Die letzte Nacht der Titanic – Bestechend inszeniert (Filmrezension)

A Night to Remember

Einmal mehr ein Beitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte

Katastrophendrama // Spoilerwarnung – sie geht unter! Nun, da dieser kleine Kalauer euch, liebe Leserinnen und Leser, an diesen Text gebunden hat, kann es ernsthaft weitergehen: Der Untergang der RMS „Titanic“ am 15. April 1912 wurde wiederholt für Kino und Fernsehen verfilmt. Die ersten beiden Umsetzungen entstanden noch im Jahr der Katastrophe. Bei „In Nacht und Eis“ von Mime Misu handelt es sich um eine nicht ganz dreiviertelstündige deutsche Produktion. Sie kann völlig legal im Internet-Archiv geschaut und heruntergeladen werden und findet sich auch bei YouTube. Bemerkenswert an dem zehnminütigen „Saved from the Titanic“ ist die Tatsache, dass sie nach Berichten der Überlebenden Dorothy Gibson gedreht wurde, die sich sogar selbst spielt. Dieser Film gilt als verschollen (im Internet-Archiv und bei YouTube findet sich zwar ein knapp zehnminütiger Film dieses Titels, er ist es aber nicht). Die spektakulärste und bekannteste Version ist natürlich James Camerons dreieinviertelstündiger, vielfach prämierter Blockbuster „Titanic“ mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, der ab Herbst 1997 weltweit in die Kinos kam. Jahrelang nach internationalen Einspielergebnissen der erfolgreichste Film, wurde das Werk in der Hinsicht bis heute lediglich von „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009) und „Avengers – Endgame“ (2019) übertroffen.

Die „Titanic“ wird getauft

„A Night to Remember“, so der Originaltitel von „Die letzte Nacht der Titanic“, basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Walter Lord. Die britische Produktion feierte ihre Premiere am 1. Juli 1958 in London und gelangte ab März 1959 auch in die deutschen Lichtspielhäuser. Der Film beginnt mit der Taufe und dem Stapellauf des Passagierschiffs am 31. Mai 1911. Offenbar eine kleine Beugung der Historie um der Szene willen: Tatsächlich verzichtete die Reederei White Star Line traditionell darauf, ihre Schiffe zu taufen und am Rumpf eine Champagnerflasche zu zerschlagen. Im Übrigen existieren keine Bewegtbildaufnahmen davon, wie die „Titanic“ beim Stapellauf ins Wasser gleitet, für den Film verwendete man den Trivia der IMDb zufolge Aufnahmen des 1938 erfolgten Stapellaufs der RMS „Queen Elizabeth“, seinerzeit das größte Passagierschiff der Welt.

Abfahrt aus Southampton

Zurück zur Spielhandlung von „Die letzte Nacht der Titanic“: Nachdem der Ozeanriese am 10. April vom an der englischen Ostküste gelegenen Southampton ausgelaufen ist, begibt sie sich mit kurzen Zwischenstopps vor dem französischen Cherbourg und dem südirischen Queenstown auf die Passage über den Atlantik. Am 14. April erreichen das Schiff erste Eiswarnungen, aber egal: Das Schiff gilt als unsinkbar. Kurz vor Mitternacht ist es soweit – der Ausguck meldet dem diensthabenden Offizier übers Telefon: Eisberg ganz nah vor uns, Sir! Der Wachhabende lässt das Schiff hart Steuerbord abdrehen und ordert volle Kraft zurück, aber zu spät. Die „Titanic“ wird auf einer Länge von 91 Metern unter der Wasserlinie seitlich aufgerissen.

Kapitän Smith (l.) und Konstrukteur Andrews erkennen die bittere Wahrheit

Kapitän Edward John Smith (Laurence Naismith) schickt den Schiffskonstrukteur Thomas Andrews (Michael Goodliffe) unter Deck, um den Schaden zu inspizieren. Dessen Fazit, die „Titanic“ werde sinken, will er anfangs nicht glauben, lässt sich aber schnell eines Besseren belehren. Andrews errechnet eine Frist von anderthalb Stunden bis zum Sinken. Und während die Passagiere nach der kurzen Erschütterung vorerst sorglos bleiben, beginnt der Kapitän, die Evakuierung des Schiffs zu organisieren, instruiert den Ersten Offizier William M. Murdoch (Richard Leech), den Zweiten Offizier Charles Herbert Lightoller (Kenneth More) und seine übrigen direkten Untergebenen entsprechend. Smith weiß: Es sind zu wenige Rettungsboote an Bord.

Inspiration für James Cameron

Die Bilder von James Camerons schier übermächtiger Version sind mir sehr vertraut. Aber diese vom späteren Horrorspezialisten Roy Ward Baker („Gruft der Vampire“, „Dracula – Nächte des Entsetzens“) in Schwarz-Weiß gedrehte Version der Katastrophe verfehlt ihre Wirkung ebenfalls nicht. Auch wenn in vielen Einstellungen deutlich erkennbar ist, dass mit Miniaturmodellen gearbeitet wurde – so war eben die damalige Tricktechnik. Wer in den Film versinkt (pardon the pun), kann dennoch die Illusion auf sich wirken lassen. Erst recht in den letzten Momenten des sinkenden Schiffs, wenn die Bilder zwischen der Großaufnahme des nahezu senkrecht stehenden Modells und Bildern der auf den Kulissen befindlichen Menschen wechseln. Hier sieht man auch am deutlichsten, dass sich James Cameron „Die letzte Nacht der Titanic“ im Vorfeld seiner eigenen Umsetzung der Tragödie sehr genau angeschaut haben muss (dem Vernehmen nach löste der Film bei ihm den Wunsch aus, sich des Stoffs selbst anzunehmen).

Der Funker der „Carpathia“ empfängt den Notruf

Die 1958er-Version ist ab dem Auslaufen sogleich viel stärker auf die Ereignisse um die Kollision mit dem Eisberg, die Rettungsmaßnahmen und das Sinken fokussiert, als das beim 1997er-Film der Fall ist (wer die Liebesgeschichte zwischen Kate Winslets und Leonardo DiCaprios Figuren bei Cameron in Ehren hält, hat dazu natürlich jedes Recht). Zwischendurch wechselt das Geschehen auf zwei andere Schiffe: Die RMS „Carpathia“ fängt den Notruf der „Titanic“ auf und eilt heran, trifft aber erst nach dem Untergang an der Unglücksstelle ein und nimmt mehr als 700 Überlebende auf. Die in großer Nähe aufgrund der Eisbergwarnungen zum Halt gekommene „Californian“ hingegen misinterpretiert Leuchtsignale vom havarierten Schiff und hat obendrein den Funkraum gerade nicht besetzt, sodass die Notrufe nicht empfangen werden.

Der Abschiedsblick eines Vaters

Sobald es um Leben und Tod geht, wird es emotional. Überaus bewegend gestaltet sich beispielsweise die kurze Szene, wenn der Passagier Robbie Lucas (John Merivale) eines seiner Kinder Offizier Lightoller übergibt, damit der es zur Mutter (Honor Blackman) ins Rettungsboot hebe, und der Blick des gleichwohl ruhig bleibenden Vaters uns verdeutlicht: Er weiß, wie es um das Schiff steht, und ahnt wohl, dass er seinen Lieben nicht folgen wird. Dem gegenüber steht das Verhalten von J. Bruce Ismay (Frank Lawton), Chef der White Star Line, der sich unvermittelt in ein Rettungsboot setzt, das gerade abgefiert wird (der echte Ismay wurde nach seiner Rettung auf beiden Seiten des Atlantiks Zielscheibe eines frühen Shitstorms). So erleben wir Heldengeschichten und Momente der Feigheit – ein Wechselbad der Gefühle. Es spricht für die Präzision der Inszenierung, dass dies Wirkung entfaltet, obwohl wir die Figuren gar nicht besonders gut kennenlernen.

Die Rettungsboote werden abgefiert

Keinerlei Rolle spielt im Film das Rennen ums Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung eines Passagierschiffs. Dass Kapitän Smith und Eigner Ismay die Besatzung auf der Brücke zu Hochgeschwindigkeit anhielten, kann ohnehin ins Reich der Legende verwiesen werden.

Klassiker!

Walter Lords oben bereits erwähnte Vorlage gilt als sorgfältig recherchiert. Der Autor interviewte 64 Überlebende des Untergangs der „Titanic“. Das und die Tatsache, dass beim Dreh Überlebende als Berater hinzugezogen wurden, bewirkten, dass „Die letzte Nacht der Titanic“ bis heute einen guten Ruf als im Rahmen cineastischer Freiheiten akkurate Umsetzung der Ereignisse genießt. Da auch an der Dramaturgie, dem Ensemble und der Bildgestaltung nichts auszusetzen ist, darf dem Werk mit Fug und Recht Klassikerstatus zugestanden werden. Eine Preisflut erntete es zwar nicht, immerhin aber 1959 den Golden Globe als bester englischsprachiger Auslandsfilm (eine seit 1973 nicht mehr existente Kategorie).

Nach einer DVD 2005 und einer Blu-ray 2014 von zwei anderen Labels hat sich nun Pidax des Films angenommen und „Die letzte Nacht der Titanic“ in solider Bildqualität auf Blu-ray und DVD veröffentlicht (zur Sichtung lag mir die DVD vor). Als Boni auf den Scheiben finden sich der Originaltrailer und zwei Bildergalerien. Ein Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“ Nr. 4745 inklusive der für diese Publikation üblichen vollständigen Inhaltsangabe liegt bei.

Beim Untergang der „Titanic“ starben mehr als 1.500 Menschen.

Veröffentlichung: 12. November 2021 und 15. Juli 2014 als Blu-ray, 5. November 2021 und 17. März 2005 als DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: A Night to Remember
GB 1958
Regie: Roy Ward Baker
Drehbuch: Eric Ambler, nach einem Roman von Walter Lord
Besetzung: Kenneth More, Ronald Allen, Robert Ayres, Honor Blackman, Anthony Bushell, John Cairney, Jill Dixon, Jane Downs, James Dyrenforth, Michael Goodliffe, Kenneth Griffith, Harriette Johns, Frank Lawton, Richard Leech, David McCallum, Alec McCowen, Tucker McGuire, John Merivale, Laurence Naismith, Russell Napier, Harold Goldblatt, Desmond Llewelyn
Zusatzmaterial 2021: Originaltrailer, Bildergalerie Pressefotos, Bildergalerie Werbematerial, Trailershow, Wendecover
Zusatzmaterial 2014: Trailershow
Zusatzmaterial 2005: Chronologie des Untergangs, technische Daten der „Titanic“, Geschichten & Legenden, diverse Kinotrailer, Original-Artworks, Biografien, Trailershow
Label 2021: Pidax Film
Vertrieb 2021: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2014: Ascot Elite Home Entertainment
Label/Vertrieb 2005: Indigo

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Blu-ray-Packshot: © 2021 Pidax Film, mittlerer Blu-ray-Packshot: © 2014 Ascot Elite Home Entertainment, DVD-Packshot: © 2005 Indigo

„Wir wollen mehr Literatur wagen“ – Arbeitsgruppe präsentiert ihr Gesamtkonzept für eine lebendige, vielfältige UNESCO City of Literature Heidelberg

Am 29. März 2022 hat die Arbeitsgruppe „Weiterentwicklung Literaturstadt Heidelberg“ ihr Gesamtkonzept in einer Online-Konferenz mit rund 65 Teilnehmern vorgestellt.

Die im vergangenen Jahr angekündigten Kürzungen des städtischen Literaturetats haben gezeigt, dass in Heidelberg, der deutschlandweit einzigen UNESCO City of Literature, ein neues Bewusstsein für die herausragende Bedeutsamkeit von Literatur geschaffen werden muss: Weder die literarische Tradition der Stadt, noch ihr UNESCO-Titel dürfen „verwaltet“ und beschnitten werden. Es gilt, die immensen gesellschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten der 2014 erfolgten Auszeichnung Heidelbergs zur UNESCO Literaturstadt neu zu entdecken und – auch im internationalen Vergleich – endlich umfassend auszugestalten.

In der Arbeitsgruppe „Weiterentwicklung Literaturstadt Heidelberg“ haben sich nach dem erfolgreichen gemeinschaftlichen Protest gegen die Kürzungen der Literaturförderung (Oktober/November 2021) ehrenamtlich Autoren, Übersetzer, Verleger, Buchhändler, Veranstalter und Angehörige der Universität zusammengefunden, um mit gemeinsam entwickelten, innovativen Ideen einen konzeptuellen Neuanfang unserer Literaturstadt voranzutreiben. Damit folgte die Arbeitsgruppe dem in der Sitzung des Ausschusses für Kultur und Bildung am 18. November 2021 formulierten Antrag, ein Gesamtkonzept für die UNESCO City of Literature vorzulegen.

„Mehr Literatur wagen“ ist eine Einladung an alle Akteure, Freunde und Bürger der Literaturstadt Heidelberg, einen gemeinsamen programmatischen Neuanfang zu wagen und den Titel „UNESCO City of Literature“ vielfältig mit Leben zu füllen.

Das Gesamtkonzept ist hier im Download verfügbar.

Die Arbeitsgruppe Weiterentwicklung Literaturstadt Heidelberg:

  • belmonte, Sprecher der Heidelberger Autorinnen und Autoren
  • Veronika Haas, Literaturherbst Heidelberg
  • Bettina Heuer, Sprecherin des Buchhandels
  • Buchhandlung Wortreich
  • Patrizia Hinz, Sprecherin Absatz. Magazin für Literatur und Medien
  • Regina Keil-Sagawe, Sprecherin der Übersetzerinnen und Übersetzer
  • Ulrike Kemna, Beirat Heidelberger Literaturtage
  • Helga Pfetsch, Sprecherin der Übersetzerinnen und Übersetzer
  • Roland Reuß, Autor und Literaturwissenschaftler, Germanistisches Seminar der Universität Heidelberg
  • Ilka Schlüchtermann, Übersetzerin
  • Jutta Wagner, Leiterin LiZ Literarisches Zentrum am DAI Heidelberg
  • Regina Wehrle, Mattes Verlag, Literaturherbst Heidelberg
  • Christian Weiß, Sprecher der Heidelberger Verleger, draupadi Verlag
  • Ingeborg von Zadow, Sprecherin der Heidelberger Autorinnen und Autoren

Heidelberger Literaturtage als städtische Stabsstelle – Eine große Chance vertan

belmonte

Jagoda Marinić übernimmt künstlerische Leitung der Heidelberger Literaturtage

Bei allem Respekt für Jagoda Marinić, deren Arbeit und öffentliches Wirken mich sehr beeindrucken – hier ist leider eine große Chance vertan worden, die Heidelberger Literaturtage zurück in private Hand zu geben.

Über viele Jahre wurde genau diese Reprivatisierung der Literaturtage immer wieder angekündigt. Jetzt zeigt sich, dass das vermutlich nie die Intention gewesen ist. Leider sieht alles sehr nach abgekarteter Hinterzimmerpolitik aus.

Die Literaturtage sind programmatisch in den vergangenen Jahren kaum vom Fleck gekommen. Sie gehören dahin, wo Literatur programmatisch weitergebracht wird, nämlich in die Hand eines oder mehrerer Verlage oder einer verlagsnahen GmbH o. ä. Verlage sind viel besser in der Lage, Autorinnen und Autoren anzusprechen und mit ihnen zu arbeiten. Das ist einfach ihr tagtägliches Geschäft.

Aus meiner Sicht ist das auch ein Affront gegen Manfred Metzner, der vor Jahren als Leiter der Literaturtage mehr Mittel benötigte, worauf die Stadt die Literaturtage selbst weitergeführt hat – mit größerer finanzieller Ausstattung, als Metzner überhaupt angefordert hatte.

Die Art der Entscheidung ohne alle Transparenz und im Gegensatz zu dem, was jahrelang angekündigt wurde, wird Jagoda Marinić den Rückenwind nehmen, den sie bei der Heidelberger Gemengelage braucht. Dass die vom Kulturamt moderierte „AG Neukonzeption Heidelberger Literaturtage“ überhaupt nicht eingebunden war, spricht Bände. Vielleicht wäre ja ein echter Neustart, zum Beispiel eine engere Verzahnung der Literaturtage mit dem Literaturherbst, möglich gewesen. Diese Intransparenz ist für die Literaturtage jedenfalls keine gute Startvoraussetzung.

Jetzt eben eine städtische Stabsstelle. In der Kultur hat es den Anschein, dass die Stadt privater Initiative einfach nicht traut.

Hanau – Darf Uwe Boll das?

Hanau

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Dokudrama // Beim Terroranschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erschießt ein 43-jähriger Einwohner der hessischen Stadt innerhalb einer Viertelstunde neun Menschen, allesamt mit Migrationshintergrund. Anschließend fährt er in seine Wohnung im Ortsteil Kesselstadt und erschießt dort erst seine Mutter und anschließend sich selbst.

Offener Brief der Stadt Hanau an Uwe Boll

Als bereits ein Jahr später bekannt wird, dass der umstrittene deutsche Independent-Regisseur Uwe Boll die Ereignisse verfilmen will, regt sich umgehend Widerstand. So veröffentlicht die mainaufwärts in der Nähe von Frankfurt gelegene Stadt Hanau im März 2021 einen offenen Brief, gezeichnet unter anderem vom Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Stadtverordneten und den Familien der Opfer. Darin verleihen diese ihrem Entsetzen über Bolls Pläne Ausdruck und fordern ihn inständig auf, sein Vorhaben nicht in die Tat umzusetzen. Wer den streitbaren Filmemacher kennt, ahnt: Das wird ihn nicht davon abhalten, sondern womöglich erst recht motivieren. Und so kommt es dann auch, Boll dreht „Hanau“ im März 2021 in Mainz. Einen Kinostart bekommt das Werk nicht spendiert, das verbindet es mit vielen Regiearbeiten Uwe Bolls. Es bleibt spekulativ, ob sich kein Filmverleih und keine Kinokette so kurz nach dem Terrorakt daran die Finger verbrennen will. Ebenso weiß ich nicht, ob Boll über seine BOLU Filmproduktion und -verleih GmbH versucht hat, für die Heimkinovermarktung von „Hanau“ einen größeren Publisher zu finden als das kleine Label Tiberius Film, das es nun geworden ist.

In Vorbereitung

Zu Beginn von „Hanau“ informiert eine Texteinblendung uns darüber, dass es sich bei den Worten des Täters meist um seine eigenen handelt. Er habe ein Manifest geschrieben und diverse Beiträge in den Sozialen Medien veröffentlicht. Er sei der erste Qanon-Massenmörder. Eine weitere Einblendung betont, der Film zeige Uwe Bolls Interpretation des Massakers – durchaus ungewöhnlich, seinem Film eine solche Banalität voranzustellen.

Kruder Gruß an den „Hohen Germanischen Rat“

Die ersten Bilder zeigen deutsche und englische Fernsehnachrichtenmeldungen über die Bluttat. Im Anschluss hält der Täter Tobias R. (Steffen Mennekes) eine Rede an den „Hohen Germanischen Rat“ in die Kamera, mit der er seine krude Haltung zum Besten gibt (womöglich aus besagtem Manifest entnommen). Er endet mit einem zackigen Viva Germania! Wir sehen ihn daheim, beim Schusstraining, im Auto, ständig vor sich hin monologisierend. Am Tag der Tat sieht er sich mittags in der Innenstadt um und kehrt dann nach Hause zurück. Um 20:48 Uhr besteigt er sein Auto und fährt erneut in die Innenstadt. Um 21:50 Uhr erreicht er die Shishabar „Midnight“, betritt sie und erschießt diverse Anwesende.

Er schreitet …

Mit dem Selbstmord des Massenmörders endet die Spielhandlung von „Hanau“ bereits nach einer Stunde. Es folgen weitere Nachrichtenbilder, die einige weltweite rechtsgerichtete Umtriebe illustrieren, unter anderem mit Donald Trump und Björn Höcke, bevor sich Uwe Boll für den Rest der Laufzeit selbst inszeniert, wie er in Hanau die Orte des Geschehens aufsucht und kommentiert. Seine Regiearbeit endet mit einer erschreckend langen Liste „Erfasste Opfer rechtsradikaler Gewalt in Deutschland seit 1990“ (gemeint sind Todesopfer).

Konsequenter Fokus auf den Täter

„Hanau“ bleibt in der Spielhandlung konsequent beim Täter und zeigt die Opfer lediglich während der Morde, zeigt sie kurz beim Sterben. Boll ging es erkennbar darum, seinem Publikum die krude Weltsicht des Rechtsterroristen zu präsentieren und zu vermitteln, wie eine Mischung aus Rassismus, Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn zu einer derart entsetzlichen Tat führen kann. Dabei bleibt der Regisseur jederzeit im Hier und Jetzt, die sicher Jahre währende Entwicklung dieses Weltbilds im Kopf des Mörders klammert er aus; sie darzustellen, hätte wohl auch den zeitlichen Rahmen gesprengt und wäre zudem arg spekulativ ausgefallen, erst recht so kurz nach den Ereignissen.

… zur Tat

Die Szenen mit dem monologisierenden Täter wirken auf mich befremdlich. Liegt es am mangelnden Vermögen des Schauspielers Steffen Mennekes, den Boll gern bucht, oder gar an unsauberer Schauspielerführung durch den Regisseur? Was die Figur da allerdings an rassistischem und verschwörungstheoretischem Unfug von sich gibt, IST befremdlich. Die Art und Weise, wie Mennekes das vorträgt, passt somit vorzüglich und ist stimmig. Ob der Täter tatsächlich derartige Monologe – wahlweise Selbstgespräche – geführt hat, ist unerheblich, als Element zur Vermittlung dieser Gedankenwelt ist das ein legitimes Stilmittel.

Make-up-Effekte von Olaf Ittenbach

Boll inszeniert das Geschehen betont kühl, um einen dokumentarischen Charakter zu erhalten. Bei den Morden geht er darüber allerdings hinaus, diese fallen drastisch und atemstockend aus. Für die Make-up-Effekte hat sich der Regisseur, der wie üblich auch als Produzent agierte, die Dienste des deutschen Independent-Splatterfilmers Olaf Ittenbach („Premutos – Der gefallene Engel“, „Legion of the Dead“) gesichert, der diese Aufgabe bereits bei den Boll-Arbeiten „Blood Rayne“ (2005), „Seed“ (2006) und „Tunnel Rats – Abstieg in die Hölle“ (2008) übernommen hatte. Die drastische Darstellung von Gewalt und ihren Folgen hat für mich in Filmen ihre Berechtigung, in diesem Fall konterkariert sie meines Erachtens aber die aufklärerische Intention, da sie „Hanau“ einen exploitativen Beigeschmack gibt. Es ist eben doch einen Tick zu viel, wenn ein Toter mit Kopfschusswunde gezeigt wird, neben dessen Kopf Schädelknochen und Hirnmasse auf dem Boden verteilt sind. Hier konnte – oder wollte – Boll offenbar nicht aus seiner Haut. Andererseits sind das kurze Momente, andere mögen das vielleicht sogar als zurückhaltend inszeniert interpretieren.

Keine Frage: Sein Anliegen, vor den Gefahren zu warnen, die in manchen Bevölkerungsgruppen mit rechter Schlagseite in Deutschland (und weltweit) seit Jahren heranwachsen, ist ehrenwert und berechtigt. Ich halte Uwe Boll in der Hinsicht auch für glaubwürdig. „Hanau“ ist zudem weit davon entfernt, als völlig missratenes Machwerk diskreditiert zu werden, wie es diversen von Bolls Regiearbeiten über die Jahre ergangen ist. Vielleicht wäre er besser beraten gewesen, sich in puncto Gewaltdarstellung diesmal etwas zu zügeln. Er geht aber nun mal an die Themen, die ihm wichtig sind, voller Leidenschaft heran, was gelegentlich dazu führt, dass ihm die Pferde durchgehen. Das sei ihm nachgesehen, ist ja auch keine Missetat. Insgesamt wirkt „Hanau“ nicht ganz zu Ende gedacht und mit seiner Agenda in Einklang gebracht, das Dokudrama bleibt mit seiner konsequenten Tätersicht und der Präsentation der Gedankenwelt des Massenmörders aber ein sehr interessanter Kommentar zum Terroranschlag.

Dreharbeiten ein Jahr nach dem Terroranschlag

Besonderes Interesse und kritische Betrachtung weckt „Hanau“ zweifellos auch aufgrund der zeitlichen Nähe zur Tat. Dreharbeiten nur ein Jahr später, deren Vorbereitung somit noch näher dran – da rauschte der Blätterwald und sowohl Filmfans und -journalisten als auch andere hatten sofort eine Meinung. Viele dieser Meinungen, insbesondere die abfälligen, resultierten aus eigenen Glaubenssätzen zum Thema Pietät, was dazu führte, dass Boll von vielen geschmäht wurde. Das kann er doch nicht machen! Wie kann er nur? Dabei ist die Antwort auf die Frage Darf der das? erst einmal simpel: Natürlich darf der das!

Andernorts …

In oben erwähntem offenen Brief drohen die Unterzeichnenden mit Strafanzeige und Unterlassungsklage für den Fall, dass Boll Persönlichkeitsrechte der Angehörigen, deren Pietätsempfinden und die fortwirkende Menschenwürde der Verstorbenen missachte. Dazu ist festzustellen, dass der Regisseur die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen insofern achtet, als Angehörige nicht im Bild auftauchen und auch nicht genannt werden. Von den Mordszenen mögen einige von ihnen ihr Pietätsempfinden verletzt sehen, allerdings vermag ich hier keine strafrechtliche Relevanz zu erkennen. Auch die Würde der Getöteten bleibt meines Erachtens gewahrt. Boll charakterisiert keinen von ihnen, sie bleiben die willkürlichen Opfer, zu denen der Terrorist sie auserkoren hat, weil sie sich eben zufällig gerade an den Orten aufhielten, die er für seine Bluttaten ausgewählt hatte.

Polizeilicher Notruf nicht erreichbar

In dem Brief wird Boll zudem aufgefordert, seine vorherige Behauptung zu unterlassen, das Ordnungsamt Hanau habe jahrelang versagt. Diese Behauptung wiederholt er im Film in der Tat nicht, ob als Reaktion auf den offenen Brief oder aus anderen Motiven. Boll kritisiert allerdings sehr scharf die Hanauer Polizei für ihre mangelnde telefonische Erreichbarkeit an jenem Abend, ein Vorwurf, den nicht nur er erhebt.

… mordet er weiter

Ist es unethisch, den Anschlag so früh nach der Tat zu verfilmen? Auffällig: Darauf geht der offene Brief der Stadt Hanau überhaupt nicht ein. Der zentrale Vorwurf daraus lautet: Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, welche Geisteshaltung notwendig ist, um den gewaltsamen Tod von neun Mitmenschen in einer Art und Weise filmisch umzusetzen, die nach Ihren eigenen Worten zu hart für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist. Damit ignorieren die Unterzeichnenden die Existenz einer Vielzahl filmischer Umsetzungen brutaler Gewaltakte aus unserer Realität, bei denen diese Kritik nicht geübt wird. Ob Krimis, Thriller, Kriegsfilme oder schlicht Dramen – permanent entstehen Filme nach tragischen Begebenheiten der Zeitgeschichte. Meist vergeht nur eben mehr Zeit zwischen den Ereignissen und ihrer filmischen Adaption.

Der Regisseur mit dem „unterirdischen Ruf“

Sein Ruf als schlechter Regisseur spielt offenbar auch eine große Rolle bei der Ablehnung, die Uwe Bolls geplante Umsetzung im Vorfeld auslöste. So kritisierte ein Autor der Süddeutschen Zeitung schon im März 2021 das Vorhaben in einem Text, der vor Voreingenommenheit gegenüber Boll strotzt. Da ist davon die Rede, er werde immer wieder als schlechtester Regisseur der Welt geschmäht, und sein Ruf sei so unterirdisch, dass er sich 2018 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Gefolgt von einer Unterstellung unter der Gürtellinie: Die Wut, die sein Hanau-Projekt jetzt naturgemäß auslösen muss, will er offenbar als Aufmerksamkeitsmotor für ein Comeback nutzen. Hätte sich der Autor etwas intensiver mit Uwe Boll auseinandergesetzt, wüsste er, dass der Mann Überzeugungstäter ist. Er wüsste auch, dass Bolls Filmografie nicht zwangsläufig den geschmack- und gefühllosen Exploitation-Film befürchten lässt, den er offenbar befürchtet. Der Autor erwähnt sogar, dass Boll einen Film über den Konflikt in Darfur gemacht hat, hat diesen aber offenbar nicht gesehen, denn nach Sichtung von „Darfur – Der vergessene Krieg“ (2009) wüsste er, dass Boll mehr drauf hat, wenn er denn will.

Geradezu entlarvend wird die Anti-Boll-Agenda des Verfassers, wenn er Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993) in einen Kontext zu Uwe Bolls „Auschwitz“ (2011) setzt und dabei die Meisterschaft des einen mit der vermeintlichen Talentlosigkeit des anderen vergleicht und seine Haltung als allgemeingültige Wahrheit verkauft: Wahr ist, dass es Werke dieser Art gibt, die am Ende ihr künstlerisches Versprechen überzeugend einlösen, selbst wenn sie im Vorfeld oder bei der Premiere umstritten waren. Wahr ist ebenso, dass schamlose Ausbeuter schon immer das Grauen der Realität für den Versuch benutzt haben, über Schock- und Skandaleffekte schnelle Gewinne einzufahren. Der Meisterregisseur ist somit allein schon aufgrund seines großen Talents glaubwürdig, wer seine Filme nicht ganz so virtuos inszeniert, muss wohl ein schamloser Ausbeuter sein. Eine schäbige Argumentation, die obendrein völlig außer Acht lässt, dass ein Vergleich zwischen dem großen Hollywood-Regisseur Steven Spielberg und dem stets mit Minimalbudgets hantierenden Independent-Filmer Uwe Boll die gewaltigen Unterschiede bei den Production Values berücksichtigen müsste. Auch „Hanau“ sieht man selbstverständlich an, dass Boll für die Produktion nur wenig Geld zur Verfügung stand.

Psychogramm des Täters

„Hanau“ ist ganz sicher kein geschmack- und gefühlloser Exploitation-Film geworden. Uwe Boll klammert die Persönlichkeiten der Opfer komplett aus und konzentriert sich voll auf den Täter. Das Psychogramm mag oberflächlich sein, und der Fokus auf den Mörder inklusive Vernachlässigung der Profile der Opfer kann einem missfallen, es passt aber zu Bolls Agenda, vor solchen Terroristen zu warnen. Wer sich mit der Haltung des Filmemachers etwas auseinandersetzen möchte, dem sei ein Interview bei „Blickpunkt Film“ empfohlen.

Ausgeführt

Bleibt die Frage, die nach derzeitigem Ermittungsstand wohl bejaht wird: War Tobias R. ein verwirrter Einzeltäter?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Uwe Boll sind dort in der Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. März 2022 als Blu-ray und DVD, 17. Februar 2022 als Video on Demand

Länge: 78 Min. (Blu-ray), 75 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hanau
D 2022
Regie: Uwe Boll
Drehbuch: Uwe Boll, Steffen Mennekes
Besetzung: Steffen Mennekes, Radost Bokel, Imad Mardnli, Tito Uysal, Adam Jaskolka, Daniel Faust, Robert Hofmann, Christopher Köberlein, Annika Strauss, Sven Zinserling, Vito Anthony Adragna, Robin Atalay, Alper Buyukyigit, Erlogan Ercan, David Erstling, Hiltrud Hauschke, Jannis Hollmann, Teggour Ismail
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Uwe Boll, Making-of, Trailer
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2022 Tiberius Film

Wir sind alle Klimaleugner

Letzte Woche wieder in meinem Lieblingscomicladen in Mannheim,
Fantastic Store in der Tattersallstraße,
zwei Minuten vom Hauptbahnhof.
Haben die ganzen US-Sachen,
nicht nur Marvel und DC,
genauso die Independence-Verlage,
Image Comics,
Dark Horse,
BOOM! und so weiter,
auch die Hefte,
die mir allerdings zu anstrengend sind,
um dranzubleiben.

Fahre gerade komplett ab auf Nocterra von Scott Snyder und Tony S. Daniel,
erster Band Full Throttle Dark,
starkes Teil,
Welt innerhalb von Minuten komplett dunkel,
Leute ohne elektrisches Licht verwandeln sich in Monster,
Tiere sowieso,
Heldin Val Riggs fährt mit einem Truck zwischen den letzten Outposts hin und her,
immer wieder kurze Rückblenden,
Sachen werden klarer.

Scott Snyder begeistert mich schon seit Monaten,
Audiozeug in seinem Substack-Newsletter lässt sich gut hören,
hat lange für DC geschrieben,
viel Batman,
dann independent bei Image,
sein Wytches ist heftig,
extrem gutes,
dreckiges Coloring von Matt Hollingsworth,
zeigt,
was alles drübergelegt werden kann.

Wytches und Nocterra wirds wohl bald im Streaming-TV geben,
wundert mich nicht.

Comic ist für mich Mischung aus Prosaerzählung und Film,
nimmt das Beste aus beiden Welten,
führt es im Idealfall weiter.
Erzählerische Texte können von Comics lernen,
vor allem amerikanische Comics aus meiner Sicht weit fortgeschritten,
professionelle Arbeitsteilung,
Blendtechniken,
Serialität.

Ein Wort zur aktuellen Lage Russlands und der Ukraine.
Mir fällt es ehrlich gesagt schwer,
mir eine robuste Meinung zu bilden.
Ich kann irgendwie nicht glauben,
dass Russland die Ukraine wirklich angreifen wird,
obwohl die Besetzung der Krim ja schon Vorlage war.
Kann mir gut vorstellen,
dass ein russischer Angriff auf die Ukraine ein massives Zusammenrücken Europas zur Folge hätte,
an dem Russland sicherlich kein Interesse haben dürfte.
Womöglich sind wir dann aber alle schon nicht mehr da.

Warum eigentlich nicht Russland selbst eine NATO-Mitgliedschaft anbieten?

Was mir nach wie vor sehr leid tut,
ist die mangelnde Berichterstattung über Belarus.
Über dem Land liegt seit Monaten eine bittere Glocke,
vor allem aus einer Reihe von Twitter-Accounts bekomme ich noch etwas mit,
was dort geschieht,
zum Beispiel Hanna Liubakova.

Leute meistens,
die längst außer Landes sind.
Viele Stimmen in Belarus selbst längst verstummt.

Freue mich über Empfehlungen zu Kanälen und Stimmen aus Belarus,
die ich nicht auf dem Radar habe.
Wer sucht,
findet wohl weiterhin einiges.

Haben am Wochenende den Film Don’t Look Up mit Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Cate Blanchett und noch anderen geläufigen Namen gesehen.
Sehr unterhaltsam und teilweise packend,
bürstet einiges gegen den Strich,
exzellente Parodie über das Leugnen eines bevorstehenden Kometeneinschlags,
ein Planetenkiller,
der alles Leben auslöscht,
eigentlich gar keine Parodie,
die Vergleiche zu aktuellen Klima- und Coronaleugnern sind einfach zu gelungen.

Dabei ist der Film alles andere als einseitig.
Hat mir deutlich gemacht,
wie selbstgerecht auch die große Masse derjenigen ist,
die den Klimawandel eben nicht leugnen.
Eigentlich gehören sie ebenfalls zu den Klimaleugnern,
praktische Klimaleugner,
die genauso weitermachen wie bisher.
Zu dieser Masse zähle wohl auch ich.

Immer wenn Heidelberg mir zu eng wird,
muss ich nach Mannheim.
Für mich ist Heidelberg ohnehin das Neuenheim von Mannheim,
muss da immer mal raus.
Japanische Küche im Osaka am Friedrichsring ist jedenfalls vorzüglich.

(c) belmonte 2022

Shootings Dogs – Ruanda und die Tatenlosigkeit der Welt (Filmrezension)

Shooting Dogs

Bedrückender Film über ein bedrückendes Weltereignis vor mehr als einem Vierteljahrhundert, dem sich Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ hier widmet.

Kriegsdrama // Haben die auf sie geschossen? So fragt Father Christopher (John Hurt) den belgischen Blauhelm-Offizier Capitaine Charles Delon (Dominique Horwitz). Der hat ihm angekündigt, die streunenden Hunde erschießen lassen zu wollen, die sich vor der weiterführenden Schule École Technique Officielle über die Leichen hermachen. Der Geistliche kommentiert mit seiner rhetorischen Frage auf sarkastische Weise die Untätigkeit der UN-Friedenstruppen im Angesicht des Völkermords in Ruanda, deren Mandat den Schusswaffengebrauch nur zulasse, wenn zuvor auf sie geschossen worden ist. Der Dialog in „Shooting Dogs“ gab dem Film seinen Namen.

Schule wird Schauplatz eines Massenmords

Den Hergang des Völkermords in dem ostafrikanischen Binnenstaat habe ich bereits in meiner Rezension von Raoul Pecks Kriegsdrama „Als das Morden begann“ (2005) skizziert. Die Handlung des an Originalschauplätzen gedrehten „Shooting Dogs“ fokussiert sich auf oben genannte Schule in der ruandischen Hauptstadt Kigali, die am 11. April 1994 zum Schauplatz eines Massenmords an mehr als 2.000 Menschen wurde. Die Handlung setzt sechs Tage zuvor ein: Der für ein Jahr dort tätige junge Lehrer Joe Connor (Hugh Connor) erfreut sich bei den Schülerinnen und Schülern großer Beliebtheit. Er selbst hat ein Auge auf Marie (Clare-Hope Ashitey) geworfen, eine talentierte Leichtathletin. Joes Unbeschwertheit bekommt einen ersten Knacks, als er von der BBC-Journalistin Rachel (Nicola Walker) erfährt, eine hauptsächlich von Tutsi besuchte Friedenskundgebung sei von Hutu-Schlägern mit Macheten überfallen worden. Kurz darauf wird Marie von ein paar halbwüchsigen Hutu mit Steinen beworfen und als „Kakerlake“ beschimpft – eine typische Beleidigung der Tutsi durch die Hutu, wie die Schülerin ihrem Lehrer berichtet.

Der Mob lauert schon

Am späten Abend des 6. April stirbt Staatspräsident Juvénal Habyarimana, als sein Flugzeug abgeschossen wird. Seit vielen Wochen aufgestachelte Hutu-Gewalttäter – manche in Uniform, manche in Zivil – beginnen umgehend mit Massakern an den Tutsi. Die zum Schutz der Schule abgestellten belgischen Blauhelm-Soldaten unter Capitaine Delon riegeln das Gelände ab. Gegen den Willen des Offiziers gewährt Father Christopher vielen flüchtenden Tutsi Unterschlupf. Vor den Toren sammelt sich bald ein blutrünstiger Mob.

Uns kann nichts geschehen, solange wir zusammenhalten. Wir sind zu viele hier. Anfangs glaubt Joe Connor noch an das, was er Marie sagt. Doch die fragile Sicherheit der Menschen in der Schule hängt einzig von der Anwesenheit der UN-Soldaten ab. Und selbst die Belgier sind gefährdet, wie die Massakrierung von zehn belgischen Blauhelm-Soldaten beweist, die zur Sicherheit der ebenfalls ermordeten Premierministerin Agathe Uwilingiyimana abkommandiert waren. An einer Straßensperre trifft der junge Lehrer François (David Gyasi) wieder, einen Hutu, der an der Schule als Aushilfe beschäftigt war und den Joe als freundlichen Menschen schätzte. Nun hält er eine blutverschmierte Machete in der Hand.

Vom Regisseur von „Rob Roy“

Der schottische Regisseur Michael Caton-Jones („Memphis Belle“, „Rob Roy“) lieferte mit „Shooting Dogs“ seinen vielleicht besten, ganz sicher aber wichtigsten Film ab. Die recht unbeschwerten ersten Minuten von „Shooting Dogs“ sind allzu schnell vorbei, danach öffnet sich nach und nach der ganze Abgrund des Völkermords, anfangs noch mit Informationsfetzen und Gehörtem, bald auch im schockierenden Bild. Nicht ausufernd, aber in aller Schonungslosigkeit zeigt Caton-Jones das grausame Gemetzel, das Schwingen der Macheten und Keulen. Hoffnung für die Tutsi gibt es keine – als französische Soldaten eintreffen, dient das nur dem Zweck, die Weißen zu evakuieren. Joe bleibt mit Father Christopher bei den Tutsi, doch als auch die belgischen Soldaten abgezogen werden, muss er eine Entscheidung treffen. Und die Meuchelmörder vor den Toren der Schule schwingen in freudiger Erwartung des Abzugs der Soldaten schon ihre Waffen.

Kein Schießbefehl für die UN-Beobachter

An den Straßen liegen überall blutige Leichen, gnadenlos erheben junge Männer die Macheten gegen Frauen, Babys, Alte. Phasenweise ist das schwer erträglich. Caton-Jones legt den Finger tief in die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, die dem drei Monate andauenden Massenmord in Ruanda aufgrund der Uneinigkeit des UN-Sicherheitsrats zuschaute, ohne einzugreifen. Der Blick auf die belgischen Blauhelme an der Schule dokumentiert dies vorzüglich. Capitaine Delon, meines Wissens eine fiktive Figur, steht stellvertretend für die UN-Friedenstruppen, deren Mandat ein Eingreifen verbot und die deshalb zur Untätigkeit verdammt waren. Delon ringt mit sich, zeigt Gewissensbisse, aber zu keinem Zeitpunkt kommt es für ihn in Frage, die Waffe gegen die Mörder zu erheben oder seinen Untergebenen den Schießbefehl zu geben. Ich bin Soldat – und Soldaten gehorchen ihren Befehlen. Das kennen wir nur zu gut. Der in Deutschland lebende französische Schauspieler Dominique Horwitz bewältigt diese schwierige Gratwanderung überzeugend.

Das Lexikon des internationalen Films bemängelte in seiner ansonsten sehr positiv ausfallenden Kurzrezension, „Shooting Dogs“ konzentriere sich auf die psychologische Ausarbeitung der Charaktere der weißen Protagonisten, wodurch der Völkermord zur Kulisse westlicher Gewissenskonflikte werde. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht, wobei ich die Schärfe der Formulierung für unfair halte. Mit der internationalen Besetzung und vor allem John Hurt erhielt der Film immerhin Aufmerksamkeit, die ihm sonst verwehrt worden wäre.

Kostenlos im Netz

Seine Weltpremiere feierte „Shooting Dogs“ am 11. September 2005 beim renommierten Toronto International Film Festival, anderthalb Monate später wurde es bei den Internationalen Hofer Filmtagen in Bayern gezeigt. In den USA wurde das Kriegsdrama auch unter dem Titel „Beyond the Gates“ vermarktet und im deutschen Fernsehen als „Mord unter Zeugen“ ausgestrahlt. In Deutschland ist Michael Caton-Jones’ Regiearbeit nie auf DVD oder Blu-ray erschienen; eine deutsch synchronisierte Fassung kann aber kostenlos und völlig legal auf der Website und dem YouTube-Kanal des Internet-Streaming-Anbieters Netzkino angeschaut werden – mit einem kostenpflichtigen Abo auch werbefrei.

Den Opfern des Völkermords

Als Einstieg zur Lektüre über den Völkermord in Ruanda eignet sich die Webseite „Ghosts of Rwanda“. „Shooting Dogs“ ist allen Opfern des Völkermords gewidmet – die Zahl der Toten wird auf etwa 800.000 geschätzt. Vor dem Abspann werden einige Überlebende gezeigt, die bei den Dreharbeiten mitgewirkt haben, so beispielsweise Euphrasie Mukarubibi, die ihren Ehemann verlor, vergewaltigt und dabei mit HIV infiziert wurde und als Statistin beteiligt war. Jean-Pierre Sagahutu war am Set als Leiter des Transport beschäftigt – seine Eltern, drei Schwestern und vier Brüder wurden ermordet. Mussa Mangara war für die Garderobe zuständig; 30 Mitglieder der Familie seiner Mutter befinden sich unter den Opfern des Genozids. Dieselbe Tätigkeit beim Dreh übte Nathalie Rutabuzwa aus, die der Völkermord all ihre Schwestern und Brüder kostete.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Dominique Horwitz und John Hurt sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (GB): 31. Juli 2006 und 25. Juni 2007 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Shooting Dogs
Deutscher TV-Titel: Mord unter Zeugen
Alternativtitel: Beyond the Gates
GB/D 2005
Regie: Michael Caton-Jones
Drehbuch: David Wolstencroft
Besetzung: John Hurt, Hugh Dancy, Dominique Horwitz, Louis Mahoney, Nicola Walker, Steve Toussaint, Clare-Hope Ashitey, David Gyasi, Susan Nalwoga, Victor Power, Jack Pierce
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Metrodome Distribution

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Packshots: © Metrodome Distribution

Frohes neues Jahr 2022

Frohes neues Jahr 2022,
liebe Freunde!

Jahr hat grau angefangen,
regnet Katzen und Hunde,
Omikron hält uns alle im Griff.
Hoffe trotzdem,
Ihr habt schöne Feiertage gehabt mit Euren Lieben und nicht zu viele schlechte Nachrichten.

Ich selbst war ein bisschen mit meinen Kindern schwimmen,
Booster machts möglich,
heftige Hurricane-Rutsche im Miramar,
wer Lust hat,
Eindrücke hier von irgendjemandem:

Längere Tour im Odenwald,
gut gegessen,
ansonsten habe ich an einer Reihe von Storylines und Plots gearbeitet,
Gedanken zu digitaler Literatur gemacht.
Bin nach wie vor der Meinung,
dass Literatur sich erst auf halbem Weg in die digitale Welt befindet.
Viele neue Streaming-Formate,
die sich im vergangenen Jahr aufgetan haben,
ein wenig kollaboratives Schreiben im virtuellen Raum,
der echte Durchbruch aus meiner Sicht noch nicht geschehen.
Comics da schon viel weiter,
sind natürlich auch Literatur.

Ach ja,
kürzlich erreichte mich von einem Verlag eine Publikationszusage für ein Buch,
das ich im vergangenen Sommer beendet habe.
Was genau,
verrate ich noch nicht,
kann aber sagen,
es wird sehr cool.

Gab vergangenes Jahr Diskussion unter Heidelberger Autor:innen,
ob die aktuelle Situation als Berufsverbot bezeichnet werden könne.
Es stimmt aber einfach nicht,
dass Schriftsteller:innen in Deutschland Berufsverbot haben.
Sie können schreiben,
gibt Verlage,
die sie veröffentlichen,
können Lesungen veranstalten,
und wenn sie es richtig machen,
haben Sie online ein viel größeres Publikum,
als sie analog je hatten,
mit Realtalk und allem Drum und Dran.

Und dann war ich noch im neuen Spider-Man-Film,
originelle Story,
verrückte Überraschungen,
insgesamt aber etwas zu nostalgisch.
Hat trotzdem großen Spaß gemacht.

Freue mich über Kommentare,
wie Ihr den Film fandet.

(c) belmonte 2022

Brief aus Ulm

Eingang der Hochschule für Gestaltung Ulm
Eingang der Hochschule für Gestaltung Ulm / Foto: belmonte

Heute Gebrauchten in München abgeholt.

Frühmorgens Railjet der ÖBB von Mannheim nach Budapest.

War hundemüde.

Musste aufpassen,

dass ich Pasing nicht verpasse,

sonst wäre ich womöglich in Wien aufgewacht.

Auf dem Rückweg Zwischenstopp in Ulm,

das Museum der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm besucht,

Bauhaus-Nachfolger,

gegründet u. a. von Inge Aicher-Scholl,

Schwester von Hans und Sophie Scholl.

Museum des HfG-Archiv
Museum des HfG-Archiv / Foto: belmonte

Design vom Feinsten.

Ich verstehe immer noch nicht,

warum die HfG Ulm nicht wiedereröffnet wird.

Ulmer Hocker
Ulmer Hocker / Foto: belmonte
Schneewittchensarg
Schneewittchensarg / Foto: belmonte

Die haben so großartige Sachen geschaffen,

den Schneewittchensarg,

den Ulmer Hocker,

Stapelgeschirr,

Hamburger Hochbahn und was nicht alles.

Stapelgeschirr / Foto: belmonte

Haltet mal den Braun-Taschenrechner neben das erste Apple iPhone,

direkte Linie vom Bauhaus über die HfG Ulm ins Silicon Valley.

Rückansicht Hochschule für Gestaltung Ulm
Rückansicht Hochschule für Gestaltung Ulm / Foto: belmonte

(c) belmonte 2021

Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe – Dabei will er doch nach Australien! (Filmrezension)

Support Your Local Sheriff!

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Westernkomödie // Immer wieder gern gesehen: Jack Elam (1920–2003). Sein schiefer Blick resultierte daraus, dass er als Zwölfjähriger einen Bleistift ins Auge gestochen bekam. Das verstärkte sein markantes Aussehen, was ihn als Sonderling und Schurke prädestinierte – ein Rollenbild, das er in etlichen Western unter großen Regisseuren gern annahm. So war er in Robert Aldrichs „Vera Cruz“ (1954) an der Seite von Gary Cooper, Burt Lancaster, Ernest Borgnine und Charles Bronson zu sehen. Mit John Wayne spielte er in „Die Comancheros“ (1961) unter der Regie von Michael Curtiz, mit James Stewart unter anderem in „Rancho River“ (1966) und mit Kirk Douglas, Robert Mitchum und Richard Widmark in „Der Weg nach Westen“ (1967), beide inszeniert von Andrew V. McLaglen. Ohne Nennung im Abspann blieb Elam in Fred Zinnemanns „12 Uhr mittags“ (1952) – der Part als Besoffener im Knast war wohl zu kurz. Unvergessen bleibt uns der Gute auch nicht zuletzt aufgrund eines anderen Kurzauftritts: Im Prolog von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) wartet er als Revolverschwinger mit zwei Spießgesellen auf einen Zug und vertreibt sich die Zeit damit, eine lästige Fliege zu beobachten und schließlich mit dem Lauf seiner Pistole zu fangen. Unmittelbar nach Eintreffen des Zuges beendet eine Kugel aus dem Revolver von Charles Bronsons „Harmonica“ sein Dasein.

Jack Elam durchbricht die vierte Wand

In „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ (1969) spielt Jack Elam den leicht vertrottelten Jake, der sich im Lauf der Zeit zur treuen Seele und zum Helfer der von James Garner verkörperten Titelfigur Jason McCullough mausert. In der letzten Szene des Films durchbricht Jake mit in die Kamera gerichtetem Blick sogar die vierte Wand, um dem Publikum zu berichten, was aus Sheriff McCullough, Prudy Perkins (Joan Hackett) und ihm selbst geworden ist. Da es sich um eine Westernkomödie handelt, bekommt das Publikum ein schönes Happy End geboten. Den Spoiler verzeihe man mir, man kann es sich von Anfang an denken.

Prudy Perkins geht keiner Schlammschlacht aus dem Weg

Jason McCullough will nach Australien auswandern. Jedenfalls wird er nicht müde, das zu behaupten. Weil ihm dafür das nötige Kleingeld fehlt, will er in Colorado Gold schürfen. Im Örtchen Calendar geht es drunter und drüber, wie das zu Zeiten des Goldrausches nun mal ist. Das Sagen hat die übel beleumdete Familie Danby. Pa Danby (Walter Brennan) kontrolliert die Frachtrouten nach außerhalb. Sohnemann Joe (Bruce Dern) beweist den miesen Ruf der Danbys, indem er im Saloon eiskalt einen Mann niederschießt. Das verlanlasst den just eingetroffenen McCullough zu der Bemerkung, es sei Mord gewesen. Spricht’s und zieht von dannen, den verdutzten Joe Danby ratlos zurücklassend.

Sheriffposten statt Goldsuche

Die Inflation nimmt in Calendar enorme Ausmaße an, was McCulloughs Absichten zuwiderläuft. Daher sagt er zu, den Posten des Sheriffs zu übernehmen, den ihm der Bürgermeister Olly Perkins (Harry Morgan) und die Stadträte Henry Jackson (Henry Jones) und Fred Johnson (Walter Burke) nachdrücklich anbieten. Seine erste Amtshandlung besteht darin, eine handfeste Massenkeilerei auf der schlammigen Hauptstraße von Calendar aufzulösen. Daran beteiligt ist auch des Bürgermeisters aufbrausende Tochter Prudy, der er kurz darauf erneut begegnet: Ihr Vater gewährt dem neuen Sheriff Kost und Logis. Weil Dorftrottel Jake gerade in der Nähe herumsteht, verpflichtet er ihn kurzerhand als Hilfssheriff. Zu Jakes Entsetzen muss dieser seinem neuen Chef sogleich dabei helfen, Joe Danby zu verhaften. Das gelingt ganz ohne Blutvergießen, aber im just neu errichteten Gefängnis von Calendar erlebt Sheriff McCullough eine Überraschung: Die Gitter wurden noch nicht geliefert.

Die Delle im Sheriffstern

„Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ strotzt vor brüllend komischen Einfällen. So dient es als Running Gag, wie es dem Sheriff immer wieder gelingt, den im gitterlosen Knast einsitzenden Joe Danby an der Flucht zu hindern. Eine andere schöne Pointe: Kurz nach seiner Ernennung hatte sich McCullough aus einer Sammlung ramponierter Sheriffsterne einen ausgesucht, der eine Delle von einer Revolverkugel aufweist. Auf seinen Kommentar, der Stern habe seinem Träger wohl das Leben gerettet, bekommt er zu hören: Das hätte er wohl, wären die Kugeln in dem Moment nicht von allen Seiten gekommen. Köstliche Dialoge wie dieser ziehen sich durch „Support Your Local Sheriff“, so der Originaltitel.

Sheriff McCullough bietet Pa Danby die Stirn – und den Finger

Man muss das Westerngenre schon gut kennen und sehr lieben, um es derart liebevoll zu verhohnepiepeln. Beides trifft zweifellos auf Burt Kennedy zu, der in seiner von 1961 bis 2000 währenden Karriere etliche anständige Genrebeiträge inszeniert hat. Er drehte mit namhaften Stars, etwa für „Nebraska“ (1965) mit Henry Fonda und Glenn Ford, „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ (1966) mit Yul Brynner sowie „Die Gewaltigen“ (1967) mit John Wayne und Kirk Douglas. 1971 hatte er für „In einem Sattel mit dem Tod“ (1971) Ernest Borgnine, Christopher Lee, Robert Culp und Raquel Welch vor der Kamera, 1973 für „Dreckiges Gold“ (1973) Rod Taylor und erneut John Wayne.

Walter Brennan parodiert seine eigene Rolle

Kenntnis des Westerngenres belegen auch die Reverenzen, die „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ zwei Genreklassikern erweist. Eine städtische Versammlung erinnert frappierend an eine ebensolche Zusammenkunft im bereits erwähnten Edelwestern „12 Uhr mittags“. Und Walter Brennan spielt Pa Danby als famose Parodie seiner Rolle des Patriarchen „Old Man“ Clanton in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday.

Es geht los!

Der Erfolg von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ an den Kinokassen führte zwei Jahre später zu „Latigo“ (1971), einer Westernkomödie mit ähnlichem Zungenschlag. Das war kein Zufall – in Cast und Crew befanden sich diverse Beteiligte des Vorgängers, beispielsweise Regisseur Burt Kennedy, Hauptdarsteller James Garner und Nebendarsteller Jack Elam. Mir gefällt „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ deutlich besser, was auch damit zusammenhängen mag, dass ich mit diesem Jugenderinnerungen an Fernsehabende im Kreis der Familie verbinde. Großer Unterhaltungswert lässt sich „Latigo“ aber ebenfalls nicht absprechen.

Endlich auf Blu-ray

Da das deutsche Label Black Hill Pictures „Latigo“ bereits 2018 als Blu-ray veröffentlicht hat, hatte ich für „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ mit einer Blu-ray vom selben Publisher gerechnet. Nun ist es Pidax Film geworden – auch gut, da Bild- und Tonqualität in Ordnung sind. Nur die Ausstattung hätte etwas üppiger ausfallen können, nicht einmal Untertitel gibt es. Ein kleiner Wermutstropfen, der sich verschmerzen lässt. Ein Western als Wohlfühlfilm ist gar nicht mal so häufig anzutreffen. Im Falle von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ ist der Wohlfühlfaktor ausgesprochen hoch. Ein kontrastierendes Double Feature mit einem zynisch-brutalen Italowestern wäre ein interessantes Experiment.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Burt Kennedy sind bei „Die Nacht der lebenden Texte“ in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Walter Brennan, Bruce Dern, Jack Elam und James Garner unter Schauspieler.

Der Sheriff schnappt sich Prudy

Veröffentlichung: 15. Oktober 2021 als Blu-ray und DVD, 13. Juni 2008 und 30. Oktober 2006 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur MGM/Fox: Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel (nur MGM/Fox): Französisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Rumänisch
Originaltitel: Support Your Local Sheriff!
USA 1969
Regie: Burt Kennedy
Drehbuch: William Bowers
Besetzung: James Garner, Joan Hackett, Walter Brennan, Harry Morgan, Jack Elam, Bruce Dern, Henry Jones, Willis Bouchey, Gene Evans, Walter Burke, Chubby Johnson, Kathleen Freeman
Zusatzmaterial: Bildergalerie
Label 2021: Pidax Film
Vertrieb 2021: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb /2008/2006: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film