Norbert Sternmut: Matrix – Literaturen verbinden

26. Juli 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Norbert Sternmut: Matrix - Literaturen verbinden

“Matrix – Literaturen verbinden”, Norbert Sternmut, 2014, Acryl auf Leinwand, 2×1 m

ORTE KRIEGEN NASSE FÜSSE | TEIL 8 VON 24

22. Juli 2014 § 4 Kommentare

valentino

Zeichnung: Aurelio, 20 Jahre

Zeichnung: Aurelio, 20 Jahre

IM DURCHSCHNITT STIRBT EIN MIGRANT PRO UND OHNE ARBEIT ZU FINDEN MUSST DU STIEG VOR DER OPERATION GATEKEEPER GAB ICH HABE ES VERSUCHT UND SIE PACKTEN KOJOTEN ERHÖHTEN DIE PREISE FÜR DIE DER KONTROLLPOSTEN WEITER VOR DER AUCH VERURSACHTE DIE OPERATION SCHICKTEN SIE MICH WIEDER ZURÜCK NACH GRENZE DASS DIE MIGRATIONSSTRÖME DIE IM HAUS FÜR DIE MIGRANTEN UND JETZT RICHTUNG VERÄNDERT HABEN EINE WIRTSCHAFT ICH WEISS NICHTS ABER MEIN TRAUM IST EINE WESENTLICHE VERÄNDERUNG SIE ZU VERDIENEN HIER IN MEXIKO VERDIENT RESTAURANTS HOTELS DAS HEISST DIE GESAMTE SEITE ZU GEHEN ZU ARBEITEN UM ZU ABHÄNGIG IST BEVOR SIE IN DIE USA ZU SEIN MEIN HAUS BAUEN UND ABNAHME DER ZAHL VON MIGRANTEN AUF NUN ICH KENNE ES NICHT ALSO WIE DAS AUSMASS DER KORRUPTION DER MEXIKANISCHEN BEHÖRDEN HUNDERT PROZENT DIALEKT SPRECHEN UND DEN BEHÖRDEN GELD GEBEN DAMIT SIE IHRE ICH AUFWUCHS SPANISCH WAR ETWAS DAS ZWISCHEN NEUN UND ZWANZIG EINUNDZWANZIG LEUTE DIE SPANISCH SPRACHEN WAREN JUGENDLICHER ZUM BEISPIEL DEMJENIGEN KAMEN ODER DIE EIN ZIEMLICH HOHES EINEM ZIMMER DAS ICH GEMIETET HATTE SEHR SELTEN WIR SPRECHEN ETWA VON FÜNF VEREINIGTEN STAATEN AUFZUBRECHEN SIE PROZENT SPRACH MIXTEKISCH DAMALS WERDEN IN DIE VEREINIGTEN STAATEN WEISS NICHT OB DU DIE KINDER GESEHEN ZWISCHEN DEN VEREINIGTEN STAATEN UND ICH WEISS NICHT OB DU SIE GESEHEN HAST EINIGEN BÄUMEN ICH BEZAHLTE DEN JUNGEN ALSO STELL DIR VOR SO WAR ICH PRAKTISCH EINZELNEN MANCHMAL ACHT KOMMT DARAUF AUCH DIE KLEIDUNG NORMALERWEISE WAR DAS WAS UM SIE MIT DEM LASTWAGEN ICH SANDALEN ZU TRAGEN MIT ACHT ODER DEN FAHRER DER AM STEUER SASS AUCH DER REGEL GEFIEL ES MEINEM VATER NICHT SECHSHUNDERT DOLLAR FÜR DIE FAHRT VON SAN WIR WAREN ES NICHT GEWOHNT SIE ZU

(c) valentino 2014

wann ich dich im lichte sah (Kontrafaktur “De moi doleros vos chant”)

19. Juli 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Kontrafaktur auf
Gillebert de Berneville
De moi doleros vos chant

(c) belmonte 2014

ORTE KRIEGEN NASSE FÜSSE | TEIL 7 VON 24

15. Juli 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Calle Galileo, Colonia Postal, Tijuana

Calle Galileo, Colonia Postal, Tijuana / Foto: Valentino

ES WAR DAS ERSTE MAL UND ES IST SEHR HART TAG AN DER GRENZE DIE ZAHL DER TOTEN AUF DER STRASSE SCHLAFEN WO AUCH IMMER ES DIESE ES GAB DIESE ZAHL NICHT DIE MICH BEI DER ANKUNFT IN SAN CLEMENTE ÜBERQUERUNG IN DIE VEREINIGTEN STAATEN GRENZE HINTER SAN DIEGO UND VON DA GATEKEEPER ODER ANDERE OPERATIONEN AN DER TIJUANA UND DANN HIER LIESSEN SIE MICH VON SÜDEN NACH NORDEN KOMMEN DIE ARBEITE ICH UM NOCH EINMAL ZU ÜBERQUEREN DIE AUF SIE ANGEWIESEN IST ERFUHR ES DIE ANDERE SEITE ZU ERREICHEN DOLLARS BEVORZUGTEN FLUGLINIEN TRANSPORTLINIEN MAN NICHT VIEL ICH DENKE AUF DIE ANDERE WIRTSCHAFT DIE VON DEN MIGRANTEN SENDEN IN MEXIKO IN MEINER FAMILIE ÜBERQUEREN DIESE WIRTSCHAFT STEHT EINER MEINER FAMILIE HELFEN JA ABER NEIN IHREN TRADITIONELLEN ROUTEN GEGENÜBER ÜBERQUEREN SEHR SCHWIERIG ICH KOMME AUFGEHÖRT ES GIBT EINE UNGEHEUERLICHE MIXTEPEC ES IST EIN DORF IN DEM SIE ZU DIE VON KOJOTEN BESTOCHEN SIND DIE SIE SPRECHEN KAUM SPANISCH DAMALS ALS ARBEIT SCHÜTZEN ICH HATTE HELFER DIE ES WAR EINE NEUHEIT DAS HEISST JAHREN ALT WAREN EINE GRUPPE MENSCHEN DIE WIRKLICH VON ANDERSWO
Torre Agua Caliente, Tijuana

Torre Agua Caliente, Tijuana / Foto: Valentino

DER SIE MIR AUS MEINEM HAUS ODER BILDUNGSNIVEAU HATTEN ES WAR EBEN UM SIE ZU VERSAMMELN UM IN DIE PROZENT DER BEVÖLKERUNG SO UND HUNDERT BRACHTEN SIE VON HIER TIJUANA WIR IN DIESER ZEIT STELL DIR EIN KIND VOR ICH GEHEN DIE DIE LINIE IST DER VORHANG HAST DIE HIER AM GRENZÜBERGANG ARBEITEN MEXIKO WIR VERSTECKTEN UNS ZWISCHEN SIE WASCHEN DIE WINDSCHUTZSCHEIBE BEZAHLTE JEWEILS FÜNF UND ZEHN DOLLAR WAREN BARFUSS SO ZUM BEISPIEL BEGANN DORTHIN ZU BRINGEN DANN NAHM ICH NEUN JAHREN SO LIEFEN WIR BARFUSS UND IN IHM ZAHLTE ICH ETWA FÜNFHUNDERT SANDALEN ZU KAUFEN WEIL WIR SIE VERLOREN DIEGO NACH LOS ANGELES BENUTZEN

(c) valentino 2014

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | achter gesang | 213 bis 216

12. Juli 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

achter gesang

213 ist das also noch eine andere wendung
meiner kehre hörte ich heidegger fragen
und kann sich im dasein doch ein handle so
ereignen käme mein denken zur vollendung

214 ist das der schlussstein den sie herauf getragen
haben buber antwortete so weit oben
erst versöhnen sich individualismus
und kollektivismus die brücke zu schlagen

215 vom ich zum du den nächsten zum ich erhoben
und im anderen sich selbst als du zu wissen
das ist das handle so den nächsten als ich
auszuzeichnen anstatt sich selber zu loben

216 kein ich ist je ohne du so wird der riss
geschlossen im spiegel des ewigen lichtes
hast du deshalb zum ewigen du gesprochen
weil dir vom ewigen schon ein du gewiss

(c) belmonte 2014

Kostenloses eBook im PDF-Format oder EPUB-Format

Freiheit durch Gefangenschaft – Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne (Rezension)

8. Juli 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Fjodor Dostojewski Schuld und Sühne

Fjodor Dostojewski Schuld und Sühne

Rodion Raskolnikow (im Folgenden Rodja genannt) mordet als fatalistischer Fanatiker. In einem von ihm verfassten Aufsatz vertritt er die These, gewöhnliche seien von außergewöhnlichen Menschen zu unterscheiden – letztgenannte dürften das Gesetz übertreten. Demzufolge ist für ihn Mord ein notwendiger und entschuldbarer Schritt zum Erreichen eines höheren Ziels. Die bedrückenden Lebensumstände haben seine Ansicht gefestigt. Erst nach der Tat plagen ihn sein Gewissen und die Angst, überführt zu werden, beides stellt seine Seele vor eine Zerreißprobe. Rodja sieht sein Scheitern ein – durch die Tat hat er sich von der Gesellschaft abgeschnitten, was sich in einem physischen Widerwillen gegen die Welt äußert. Erst durch sein Geständnis kann er sich vom ideologischen Täter zu einem Menschen wandeln, der die Welt in ihrer Vielfalt anerkennt. Dabei rettet ihn seine Zuneigung zur gläubigen Sonja.
Dostojewski blickt tief in die Abgründe der Seele eines Mörders und entfaltet ihre Spaltung vor dem Hintergrund der Sankt Petersburger Gesellschaft der 1860er-Jahre in einem über weite Strecken in Gesprächsform verfassten polyphonen Roman.

Hauptfigur des fesselnden Dramas ist der 23-jährige ehemalige Jurastudent Rodja, der bei seiner Vermieterin verschuldet ist. In das kleine verwahrloste Zimmer eines Sankt Petersburger Hauses passen gerade einmal einige Stühle, ein Tisch und ein Diwan. Es ist der Sommer des Jahres 1865. Rodja denkt über ein bisher unbekanntes Vorhaben nach. Er besucht die alte Pfandleiherin Aljona Iwanowna, um bei ihr eine alte Uhr zu verpfänden.

Entgegen seiner Gewohnheit, nach der er Menschen meidet und sich möglichst unauffällig verhält, besucht Rodja ein Wirtshaus und wird in ein Gespräch mit Marmeladow, einem ehemaligen Beamten, hineingezogen. Nachdem dieser ihm sein Leid geklagt hat, bringt Rodja ihn nach Hause zu Marmeladows Frau Katerina und ihren drei Kindern. Seine 14-jährige Tochter Sonja wohnt beim Schneider Kapernaumow und prostituiert sich aus familiärer Geldnot.

Rodjas Schwester Dunja arbeitet als Erzieherin auf einem Landgut. Der Gutsbesitzer Swidrigailow ist eine schillernde Figur, um die sich einige Gerüchte ranken. Dunja will eine Vernunftehe mit dem Advokaten Lushin eingehen, wie Rodja aus einem Brief der Mutter erfährt. Der Brief wühlt ihn auf, weil er gegen die Ehe ist – sie stellt aus seiner Sicht ein Opfer der Schwester für ihn dar. Die Lektüre bestärkt ihn in seinem Plan des Raubmordes an Aljona Iwanowna, um sich wirtschaftlich unabhängig zu machen. Aus Rodjas Sicht schicksalhafte Ereignisse begünstigen seine Tat und beseitigen letzte Zweifel, diese auch wirklich durchführen zu können: Er ermordet die Pfandleiherin und ihre geistig zurückgebliebene Schwester, die früher als erwartet in die gemeinsame Wohnung zurückkehrt.

Nach der Tat fällt Rodja in ein mehrtägiges fiebriges Delirium. In dieser Zeit versucht er, seine Gedanken zu ordnen und Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Sein Kommilitone Rasumichin (Rodjas Pendant, weil er überlegter handelt und weltgewandter ist als dieser) kümmert sich um ihn im Glauben, Rodja sei krank. Halbwahnsinniges Fantasieren wechselt sich ab mit ziellosem Umherstreunen in den Gassen. Der Arzt Sossimow diagnostiziert eine Zwangsidee als Ursache für Rodjas rätselhaftes Verhalten.

Auf einem seiner Streifzüge durch die Stadt landet Rodja im Restaurant „Kristallpalast“. Dort begegnet er Samjotow, dem Schriftführer aus dem Polizeibüro (in das Rodja bereits vorgeladen worden war, weil er einen Schuldschein nicht beglichen hat). Er fühlt sich des Mordes verdächtigt. Um diese Verdächtigung zu zerstreuen, bringt er sich im Gespräch mit Samjotow selbst als möglichen Täter ins Spiel. Die zunehmende Verwirrung lässt bei ihm den Gedanken an ein Geständnis aufkeimen, der mit der Zeit immer stärker wird. Doch vorerst passiert Unerwartetes: Marmeladow wird von einer Kutsche überfahren, Rodja kümmert sich um dessen Familie. Seine Apathie weicht Zuversicht, bis Mutter und Schwester ihn nach drei Jahren der Trennung besuchen, woraufhin er zunächst in Ohnmacht und dann wieder ins Delirium fällt.

Später tauchen auch Lushin und Swidrigailow (mit jeweils unterschiedlichen Zielen) in Sankt Petersburg auf. Es entspinnt sich ein vielschichtiges Netz aus Beziehungen und Gesprächen, das die Charaktere der Protagonisten mehr und mehr verdichtet, bis schließlich ihre wahren Gesichter zum Vorschein treten. Die Handlung spitzt sich zu und erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt auf Marmeladows Begräbnisfeier – nicht der letzte in Dostojewskis meisterhaftem Drama. Unvergleichlich: Rodjas Verhör durch Untersuchungsführer Porfirij.

Episodenhaft wechseln sowohl die Schauplätze – Rodjas Zimmer, der Heumarkt, das möblierte Zimmer, das Dunja und Rodjas Mutter bewohnen, einige Lokale, Sankt Petersburgs drückend heiße, staubige Straßen und die Inseln der Newa – als auch die Perspektiven: In den Figuren spiegeln sich unterschiedliche Weltanschauungen wider, die sich nicht zuletzt auf ihre Lebensverhältnisse zurückführen lassen und über die auch einige von ihnen verfasste, in die Erzählung eingeflochtene Briefe Auskunft geben. Dostojewski fängt die Stimmungen der Protagonisten feinkörnig ein und beschreibt darüber hinaus präzise, wie unterschiedlich die Figuren wiederum die Stimmungen der anderen wahrnehmen. Mehrere aufeinanderfolgende Begegnungen mit unterschiedlichen Figurenkonstellationen (die allerdings manchmal etwas konstruiert wirken) sind dermaßen tragikomisch, dass man zugleich weinen als auch lachen kann.

„Schuld und Sühne“ ist das erste Buch, das ich von Dostojewski gelesen habe, und meine erste größere Lektüre seit Marcel Proust vor fünf Jahren (natürlich mit Ausnahme der Traven-Romane). Gefallen hat mir, dass sich Rodja zwar zur Religion hinwendet, die für ihn eine Hilfestellung zur Lösung seiner seelischen Probleme darstellt, aber dieser Aspekt nach meiner Ansicht nicht so sehr im Vordergrund steht (jedenfalls nicht so wie ich vermutet hatte, denn Dostojewski hat sich selbst in der Gefangenschaft mit dem Evangelium des Neuen Testaments auseinandergesetzt, nachdem er zuvor Anhänger atheistischer, sozialrevolutionärer Ideen gewesen war und aufgrund der Mitgliedschaft in einem solchen Kreis gefangen genommen wurde). Alles andere hätte ich problematisch gefunden, denn so wie zum Beispiel ein Mensch von einer Ideologie überzeugt einen anders denkenden Menschen tötet, tut er dies doch auch im Namen eines religiösen Fanatismus (auch wenn Dostojewski Religion nicht ideologisch verstanden wissen wollte). Ich bin gespannt, wie es mit Dostojewski weitergeht – als nächstes steht „Die Brüder Karamasow“ auf dem Plan.

Noch ein Wort zu Dostojewskis Verwendung der russischen Namen: Dostojewski nennt ein und dieselbe Figur beliebig mit ihrem Vor-, Spitz-, oder Nachnamen. Wer sich davon nicht verwirren lassen will, schaue in den Anhang, dort befindet sich ein Namensverzeichnis.

Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne, Piper Verlag, München 2008, 776 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) valentino 2014

“Die staatliche Massenüberwachung ist daher von Natur aus repressiv.” – Glenn Greenwald: Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen (Rezension)

5. Juli 2014 § 9 Kommentare

belmonte

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung

Ein Jahr nach den ersten Veröffentlichungen der NSA-Dokumente Edward Snowdens ist nun der ausführliche Bericht Glenn Greenwalds erschienen. Der US-Publizist Greenwald war neben der Dokumentarfilmregisseurin Laura Poitras Snowdens wichtigste Kontaktperson in dessen Zufluchtsort in Hongkong.

Das Buch ist eine rasante, ebenso flüssig wie unheimlich zu lesende journalistische Aufbereitung der vergangenen zwölf Monate Aufklärung in der NSA-Affäre.

Die ersten beiden Kapitel über die Kontaktaufnahme Edward Snowdens mit Greenwald und ihre Zeit in Hongkong lesen sich wie ein ausgemachter Spionagethriller. Das dritte Kapitel beschreibt sehr detailliert die einzelnen Überwachungsprogramme des amerikanischen Geheimdienstes NSA und seiner britischer Schwester GCHQ. Vor allem die Systeme PRISM, Boundless Informant und XKeyscore werden ausführlich dokumentiert. Das Kapitel ist lang und anstrengend, enthält aber alle wesentlichen Fakten der Überwachung und klärt auch das vermeintlich harmlose Sammeln von Kommunikationsmetadaten auf:

„Zu den Metadaten von E-Mails beispielsweise gehören Absender und Empfänger, das Datum der Sendung und der Aufenthaltsort des Absenders. Bei Telefongesprächen gehören zu diesen Informationen die Telefonnummern des Anrufers und des Angerufenen, die Dauer des Gesprächs …“ (192).

Die amerikanische Regierung beschwichtigt, das „verletze nicht oder zumindest weniger die Privatsphäre als das Abfangen von Inhalten.“ (ebd.) Um das zu widerlegen, zitiert Greenwald den Informatik-Professor Edward Felten von der Universität Princeton, der erklärt, „warum gerade die Überwachung der Metadaten so viel über uns verrate: ‚Stellen wir uns einmal Folgendes vor: Eine junge Frau ruft ihren Gynäkologen an, gleich darauf ihre Mutter, dann einen Mann, mit dem sie während der vergangenen Monate häufiger nach 23 Uhr telefoniert hat; als Nächstes eine Familienberatung, die auch Abtreibungen durchführt. Daraus lässt sich eine schlüssige Geschichte herleiten, die sich so deutlich aus dem Abhören eines einzelnen Telefonats nicht ergeben würde.’“ (193)

Wohlgemerkt: Die Programme PRISM und XKeyscore gehen noch weit über die Metadatensammlung hinaus – sie betreiben Live-Überwachung.

Beim Lesen dieser Seiten entscheide ich mich endgültig, meine E-Mails fortan zu verschlüsseln.

Das vierte Kapitel erörtert die gesellschaftlichen Folgen der Überwachung. Greenwald geht es darin um die Privatsphäre als zentralem Kernbereich menschlicher Freiheit. Er räumt mit der weit verbreiteten Ignoranz der Bespitzelten auf, die meinen, sie hätten ja nichts zu verbergen. Das gerade Gegenteil sei der Fall. Wer möchte schon, dass seine Passwörter eingesehen werden? Es geht aber noch viel tiefer:

„Erstens verändern Menschen ihr Verhalten radikal, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. Sie werden alles daransetzen, zu tun, was von ihnen erwartet wird (…). Das Spektrum der Möglichkeiten, die Menschen in Erwägung ziehen, wenn sie glauben, von andere beobachtet zu werden, ist somit weitaus kleiner als in einem gesicherten Privatbereich. Die Verweigerung der Privatsphäre bedeutet somit, dass die Wahlfreiheit des Menschen eingeschränkt wird.“ (247)

An dieser Stelle wird auch der eigentliche Zweck der Überwachung erkennbar. Weit davon entfernt, ein Mehr an Sicherheit zu bewirken, hat die Überwachung vielmehr repressiven Charakter: „Die staatliche Massenüberwachung ist daher von Natur aus repressiv (…). Ganz egal, zu welchem Zweck die Überwachung durchgeführt oder missbraucht wird – sie setzt der Freiheit natürlicherweise Grenzen.“ (249)

Vor diesem Hintergrund zitiert Greenwald Michel Foucault, der in seinem Werk „Die Wahrheit und die juristischen Formen“ das Überwachungssystem des Panoptikums erläutert, einer Überwachungseinrichtung mit einem zentralen Turm, „von dem aus Wächter jeden Raum (…) einzusehen in der Lage waren. Die Insassen hingegen sollten nicht in den Turm hineinblicken können und würden daher nie wissen, ob sie überwacht wurden oder nicht.“ (250) Dazu erklärt Foucault, „die allgegenwärtige Überwachung verleihe den Autoritäten nicht nur Macht und erzwinge Willfährigkeit, sondern führe auch dazu, dass die Einzelnen ihre Aufseher internalisieren: Sie tun instinktiv das, was von ihnen gewünscht wird, ohne auch nur zu merken, dass sie kontrolliert werden.“ (251)

Daran anschließend beschäftigt sich das fünfte Kapitel mit dem jämmerlichen Zustand der US-Medien, die mit dem Einsetzen des Antiterrorkampfes nach den Anschlägen des 11. September 2001 in ihrer Regierungshörigkeit auf ganzer Linie versagt haben. Statt einem von Greenwald so genannten Unternehmensjournalismus seien vielmehr freie und unerschrockene Journalisten nötig, die sich nicht einschüchtern lassen.

Ganz nebenbei demaskiert Greenwald Barack Obama. Dieser wird als Wolf im Schafspelz dargestellt, der vor seiner Amtszeit den Schutz von Whistleblowern und die transparenteste Regierung seit je verheißen hatte, nur um danach noch repressivere Überwachungsprogramme als sogar seine Vorgängerregierung unter Bush zu autorisieren.

Abschließend geht Greenwalds Dank an eine lange Reihe von Whistleblowern, an deren vorläufigem Ende Edward Snowden steht: „Ich war sehr beeindruckt, dass ein ganz normaler 29-Jähriger aus prinzipiellen Erwägungen heraus und zur Verteidigung elementarer Menschenrechte sehenden Auges eine lebenslange Haftstrafe riskiert.“ (364) Bedauerlich nur, dass auch in Europa außer Sympathiebekundungen für Snowden kaum irgendein wirksames Aufbegehren gegen die Massenüberwachung stattfindet.

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen, Droemer Verlag, München 2014, 366 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2014

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