Literaturszene ist mutiger geworden, ihre Stimme hörbar zu machen, weil das Kulturamt der City of Literature uns AutorInnen in mannigfaltige Kulturprojekte einbindet, den Austausch mit LiteratInnen der anderen Cities of Literature fördert. Besonders hat mir „Poesie unterwegs“ anlässlich des Welttags der Poesie gefallen, in das so viele AutorInnen eingebunden werden, oder die Möglichkeit, während der Heidelberger Literaturtage im Spiegelzelt präsent zu sein. Sehr ansprechend sind Anstöße für städteübergreifende Projekte wie die Hörspielaktion mit der Musikschule in Trossingen oder die Präsenz der Literaten bei der langen Nacht der Naturwissenschaft im EMBL (European Molecular Biology Laboratory). Ja, ich denke, dass wir AutorInnen uns unterstützt und wahrgenommen fühlen.

Vnicornis:
Welche Chancen und Möglichkeiten wurden bis jetzt aus Deiner Sicht noch nicht genügend aufgegriffen?

Marion Tauschwitz:
Ich sehe, wie sich das Kulturamt stetig weiter um neue Impulse bemüht. Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden. Ich kann also nicht sagen, was noch nicht genügend aufgegriffen worden ist, sondern freue mich auf weitere Möglichkeiten der Vernetzung im internationalen Austausch, weil ich weiß, dass genau daran schon gearbeitet wird und Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt werden.

Vnicornis:
Erzähl unseren Lesern etwas über Deine Erfahrungen mit der Vernetzung der UNESCO Cities of Literature untereinander.

Marion Tauschwitz:
Wir AutorInnen werden vom Kulturamt bestens über Aktionen, Projekte, Stipendien etc. informiert. Dann liegt es im persönlichen Engagement, daraus etwas zu machen, sich einzubringen. Ja, die Initiative der Einzelnen ist sicherlich noch ausbaufähig. Ich habe die Möglichkeit und das Angebot wahrgenommen, Gäste aus anderen Literaturstädten zu treffen, sie zu begleiten. Ich hatte die Chance, die City of Literature Heidelberg bei der Buchmesse in Prag zu vertreten. KollegInnen waren im Poesie-Austausch mit anderen Cities of Literature. Alles ist spannend, wenn jeder einzelne neugierig bleibt und mitmacht.

Vnicornis:
Wie ist Deine Einschätzung, ob Stadt und Land dem Status Heidelbergs als UNESCO City of Literature gerecht werden?

Marion Tauschwitz:
Das kann ich wohl recht schnell beantworten: die Stadt wird dem Status gerecht. In vielfältiger Weise wird Literatur immer wieder ins Bewusstsein gehoben und nach Möglichkeiten gesucht, Literatur an Orte zu tragen, wo sie Menschen begegnet: Gedichte in Bussen, Lesungen in Straßenbahnen, nächstes Jahr Performances im Schloss und auf dem Neckar, wenn Hölderlin geehrt wird.

Vnicornis:
Buchverkäufe waren bundesweit bis vor kurzem rückläufig. Anscheinend ging das Interesse an Büchern zurück. Wie lässt sich diesem Trend durch das Konzept der UNESCO City of Literature zumindest in Heidelberg ein Stück weit gegensteuern?

Marion Tauschwitz:
Wir haben in Heidelberg schon viel Förderung der Lesekultur. Schulen, öffentliche Bücherregale, Vorlesen in der Stadtbücherei führen zum Buch. Und die neuesten Zahlen belegen ja erfreulicherweise, dass der Trend zum Bücherkauf wieder angestiegen ist.

Vnicornis:
Feiert Heidelberg seine Autorinnen und Autoren genügend?

Marion Tauschwitz:
Feiern – ein großes Wort. Hegen und pflegen ist vielleicht eher die Wahrnehmung. Mit Interesse wohlwollend unterstützt zu werden, ist schon Freude. Honorar für Lesungen zu erhalten war früher keine Selbstverständlichkeit. Und mit zwei großen Preisen – Clemens-von-Brentano-Preis, Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil – feiert Heidelberg auch überregionale AutorInnen.

Vnicornis:
Welche Empfehlungen gibst Du Autorinnen und Autoren, die nach Heidelberg ziehen?

