Unterwegs nach Sarajevo | Teil 3

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BELMONTE

Andreas erschrickt,
springt vom Bett auf,
der Mann schlägt ihm die Maschinenpistole gegen die Brust,
Andreas fällt hin,
schlägt Andreas von hinten gegen den Kopf.
Andreas zu Boden,
bleibt bewusstlos liegen.

Der Mann zu Jeanne:

„Mach keinen Ärger,
ich will einfach nur haben,
was er hatte.
Ist doch nicht zu viel verlangt,
oder?“

Öffnet seine Hose,
schlägt Jeanne ins Gesicht,
legt sich auf sie,
dringt in sie.

Jeanne greift neben das Bett,
greift nach einer der Pistolen,
er liegt auf Jeanne,
sie entsichert die Pistole,
schießt ihm in den Kopf.
Er zur Seite,
sie drückt ihn von sich weg,
springt auf,
läuft ins andere Zimmer.
Kind ist weg.
Sie panisch,
rennt durchs Haus,
nach draußen,
ruft nach dem Kind,
sieht das Auto hinterm Haus,
offene Fahrertür,
sieht das Kind in der Mitte sitzen,
weiß nicht,
was sie denken soll.
Andreas taumelt aus dem Haus,
geht zum Auto.

„Was ist passiert?“

„Alles okay.
Der Typ hat dich niedergeschlagen,
dann war das Kind weg.“

„Der Typ liegt drinnen,
ist tot.“

„Hab ihn erschossen.“

„Wo kam der so plötzlich her?“

„Keine Ahnung.“

„Ich war kurz ohnmächtig,
dann der Schuss.“

„Das Kind ist im Auto.
Wir müssen weiter.
Hier ist es nicht sicher.“

„Nirgendwo ist es sicher.“

„Bleib du beim Auto,
ich hol die Sachen.“

Jeanne zurück ins Haus,
nimmt den Rucksack,
die Maschinenpistole,
Ersatzmagazin,
die andere Pistole,
zieht ihre Hose an,
durchsucht den Toten,
findet nichts.
Zurück zum Auto,
Andreas gegen die Tür gelehnt.

„Gib mir die Schlüssel,
lass mich fahren.
Nimm das hier.“

Reicht ihm die Maschinenpistole.

„Weißt du,
wie das funktioniert?
Kann uns vielleicht noch nützlich werden.“

Andreas nimmt die Maschinenpistole,
zielt auf die Bäume,
Auslöser,
nichts passiert,
findet die Sicherung,
versucht es erneut,
feuert,
die Pistole zappelt in seiner Hand,
lässt sie sofort los.

„Ich war immer der Meinung,
diese Dinge sollten verboten werden.
Jetzt sind wir froh,
so was zu haben.“

Steigen ins Auto,
das Kind in der Mitte,
Jeanne startet den Motor,
den Weg zurück,
bald wieder auf die Straße.

Andreas schaut auf das Kind,
auf Jeanne.

„Was jetzt?
Wollen wir irgendwo anders reinfahren?
Vielleicht haben wir mehr Glück.“

Jeanne schweigt,
beschleunigt,
dreht den Kopf zu Andreas.

„Scheint aufs selbe rauszukommen.
Ich denke,
wir sollten versuchen,
so schnell wie möglich weiterzukommen.“

Immer noch brütend heiß.
Umfahren einen Ort,
eingestürzte Kirche,
fahren weiter,
kurz darauf die serbische Grenze.
Jeanne bremst ab,
fährt langsam an die Grenzanlage.
Niemand zu sehen.
Fährt quer an umgestürzten Pylonen vorbei,
über die Grenze,
ausgebrannter Grenzshop,
völlig verlassener Grenzdurchgang.

Keine Seele weit und breit.

„Umso besser.
Wer weiß,
was uns hier erwartet hätte,
vollbewaffnet wie wir sind.“

„Jetzt sind wir zumindest in Serbien.“

Jeanne beschleunigt,
fährt eine Weile.
Schweigen.
Schaut ein Stück geradeaus,
Fahrzeug kommt entgegen,
schwer zu erkennen,
Luft flimmert über dem Asphalt.
Andreas nimmt eine Pistole,
die Maschinenpistole griffbereit.
Fahrzeug kommt näher,
In der heißen Luft kaum zu sehen,
was für ein Auto,
wer drin sitzt,
wie viele.
Sie fahren aneinander vorbei,
Jeanne beschleunigt,
Stoß von hinten,
Andreas dreht sich um,
großes Geländefahrzeug hinter ihnen,
rammt sie,
ganz vergessen,
nach hinten zu schauen,
als das andere Auto entgegenkam.
Jeanne beschleunigt weiter.

„Was ist da los?“

Andreas drückt das Kind näher an sich.

„Da macht uns jemand Ärger,
wie es scheint.
Weiß der Teufel,
wo der auf einmal herkommt.“

Ihr Verfolger rammt sie erneut,
schiebt sie an.

„Verdammt,
was will der denn?“

„Abschütteln zwecklos,
dem fahren wir mit unserer Kiste nicht davon.
Kannst du erkennen,
wie viele es sind?“

„Nein,
die Scheiben sind zu dunkel.“

„Ich schau mal,
ob ihnen ein paar Kugeln Eindruck machen.“

Auto hinter ihnen stößt sie weiter an,
schiebt sie vor sich her.
Jeanne versucht,
auf der Straße zu bleiben,
Andreas kurbelt das Fenster runter,
streckt die Pistole nach hinten,
von hinten Schüsse,
zieht die Hand sofort wieder zurück,
duckt sich,
drückt das Kind noch näher an sich.

„Die schießen auf uns.“

Jeanne hält ihren Kopf geduckt.

„Ich versuch irgendwo auszuweichen,
wenns geht.
Sieht nicht gut aus.“

Von hinten erneut Schüsse.

Andreas wundert nichts mehr,
erstaunt,
dass sie es überhaupt so weit geschafft haben.

Auto hinter ihnen rammt sie heftig,
Jeanne lenkt auf die Gegenspur,
bremst abrupt.
Fahrzeug rechts neben ihnen,
Andreas hebt den Kopf,
die Pistole,
zielt auf das Seitenfenster der anderen,
von dort Schüsse,
eine Kugel durchs offene Fenster,
durch die Windschutzscheibe,
andere Kugel in Andreas Kopf,
er sinkt aufs Armaturenbrett,
das Kind rutscht tief nach vorn,
das andere Auto verlangsamt,
fährt neben ihnen,
Jeanne beschleunigt,
der andere hält mit,
Jeanne steuert den Pick-up an das andere Auto,
sie berühren sich,
Jeanne nimmt die Maschinenpistole,
schießt durch das offene Beifahrerfenster,
das andere Auto löst sich von ihnen,
schlingert rechts von der Straße,
kracht gegen einen Baum,
Jeanne bremst ab,
hält den Pick-up weiter vorn,
braunes Gras neben der Straße,
schaut zum Kind.

„Bist Du okay?“

Das Kind nickt.
Jeanne steigt aus,
geht vorn um das Auto,
öffnet die Beifahrertür,
greift nach Andreas,
zu schwer,
ihn herauszuheben,
zieht an seinem Arm,
er fällt ihr entgegen,
sie fällt beinahe hin,
zieht ihn aus dem Auto,
legt ihn ins Gras,
findet Andreas‘ Pistole im Fußraum,
nimmt sie,
nimmt die Maschinenpistole.

„Bleib hier,
ich schaue nach dem anderen Auto.“

Immer noch sehr heiß.
Jeanne zum anderen Auto,
hält beide Waffen auf das Auto gerichtet,
geborstene Scheiben,
sieht zwei Leichen,
durchlöchert,
wohl sofort tot,
genau wie Andreas.
Das Kind kommt auf sie zu,
geht auf dem braunen Gras,
aus dem zerstörten Fahrzeug Radio,
hört nur Fetzen,
Radio Belgrad,
kein Durchkommen,
Jeanne hört kaum hin,
geht dem Kind entgegen,
nimmt es bei der Hand.

„Hier ist nichts mehr für uns zu tun.
Lass uns weiterfahren.“

Gehen zum Pick-up zurück.

„Würde Andreas gern begraben,
aber wir haben nichts dabei,
um Erde auszuheben.
Ich lege ihn etwas abseits,
Wenigstens das.“

Jeanne beugt sich zu Andreas,
greift unter seine Arme,
flache Böschung,
dahinter ein kahler Baum,
zieht ihn hinter den Baum.
Geht zum Auto zurück,
das Kind auf der Beifahrerseite.

Jeanne fährt los,
das Kind schaut sie an.

Das Kind bin ich.

(c) belmonte 2021

Unterwegs nach Sarajevo | Teil 2

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BELMONTE

Fabiu stößt die Tür mit einem Schlag auf,
wirft den anderen zurück,
langt hinter sich,
greift eine Pistole,
wirft sich nach draußen auf den Boden,
schießt auf den anderen,
der krümmt sich,
stöhnt auf.

Der Erste gibt mehrere Schüsse auf Fabiu ab,
trifft mehrmals seinen Kopf.
Fabiu sinkt in sich zusammen,
bleibt liegen.
Andreas tritt auf das Gaspedal,
fährt mit einem Ruck durch die Schranke,
Beifahrertür schlägt von der Beschleunigung zu.
Schreit:

„Köpfe runter!“

Von hinten mehrere Kugeln.
Das Kind drückt sich an Jeannes Seite,
Jeanne beugt sich nach vorn,
Andreas jagt den Pick-up voran.

„Was sollte das denn?
Was hat Fabiu sich dabei gedacht?
Aussteigen und einfach alle übern Haufen schießen?
Nur weil dem einen sein Gesicht nicht gefiel?“

„Er ist wohl einfach ausgetickt.“

„Wer weiß,
wo die noch überall Leute stehen haben,
wen die jetzt alles benachrichtigen.
Noch so ne Straßensperre,
und die wissen,
dass wir kommen,
dann sind wir geliefert.“

„Vielleicht sollten wir eine andere Straße fahren.“

„Ich bin diese Straße so oft gefahren.
Es gibt noch die Schnellstraße,
aber da schaffen wir es noch viel weniger.
Sehr weit sind wir jedenfalls noch nicht gekommen.“

Andreas beschleunigt den Pick-up,
so schnell es geht,
hält ihn mit Ach und Krach auf der Straße,
in den Kurven.
Kein Mensch weit und breit.

„Die Straße wird sicher nochmal gesperrt sein.
Vielleicht sollten wir etwas langsamer fahren,
oder uns für ein paar Stunden in die Büsche schlagen.“

„Du hast recht.
Wenn sie uns verfolgen,
werden sie bald aufgeben.
Es sind schon genug Monster unterwegs.“

„Schau mal,
zwischen den Bäumen,
der Weg da vorne.“

Andreas bremst,
biegt ab,
ungepflasterter Weg,
fährt langsam,
über ihnen entlaubte Bäume,
weicht Schlaglöchern aus.

Fahren eine Weile.
Der Weg endet vor einem offenen Tor,
dahinter ein Bungalow zu erkennen,
überall entlaubte Bäume,
das Haus grau,
früher vielleicht mal weiß.
Fahren durch das Tor,
Andreas bremst ein paar Meter vor dem Haus.

„Was denkst du?
Sollen wir hierbleiben?“

„Keine Ahnung.
Lass mal schauen,
ob jemand hier ist.“

Andreas wendet den Pick-up,
stellt den Motor ab,
langt hinter sich,
greift zwei Pistolen,
reicht Jeanne eine davon.

„Lass mich zuerst schauen.
Bleib du beim Kind.“

Sie nimmt das Kind,
hebt es auf Andreas Seite,
öffnet die Beifahrertür
steigt aus.

Jeanne kommt aus Paris,
paar Jahre in Leipzig,
Grundschullehrerin.
Ständig wechselnde Partner,
Scheiß auf Beziehungen,
Zukunft sowieso desolat,
leben okay,
aber nicht für irgendwas,
oder jemanden.
Einzig Kinder reißen sie raus,
sie weiß nicht warum,
Mütterlichkeit jedenfalls nicht,
Mitleid auch nicht.
Sie tritt zur Haustür,
öffnet sie,
ohne zu klopfen,
tritt ins Haus,
läuft schnell,
richtet die Pistole nach allen Seiten,
in den angrenzenden Raum,
kleine Küche,
weiterer Raum.

Das Haus kleiner,
als es von außen den Anschein hat,
wenige Möbel,
alles etwas unordentlich,
nicht sehr sauber,
aber nicht verwahrlost.

Niemand da.
Zurück in die Küche,
am wenigen Geschirr nicht erkennen,
wann zuletzt jemand hier war.
Öffnet den Wasserhahn,
kein Wasser.
In einem Schrank alte Konserven,
Büchsenfleisch,
ein paar leere Flaschen,
sonst nichts.

Nochmal in das dritte Zimmer,
zwei Holzbetten,
unbezogene Matratzen.
Die Luft abgestanden,
genauso heiß wie draußen,
keine Abkühlung.

Nach draußen,
zurück zum Auto.

Zu Andreas:

„Keiner da,
kein Lebenszeichen.
Schau selbst.
Wer immer hier war,
ich weiß nicht,
wie lange der oder die schon weg sind.“

„Wir können ein bisschen hierbleiben.
Werden schon aufpassen,
wenn jemand kommt.“

„Fahr das Auto am besten hinters Haus,
falls jemand kommt,
dass ers nicht sofort sieht.“

Jeanne nimmt das Kind auf den Arm,
zurück ins Haus,
öffnet ein paar Fenster,
setzt das Kind auf den Boden.
Andreas kommt rein,
Pistole in der Hand,
Rucksack in der anderen,
schaut sich um,
nimmt eine Flasche Wasser aus dem Rucksack.
Alle trinken nacheinander.
Andreas gibt dem Kind das Wasser,
hilft ihm.

„Tut mir leid,
dass es Fabiu erwischt hat.“

„Tut mir auch leid.“

„Und jetzt?“

„Und jetzt was?“

„Was machen wir jetzt?“

„Jetzt warten wirn paar Stunden,
dann gehts weiter.“

„Können die Nacht über hierbleiben.“

„Weiß nicht.
Heute Abend weiterfahren,
wohl keine gute Idee.“

Schweigen.
Kind schaut sie an.
Andreas setzt sich neben das Kind,
nimmt Zwieback aus dem Rucksack,
getrocknetes Obst,
gibt dem Kind davon,
isst selbst etwas.
Steht auf,
schaut in die anderen Zimmer
kommt zurück,
packt die Konserven,
die Jeanne gefunden hat,
in den Rucksack.

„Ziemlich trostlos hier.“

„Überall trostlos,
würde ich sagen.“

„Lass uns rübergehen,
ich hab im anderen Zimmer zwei Betten gesehen.

Jetzt,
dass Fabiu nicht mehr da ist,
wer weiß,
wann wir wieder dazu kommen.“

Gehen in das Zimmer mit den Betten,
legen die Pistolen neben eines der Betten,
Andreas schiebt seine Hose runter,
greift nach Jeanne,
sie greift nach ihm,
zieht ihre Hose aus,
legen sich hin,
sie spürt ihn,
gefällt ihr,
geht schnell,
gefällt ihm auch.

Schweigen eine Weile,
liegen nebeneinander.
Ein Mann im Trainingsanzug tritt ein,
umgehängte Maschinenpistole.

„Schön habt ihrs hier,
würde gern dabei sein.
Macht euch sicher nichts aus.“

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(c) belmonte 2021

Unterwegs nach Sarajevo | Teil 1

BELMONTE

Andreas Kiercher, Jeanne Josquin-Brenet, Fabiu Petrescu und ein Kind

Bloß raus aus Timisoara.
Der Pick-up fast Schrott.
Damit kommen sie niemals an.

Allen ist klar,
dass es Probleme geben wird.

Überqueren die Bahngleise.

Jeanne zu Andreas:

„Bin gespannt,
wie weit wir mit dieser Kiste kommen.“

Andreas nimmt eine Ausfahrt,
verlässt die Schnellstraße,
blickt nervös hin und her.

„Nicht das Auto,
was das Problem ist,
sondern die Milizen,
die sich überall rumtreiben.
Schau mal da drüben.“

Zeigt nach der anderen Straßenseite.
Hängen drei Leichen an einer Baumgruppe.

„Die zerren uns einfach aus dem Auto,
hängen uns genauso an die Bäume.“

„Vorher schieß ich einige übern Haufen,
wirst schon sehen.“

„Rede nicht so viel.
Fahr einfach.“

Die Sonne durch die Windschutzscheibe.
Straße flimmert.
Farbloser Himmel.
Stinkt immer noch nach Schwefel.

Schüsse von der Seite.
Knattern von Maschinenpistolen.

„Duckt Euch!“

„Pass auf das Kind auf.“

Jeanne beugt sich über das Kind,
zwischen ihr und Fabiu eingeklemmt,
gehen in Deckung,
beugen sich zur Seite,
nach unten,
so gut es geht.
Wieder das Knattern.

Kugeln schlagen auf der Fahrertür auf.

„Fahr weiter,
sind ja völlig irrsinnig hier.“

„Glaubt ihr wirklich,
dass wirs schaffen,
wenn diese Ballerei jetzt schon losgeht?“

Fahren an verbrannten Fabriken und Werkhallen vorbei,
Häuserruinen,
eine Kirche,
Turm eingestürzt.
Am Straßenrand liegengebliebene Autos,
zurückgelassen,
Schrott,
genau wie ihr Pick-up.
Fährt wenigstens noch.
Wer weiß,
wie lange.

Nirgendwo jemand zu Fuß unterwegs.
Zu gefährlich,
hier rumzulaufen.
Hitze kaum zu ertragen.

Lange Straße geradeaus,
Bungalows auf beiden Seiten,
kahle Bäume.
Wieder Knattern von Maschinenpistolen,
von irgendwoher.

Fabiu in den vergangenen Jahren als Bauzeichner,
dann als Architekt in Bukarest gearbeitet.
Seine Eltern und Schwester seit Monaten nicht gesehen,
kein Kontakt,
weiß nicht,
wo sie sind,
ob überhaupt noch am Leben.

Sehnt sich nach seiner Schwester,
die nach Berlin wollte.
Wer weiß,
ob sie je angekommen ist.

Fabiu hatte als Kind immer Angst,
wenn es Nacht wurde.
Auch später noch.
Immer musste jemand bei ihm sein,
seine Mutter,
seine Schwester,
bis er einschlief.

Ging irgendwann vorbei,
aber seit ein paar Monaten ist die Angst wieder da,
den ganzen Tag nervös,
scheut den Gedanken an Dämmerung und Nacht,
niemand bei ihm.

Am helllichten Tag bricht ihm der Schweiß aus,
wenn er an die Nacht denkt.
Fürchtet sich vor der Nacht.
Gibt allen Grund,
sich zu fürchten.

Jetzt sitzt das Kind neben ihm,
müssen es nach Sarajevo bringen.
Kind sitzt ganz ruhig.

Fahren eine langgezogene Kurve.
Vor ihnen Rauch.
Fahren weiter.
Dichter Qualm.
Etwas langsamer.
Am Straßenrand ein umgekippter Tanklaster,
Tankbehälter fast vollständig vom Qualm umhüllt,
Zugmaschine komplett ausgebrannt,
kein Mensch zu sehen.

Andreas fährt den Pick-up am brennenden Wrack vorbei,
vorsichtig,
beschleunigt etwas.

Schaut auf das Kind.
Die Luft stinkt abscheulich,
Schwer zu atmen.
Kind sitzt zwischen Fabiu und Jeanne,
schläft,
Kopf an Fabius Arm gelehnt.

Irgendwas fängt an zu leuchten,
als wärs das Kind.

Der Tanklaster hinter ihnen explodiert,
Explosion so stark,
wirft den Pick-up mit einem Satz nach vorn,
zur Seite,
Andreas lenkt gegen,
stabilisiert das Fahrzeug.

„Pass auf,
dass du nicht von der Straße abkommst.“

„Tu ich ja,
ich versuchs.“

„Was war denn das?“

„Tankfahrzeug,
lag am Straßenrand,
ist einfach explodiert.
Waren schon vorbei zum Glück.“

„Hier ist alles kaputt.
Bald gibts hier nichts mehr.“

„Straße ist noch ganz gut befahrbar.“

„Freu dich nicht zu früh.
Schaut mal da.“

„Was ist da los?“

„Kontrollstelle.“

„Was schlagt ihr vor?
Anhalten oder beschleunigen und durchrasen?“

„Zu gefährlich.
Was ist,
wenn sie Reifenstopper ausgelegt haben,
dann können wir alles vergessen.“

Kommen näher an den Kontrollpunkt.
Mann in Tarnkleidung hebt die Hand,
ein anderer neben ihm.
Andreas lässt das Auto ausrollen.

„Jetzt alle ganz ruhig.
Pistolen hinter den Sitz.
Lasst mich reden.“

Kommen näher an den Kontrollpunkt.
Ein dritter Mann tritt aus einem Holzverschlag,
kommt dazu,
dunkle Tarnjacke.
Andreas bremst vor der Schranke.

Der die Hand gehoben hat,
zu Andreas:

„Was wollt ihr hier?“

„Wir fahren nach Sarajevo.“

„Warum wollt ihr da hin?“

„Treffen dort jemanden.“

„Habt euch die unpassendste Zeit ausgesucht,
nach Sarajevo zu fahren.
Werdet ihr nie ankommen.
Würde euch am liebsten zurückschicken.“

Kurze Pause,
schaut in die Richtung,
aus der sie gekommen sind,
schaut das Kind an.

„Ist das euer Kind?“

Schweigen.

Jeanne schaut ihn an.

„Ich bin die Mutter.“

Andreas nervös.

„Wir bringen sie mit dem Kind nach Sarajevo.“

Der Mann schaut wieder in die rückwärtige Richtung,
unschlüssig.
Der Andere aus der Holzhütte:

„Gibt es ein Problem?“

„Sie sagen,
sie wollen nach Sarajevo.
Haben ein Kind bei sich.
Die Frau sagt,
sie ist die Mutter.“

Der andere beugt sich zu Andreas.

„Was war das für eine Explosion?“

Andreas immer noch nervös.

„Ein Tanklaster.
Lag brennend am Straßenrand.
Heftige Explosion,
als wir vorbei waren.“

„Wer ist der da drüben?“

Zeigt auf Fabiu.

Fabiu schaut nach vorn,
regt sich nicht.

„Bist du taub?“

„Er ist ein Kollege von mir.“

„Ein Kollege,
ja?“

„Ja.“

„Okay,
ein Kollege also.
Aber er gefällt mir nicht,
Dein Kollege.
Du,
Kollege,
kannst du mich hören?“

Geht um das Auto.
Zum Anderen:

„Der da rechts im Auto,
soll rauskommen.“

Der Andere:

„Was ist mit ihm?“

„Gefällt mir nicht.“

Nimmt seine Pistole,
stellt sich abseits auf,
zielt auf Fabiu.

„Du,
der du nicht hören kannst,
steig aus,
mach keine Faxen.“

Tritt näher an die Beifahrertür.

„Ich hoffe,
du kannst mich hören.“

Fabiu schaut immer noch nach vorne,
völlig reglos,
als hört er nicht zu.
Öffnet die Beifahrertür,
drückt sie langsam auf,
setzt einen Fuß nach draußen.

Der Andere:

„Ganz langsam,
schön ruhig,
beide Hände sichtbar.
Ich sagte,
beide Hände sichtbar.“

Jetzt alles ganz schnell.

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(c) belmonte 2021

Nähern uns dem Zielgebiet

Kannst Du was sehen?͏

Ich sehe überhaupt nichts.
Gib mir das Sichtgerät.

͏Nein.

͏Ich dachte,
da wär was.

͏Dachte ich auch.

͏Alles matschig hier.

͏Scheiße.

͏Was ist los?

͏Bin in ein Loch getreten.

͏Komm her.

͏Geht nicht,
bekomm mein Bein nicht raus.

͏

In meinem Artikel in der Freitag-Community schreibe ich darüber, wie der digitale Text vertikal wird und das Konzept der Seite überwindet.

https://www.freitag.de/autoren/belmonte/naehern-uns-dem-zielgebiet

Center Stage – Der Weg zum Ballettruhm? (Filmrezension)

Center Stage

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tanzdrama // An der von Jonathan Reeves (Peter Gallagher) geführten American Ballet Academy von New York City treten zwölf neue Schülerinnen und Schüler ihr Training an. Sie alle hoffen, nach einem Jahr in Reeves’ American Ballet Company aufgenommen zu werden. Da ist beispielsweise die Starschülerin Maureen Cummings (Susan May Pratt), welche die Übernahme fast schon sicher zu haben scheint, aber an Bulimie leidet und letztlich nur den Traum ihrer Mutter Nancy (Debra Monk) lebt. Als sie den angehenden Medizinstudenten Jim (Eion Bailey) kennenlernt, merkt sie, dass es mehr im Leben gibt als Ballett.

Jonathan Reeves will nur die Besten der Besten

Jody Sawyer (Amanda Schull) ist mit Leidenschaft dabei, hat aber angeblich ein paar körperliche Defizite, die ihren Erfolg blockieren. Ganz anders Eva Rodriguez (Zoe Saldana), die mit unkonventionellem Verhalten aneckt, aber über massig Talent verfügt, das sie als Balletttänzerin immer besser werden lässt. Charlie (Sascha Radetsky) ist ebenso begabt und hat beim Training keine Probleme, verguckt sich nach und nach in Jody, die allerdings Cooper Nielson (Ethan Stiefel) anhimmelt. Der Topstar am New Yorker Balletthimmel ist gerade von einem Engagement in London zurückgekehrt. Seine Ex-Freundin Kathleen Donahue (Julie Kent) hat in der Zwischenzeit Jonathan geheiratet, was zu ein paar Spannungen zwischen den beiden Alpha-Männchen führt. Jonathan kann es sich allerdings nicht erlauben, seinen besten Tänzer vor den Kopf zu stoßen.

Tanzen mal ohne Trainingsdruck: Charlie und Jody entspannen sich

Der englische Theaterregisseur Nicholas Hytner hat nur eine Handvoll Kinofilme inszeniert, darunter 1994 sein Leinwanddebüt „King George – Ein Königreich für mehr Verstand“ und „Hexenjagd“ (1996). Seine erfolgreiche Arbeit an diversen Bühnenhäusern in Manchester, London und New York City erleichterte ihm zweifellos das Einfühlungsvermögen, das es benötigt, um ein Tanzdrama dieser Güteklasse zu drehen. Obwohl sich viel um Beziehungen, Liebeleien und Eifersüchteleien dreht, gleitet „Center Stage“ nie in trivialen Herzschmerz-Schmonzes ab, vielmehr porträtiert der Film seine Figuren mit Gefühl für ihre emotionalen Belange. Das bleibt bei einigen Themen an der Oberfläche, aber letztlich geht es ums Tanzen. Und Hytner kombiniert das zwischenmenschliche Geschehen mit hervorragend choreografierten Tanzeinlagen, ob im Training oder bei diversen Aufführungen.

Startänzerin doubelt Zoe Saldana

Dabei ist es – jedenfalls für einen Laien wie mich – unmöglich festzustellen, auf welchem balletttänzerischen Niveau sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen. In der Besetzung findet sich von Laien bis hin zu Akteurinnen und Akteuren mit professioneller Ballettausbildung die ganze Bandbreite. Für manche Szenen, speziell bei den Aufführungen, hielten Body Doubles her. So wurde beispielsweise Zoe Saldana („Guardians of the Galaxy“), die in „Center Stage“ ihr Filmdebüt gab, von der Startänzerin Aesha Ash gedoubelt.

Jody sucht anderswo Ausgleich vom stressigen Academy-Alltag

Die Tanzszenen choreografierte Susan Stroman, ihres Zeichens renommierte und vielfach preisgekrönte US-Choreografin. Tänzerinnen und Tänzer des New York City Ballet und des ebenfalls im Big Apple angesiedelten American Ballet Theatre agierten als Komparsen in den Übungseinheiten und Workshops von „Center Stage“. Ergebnis: Der Film atmet professionelles Ballett aus jeder Pore. Als Vorbild der American Ballet Academy diente offenbar die School of American Ballet, die dem New York City Ballet angeschlossene Ballettschule.

Freundinnen: Eva und Jody

Das Label justbridge entertainment hat „Center Stage“ ein schmales, gleichwohl attraktiv aufgemachtes Mediabook angedeihen lassen. Wer sich über das kompakte Mediabook-Format bei Koch Films erregen kann, mag sich auch über die dünnen Exemplare von justbridge ärgern, ich kann damit gut leben. Auf der Blu-ray findet sich kein neues Bonusmaterial, aber immerhin sind die erweiterten Tanzszenen, entfallene Szenen und das kurze Featurette enthalten, die 2001 auch schon die DVD ergänzten. Im ansprechend bebilderten Booklet lässt sich mit Christoph N. Kellerbach ein erfahrener Autor auf 20 Seiten über die Entstehung des Films aus, das wertet die Edition auf.

Vorbild „Fame – Der Weg zum Ruhm“

2008 folgte „Center Stage 2“, 2016 mit Center Stage – On Pointe“ sogar ein dritter Teil. Beide Fortsetzungen können dem Vorgänger nicht das Wasser reichen. „Center Stage“ hat sich einiges von Alan Parkers „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980) abgeschaut, den ich beeindruckender in Erinnerung habe. Letztlich bewegen sich beide im Verbund mit Richard Attenboroughs „A Chorus Line“ (1985) in ähnlichem Terrain. Adrian Lynes „Flashdance“ (1983) hingegen erscheint mir in der Erinnerung weitaus schlechter gealtert, war aber vielleicht auch damals schon eher zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort. Seit 2000 hat sich das Genre des Tanzfilms von diesen eher realistisch inszenierten Tanzschul-Drill zeigenden Filmen entfernt. „Step Up“ (2006) mit Channing Tatum sei als Beispiel genannt – Darren Aronofskys „Black Swan“ (2010) mit Natalie Portman hingegen ist noch einmal von ganz anderem Schlag. „Center Stage“ wirkt im Vergleich zu modernen Produktionen gealtert, mir gefällt das aber deutlich besser.

Superstar: Cooper Nielsen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Zoe Saldana sind dort in der Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Peter Gallagher unter Schauspieler.

Die große Gala

Veröffentlichung: 13. August 2021 als Blu-ray im limitierten Mediabook, 1. Oktober 2009 als Best of Hollywood 2 Movie Collector’s Pack DVD (mit „Center Stage 2“), 23. Januar 2001 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Center Stage
USA 2000
Regie: Nicholas Hytner
Drehbuch: Carol Heikkinen
Besetzung: Zoe Saldana, Peter Gallagher, Amanda Schull, Ethan Stiefel, Sascha Radetsky, Christine Dunham, Stephen Stout, Maryann Plunkett, Laura Hicks, Eion Bailey, Barbara Caruso, Jeff Hayenga, Victor Anthony, Susan May Pratt, Shakiem Evans, Ilia Kulik, Karen Shallo, Carlo Alban, Giselle Daly, Debra Monk
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Nicholas Hytner, erweiterte Tanzszenen, entfallene Szenen, Featurette, nur Mediabook: 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, nur DVD: isolierte Musiktonspur, Musikvideo „I Wanna Be with You“ von Mandy Moore, Kinotrailer, Künstlerprofile
Label Mediabook: justbridge entertainment
Vertrieb Mediabook: Rough Trade Distribution
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 justbridge entertainment

Oh Boy – Er will doch nur einen Kaffee (Filmrezension)

Oh Boy

Erneut ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger, dem Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Ein Schwarz-Weiß-Film über einen Nichtstuer im heutigen Berlin, der sich auf einen kurzen Zeitraum zwischen einem Morgen und dem nächsten Morgen fokussiert – „Oh Boy“ von 2012 ist nicht gerade eine Produktion, die auf ein großes Publikum schielt, wobei die mehr als 300.000 Kinozuschauerinnen und -zuschauer dafür aller Ehren wert sind. Mit melancholischem Charme und einem guten Auge für sowohl die Hauptfigur als auch ihre Beobachtungen im Lauf dieses Tages hat sich das Werk eine Fangemeinde und viel Kritikerlob gleichermaßen erarbeitet. Und diverse Auszeichnungen: 2012 gab es unter anderem den Bayerischen Filmpreis für Jan-Ole Gersters Drehbuch und Hauptdarsteller Tom Schilling, 2013 folgten der Europäische Filmpreis in der Kategorie bester Nachwuchsfilm und sechs Deutsche Filmpreise in den Kategorien bester Spielfilm in Gold, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Musik, beste männliche Hauptrolle und beste männliche Nebenrolle für Michael Gwisdek. Dabei schlug „Oh Boy“ in jenem Jahr sogar die Großproduktion „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer und den Wachowskis, obwohl die mit Topstars wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon aufwartete.

Niko weiß nicht, wo sein Platz im Leben ist

Der 1982 in Ost-Berlin geborene Tom Schilling („Werk ohne Autor“, „Brecht“, „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“) gehört zu Deutschlands profiliertesten Schauspielern. In „Oh Boy“ verkörpert er den Endzwanziger Niko Fischer, der zwei Jahre zuvor sein Jurastudium abgebrochen hat, ziellos durchs Leben driftet und auch in puncto Frauen nicht recht weiß, wo die Reise hingeht. Gleich zu Beginn bietet ihm seine Freundin Elli (Katharina Schüttler) kurz vor seinem Aufbruch einen Kaffee an, den er ablehnt. Das erweist sich als Fehler, denn in der Folge versucht Niko vergeblich, anderswo einen Kaffee zu bekommen. Mal fehlt ihm das nötige Kleingeld, mal ist die Kaffeemaschine kaputt – ein schöner kleiner Running Gag, der einen roten Faden bildet.

Der väterliche Geldhahn versiegt

Merke: Wenn dich dein Vater fragt, was du mit den 1.000 Euro gemacht hast, die er dir zwei Jahre lang monatlich im Glauben überwiesen hat, damit dein Studium zu finanzieren, ist Ich habe nachgedacht. Über mich. Über dich. Über alles. wohl nicht die richtige Antwort. Dumm nur, dass Niko keine andere Antwort hat, nachdem ihn sein Vater (Ulrich Noethen) damit konfrontiert, über das abgebrochene Studium im Bilde zu sein. Folge: Der Geldhahn ist versiegt, was erklärt, weshalb Sohnemann kurz zuvor keine Scheine aus dem Geldautomaten ziehen konnte. Immerhin trifft Niko in einem Café auf seine Schulkameradin Julika (Friederike Kempter), die er nach dem Abitur nicht mehr gesehen hatte.

Julika allerdings auch nicht

Ob „Oh Boy“ die urbane Atmosphäre der deutschen Hauptstadt korrekt abbildet und ihre Einwohnerschaft treffend porträtiert, vermag ich mangels ausreichender Berlinkenntnisse nicht zu beurteilen. Menschen bleiben aber Menschen und Drehbuchautor und Regisseur Jan-Ole Gerster gelingt ein präziser Blick auf diverse sehr unterschiedliche Figuren. Er wechselt dabei zwischen Situationskomik und Tragik und stellt seine Figuren nie bloß, nicht mal die Halbstarken Ronny (Frederick Lau), Pascal (Robert Hoffmann) und Kevin (Jakob Bieber), mit denen Niko eine unangenehme Begegnung hat. All seine Begegnungen lassen den jungen Mann ins Grübeln kommen, auch der betrunkene alte Mann (Michael Gwisdek), der von seiner Kindheit während der Nazizeit schwadroniert, dann aber unvermittelt ernste Töne anschlägt. Das ist unspektakulär im besten Sinne, lakonisch umgesetzt und von Kameramann Philipp Kirsamer in erlesenen Bildern jenseits plakativer Berlin-Tourismusansichten fotografiert. Ob diese „Oh Boy“ zu einem Berlinfilm machen, mögen andere bewerten.

Abschlussarbeit von Jan-Ole Gerster

Mit „Oh Boy“ debütierte Gerster 2012 als Spielfilmregisseur. Das Werk war sein Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Trotz der verdienten Lorbeeren inszenierte er seitdem allerdings nur einen weiteren Film: das Drama „Lara“ (2019) mit Corinna Harfouch, Rainer Bock und erneut Tom Schilling. Bedauerlich, dass ein Filmemacher mit einem solchen Händchen nicht mehr Engagements bekommt. Immerhin ist seine Lebensgefährtin Friederike Kempter als Schauspielerin gut ausgelastet. Mit „Oh Boy“ hat Gerster ein Kleinod des deutschen Films vorgelegt.

Diese drei Halbstarken noch viel weniger

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Schilling sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Der alte Mann schon eher

Veröffentlichung: 24. Mai 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Oh Boy
D 2012
Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Besetzung: Tom Schilling, Friederike Kempter, Katharina Schüttler, Justus von Dohnányi, Katharina Hauck, Inga Birkenfeld, Leander Modersohn, Martin Brambach, Ulrich Noethen, Frederick Lau, Michael Gwisdek, Tim Williams, Robert Hoffmann, Jakob Bieber, Rolf Peter Kahl, Theo Trebs, Steffen Jürgens, Ellen Schlootz,
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Jan-Ole Gerster und Tom Schilling, Outtakes, Making-of der Filmmusik (4 Min.), erste Improvisation (5 Min.), entfernte Szene „Dr. Motte“, Castingband Friederike Kempter (3 Min.), Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2013 Warner Home Video

Unterwegs zu Cecilia | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Obwohl ich nach einigen Tagen noch nicht erholt war, machte ich mich auf den Weg. Der Bus fuhr aus Huehue ab. Bei meiner Einreise nach Mexiko bekam ich ein Papier, aus dem hervorging, ich solle als Tourist eine Gebühr von neunzig Peso an die Tourismusbehörde bei der nächsten Bank zahlen.

Wenn ich gewusst hätte, welche Konsequenzen der Verlust des Papiers bei meiner Ausreise aus Mexiko haben würde, hätte ich es nicht weggeworfen. Es war nicht so, dass ich es damals satt gehabt hätte, bei jeder Gelegenheit kleine Beträge zu zahlen, vielmehr ging es mir um den symbolischen Akt: Das Wegwerfen des Papiers hatte mich von einer ideellen Last befreit, die ich mein bisheriges Leben mit mir herumgetragen hatte.

Bevor sich das Delirium fortan wie ein Schleier über meinen Geist legte, fühlte ich mich fernab von zu Hause für eine kurze Zeit von der Vergangenheit befreit. Nach meiner Ankunft in Mexiko-Stadt fuhr ich mit der Metro zum Busbahnhof des Nordens, setzte mich in der Wartehalle des Terminals auf einen roten Plastikstuhl und wartete auf meinen Bus nach Tijuana.

(c) valentino 2021

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Unterwegs zu Cecilia | Elfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Wasserdampf drang aus einem Rohr, das in eine Wand des Verlieses eingelassen war, und nebelte das Verlies ein. Cecilia hockte mit gesenktem Kopf und verschränkten Armen vor den Knien auf dem Boden. Sie hob ihren Ellenbogen und steckte das Gesicht in die Armbeuge. Es war stickig und dunkel. Der heiße Dampf brannte in ihrer Kehle. Sie hustete.

Cecilia stemmte sich gegen die Müdigkeit. Sie hob den Kopf, stand auf, drehte sich um und stellte sich ihr Spiegelbild vor. Es wäre konturlos und würde mit dem Raum hinter ihrem Rücken verschmelzen. In diesem Moment wäre sie wie gelähmt. Sie stellte sich vor, wie sich der Nebel rot leuchtend ausdehnen würde bis in alle Winkel des Raums, in dem die Zeit stillstände. Sie wäre gefangen in einer endlosen Schleife.

Raue Steinwände begrenzten das fensterlose Zimmer. Von der Decke fiel ein warmer Regen auf Cecilia. Ihre Tunika hatte sich mit Wasser vollgesogen, das Leinen heftete sich an ihre Haut. Sie hockte sich wieder hin. Der Dampf bildete Wolken mit sich ständig verändernden Mustern, in denen sie las. Einige Male erkannte sie Figuren in ihnen, andere Male Gesichter.

(c) valentino 2021

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Unterwegs zu Cecilia | Zehnter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Nach meiner Rückkehr ins Hotelzimmer nahm ich Seife und Handtuch. Ich betrat den Flur und passierte die Türen der anderen Zimmer. Die Dusche befand sich am Ende des Flurs. Beim Öffnen der Tür stieg mir eine Wolke Wasserdampf entgegen. Im Raum befanden sich hinter weiteren Türen mehrere Duschen.

Nachdem ich vergeblich versucht hatte, Geld bei den Banken in der Stadt abzuheben, wollte ich am nächsten Morgen über die Grenze, um es bei einer Bank in San Diego zu versuchen. Ich hatte im Restaurant Rome’s unten an der Ecke anschreiben lassen. An den Wänden des Speiseraums hingen viele Bilder mit Straßenszenen. Ein Bild zeigte den Besitzer des Restaurants, zugleich der Hotelier des Montebello, in der Küche. Ich hatte dem Kellner versprochen, am nächsten Abend wiederzukommen, um die Rechnung zu bezahlen.

Ein Geräusch weckte mich in der Nacht. Ich stieg die Treppe hinab, um nachzusehen. Im Foyer saß, mir den Rücken zugewandt, der Hotelier. Die Lampe auf dem Tisch warf ihr mattes Licht auf seine Hände, die rhythmisch einen Stapel Karten mischten. Nachdem ich die Treppe wieder hinaufgestiegen und in mein Zimmer zurückgegangen war, legte ich mich wieder ins Bett und schlief prompt ein.

(c) valentino 2021

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Unterwegs zu Cecilia | Neunter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Nachdem ich San Mateo verlassen hatte, fuhr ich auf direktem Weg durch die Hochebene zurück nach Huehue. Aus dem Busfenster blickte ich auf Häuser aus Adobe, Lehmziegeln, die entweder vereinzelt oder als Haufen in der nebligen Ebene auftauchten. Das trübe Tageslicht war bereits erloschen, als der Bus in der rauen Steppe bei einer Raststätte am Straßenrand hielt.

Die gezackte Silhouette der Berge zeichnete sich im milchigen Mondlicht am Horizont ab. Darüber war der Nachthimmel sternenklar. Der Gedanke an meine Rückfahrt machte mich wehmütig. Es war mir nicht klar, ob ich Narcisa jemals wiedersehen würde. Ich betrat die Raststätte. Ein Geruch nach Gebratenem füllte den Speiseraum. Zum Abendbrot gab es schwarze Bohnen, Eier und Tortillas. Nach dem Essen machten wir uns wieder auf den Weg.

Unterwegs bekam ich Fieber, das durch einen Infekt ausgelöst worden war, den ich mir in San Mateo eingefangen hatte. Als wir noch vor Sonnenaufgang in Huehue eintrafen, bereitete mir jede Bewegung Schmerzen. Nachdem ich körperlich wieder gesund war, litt mein Geist noch eine ganze Weile unter den Folgen der Erkrankung. Am späten Vormittag besorgte ich mit letzter Kraft Medikamente aus der Apotheke.

(c) valentino 2021

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Die Überglücklichen – Verwirrte Psyche im Rausch der Gefühle (Filmrezension)

La pazza gioia

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tragikomödie // In der in der malerischen Toskana gelegenen Villa Biondi führt Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) das große Wort, wenn sie mit Sonnenschirm übers Gelände flaniert. Doch schnell wird deutlich: Sie ist nicht freiwillig dort, denn bei dem Anwesen handelt es sich um eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen, und bei Beatrice wurde eine bipolare Störung diagnostiziert.

Patientin als Ärztin

Als eine neue Patientin eingeliefert wird, weckt diese Beatrices Neugier. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen hält die junge Donatella Morelli (Micaela Ramazzotti) Beatrice für eine Ärztin, und diese erstellt auch sogleich eine Anamnese. Auch später sucht Beatrice Donatellas Nähe, nimmt die Jüngere unter ihre Fittiche. Eines Tages nehmen die beiden gemeinsam Reißaus. Auf der Flucht nimmt eine ungewöhnliche Freundschaft ihren Lauf.

Redeschwall ohne Ende

Puh, Beatrice erweist sich von Anfang an als Quasselstrippe, bei der sowohl das Filmpublikum als auch die Figuren, auf die sie trifft, aufmerksam bleiben müssen, um ihr zu folgen. Mit der Wahrheit nimmt sie es nicht immer genau, doch nicht alles, was sie erzählt, erweist sich in der Folge als Hirngespinst. Valeria Bruni Tedeschi („Die Bartholomäusnacht“) verkörpert ihre Rolle mit genau dem Maß an Überdrehtheit, das der Part erfordert. Wenn man sich erst an den nicht enden wollenden Redeschwall gewöhnt hat, wächst einem Beatrice unweigerlich ans Herz.

Zwei ungleiche Freundinnen

Will man Tedeschis Filmpartnerin Micaela Ramazzotti („Anni Felici – Barfuß durchs Leben“) Unrecht tun, kann man äußern, sie werde von der Älteren an die Wand gespielt. Doch das trifft es nicht im Geringsten. Vielmehr bildet die ungleich zurückhaltendere und bisweilen von tiefer Traurigkeit erfüllte Donatella einen famosen Gegenpol zu der aufgekratzten Beatrice, die von einer unbändigen Neugier aufs Leben und ihre Mitmenschen erfüllt ist. Da wachsen zwei enorm ungleiche Frauen zusammen, dass es die wahre Freude ist, ihnen dabei zuzusehen. Bevor man mehr von Donatella und ihrem Leben erfährt, vergeht allerdings eine Weile.

Von Psychologen beraten

Jetzt haben wir sogar ein Auto. Wir sind die Überglücklichen. So bemerkt es Beatrice, nachdem sich die beiden kurzerhand ein Fahrzeug unter den Nagel gerissen haben. Regisseur und Drehbuchautor Paulo Virzì („Die süße Gier“) skizziert seine Protagonistinnen mit sehr viel Gefühl. Er ließ sich auch von Psychologen beraten, um dem schwierigen Sujet psychischer Erkrankungen gerecht zu werden. Hier wird niemand zur Schau gestellt, weil er oder sie nicht in ein gesellschaftliches Schema passt und eine seelische Last mit sich herumträgt. Dramatische und humorvolle Momente stehen dabei in großer Harmonie nebeneinander. Von Lebensfreude zu Tragik ist es manchmal eben kein weiter Weg, erst recht nicht, wenn man sowieso sein Päckchen mit sich herumträgt. Die sommerlichen Bilder der Toskana bilden dazu einen reizvollen Kontrast. Das Roadmovie „Die Überglücklichen“ erweist sich als feine Tragikomödie über das Leben.

Veröffentlichung: 25. August 2017 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: La pazza gioia
Internationaler Titel: Like Crazy
IT/F 2016
Regie: Paolo Virzì
Drehbuch: Paolo Virzì, Francesca Archibugi
Besetzung: Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti, Tommaso Ragno, Sergio Albelli, Luisanna Messeri, Francesco Lagi, Paolo Vivaldi
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: good!movies / Neue Visionen Medien

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Oberer Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien