Der Bergsee

30. September 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Bergsee

Aquarell: Valentino

Die Künstlerkolonie Tromm | 4 | Ein Dialog | 2

23. September 2014 § Ein Kommentar

VALENTINO:
Wenn ich deinen Ausführungen folge, nach denen Künstler Welten erschaffen, was ich durchaus unterstreiche, wozu müssen sie dann dafür irgendwo hingehen? Die Welten, die sie erschaffen, befinden sich in ihren Köpfen. Natürlich werden sie von der Wirklichkeit – von anderen Künstlern und Literaten – beeinflusst. Indem sie ihre Kunst erschaffen, formen sie diese Eindrücke subjektiv aus. In ihren Werken, ihrem Stil, ihrem Duktus kann der Betrachter dann die Welt aus der Sichtweise des Künstlers erkennen. Diese Subjektivität, die subjektive Herangehensweise, steht für mich sogar noch über der Virtuosität des Künstlers. Sie ist eben der Ausdruckswille, der über gesellschaftliche Konventionen und ökonomische Zwänge hinweg Künstler antreibt, ihre Welten auszuformen. In Worpswede gab es tatsächlich Parallelwelten zwischen Künstlerkolonie und Dorfbevölkerung. Diese unterschiedlichen Welten müssen sich ja nicht zwangsläufig gegenseitig zerstören (in dem Sinne, wie die „Mutterländer“ des Kolonialismus ihre Kolonien wirtschaftlich ausgebeutet haben und sich, von ihren Ideologien geleitet, der kolonisierten Bevölkerung überlegen fühlten). Es war wohl eher so, dass sie aneinander vorbei lebten, was eher seltsam als zerstörerisch war. Aber aus Sicht der Dorfbevölkerung waren die Künstler vielleicht arrogant oder ignorant. Und vielleicht verhielt es sich umgekehrt genauso. Natürlich kann den Künstlern das auch einfach egal sein.

BELMONTE:
Ich bin da nicht so sicher, ob die Welten, die Künstler erschaffen, sich in ihren Köpfen befinden. Wenn dem so wäre, bräuchte es ja den A u s d r u c k nicht. Die Welten des Künstlers entstehen ja erst im Ausdruck, sozusagen im Herausdrücken aus dem Kopf. Und sicherlich benötigt es dazu auch etwas, das in den Kopf hinein gekommen ist. (Und ich denke, dafür muss ein Künstler – und sei es auch nur im übertragenen Sinne – tatsächlich irgendwo hingehen.) Ansonsten besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass der Künstler in sich selbst eingeschlossen bleibt, dass der Kopf sich kontinuierlich mit dem Inhalt des Kopfes beschäftigt, ihn immer wieder dreht und wendet, dabei aber nichts nach außen gibt. Die Folge ist Wahnsinn und womöglich genau die Folge eines versickerten Ausdruckswillens. Es ist eben alles im Kopf geblieben.

Mich würde an dieser Stelle noch interessieren, was genau Du mit subjektiver Herangehensweise meinst und wie Du sie mit dem Ausdruckswillen in Deckung bringst. Was wäre denn eine nicht-subjektive Herangehensweise?

Steinskulptur auf der Tromm

Steinskulptur auf der Tromm / Foto: Valentino

VALENTINO:
Eine rhetorische Frage. Mit meiner Aussage, eine subjektive Herangehensweise stehe für mich über der Virtuosität eines Künstlers, habe ich wohl kaum behauptet, es gebe eine nicht-subjektive Herangehensweise, oder? Ich meine, dass in einer Gruppe von Individuen jeder die Wirklichkeit anders oder jeder in ihr wieder andere Facetten sieht. Man könnte auch sagen, es gibt so viele Wirklichkeiten, wie es Künstler gibt (zum Beispiel auf eine – fiktive – Künstlerkolonie bezogen). Und diese Tatsache ist für mich erst einmal wichtiger, als die Kunstfertigkeit der Mitglieder. Auch hier geht es um Austausch. Jeder hat verschiedene Fähigkeiten mehr oder weniger ausgeprägt. In einer Gruppe sollte jeder von jedem lernen können.

Aber ich möchte noch einmal auf die Welten zu sprechen kommen, die sich in den Köpfen der Künstler befinden. Ich teile nicht deine Ansicht, nach der ein Künstler verrückt würde, wenn diese Welten in seinem Kopf blieben. Das ist doch eine sehr mechanistische Vorstellung von der Funktionsweise des Gehirns. Ich könnte zum Beispiel morgen mit dem Malen aufhören (was ich nicht vorhabe) und hätte keine Bedenken, geistigen Schaden davonzutragen. Im Gegenteil denke ich, dass der selbstauferlegte Zwang, zum Beispiel jeden Tag schreiben oder malen zu müssen, zu einer Zwangsidee und schließlich zu Wahnsinn führen kann. Dass es einem Ausdruck bedarf, um die Welten sichtbar zu machen, die sich in den Köpfen befinden – darüber sind wir uns jedenfalls einig. Natürlich habe ich auch ein bisschen provozieren wollen mit der Behauptung, der Künstler bräuchte nirgendwo hingehen. Das hätte ich so nicht gesagt, wenn ich nicht schon die eine oder andere Reise gemacht hätte. Und natürlich braucht es, wie ich ja bereits sagte, Einfluss von außen (das können ja auch gute Bücher sein). Wenn ein Künstler jedoch diesen Einfluss hat, kann er in den Welten, die sich in seinem Kopf befinden, reisen, ohne dafür einen Schritt vor die Tür zu setzen – und ohne gleich wahnsinnig zu werden.

BELMONTE:
Subjektivität und Wahnsinn – ein spannendes Feld. Meine Vorstellung des Gehirns ist tatsächlich recht mechanistisch. Darüber steht allerdings die Seele, die ich weder als mechanistisch bezeichnen noch überhaupt mit einer wie immer gearteten Funktionsweise in Verbindung bringen würde. Und der Begriff Wahnsinn ist natürlich viel zu ungenau, um so eine simple Folge E n d e d e r K u n s t => W e l t e n b l e i b e n i m K o p f => W a h n s i n n aufzustellen. Dennoch glaube ich, dass etwas dran ist: Der Künstler hat einen Ausdruckswillen. Geht ihm dieser Ausdruckswillen nun abhanden, ist er dann noch Künstler? Ist er noch Künstler, wenn der Strom versiegt ist? Und was ist mit jenen, die aus einer anfangs grandiosen Schöpfung eine Masche gemacht haben, die sie nun immer und immer wiederholen? Wird dann nicht der Künstler zum Kunsthandwerker? Zum Zubringer seiner eigenen Schöpfung? Und daran schließt sich die Frage an, was jemand von jemandem lernen kann. Eine Masche, eine Kunstfertigkeit, eine Fähigkeit ist erlernbar. Aber ein Ausdruckswille?

VALENTINO:
Für mich ist die Funktionsweise des Gehirns organisch: Seine organische Struktur spiegelt die wahrgenommene Wirklichkeit wider und ich glaube, dass man sie in den Werken erkennen kann. Ich denke, jeder ist ein Künstler, der sein Talent erkannt hat und sich als solcher versteht. Ob ein Ausdruckswille erlernbar ist, wage ich zu bezweifeln. Entweder hat man ihn, oder man hat ihn nicht. Aber so genau kann ich das auch gar nicht sagen. Falls der Ausdruckswille versiegt sein sollte, hängt es davon ab, warum das passiert ist. Ist das Œuvre bereits geschaffen und der Geist gibt nichts mehr her? Oder gibt es äußere, ökonomische Zwänge? Dann frage ich mich: Was verstehe ich unter Freiheit? Und: Wie kann ich unter schwierigen Bedingungen frei leben?

(Zurück zum ersten Teil des Dialoges …)

(c) belmonte und valentino 2014

Die Künstlerkolonie Tromm | 4 | Ein Dialog | 1

20. September 2014 § Ein Kommentar

BELMONTE:
Was bedeutet für Dich „Künstlerkolonie“? Und kann „Künstlerkolonie“ – zumindest als Idee – unter heutigen Gegebenheiten Bestand haben?

VALENTINO:
Seit der Industrialisierung haben wir uns immer mehr von unserer Natur entfremdet. In der Folge bildete sich die Künstlerkolonie als Gegenbewegung. Für mich geht es darum, das Gleichgewicht zwischen uns und unserer Natur wieder herzustellen. Da finde ich die Künstlerkolonie – als Idee – durchaus reizvoll, auch wenn sie heute nicht mehr zeitgemäß erscheint. Mich beschäftigt, wie wir miteinander leben wollen, wo die Muße, die gegenseitige Unterstützung bleibt.

Himmel über der Tromm

Himmel über der Tromm / Foto: belmonte

BELMONTE:
Muße und Muse, würde ich sagen. Mir gefällt, dass du die gegenseitige Unterstützung erwähnst, also den gemeinschaftlichen Aspekt der Künstlerkolonie. Ich denke, dieser gemeinschaftliche Charakter einer Künstlerkolonie – beziehungsweise der Idee Künstlerkolonie – ist enorm wichtig. Er sollte aber nie das Einzelgängerische des Künstlertums zerstören, sollte es vielmehr fördern. Denn der Ausdruckswille der Kunst ist aus meiner Sicht immer ein Ausdruckswille des Einzelnen. Künstlerkolonie sollte nach meinem Dafürhalten nicht in der Bildung einer künstlerischen Schulrichtung münden.

VALENTINO:
Ich denke an eine Vielfalt von Ideen und Herangehensweisen – allein neigt man ja dazu, auf immer dieselben Muster zurückzugreifen, bekannte Wege zu gehen. In einer Kolonie oder in einer Gruppe (was für mich irgendwie vertrauter klingt) kann man sich, so stelle ich mir jedenfalls vor, gegenseitig inspirieren und von ausgetretenen Pfaden abbringen. Als Individualist stehe ich einer solchen Gruppenarbeit allerdings skeptisch gegenüber. Denkst du nicht, dass sich die hochgeistigen Ideale oft an kleingeistigem Geplänkel aufreiben?

BELMONTE:
Kleingeistiges Geplänkel ist doch aber manchmal das Salz in der Suppe, wenn man über die zahlreichen Künstlergruppen der letzten beiden Jahrhunderte liest. Findest Du nicht? Und tatsächlich hatten die meisten Künstlergruppen keinen dauernden Bestand. Irgendwann ist die gegenseitige Inspiration ausgeatmet und es werden wieder die eigenen Wege beschritten. Das spricht meiner Ansicht nach noch nicht gegen die Künstlergruppe an sich.

Ich würde aber gerne noch auf den Begriff der Kolonie zu sprechen kommen. Kolonisation ist Landnahme, ein Suchen-Finden, ein Dort-gehen-wir-hin (mit Betonung auf jedem einzelnen Wort). Wahrscheinlich steckt darin aber schon die Paradoxie, wenn man das Urbarmachen der Kolonisation auf den Ausdruckswillen der Kunst anwendet. Wir suchen das unbebaute Land, den Ursprung, und machen es urbar, formen es aus. Wenn diese Ausformung aber geschehen ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Gruppe sich wieder trennt – nach Jahren oder womöglich bereits nach einem Wochenende.

VALENTINO:
Aus Sicht zum Beispiel der Künstlerkolonie Worpswede oder der Schule von Barbizon kann ich – im Kontext ihrer Zeit – durchaus nachvollziehen, warum die Künstler in die Landschaft gingen. Bei den Künstlern aus Worpswede war es ja vor allem der Widerwille gegen eine verstaubt anmutende Akademie-Malschule. Das Bedürfnis, der Natur wieder näher zu kommen, ist wohl heute kaum geringer als damals. Unbebaut und unbevölkert war das Land allerdings auch damals schon nicht. Und so ergab sich eben auch das Problem der Parallelwelt: Die Einheimischen konnten einfach nicht nachvollziehen, was die Maler dort treiben, was sie bewegt.

BELMONTE:
Das betrachte ich nicht als Problem. Wer mit Kunst oder Literatur nichts anfangen kann, soll es bleiben lassen oder es später nochmal versuchen. Ich stoße mich indes ein wenig an dem Begriff der Parallelwelt, bei dem ein bisschen der naheliegende Begriff der Parallelgesellschaft anklingt. Künstler schaffen aus meiner Sicht keine Parallelwelten sondern Welten. Problematisch wird es dann, wenn diese neuen Welten andere bereits bestehende Welten zerstören. Der Kolonialismus ist ja in weiten Teilen genau so vorgegangen. Etwas Ähnliches kann ich allerdings bei den Worpsweder Künstlern nicht erkennen. Deine Frage „Wie sollen die Menschen nachvollziehen, was die Künstler bewegt?“ ist sicherlich aus vielen Lebenssituationen nachvollziehbar. Aber ist das tatsächlich relevant? Wer nachvollziehen will, kann nachvollziehen. Und was geht es den Künstler an, der aus seinem Ausdruckswillen heraus lebt. Viel wichtiger ist, dass dieser Ausdruckswille nicht von außen, durch welche Ideologie auch immer, gelenkt wird und eben die Welt schaffen kann, die er will.

(Fortsetzung …)

(c) valentino und belmonte 2014

Bei den drei Tannen

16. September 2014 § Ein Kommentar

Bei den drei Tannen

Aquarell: Valentino

Gaimans Höhlenwahrheit prächtig illustriert – Neil Gaiman: The Truth Is a Cave in the Black Mountains (Rezension)

13. September 2014 § 2 Kommentare

belmonte

Vor Kurzem ist bei William Morrow, einem Imprint von Harper Collins, ein sehr schöner englischsprachiger Bildband zu Neil Gaimans Kurzgeschichte The Truth Is a Cave in the Black Mountains erschienen. Es handelt sich um ein Spin-off aus dem von Gaiman mitherausgegebenen Kurzgeschichtenband Stories: All New Tales von 2010.

Neil Gaiman: The Truth Is a Cave in the Black Mountains

Neil Gaiman: The Truth Is a Cave in the Black Mountains

In der Geschichte erzählt ein Zwerg, wie er zusammen mit dem wölfischen Calum MacInnes zur Nebelinsel aufbricht, um dort in einer Berghöhle einen legendären Goldschatz zu bergen. Sie essen ihr Porridge am Feuer, der Zwerg lässt sich von einer alten Frau aus der Hand lesen, schließlich setzt ein Fährmann sie zur Insel über. Zwischendurch bringen sie einander fast um, so groß ist ihr gegenseitiges Misstrauen. Was die beiden am Ziel ihrer Reise finden, wird hier natürlich nicht verraten.

Die Geschichte ist wunderschön erzählt und von Eddie Campbell prächtig illustriert. Worum handelt es sich aber bei dem Buch? Um eine Graphic Novel? Einen Bildband? Eine Bildergeschichte oder etwa ein Bilderbuch? Wahrscheinlich ein bisschen von allem. Selbst Comiczeichnungen finden sich hier und dort. Nicht von ungefähr lautet der Untertitel des Buches A Tale of Travel and Darkness with Pictures of All Kinds.

In meiner Rezension zu Gaimans Roman American Gods, den ich nicht so eindrucksvoll fand, habe ich angedeutet, dass ich Gaiman nicht als großen Romancier schätze sondern als einen „wundervollen Erzähler von Short Stories, die sich auf ebenso wunderbare Weise in Comics umsetzen lassen“. Seine Geschichte The Truth Is a Cave in the Black Mountains ist hierzu der beste Beleg. Die Erzählung ist schnell, dunkel, wenig vorhersehbar, atmosphärisch, spannend, wunderlich, phantastisch.

Episch anmutende Illustrationen neben Comiczeichnungen

Episch anmutende Illustrationen neben Comiczeichnungen

Nicht weniger herrlich sind die Bilder: Teils konturierte Comiczeichnungen, teils ganzseitige, episch anmutende Illustrationen, teils düster andeutende Abbildungen (siehe Coverabbildung). Campbells Bilder sind nicht nur Beigabe sondern integraler Bestandteil des Bandes, schon allein deswegen, weil der Text an vielen Stellen in die Zeichnungen eingearbeitet ist.

Das ganze Buch ist graphisch sehr schön aufgemacht, geschmackvoll gebunden, ein wenig wie ein altes englisches Kinderbuch. Hoffentlich wird es in ähnlich schöner Gestaltung auch auf Deutsch erscheinen. Gaimans Englisch ist in dieser Erzählung allerdings auch für weniger geübte Englischleser durchaus lesbar.

Neil Gaiman: The Truth Is a Cave in the Black Mountains: A Tale of Travel and Darkness with Pictures of All Kinds, William Morrow, New York 2014, 74 S.

Link zum Datensatz in WorldCat

(c) belmonte 2014

Die Bergstraße

9. September 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Bergstraße

Aquarell: Valentino

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | achte kanzone | 1-3

6. September 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

achte kanzone

1

schaut mein auge zu dir empor
schau mich an gab es nichts davor
senk den blick halte dir nicht stand
hieltest du mich in deiner hand
        in meiner hand
        in deiner hand

2

wann es scheint dreh ich mich um dich
scheint es wann drehst du dich um mich
steh ich da bist du um mir drum
stehst du still dreh um dich herum
        um mich herum
        um dich herum

3

dich nicht anschauen fällt mir schwer
deiner nähe bin ich so sehr
nur zu denken dich nicht zu sehn
wo du warst bist du wunderschön
        so wunderschöne
        wunderschön

(c) belmonte 2014

Der Text kann zu den Takten 166 bis 176 aus dem 2. Satz der 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven gesungen werden.

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