Marion Tauschwitz:
AutorInnen können sich der AutorInnen-Versammlung anschließen, sich auf der Homepage https://heidelbergerautoren.wordpress.com/ informieren, wen sie ansprechen können. Ich weiß auch, dass das Kulturamt für Anfragen offen ist und weiterleitet. Vom eigenen Engagement enthoben ist natürlich niemand. Aber willkommen sind sie alle.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

Woher wir kommen, wohin wir gehen – Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift (Buchrezension)

valentino

Wir wissen viel über die Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens und Chinas. Kein Wunder, sie kannten die Schrift und haben ihr Wissen schriftlich weitergegeben. Deshalb stehen sie in der Regel am Anfang der modernen Geschichtsschreibung. Anders sieht es mit noch älteren Kulturen aus. Von ihnen fehlen meist schriftliche Quellen, weil sie entweder keine Schrift kannten, oder falls sie eine kannten, diese verloren ist. Hier kommt die Archäologie ins Spiel – sie versucht, Kulturen anhand von materiellen Funden zu beschreiben.

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

In seinem 2014 erschienen Buch „Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ legt Hermann Parzinger eine große Menge an gesammeltem Wissen über diese frühen Kulturen dar. Er klammert die klassischen Hochkulturen aus und beginnt stattdessen bei den ältesten bekannten, von Menschenhand bearbeiteten Steinwerkzeugen, der ersten menschlichen Kulturleistung überhaupt.

Zwar ist das Buch teilweise etwas ermüdend zu lesen, weil der Autor an manchen Stellen viele Fachbegriffe verwendet wie zum Beispiel die Namen der verschiedenen Fundorte und die verschiedenen Schichten der jeweiligen Fundorte. Auch wird keine neue Theorie aus den gewonnenen Daten gebildet. Umso mehr beeindruckt jedoch der Blick auf das große Ganze.

zahlreiche Karten ...

zahlreiche Karten … / Foto: Valentino

In sechzehn Kapiteln beleuchtet der Autor sämtliche bekannten prähistorischen Kulturen bis zur Erfindung der Schrift, und lässt dabei – soweit aus heutiger Sicht zu beurteilen ist – keine aus. Allerdings verwendeten diese schon vor den Hochkulturen Zeichensysteme, die als Anfänge der Schrift gelten. Deshalb ist es durchaus schwierig, Schriftkultur und schriftlose Kultur voneinander abzugrenzen. Zumindest in Ansätzen hatten wohl alle Hochkulturen eine Schrift: die Azteken eine narrative Bilderschrift, die Inka eine Knotenschrift und in Textilien gewebte sogenannte Tocapu-Muster und die Harappa die Indus-Schrift mit piktografischen Zeichen. Jedoch fehlte diese offenbar in den urbanen Zentren Südturkmenistans aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christus:

„Konnten Megacitys also auch ohne Schrift funktionieren?“ (722)

Das eigentliche Thema des Buches ist der Übergang vom Wildbeutertum zur Sesshaftigkeit. Das liegt einerseits daran, dass sich die Zeit des Jungpaläolithikums, also bis zum Ende des Pleistozäns vor allem in Eurasien aufgrund der guten Datenlage differenziert darstellen lässt. Andererseits hat Parzinger, seit mehr als zehn Jahren Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zuvor als Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts zahlreiche Ausgrabungen in Mittelasien, Iran, Spanien und der Türkei durchgeführt und kann somit auf ein fundiertes Wissen zurückgreifen.

... und Abbildungen ergänzen den Text.

… und Abbildungen ergänzen den Text. / Foto: Valentino

In „Die Kinder des Prometheus“ geht der Autor von ausgewertetem Fundmaterial aus und verspricht sich einen Erkenntnisgewinn durch die Betrachtung spezifischer Merkmale verschiedener Regionen. Sein Augenmerk liegt dabei auf den Siedlungsformen, der Ernährung und Nahrungsbeschaffung, den Bestattungsformen und der Kunst. Bei seinem ambitionierten Vorhaben stößt er naturgemäß immer wieder auf Lücken, wobei er fehlende Quellen reflektiert.

Das erste Kapitel behandelt den gewaltigen Zeitabschnitt vom ersten Auftreten des Australopithecus in Afrika vor circa sieben Millionen Jahren bis zum Neandertaler, der bis vor circa 40.000 Jahren, also bis zum Beginn des Jungpaläolithikums, in Europa und im Nahen Osten lebte. Somit dauerte es mehrere Millionen Jahre vom aufrechten Gang über die Herausbildung der Greifhand und der Herstellung erster scharfkantiger Geröllgeräte bis zur Produktion von Faustkeilen und dem Wandel vom Aasfresser zum Jäger sowie von der Spezialisierung der Jagd bis zum Beherrschen des Feuers, das dem frühen Menschen die Besiedelung kälterer Regionen ermöglichte.

Wie wurden aus Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter? Von einer „Neolithischen Revolution“, wie sie Gordon Childe beschrieben hat, kann nach der Lektüre keine Rede mehr sein. Stattdessen stellt sich die sesshafte Lebensweise als das Ergebnis jahrtausendelanger Adaptionsprozesse an die Umwelt dar. Schlaglichter auf diese Zeit des Umbruchs werfen die Kultstätte von Göbekli Tepe nahe Urfa in der Südosttürkei an der Schwelle von der jungen Altsteinzeit zum präkeramischen Neolithikum, Aşıklı Höyük im anatolischen Hochland aus dem präkeramischen Neolithikum oder die Großsiedlung Çatal Höyük in der Hochebene von Konya in Zentralanatolien, die für den Übergang vom präkeramischen zum keramischen Frühneolithikum steht. Dabei stellen die beiden letztgenannten Siedlungen autochthone Entwicklungen dar. Aşıklı Höyük steht darüber hinaus exemplarisch für die Koexistenz beider Lebensweisen: Während die Menschen in der Siedlung bereits sesshaft waren, lebten im nahegelegenen Musular weiterhin spezialisierte Rinderjäger (151f.).

Die Menschen blieben Wildbeuter in Waldgebieten ohne demografischen Druck, in Rückzugsgebieten und dort, wo die Umwelt schwer für den Ackerbau umgestaltet werden konnte oder wo die Umwelt Nahrung im Überfluss bereitstellte. Die produzierende Lebensweise brachte zudem nicht nur Vorteile mit sich. Sie führte beispielsweise zu einseitigerer Ernährung mit geringerem Proteingehalt. Der Wandel vom Wildbeutertum zur Sesshaftigkeit vollzog sich regional ganz unterschiedlich.

Die Kulturen des Saharo-Sudanesischen Neolithikums lebten genauso als Wildbeuter mit Keramik wie die endsteinzeitlichen Wildbeuter der Punpun-Kultur in Ghana. Die Kintampo-Kultur war die erste vollständig entwickelte neolithische Kultur in Westafrika. Die Jamnaja-Kultur im nordpontischen Steppenraum domestizierte als erste Pferde. Ebenso trifft dies für die Botaj-Kultur in der nordkasachischen Steppe zu. Während im sibirischen Mesolithikum halbsesshafte Wildbeuter lebten, war der Übergang zum Frühneolithikum fließend mit einem keramiklosen Neolithikum: Die Jäger-, Fischer- und Sammlergemeinschaften kannten bereits für das Neolithikum typische Steingeräte, stellten aber noch keine Tongefäße her. In Nordasien verhinderte das aufgrund der üppigen natürlichen Bedingungen reichlich vorhandene Nahrungsangebot den Ackerbau („ökologische Bremse“). Dennoch stellten die Menschen einfache Keramik her. Man spricht hier von der Zeit des Waldneolithikums.

In Armenien gab es Sesshaftigkeit ohne Keramik. Das Neolithikum der Dscheitun-Kultur in Südturkmenistan war von Ackerbau und Viehzucht geprägt. In Nordchina und Ostasien gab es Keramik vor der Sesshaftigkeit. Die Hongshan in Nordostchina waren mobile Jäger und Sammler, die Viehzucht betrieben und hochentwickelte Keramik herstellten. Im russischen Fernen Osten gab es Wildbeuter mit Keramik. Auch in Japan sorgte die „ökologische Bremse“ für eine späte Einführung des Ackerbaus: Weil die Natur reichlich Nahrung zum Jagen, Fischen und Sammeln lieferte, waren die Angehörigen der Jomon-Kultur sesshafte Wildbeuter. Aus demselben Grund lebten an den Küsten Südostchinas saisonal sesshafte Wildbeuter. Sowohl die Jomon-Kultur als auch die Wildbeuter der amerikanischen Nordwestküste waren trotz des Fehlens von Ackerbau und Viehzucht sozial hoch differenziert. In Mexiko führte der Anbau von Kulturpflanzen zur Sesshaftigkeit. Die Leute der Chinchorro-Kultur in Nordchile und Südperu waren präkeramische spezialisierte Fischer und Wildbeuter mit Sesshaftigkeit.

Die Schlussfolgerungen stellen das Bild einer einheitlichen kulturellen Entwicklung des Menschen in Frage – so löst sich nach der Lektüre nicht nur das „neolithische Bündel“ auf: Die Merkmale Sesshaftigkeit, Domestikation von Pflanzen und Tieren und Keramikproduktion treten erst nacheinander und bei jeder Kultur in unterschiedlicher Weise und Ausprägung auf –, sie verdeutlichen auch, wie zerbrechlich die Kulturen sind: Sie entstehen, blühen kurz und vergehen wieder oder gehen in anderen Kulturen auf.

Herzlichen Dank an den Verlag C. H. Beck für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

(c) valentino 2019

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, C. H. Beck, München 2014, 848 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek