Writers of Writers

„When we teach computers to write, the computers don’t replace us any more than pianos replace pianists—in a certain way, they become our pens, and we become more than writers. We become writers of writers.“

Ross Goodwin: Adventures in Narrated Reality: New forms & interfaces for written language, enabled by machine intelligence. https://medium.com/artists-and-machine-intelligence/adventures-in-narrated-reality-6516ff395ba3 (7.7.2019)

Warum es neben mir so unheimlich nach Schweiß roch

belmonte

In der S-Bahn nach Haßloch saßen zwei Männer neben mir und mir gegenüber, die unheimlich nach Schweiß rochen. Sie wirkten nicht sonderlich ungewaschen, aber es fiel mir schwer zu atmen. Ich sah, wie sie aus ihren Rucksäcken Flaschen herausnahmen, und als sie daraus tranken, überschwemmte mich ein noch schlimmerer Schweißgeruch. Ich schaute auf die Etiketten der Flaschen und erschrak, als ich „Bioschweiß“ las. Ich weiß schon, warum ich diese neuen Designergetränke nicht ausstehen kann.

(c) belmonte 2019

Ein Mittsommernachtstraum

belmonte

Ein Mittsommernachtstraum

Titania

Titania / Foto: belmonte

Am Abend fahren wir zur Riserva Bosco delle Pianelle, einem Wald außerhalb von Martina Franca, und schauen uns dort eine wunderschöne Mittsommernachtstraum-Vorstellung an, hervorragende Schauspieler, sehr agil, hüpfend, schweifend, übertrieben-gutes Minenspiel, ganz Commedia dell’arte, was ich bisher so nur in Italien gesehen habe, echte Lebhaftigkeit, einbrechende Nacht, es ist schnell dunkel, Taschenlampen, Elfen, Oberon, Titania und ein grandioser herumwirbelnder Puck zwischen den Bäumen und hinterm Gestrüpp.

Puck

Puck / Foto: belmonte

Das Publikum wird von einer Stelle zur anderen im Wald gebracht, der Geist des Stückes ist wunderbar getroffen, gleichzeitig ist es ein wenig unheimlich, ein Buckliger mischt sich unters Publikum. Pyramus und Thisbe spielen mit sensationeller Situationskomik und Wortwitz. All das in einem ätherisch duftenden Mediterranwald. Ist es Minze?

Bottom und Titania

Bottom und Titania / Foto: belmonte

(c) belmonte 2019

Warum der Anblick im Reisebus aus Bilbao so grauenvoll war

belmonte

Gestern kam ein Reisebus aus Bilbao an. Normalerweise haben die Busse nur kurzen Aufenthalt, Leute raus, neue Leute rein und wieder los. Aber er blieb dort einfach mit geschlossenen Türen stehen. Die nachfolgenden Busse fingen schon an zu hupen. Irgendwann kam ein Aufseher und dann die Polizei, und als im Bus niemand reagierte, brachen sie die Tür auf und waren entsetzt über das, was sie sahen. Der Bus war vollbesetzt mit Leuten, denen allen der Kopf fehlte. Es war ein grauenvoller Anblick. Auch der Busfahrer war kopflos, und nirgendwo war irgendeiner der Köpfe zu finden. Warum ich das hier schreibe? Es ist diese Meldung wert, weil solche Dinge ja nicht alle Tage vorkommen.

(c) belmonte 2019

Was meine Großtante unter ihrem Rock trug

belmonte

Meine Großtante trug immer sehr lange und schwere Röcke, die mich an Vorhänge aus den 50er Jahren erinnerten. Sie hatte meistens einen etwas muffigen Geruch an sich, und alle waren froh, wenn sie wieder fort war. Einmal versteckte ich mich unterm Esstisch, als sie uns besuchen kam, und als sie sich zu Tisch setzte und ihren Rock ein wenig hochzog, konnte ich eine ausgestopfte Bisamratte sehen, die mit Paketklebeband an ihrer Wade befestigt war. Meine Großtante war ansonsten immer sehr freundlich zu uns Kindern.

(c) belmonte 2019

Wie ich zwei Finger meiner linken Hand nicht wiedergefunden habe

belmonte

Neulich ging es mir ziemlich dreckig. Als ich aufwachte, fand ich, dass zwei Finger meiner linken Hand fehlten, einfach abgeschnitten. Es tat so weh. Mein Laken war blutdurchtränkt. Und ich habe die beiden Finger nicht mehr wiedergefunden. Gott weiß, was passiert war. Es sind diese Dinge, die dich fragen lassen, wozu das alles gut ist. Und trotzdem, es ist einfach, wie es ist.

(c) belmonte 2019

Brief an die kreative Kumpanei – Roadtrip, Kammerspiel oder eine Allegorie?

Liebe Kumpane des seriellen Schreibens,

unser Projekttreffen im CentroLingue Leonardo Da Vinci in Heidelberg ist nun zwei Wochen her, und langsam fangen sich bei mir die Ideen zu setzen an.

Was ist seitdem geschehen?

Florian hat ein Serien-Logo entworfen und auf den Seiten von Brot & Kunst ein internes Forum eingerichtet, in dem wir unsere Ideen weiter ausarbeiten und diskutieren können, bevor wir uns vor der Sommerpause erneut treffen.

Brot und Kunst in Serie

Brot & Kunst in Serie

Wichtig ist in der Zwischenzeit die Entwicklung dreier Loglines, von denen wir dann eine auswählen (womöglich über eine Umfrage?) und daraus einen Plot für die erste Staffel erarbeiten. Florian hat hierzu drei Optionen vorgeschlagen, einen Roadtrip, ein Kammerstück und eine Allegorie. Schaut sie Euch im Forum an. Zum Roadtrip habe ich eine Logline angesetzt, die aus meiner Sicht aber noch einen Antagonisten benötigt. Habt Ihr Ideen?

Ich finde übrigens noch immer den Einfall gar nicht schlecht, dass wir aus unseren eigenen Werken jeweils eine Figur herausnehmen (z. B. Captain Mania oder Rosko oder die Fee oder den Kleinwüchsigen) und diese nach Art der Avengers auf die Welt loslassen. Vielleicht lässt sich dadurch ein junges Publikum ansprechen. Oder wir machen genau daraus ein Kammerspiel.

Es ist gut, dass wir uns voraussichtlich zuerst einmal auf einen linearen Plot fokussieren. Im zweiten Schritt denke ich allerdings, dass es sinnvoll wäre, auch über eine nicht-lineare Erzählweise nachzudenken. Aus meiner Sicht zeichnet sich moderne Epik vor allem durch Nicht-Linearität aus, wie zum Beispiel Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie oder Maria Stepanovas Nach dem Gedächtnis zeigen.

Ich beende bald den ersten Band von George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer und finde die strikt lineare Erzählweise mehr und mehr beschwerlich, je weiter ich zum Ende komme. Ich möchte von Literatur gefordert, nicht unterfordert werden. Wahrscheinlich wird aber die Masse der Leser durch nicht-lineare Erzählweise noch nicht genügend abgeholt.

Lasst uns darüber gerne im Forum oder hier unten in den Kommentaren diskutieren.

Ich kann Euch noch folgenden Podcast empfehlen, der zwar schon etwas älter ist, den ich aber nach wie vor aktuell finde:

https://www.drehbuchautoren.de/podcast/2012-11-18/innovatives-erzaehlen-in-der-modernen-tv-serie

Herzliche Grüße,
belmonte

Bilder von der Shortlist-Lesung des Preises der Heidelberger Autorinnen und Autoren 2019

Bilder von der Shortlist-Lesung des Preises der Heidelberger Autorinnen und Autoren am 17. Mai 2019 im Spiegelzelt der Heidelberger Literaturtage.

Heidelberger Literaturtage 2019

Heidelberger Literaturtage 2019 / Foto: Franziska Äpfel

Moderation belmonte

Moderation belmonte / Foto: Franziska Äpfel

Carola Kasimir

Carola Kasimir / Foto: Franziska Äpfel

Frank Barsch

Frank Barsch / Foto: Franziska Äpfel

Gerhild Michel

Gerhild Michel / Foto: Franziska Äpfel

Şafak Sarıçiçek

Şafak Sarıçiçek / Foto: Franziska Äpfel

Miriam Tag

Miriam Tag / Foto: Franziska Äpfel

Moderation Marion Tauschwitz und Marcus Imbsweiler (rechts)

Moderation Marion Tauschwitz und Marcus Imbsweiler (rechts) / Foto: Franziska Äpfel