Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Siebter Teil

Mai 28th, 2012 § 2 Kommentare

valentino

Haus in Transsilvanien

Illustration: Valentino

In einem Dorf trafen wir Gheorghe, der sich als „König der Schnapsbrenner“ ausgab. Tatsächlich brannte er, wie sich nach einer Kostprobe herausstellte, ausgezeichneten Pflaumenschnaps. In kurzer Zeit versammelte sich nahezu die ganze Familie auf dem Hof, was uns zu einem etwas überstürzten Aufbruch nötigte. Nachdem wir eine Flasche des edlen Trunkes ersteigert, das Dorf verlassen und das Zelt aufgebaut hatten, fielen wir dank Țuică in einen tiefen Schlaf, den der Regen bis in die Mittagsstunden des nächsten Tages verlängerte, so dass an eine Weiterfahrt bei dem Wetter nicht zu denken war.

Nachmittags in Bistrița beschrieb uns Lucia auf Englisch den Weg zum Hotel. Wir trafen Lucia, die an der Universität von Năsăud Volkskunde studierte, am folgenden Vormittag an dem großen Glockenturm aus dem 14. Jahrhundert, der zu einer Pfarrkirche gehörte. Im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte der Region Bistrița-Năsăud weckte sie unsere Begeisterung für archäologische Funde, Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus vorchristlicher Zeit, traditionelle Einrichtungen, landwirtschaftliche Geräte und Trachten der Siebenbürger Sachsen.

Unser nächstes Ziel hieß Vatra Dornei. Wir näherten uns den Karpaten, dem Gebirge, welches durch Bram Stokers Vampir-Klassiker Berühmtheit erlangt hatte. Allerdings war von den finsteren, unheimlichen Felsformationen nichts zu sehen. Die bewaldeten Vorgebirge der Karpaten machten einen eher friedlichen Eindruck. Auch entdeckten wir weit und breit keine Spur von Vampiren. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt, da uns das Tageslicht noch beschützte.

(c) valentino 2012

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweite kanzone | 3

Mai 26th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

zweite kanzone

3

lilium

© valentino 2012

hat sich der himmel umgekehrt
und aus verdüsterung getan
was auf verkündigung ich hingehört
ob ich den cherub iemals sehen kann
und wann die lilje mir gefällt
wanns lichterkind zum himmel fährt
mich angesehn wär ich damit gemeint
den tod in diese welt gestellt
und todeskinder sähe ich dann
wer wärs darüber hätte nicht geweint
der um der lilje lag in düsterkrone
den tod zu überwinden lilje innewohne

(c) belmonte 2012

eBook fulltext pdf

Rosa de Tijuana

Mai 24th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Rosa de Tijuana

„Rosa de Tijuana“, Valentino, 2006, Linolschnitt

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweite kanzone | 2

Mai 19th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

zweite kanzone

2

lilium

© valentino 2012

entsteigt ein kindlein aus dem kelch
auf stirne wangen blütentau
und strahlt in lichtern über glanzen welch
ein weißes feuer schöner anzuschaun
ein licht ist dieses liljenkind
umarmt aus blütensêle weich
das aus der schale weißer blüten stieg
kein kalt ist hier kein eiser wind
auf glatter weißen liljenhaut
und wer das sah und wer dabei nicht schwieg
der sang was hörte wer von alters schon
dem liljenkinde summte leisen ton

(c) belmonte 2012

Lilienkind

© valentino 2012

eBook fulltext pdf

Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Sechster Teil

Mai 16th, 2012 § 2 Kommentare

valentino

In Popeni

Illustration: Valentino

Wir saßen in Popeni am Straßenrand, als uns eine Bäuerin nach einem kurzen Wortwechsel durch das kleine Dorf auf ihren Hof führte, auf dem Hühner, Gänse und Katzen herum liefen. Sie bot uns an, auf den beiden Stühlen am Tisch neben der Eingangstür Platz zu nehmen. Wir setzten uns und sie ging in das Haus. Kurz darauf trat sie mit einer Karaffe wieder heraus, füllte auf dem Tisch stehende Gläser randvoll mit Rotwein sowie zwei Schnapsgläser mit Țuică, Pflaumenschnaps, und forderte uns zum Trinken auf.

Die Frau rollte Teig zu Fladen, aus denen sie in einer Pfanne mit heißem Schmalz eine Art Maispfannkuchen zubereitete, welche sie uns mit einer groben Joghurt-Sauce servierte. Als wir uns sattgegessen hatten, packte sie die übriggebliebenen Fladen zusammen mit Brot, Speck, Paprika und Tomaten in einen Beutel und gab uns diesen mit auf den Weg. Nach dem Abschied hatten wir ob unseres etwas berauschten Zustandes Mühe, geradeaus zu lenken, überwanden jedoch mit Leichtigkeit Hügel, die uns nüchtern ein Hindernis gewesen wären.

Wir gelangten an einen Fluss, dessen Ufer einen geeigneten Zeltplatz bot. Zwar waren wir noch nicht sehr weit gekommen, aber da es erst später Nachmittag war, konnten wir vor der einsetzenden Dämmerung das Zelt aufstellen und endlich das langersehnte Bad nehmen. Wir sprangen in die Strömung und ließen uns von dem wunderbaren Gefühl inspirieren, welches das kühle und erfrischende Nass auf unseren Körpern hinterließ.

(c) valentino 2012

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweite kanzone | 1

Mai 12th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

zweite kanzone

1

lilium

© valentino 2012

aus welcher düsternessen fuhr
ein cherub nieder auf das weiß
der liljenblüte schwebete er zur
und beugt sich über kinderzauberkreis
legt an der lilje seine hand
um îrer lichterblüten tut
er sich aus seinem hohen fluge hin
was anders unter sternen stand
und lichtkristallen strahlenheiß
der neigt sich den das licht im fluge fing
umarmt der cherub ewigkeiten schon
die capsula gebar den himmelssohn

(c) belmonte 2012

eBook fulltext pdf

Unterwegs im Lande des Vlad Ţepeş | Fünfter Teil

Mai 9th, 2012 § 1 Kommentar

valentino

Landschaft bei Vîrşolţ

Illustration: Valentino

Nachdem wir eine weitere Nacht kurz hinter Şimleu Silvaniei im Zelt geschlafen hatten, brachte uns der folgende Tag einen kurzen Aufenthalt in einer Dorfkneipe und viele Staub und Diesel aufwirbelnde Lastwagen. In Vîrşolţ bogen wir rechts ab und erreichten nach einer kleinen Anhöhe einen See, den wir zuvor auf der Landkarte entdeckt hatten und in dem wir uns waschen wollten. Doch anstelle des ersehnten Badestrandes tauchte vor uns ein umzäuntes Fabrikgelände auf. An den Ufern des Sees donnerten schwere Laster über provisorische Pisten.

Am gegenüber liegenden Ufer jedoch sah der See zugänglich aus, darum fragten wir einen Lastwagenfahrer, ob es möglich sei, in dem See zu schwimmen. Auch mit Händen und Füßen waren die Verständigungsprobleme nicht zu lösen, bis ein kleiner Junge zu Hilfe kam. Trotz Hitze trug er Pullover und Jeans. Er machte uns klar, dass man am anderen Ufer des Sees durchaus schwimmen könne, der See aber nicht besonders sauber sei. Wir schoben die Räder vorbei an Beerensträuchern bis an den Rand des Ufers. Dahinter brach dieses steil ab. Morastiger Boden breitete sich auf einer weiten Ebene bis zum Wasser hin aus. Einige Vögel schwammen auf der Oberfläche des Sees.

Mein Begleiter stieg den Abhang hinab und watete durch den Schlick in Richtung Wasser. Er hatte es fast erreicht, da rief ihm der Junge vom Ufer aus zu, es sei verboten im See zu baden, außerdem gäbe es Wasserschlangen. Das hätte ihm sein Vorgesetzter gesagt. Ein Blick auf die Karte sagte uns, dass wir später an einem Flusslauf vorbeikommen würden, der sich womöglich besser zur Körperreinigung eignete. Wir fuhren zurück nach Vîrşolţ und auf der Hauptstraße weiter über Zalău in Richtung Jibou.

(c) valentino 2012

Skizze eines Wütenden

Mai 7th, 2012 § 4 Kommentare

Diese Diashow benötigt JavaScript.

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweiter gesang | 53 bis 56

Mai 5th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

zweiter gesang

53 da kamen aber die magunen und warfen
das land unter sich îre gesichter trennten
sich aus den wolken und überfielen jeden
winkel sie erschlugen die alten und schlaffen

54 und töteten die heute niemand mehr kennt
und ergriffen die macht mit der sie das leben
ausgossen und ausbluten ließen und kamen
in scharen sich menschen und tiere zu nennen

55 tod war allen die aufstanden eingeschrieben
wann dunkele nacht das licht unter sich nahm
verfolgten sie deinen vater und sie fingen
în und brachten în um und die bei îm blieben

56 und erschlugen deine brüder allesamt
und deine mutter hängten sie auf sie hing
mit einem erstummten schrei auf îrem mund
îr innerstes kêrte nach außen zu flammen

(c) belmonte 2012

eBook fulltext pdf

Unterwegs im Lande des Vlad Ţepeş | Vierter Teil

Mai 2nd, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Cioban

Illustration: Valentino

Unsere Route führte durch eine Gegend, deren Orte aus einfachen Bauernhäusern bestanden, die sich beidseitig entlang der befestigten Hauptstraße aneinander reihten. Rechtwinklig stachen schlammige Wege aus den Dorfkernen heraus. In einem Ort liefen am Straßenrand Kinder, welche zu einer Gruppe von Wanderarbeitern gehörten. Diese lebten vom Kesselflicken, Löffelschnitzen und anderen Tagelohnarbeiten, und bewegten sich mit einem Pferdeplanwagen durch das Land.

Die Alimentara, die Lebensmittelgeschäfte, boten außer Brot, Brause, Schokolade und Erdnüssen kaum etwas an. Die Menschen versorgten sich, aufgrund ihrer bäuerlichen Lebensweise, fast vollständig selbst. Etwa die Hälfte der 20 Millionen Einwohner Rumäniens lebte auf dem Land und war auf Tierhaltung und das Bewirtschaften von Agrarflächen angewiesen. Auf den Hinterhöfen der Leute herrschte reges Treiben der Hunde, Katzen, Truthähne, Gänse und Hühner. Ochsenkarren und Pferdewagen befuhren die Straßen. Wir fühlten uns fünfzig Jahre in die Vergangenheit versetzt.

In der Dunkelheit tauchte der Vollmond die Felder in milchiges Licht. Ein Cioban, ein Schäfer, jagte eine Schafherde über die Hügel. Wir grüßten und fragten mit unseren wenigen Brocken Rumänisch, ob es möglich wäre, auf dem Weideland der Schafe unser Zelt aufzustellen. Der Schäfer machte eine Geste mit den Händen, die den nächtlichen, starken Wind auf dem Feld andeuten sollte. Er zeigte uns einen Platz, der geschützt hinter einer kleinen Anhöhe lag. Dann trat er aus dem Mondschein und verschwand im Dunkel der Nacht.

(c) valentino 2012

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweiter gesang | 49 bis 52

April 29th, 2012 § 1 Kommentar

belmonte

zweiter gesang

49 dies ist das lied das dir noch lange gesungen
werde schunemydala du bist die krone
unter den himmeln aufrecht standst du und frei
wer hat mir zur spæte wann es sonst verklungen

50 wäre von dir erzählt und von der bedrohung
die nahe stand ein vogel der dich allein
auf den eisfeldern sah daran zu erinnern
wo heute kein leben mehr ist auf der hohen

51 statt unter der die knochen ewiger zeiten
begraben sind und namen von keiner stimme
mehr genannt die unter das geröll geraten
ein vogel der deine augen aus der weite

52 gesehen hat und das leuchten das darinnen
lag und wind und schnee die auf dein gesicht trafen
dir nichts anhaben konnten wer wollte denn
da kommen herrschaft über dich zu gewinnen

(c) belmonte 2012

eBook fulltext pdf

Unterwegs im Lande des Vlad Ţepeş | Dritter Teil

April 26th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Herrscher al Ţării

Illustration: Valentino

Die Straße war breit, aber schlecht asphaltiert. Links passierten wir eine alte, verrottete Fabrikanlage. Putz blätterte von der Fassade, trübes Licht schien durch zerbrochenes Fensterglas. In der Ferne rauchten die Schlote der Stadt. Dort angekommen begegneten wir zum ersten Mal dem legendären Vlad Ţepeş, alias Graf Dracula, in seiner vertraut leblosen Gestalt: Die Statue vor dem Museum im Park von Oradea zeigte sein verewigtes, zweieinhalb bis drei Meter hohes Abbild aus Stein.

Die Bronzetafel auf dem Sockel besagte in rumänischer Sprache, die mein Begleiter mit Hilfe des Wörterbuches entschlüsselte: „Vlad Ţepeş (Vlad, der Pfähler) – Herrscher al Ţării, Rumäne aus den Bergen (1448; 1456-1462; 1476). Ein flinker Mann, der durch eine Vielzahl an eigenen Erfahrungen die Notwendigkeit einer schlagkräftigen Armee erkannte. Michael Bociognoli.“ Was immer dieses heißen mochte, es warf nicht mehr positives Licht auf die geheimnisvolle Figur, als wir zuvor schon gehört hatten. Der Fürst hatte im 15. Jahrhundert die osmanischen Heere aus dem Land vertrieben, die gefangenen Türken auf grausame Weise gepfählt, d. h. „von unten nach oben aufgespießt“ und zur Abschreckung an den Wegen aufgestellt, wo diejenigen, die diese Qualen vorerst überlebten, spätestens nach wenigen Tagen elendig krepierten.

Nachdem wir die Stadt verlassen hatten, erfuhren wir nach einigen Kilometern am eigenen Leib, was es heißt, auf einer Straße im Lande des ehemaligen Conducators, des Führers, den wir von nun an „den Alten“ nannten, zu fahren. Die Sparmaßnahmen, die Ceauşescu zur Tilgung der Staatsschulden seit den 1960er Jahren eingeführt hatte, wirkten sich auch auf den Straßenbau aus. Durchgerüttelt und -geschüttelt holperten wir auf Kopfsteinpflaster von Ort zu Ort.

(c) valentino 2012

Zona Centro

April 24th, 2012 § 9 Kommentare

Zona Centro

„Zona Centro“, Valentino, 2006, Linolschnitt

Brief aus Mailand | 2

April 21st, 2012 § 2 Kommentare

belmonte

brief aus mailand

2

besuch der pinacoteca ambrosiana
neben den gemälden beeindruckt auch das gebäude mit seinem labyrinthischen rundgang durch säulenräume
arkadengänge
vorbei an statuen und mosaiken
lateinischen inschriften von seneca und vergil
die die wände umschreiben
der hof ist ein einziges italienisches statuenidyll

Innenhof der Pinacoteca Ambrosiana

Innenhof der Pinacoteca Ambrosiana / Foto: Belmonte

ich verweile bei den bekannten gemälden
botticelli und raffael
caravaggio und leonardo
faszinierend auch die werke von jan brueghel
die wasserallegorie und die kleinen mehrteiligen landschaftsbilder
zwei mal sechs

den abschluss bildet die grandiose biblioteca ambrosiana
ein großer
hoher saal mit rundgang auf halber höhe
der raum ist klimatisiert
es riecht förmlich nach alten büchern
codices und handschriften
alle vier wände sind davon bedeckt
ein rundgang in der mitte zeigt originalseiten aus leonardos codex atlanticus mit zahlreichen bekannten konstruktionszeichnungen
leider bin ich hier bereits erschöpft
es fehlen stühle
die bücherpracht mit muße zu betrachten und ein auge zuzumachen

draußen schnappe ich luft
gehe durch den passaggio scuole palatine und über die piazza dei mercati richtung domplatz
trinke einen kaffee und kaufe mir bei hoepli eine studienausgabe der promessi sposi

abendessen mit mario und dariana
die sich genau wie wir mit zwei kindern systematisiert haben
wir haben uns nicht viel zu sagen
es ist ein büffet aufgebaut
selbstgemachtes bier und likör

ich geh zu fuß nach hause

am nächsten morgen besuche ich die kleine kirche san satiro in der via torino mit der eindrucksvollen optischen täuschung des chorgewölbes von bramante
das in wirklichkeit viel flacher gebaut ist
aber eine echte tiefe vorspiegelt

Chiesa di Santa Maria presso San Satiro

Chiesa di Santa Maria presso San Satiro / Foto: Belmonte

architektur ist in vieler hinsicht nichts anderes als vorspiegelung
was anders sind säulen darstellende pilaster
höhe vorspiegelnde enge gotische kirchenschiffe

und im vorspiegeln sind die italiener große klasse
die baugerüste an dom und galerie sind mit dom und galerie vorspiegelnden vorhängen verkleidet
und mit werbung

Galleria Vittorio Emanuele II

Galleria Vittorio Emanuele II / Foto: Belmonte

wir fahren zum dach des domes auf
wieder bin ich verblüfft über die unzähligen und an allen unmöglichen stellen untergebrachten statuen und statuetten
ein who-is-who aus antike und mittelalter
heilige und engel
klassische mythologie
cäsaren
päpste und kardinäle
philosophen
fürsten und sonstige potentaten
die sonne scheint uns aufs dach

nach dem mittagessen besuch der pinacoteca di brera
aber es ist auch langsam genug jetzt
bei all den kostbarkeiten
die hier an den wänden hängen
erstmals sehe ich mantegnas toten christus

(c) belmonte 2012

Unterwegs im Lande des Vlad Ţepeş | Zweiter Teil

April 18th, 2012 § 2 Kommentare

valentino

Borş

Illustration: Valentino

An dem Ort, an dem wir im Jahr zuvor den Entschluss gefasst hatten, begann die Reise. In Budapest machten mein Begleiter und ich uns sogleich daran, die Reifen unserer Fahrräder aufzupumpen. Wir luden das Gepäck, welches aus dem Notwendigsten bestand, auf die Räder: Fahrradtaschen, ein leichtes Zelt, Schlafsäcke und Isoliermatten. In der ungarischen Puszta nächtigten wir auf einem Campingplatz am See.

Trotz Hitze kamen wir tags darauf gut voran und vermuteten uns, fern von Zuhause, am Beginn einer vielversprechenden Reise. Allerdings befanden wir uns zu dieser Zeit noch auf der Straße nach Debrecen. In dem Ort fand am Abend bei unserer Ankunft eine Parade statt. Die Menschen versammelten sich, wie jedes Jahr am 21. August, zum ungarischen Nationalfeiertag auf den Straßen. Es gab ein Feuerwerk. Rumänien rückte näher und näher. Am folgenden Tag erreichten wir den Grenzort Borş.

Die mit Kalaschnikows bewaffneten rumänischen Grenzsoldaten machten den Eindruck, unsere Einreise in das Land um jeden Preis verhindern zu wollen. Die offensichtliche Kampfbereitschaft der grünen Miliz wirkte sich so stark auf unser Gemüt aus, dass uns jegliche Hoffnung auf einen reibungslosen Grenzübertritt bei ihrem Anblick schwand. Doch bis auf eine intensive Kontrolle unserer Visa gab es keine weiteren Hindernisse. Als der Grenzbeamte uns durchwinkte, setzten wir, erleichtert und zugleich hoch motiviert, mit energischen Pedaltritten unsere Fahrräder in Bewegung. Von nun an begannen wir das Land in uns aufzusaugen. Mit allen Schönheiten, Strapazen und Begegnungen.

(c) valentino 2012

“Nach Norden” von Dario Azzellini und Boris Kanzleiter (Rezension)

April 16th, 2012 § 2 Kommentare

valentino

Dario Azzellini & Boris Kanzleiter: Nach Norden

Dario Azzellini & Boris Kanzleiter: Nach Norden

Ausführlich und informativ stellt das Buch die Situation an der Grenze zwischen den USA und Mexiko der 1990er Jahre vor, insbesondere unter dem Aspekt der seit dieser Zeit in die Wege geleiteten neoliberalen Umstrukturierung und Militarisierung der USA.

„Nach Norden“ beinhaltet Interviews, Reportagen und Erfahrungsberichte von der US-mexikanischen Grenze zum Thema Arbeitsmigration und Umgangsweisen der Politik mit illegaler Einwanderung. Auch berichtet es über Maclovio Rojas, einer von Familien und Migranten aus verschiedenen Regionen Mexikos gegründeten Siedlung an der Landstraße zwischen Tijuana und Tecate. Dario Azzellini zeichnet die Entwicklung der Binnenmigration in Mexiko nach. Die Menschen sind auf die Mobilität angewiesen, um überleben zu können. Im Jahre 1992 wurde das Freihandelsabkommen NAFTA zwischen den Staaten Kanada, USA und Mexiko unterzeichnet.

Boris Kanzleiter kommt zu dem bemerkenswerten Schluss:

„Der große Widerspruch der Politik der letzten Jahre bestand darin, daß die neoliberale Umstrukturierung einerseits tatsächlich größere wirtschaftliche, politische und kulturelle Verflechtungen zwischen den Staaten zur Folge hat, gleichzeitig aber dieselbe Politik die soziale Kluft zwischen Reich und Arm sowie zwischen Nord und Süd vertieft. NAFTA läßt die mexikanische Bevölkerung verarmen und propagiert gleichzeitig den Mythos vom American Dream. Beide Faktoren wirken zusammen und verstärken die Migrationsbewegungen von Mexiko in die USA.“ (37)

Und weiter:

„Über die konkrete wirtschaftspolitische Bedeutung hinaus, zielte NAFTA auch auf eine Veränderung der Mentalität und Kultur. Die MexikanerInnen sollten sich von traditionellen Vorstellungen und Lebensweisen lösen, aus dem Schatten der Geschichte treten und ihren Blick nicht mehr nach Lateinamerika, sondern gen USA richten.“ (50)

Im Anhang findet der Leser Kontaktadressen von Institutionen an der Grenze und eine kommentierte Literaturliste.

Dario Azzellini und Boris Kanzleiter (Hg.): Nach Norden. Berlin, Göttingen 1999.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) valentino 2012

Brief aus Mailand | 1

April 14th, 2012 § 2 Kommentare

belmonte

brief aus mailand

1

appartment in nächster nähe zur basilica di san lorenzo maggiore alle colonne
tiefschlaf nach der langen fahrt

am morgen besuch der basilica
einem zentralbau aus dem vierten jahrhundert
an der westseite von römischen kollonaden begrenzt

Basilica di San Lorenzo Maggiore

Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

gerade wird die messe gefeiert
der priester gestikuliert und predigt ganz modern
denn am abend vorher ist das festival di sanremo zu ende gegangen
bei dem adriano celentano über das katholische priestertum hergezogen ist
das zu sehr von politik und zu wenig vom paradies spreche

draußen ist der himmel milchig
das licht diffus
ein doppelgesichtiger elvis schmückt eine hauswand

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

am nächsten tag sitze ich im lesesaal der bibliothek der università cattolica
während es draußen regnet
ich bin wahrscheinlich der älteste im saal
einem lernenden ameisenhaufen
vor mir liegt die geheimschrift

abends besuch einer lesung in der buchhandlung equilibri
nähe piazza lima
autor francesco macciò
der zum kreis um angelo tonelli und der mitomodernisten gehört

ein zweiter autor ist anwesend
marco bellini
beide stellen ihre neuen bücher vor
gedichte über die landschaften liguriens
artemis hier
empedokles dort

cos’è la poesia

poesia lasse sich nicht festhalten
das könne kein dichter
kein leser
kein hörer
es gebe keine lichter
die man angeschaltet lassen könnte

bellini fragt
was von uns bleibt
wenn wir alles verlieren
haare
nägel
schweiß

der raum ist halbvoll und hellerleuchtet
man scheint sich zu kennen
hellgelbe wände
die klimaanlage läuft geräuschvoll
es werden keine fragen gestellt
also fragen die beiden moderatoren
die sich offensichtlich gerne selbst reden hören
die autoren aus
blättern gelangweilt in ihren büchern und hören kaum den antworten zu

abendessen
unterhaltung was wäre
wenn wir unser leben nach der aufgehenden sonne ausrichten würden
ich trinke eine flasche wein leer und bin etwas duhn

in der via santa marta gibt es einen schönen palazzo mit der portalschrift
società d’incoraggiamento d’arti e mestieri
ich finde
das ist ein ganz besonders gelungener ausgangspunkt
denn in der tat gehört mut dazu
und warum gibt es nicht mehr gesellschaften
die zu den künsten ermutigen

(c) belmonte 2012

Unterwegs im Lande des Vlad Ţepeş | Erster Teil

April 12th, 2012 § 6 Kommentare

valentino

România

Illustration: Valentino

Es war eine Fahrt ins Ungewisse, in ein Land, welches uns nur aus Erzählungen bekannt gewesen war. Rumänien. Zwar verbanden wir mit diesem Namen damals eher wenig, doch bot dieses Land viel an verborgener Vergangenheit: Die Herrschaft des Römischen Reiches, die erbitterten Kämpfe gegen die Heere der Osmanen. Selbst die alten Griechen hatten Anteil an der kulturellen Entwicklung des sich bis zum Schwarzen Meer erstreckenden Landes im Osten Europas. Und nicht zu vergessen, dass es in jüngster Vergangenheit einer fast 30-jährigen Schreckensherrschaft unter dem Diktator Nicolae Ceauşescu trotzte.

Das Land glich einer uneinnehmbaren Festung. Nicht nur ideell, sondern auch geographisch hatte es die Form einer gewaltigen Burg. Die Karpaten schlugen einen riesigen Bogen von Nordwesten her kommend um das transsilvanische Hochland herum nach Südosten und wieder zurück nach Westen. Auf der anderen Seite dieser natürlichen Festungsmauer lag im Süden die flache Walachei und im Osten das hügelige Moldawien. Die Donau mündete in der Dobrudscha in Form eines Deltas in das Schwarze Meer, welches sich durch Aufschwemmung immer weiter in dieses hineinfraß.

Im Jahr zuvor in Budapest hatten wir die Idee bekommen, das „Land des Grafen Dracula“ näher kennen lernen zu wollen. Dass wir uns zu diesem Zweck unserer Fahrräder bedienten, sollte sich im Nachhinein als ein ausgesprochener Vorteil erweisen. Es war für uns die beste Möglichkeit, die Menschen kennen zu lernen und körperliche Anstrengung mit Naturnähe zu verbinden. Tatsächlich sammelten wir aufgrund dieser Fortbewegungsmethode eine Vielzahl an Kontakten und einmaligen Naturerlebnissen.

(c) valentino 2012

Uwe Johnson

April 10th, 2012 § 1 Kommentar

„Uwe Johnson“, Valentino, 2010, Farblinolschnitt

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweiter gesang | 45 bis 48

April 7th, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

zweiter gesang

45 dort konntest du schon früher die kälte spüren
als deine mutter dich noch hinauf getragen
und du îre milch getrunken hast und aller
deiner brüder glanz und deines vaters zier

46 wurdest und schön gekleidet an hohen tagen
als die strâlen der himmel auf dich gefallen
sind in dem licht warst du selbst der hellste schein
wer wusste da schon welcher weg dich zu schaden

47 führte wer konnte die dunkelheit die bald
die berge bedeckte sehen wann die reine
luft aufgesogen wurde von den verschlungenen
gipfeln wo einst der wind das gras auf den kalten

48 ebenen niedergedrückt da ist jetzt keiner
mehr nur füchse wenn die nacht herab gesunken
und es noch kälter wird auf den unbewohnten
hängen peitscht der schnee über die nackten steine

(c) belmonte 2012

eBook fulltext pdf

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 60 other followers